Vox – Christina Dalcher

Als die christlich-fundamentalistische Bewegung der „Reinen“ in den USA an die Macht kommt, werden allen Frauen Wortzähler angelegt, die auf die strikte Einhaltung des Tageslimits von 100 Wörtern achten und jede Übertretung mit stärker werden Stromschlägen ahnden. Jean McClellan will diese wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben – das kann nicht passieren. Nicht im 21. Jahrhundert. Nicht in Amerika. Nicht ihr. Noch erschreckender aber ist die sich anbahnende Bedrohung einer Gesellschaft, in der Kinder, wie ihre sechsjährige Tochter, der Sprache beraubt sind.  Schon bald kann Jean ihren Beruf als Wissenschaftlerin nicht länger ausüben, ihrer Tochter Sonia wird in der Schule nicht länger Lesen und Schreiben beigebracht. Sie und alle Mädchen und Frauen werden ihres Stimmrechts, ihres Lebensmuts, ihrer Träume beraubt.

„Die Frau hat keinen Anlass, zur Wahl zu gehen, aber sie hat ihren eigenen Bereich, einen mit erstaunlicher Verantwortung und Wichtigkeit. Sie ist die gottgewollte Bewahrerin des Heims … Sie sollte voll und ganz erkennen, dass ihre Stellung als Ehefrau, Mutter und Engel des Heims die heiligste, verantwortungsvollste und königlichste ist, die Sterblichen zuteil werden kann; und sie sollte alle Ambitionen nach Höherem abweisen, da es für Sterbliche nichts Höheres gibt.“ (S. 70)

Doch als der Bruder des Präsidenten an der Wernicke-Aphasie, einer Sprachstörung, bei der der Erkrankte nur noch Buchstabensalat von sich geben kann, ohne die Bedeutung der Worte zu erkennen, erkrankt, wird Jean als Neurolinguistin und Spezialistin auf diesem Fachgebiet dringend benötigt.

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Da ich erst vor einigen Monaten von Margaret Atwood „Der Report der Magd“ mit Begeisterung gelesen hatte, fühlte ich mich bei diesem Buch gleich daran erinnert, da beide dystopischen Romane sehr nah in der Gegenwart angesiedelt sind und ähnlich radikal von der Unterdrückung der Frau handeln. Bei dieser Thematik gibt es natürlich Überschneidungen und ich hatte zunächst die Sorge, dass es davon zu viele geben könnte. Doch „Vox“ glänzt durch eigene Ideen und wusste mich durch den besonderen Stellenwert, den die Sprache als Kommunikationsmittel in diesem Roman hat, zu überzeugen. Das kommt nicht von ungefähr, da die Autorin Christina Dalcher in Theoretischer Linguistik an der Georgetown University promovierte und ihr dieses Thema besonders am Herzen liegt. Ich folgte ihr gerne bei dieser Geschichte, die einem das Geschenk der Sprache und des Sprechen Dürfens vor Augen führt, das wir so oft als selbstverständlich betrachten.

Die Charaktere dieses Buches sind selten schwarz-weiß, sondern haben Entwicklungspotiential und sind auch für Überraschungen gut. Der Schreibstil ist flüssig und die Geschichte lädt zum immer-weiter-lesen ein – schließlich will man auch wissen, wie es weiter geht und ob die Protagonisten von der politischen Führung und im speziellen die Frauen aus dieser mehr als misslichen Lage befreit werden können. Interessante Denkansätze und Entwicklungen sind dabei, denen allerdings letztlich doch etwas Tiefgang fehlt. Ich hatte den Eindruck, dass hier zu sehr in die „Thriller-Kiste“ gegriffen wurde, um künstlich noch etwas mehr Spannung zu erzeugen und die Geschichte voranzutreiben. Das Ende kam dann doch recht plötzlich und ließ mich ein wenig unbefriedigt zurück. Hier hätte es meines Erachtens noch einige Seiten, beziehungsweise beschriebene Monate oder Jahre gebraucht, um die Geschichte stimmig aufzulösen. So bleibt dann am Ende von einem Buch, das ich gern las und das mir unterhaltsame, wie auch nachdenkliche Lesestunden bescherte, leider ein doch etwas fahler Nachgeschmack zurück.

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Christina Dalcher
Vox
Roman
Originalsprache: Englisch
Übersetzt von: Marion Balkenhol, Susanne Aeckerle
Gebunden mit Schutzumschlag, 400 Seiten,
ISBN: 978-3-10-397407-2
Preis: € (D) 20,00 | € (A) 20,60
Verlag: S. FISCHER
Erschienen:  15.08.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Nicht direkt perfekt – Nicole Jäger

Als ich vor einigen Jahren einen Bericht über Nicole Jäger im Fernsehen sah, war ich sofort begeistert von der Frau, die mit einem Gewicht von 340 Kilogramm beschloss ihr Leben zu ändern, sich intensiv mit den Themen Ernährung, Körper und Psyche auseinandersetzte, ihr Gewicht halbierte und Ernährungsberaterin wurde. Über ihre Erfahrungen schreibt sie in dem Buch „Die Fettlöserin“, das 2016 erschien. Ich mochte das Buch, den Humor und die Offenheit, mit der Nicole Jäger die Probleme der Übergewichtigen benennt und oftmals dafür sorgt, dass man sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge wiedererkennt oder auch nur nachfühlen kann, was sie meint. Ihr Bühnenprogramm „Ich darf das, ich bin selber dick“ orientierte sich thematisch am Buch und war ihr Wegbereiter als Comedian. Die Ausschnitte, die ich davon sah, fand ich ebenfalls sehr ansprechend und doch konnte ich mich nicht so recht dazu entschließen Ende 2017 ihr frisch erschienenes Buch „Nicht direkt perfekt“ zu lesen. Ich befürchtete, sie könnte zu sehr auf ausgetretenen Pfaden wandeln und vergaß erstmal das neue Buch.

