Klara vergessen – Isabelle Autissier

Als ich vor einigen Wochen im WDR bei ‚Hier und heute‘ die Lesetipps mit Mike Altwicker sah, wurde ich auf ein Buch aus dem mare Verlag aufmerksam, das sich interessant anhörte und das man gewinnen konnte. Bücher dieses Verlages habe ich als Besonders in Erinnerung und so versuchte ich mein Glück – und ich hatte Glück. Nicht nur, dass ich schon kurze Zeit später das Buch im Briefkasten hatte, sondern auch, dass es sich dabei um eines dieser Bücher handelt, dessen Erzählkunst einen umgarnt und in die Geschichte hineinzuziehen weiß, so dass man es nicht mehr aus der Hand legen mag. Es handelt sich dabei um „Klara vergessen“ von Isabelle Autissier, einem Generationenroman über drei Schicksale, einen Verrat und die Gefahr des Schweigens, wie der Klappentext verrät.

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Juri ist 46 und kommt nach 23 Jahren zum ersten Mal nach Murmansk zurück, weil sein Vater Rubin im Sterben liegt. Sie hatten seit 23 Jahren keinen Kontakt mehr. Ihr Vater-Sohn-Verhältnis war nie ein leichtes. Doch anstatt sich auszusöhnen liegt Rubin lediglich das Rätsel um Juris Großmutter Klara – eine Wissenschaftlerin zur Zeit Stalins, die vor den Augen des damals vierjährigen Rubin verhaftet wurde – am Herzen. Klaras Verschwinden und eine Jugend voller Entbehrungen haben aus Rubin einen unerbittlichen Fischer und hartherzigen Vater gemacht, der seinen ungeliebten Sohn nun auf dem Sterbebett um Hilfe bittet: Er soll herausfinden, was mit Klara passiert ist. Und schließlich stößt Juri auf eine Wahrheit, die ihm vor Augen führt, wie eng alle drei Schicksale – sein eigenes, Klaras und Rubins – miteinander verknüpft sind.

Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt: Aus der Enkel-Perspektive durch Juri, aus der Kind-Perspektive durch Rubin und aus Klaras Perspektive. Jeder erzählt ein Stückchen mehr von dieser Geschichte, die tief berührend ist und einen in eine Zeit mitnimmt, in der in der Sowjetunion Menschen für Nichtigkeiten angeklagt und zur Zwangsarbeit inhaftiert wurden. Von 1930 bis 1953 waren in den Lagern mindestens 18 Millionen Menschen inhaftiert. Mehr als 2,7 Millionen starben im Lager oder in der Verbannung. In den letzten Lebensjahren Stalins erreichte der Gulag mit rund 2,5 Millionen den Höchststand an Insassen.

„Daraufhin waren in Zentralasien und im sibirischen Tschukotka Bergwerke entstanden, die von den Gulag-Gefangenen betrieben wurden. Wegen der katastrophalen Arbeitsbedingungen und der Radioaktivität betrug die Sterblichkeit nach einem Jahr nahezu hundert Prozent, und die Häftlinge fürchteten sich davor, dorthin abkommandiert zu werden.“ (S. 246)

Dieses Buch schafft es, einen mit wunderschönen Naturbeschreibungen zu umgarnen und beim Lesen eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. Fast schämt man sich beim Lesen für dieses Gefühl, denn gleichzeitig gewährt es einen Einblick in ein grausames Stück russische Geschichte und ein System, in dem die Angst regiert und das seine Anhänger zum Schweigen verdammt oder Tapfere zu Peinigern macht. Die Protagonisten dieses Buches sind zunächst grob und unnahbar, jedoch wird ihr Wesen und ihr Handeln mit Fortschreiten der Geschichte nachvollziehbar, vielleicht auch nur erklärbar, aber nicht unbedingt tolerierbar.

Irritiert hat mich der letzte Teil des Buches, weil sich für mich nicht schlüssig nachvollziehen ließ, woher die Geschichte Klaras kam, denn diese Details konnten Juris Recherchen nicht hergeben. So werden zwar einige der Fragen beantwortet, die sich einem beim Lesen stellen, aber zu einem richtig runden Ende will dieser Roman dennoch nicht gelangen. Doch das kann ich diesem großartig erzählten Buch nicht übel nehmen, denn es ist eines der Bücher, das einen mit Themenhäppchen anfüttert, die Appetit darauf machen, sich mit ihnen etwas intensiver auseinanderzusetzen um Wissenslücken aufzufüllen.

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Isabelle Autissier
Klara vergessen
Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig
Original: Oublier Klara
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 304 Seiten
ISBN: 978-3-86648-627-0
Preis: € (D) 24,00
Verlag: mare Verlag
Erschienen: 04.02.2020