Was ich euch nicht erzählte – Celeste Ng

„Lydia ist tot. Aber das wissen sie noch nicht. Am 3. Mai 1977 um halb sieben Uhr morgens weiß niemand etwas außer der harmlosen Tatsache: Lydia kommt zu spät zum Frühstück.“

(S. 4)

So beginnt der Roman und nimmt einen mit in einen Familienalltag in einer Kleinstadt in Ohio, wo doch eigentlich alles in Ordnung zu sein scheint. Doch mit jeder gelesenen Seite bekommt das Bild dieser vermeintlich glücklichen Familie immer mehr Risse. Es hat beinahe etwas Brutales als Leser über den Wissensvorsprung gegenüber der Familie zu verfügen. Gleichzeitig macht es jedoch auch neugierig und man möchte wissen wie es dazu kam, dass dieses sechzehnjährige Mädchen vermisst wird. Der Junge, der es wohl zuletzt sah, schweigt. Das Mädchen heißt Lydia Lee, entstammt einer amerikanisch-chinesischen Familie: drei Kinder; der Vater Einwanderer der zweiten Generation, Wissenschaftler, Universitätsdozent; die Mutter, Amerikanerin, einst angehende Medizinerin. hat sich für die Familie und gegen den Beruf entschieden. Lydia ist das Lieblingskind ihrer Eltern, ernsthaft, freundlich, verantwortungsbewusst, eine gute Schülerin. Als sie eines Morgens nicht am Frühstückstisch erscheint, weist zunächst nichts hin auf schwelende Konflikte oder gar auf eine Tragödie.

Celeste Ng interessiert jedoch gerade dieses Nichts: das Ungesagte in einer augenscheinlich intakten Familie, das Verborgene, das einen unhörbaren Grundton erzeugt. Die Autorin legt innere Wirklichkeiten frei und entfaltet eine Geschichte, in der es weniger darum geht, was geschehen ist – warum es geschehen ist, das ist die Frage. Dabei springt sie in der Zeit und beleuchtet jedes Familienmitglied einzeln. Es geht um den Vater und seine chinesischen Wurzeln, die ihm in der amerikanischen Gesellschaft eine Außenseiterposition verschaffen, es geht um die Mutter, die unter mangelnder Selbstverwirklichung leidet und um die gemeinsame Familiengeschichte mit allen unausgesprochenen Problematiken und Hoffnungen, die unterschwellig vor sich hingären und in komplizierten Beziehungen zwischen Eltern und Geschwisterkindern auf ungesunde Weise immer mehr hochkochen.

Ein fesselndes, eindringliches und doch ganz unaufgeregt erzähltes Familiendrama, das zeigt, wie Mütter und Töchter, Väter und Söhne, Frauen und Männer immer wieder darum ringen, einander zu verstehen. Und wie häufig sie daran scheitern. Die Autorin schafft es dabei die Charaktere und die Beziehungsstrukturen so fein zu zeichnen, dass sie berührend ineinander greifen ohne in plumpe Klischees abzudriften. So sind die Träume, enttäuschten Erwartungen und verpassten Chancen nachvollziehbar und verweben sich zu dieser emotional bewegenden Geschichte, in der man zwar versucht ist Schuldige zu suchen, letztlich aber doch nur Opfer findet. Mitreißend, bewegend – und empfehlenswert!

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Celeste Ng
Was ich euch nicht erzählte
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Original: Everything I Never Told You
Taschenbuch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-423-14599-2
Preis: 10,90 € [D]
Verlag: dtv
Erschienen: 13.10.2017