Kürzlich entdeckte ich bei YouTube Nico die Webtalkshow und sah mir beim Durchstöbern des Kanals auch ein Interview mit Nicole Jäger an. Darin sind Ausschnitte aus dem Bühnenprogramm „Nicht direkt perfekt“ zu sehen, es wird über das Buch gesprochen und es war die Rede davon, dass die Autorin das Buch auch selbst als Hörbuch eingesprochen hat. Das ließ mich hellhörig werden und ich lud mir gleich das ungekürzte Hörbuch herunter, das über eine Gesamtdauer von 6 Stunden und 35 Minuten verfügt und von dem der Klappentext verrät:

„Dies ist ein Buch über alle Facetten der Weiblichkeit: Die schönen, weniger schönen und manchmal auch absurden. Ein Buch über Beziehungen, Sex, Sieben-Achtel-Hosen, Body Shaming, Besuche beim Frauenarzt, Diät-Shakes, Dating-Plattformen, das eigene Spiegelbild – und über das permanente Gefühl, nicht perfekt zu sein. Nicole Jäger findet: Jede Frau ist mehr als eine Zahl auf einer Waage und hat ein Recht auf ein gutes Körpergefühl, auf Weiblichkeit und darauf, verdammt glücklich zu sein – und auf all die Katastrophen, die ihr auf dem Weg dahin passieren. Ein Blick auf Weiblichkeit aus der Sicht einer dicken Frau – witzig, unverblümt und schonungslos ehrlich.“

23_Nicht direkt perfektAnfangs wirkte das Eingesprochene von Nicole Jäger noch ein wenig hölzern, aber nach und nach läuft sie beim Vortragen zur Höchstform auf und man kann sich die Autorin oder in dem Fall vielleicht doch eher die Comedian lebhaft auf der Bühne vorstellen. Bei vielem trifft sie den Nagel auf den Kopf und man fühlt sich (als inzwischen übergewichtige und lange Zeit normalgewichtige) Frau in seiner eigenen Unlogik ertappt. Gelegentlich erwischte ich mich bei Nicole Jägers allzu großer Offenheit und ungeschönter Ausdrucksweise dabei, wie ich leicht entrüstet dachte „…das hat sie doch jetzt nicht wirklich gesagt, oder…?“ Aber das verzeiht man ihr, weil sie zwar den Finger in die Wunde legt, aber auch beinahe flehentlich dafür wirbt, die Fehler in der eigenen Denkweise zu erkennen, sich selbst zu lieben und ein gesundes Selbstvertrauen zu entwickeln. Das wurde mir fast ein wenig zu viel, so dass ich dazu über ging, nur noch ein Kapitel am Tag anzuhören. Diese tägliche Dosis war jedoch gut zu ertragen und tat sogar meinem Selbstbewusstsein gut.

Nicole Jäger nähert sich der nicht direkt perfekten Weiblichkeit unter anderem mit Kapiteln, deren Namen für sich sprechen: Ode ans Spiegelbild; Deine Bodylotion lügt; Hör auf damit, dich selbst zu sabotieren; Geile Frauen bluten nicht; Die Regel der «Regel»; Ich liebe Dich, Du Wichser!; Sex während der Periode; Die «Andere Frauen»-Regel; Ich trage heute meinen schönsten Sack; Dicke sind immer so dankbar; Penis-Memory; Übergewicht ist wie Anpinkeln, nur ekliger; Die emotionale Bettkante; Licht an; Das böse Wort mit F – Emanzipation, Feminismus; Wenn ich ehrlich zu dir wäre.

Das erste Kapitel trägt den Namen „Was ich gern mit Anfang 20 über das Leben gewusst
hätte“ und genau so ging es mir mit diesem Hörbuch auch. Einiges habe ich in meinen 50 Lebensjahren inzwischen durchlaufen, tatsächlich auch abgehakt und gelernt, so dass ich von Nicole Jäger nur sehr wenig Neues erfahren konnte. Der Lerneffekt wäre unter Umständen mit Anfang 20 für mich persönlich höher gewesen. Aber nichtsdestotrotz war dieses Hörbuch sehr unterhaltsam, stellenweise berührend und nahe gehend. Ich mag Nicole Jägers Mischung aus brachialer Ausdrucksweise und witzigen Vergleichen und auf der anderen Seite scharfen Beobachtungen und einfühlsamen ehrlichen Schilderungen. Wem so etwas auch gefällt, dem kann ich das Hörbuch empfehlen.

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Nicole Jäger
Nicht direkt perfekt
Sprecher: Nicole Jäger
Spieldauer: 6 Std. und 35 Min.
Ungekürztes Hörbuch
Preis: 9,95 EUR
Erscheinungsdatum: 21.12.2017
Anbieter: Audiobuch Verlag OHG