Drei sind ein Dorf – Dina Nayeri

Als ich mich kürzlich hier in der Buchhandlung mit den „Couchgesprächen“ von Mike Altwicker durch den Bücherdschungel führen ließ, genoss ich nicht nur den unterhaltsamen Abend rund ums Buch, sondern wurde auch auf eines aufmerksam, von dem ich gleich wusste, dass ich es lesen würde – ein Buch, dessen Sprache man schmecken und riechen kann und dessen Charaktere einem ans Herz wachsen können, hieß es.

40_Drei sind ein Dorf

Und tatsächlich fühlte ich mich bereits nach den ersten Seiten in einem Buch angekommen, in das man einsinken und sich in eine Geschichte fallen lassen kann, die den Alltag ausblendet. Auf den ersten Blick ein Wohlfühlbuch mit schöner anschaulicher Sprache, die ein wenig in den Iran mitnimmt und mit leisem herzlichen Humor verzaubert, aber auch die Missstände und Problematiken auf eine gefühlvolle menschenbezogene Art anspricht. ‚“Drei sind ein Dorf “ ist ein Appell an die Menschlichkeit – und gleichzeitig ein Roman über die Liebe, über Sehnsucht und Verletzungen, ein kluger, vielschichtiger Roman von einer Autorin, die genau weiß, wovon sie spricht.“ zitiere ich hier Julia Westlake und ich kann ihr nur zustimmen.

Wie die Protagonistin des Buches, wurde die Autorin während der islamischen Revolution im Iran geboren und emigrierte in die USA, wo sie schließlich an einer Eliteuniversität studierte, Karriere machte und später in den Niederlanden lebte. Nilou, die Ich-Erzählerin des Romans,  (es gibt außerdem einen auktorialen Erzähler) gewährt dem Leser nach und nach immer mehr Einblick in ihr Leben und ihrem ganz speziellen und auf besondere Art ausgelebtem Bedürfnis nach Zuflucht. Als sie zufällig Bekanntschaft mit einer Gruppe iranischer Exilanten macht, mit ihnen kocht und den Geschichten aus dem Land ihrer Geburt lauscht, werden immer stärkere Zweifel an ihr selbst und ihrer Art zu leben wach. Und mir als Leserin eröffneten sich gefühlvolle, aber auch tragische Einblicke in die Welt von Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und versuchen woanders Fuß zu fassen. Ein Buch über Entwurzelung und Wurzeln, die ein Leben lang bleiben. Berührend, herzerwärmend und lesenswert!

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Dina Nayeri
Drei sind ein Dorf
Originaltitel: Refuge
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 368 Seiten
ISBN: 978-3-86648-286-9
€ 24,00 [D]
Verlag: mare
Erschienen: 14.08.2018

Ein deutsches Klassenzimmer – Jan Kammann

Jan Kammann (geboren 1971) unterrichtet Englisch und Erdkunde in einer internationalen Vorbereitungsklasse in Hamburg. Er will mehr über die Herkunft seiner Schüler erfahren, die aus Kulturen und Lebenswelten kommen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Im Englischunterricht fordert er seine Klasse 10 d auf, ihm Reiseführer für ihre Heimatländer inklusive einem kleinen Sprachführer zu erstellen. Doch diese sind nicht nur als Übung für den Unterricht gedacht, sondern sie sollen ihm tatsächlich auch beim Kennenlernen von 14 Heimatländern seiner Schüler behilflich sein, die er während seines Sabbatjahrs 2016 bereist.

39_Ein deutsches Klassenzimmer

Er erlebt den Alltag in Kuba, Nicaragua und Kolumbien, Südkorea, China, Russland, im Kosovo, in Albanien, Armenien, Iran und Ghana und erzählt in „Ein deutsches Klassenzimmer“ vom Lehrer sein heute und von der Welt, in der er selbst ein Jahr lang wieder zum Schüler wird. Da er sich teilweise bemüht auch ein wenig von der jeweiligen Landesprache zu lernen, bekommt er ein neues Verständnis von den Sprachproblemen, die seine Schüler in Deutschland zu überwinden haben. Auch lernt er durch die verschiedenen Länder besser die Eigenheiten und die Vergangenheit seiner Schüler zu verstehen.

Glücklicherweise reist er meist unkonventionell und trifft auf seinen Reisen mit vielen interessanten Menschen zusammen. Es macht Freude von diesen Begegnungen zu lesen und auch als Leser bekommt man einen kleinen Einblick in unterschiedliche Lebensweisen und Problematiken in den Ländern. Bei einem Kapitel fühlte ich mich zwar ein wenig wie auf der Schulbank eines trocken unterrichtenden Erdkunde-Lehrers, aber das blieb doch eher die Ausnahme. Schreibstil und Wortwahl sind ansonsten eher locker und unterhaltsam.

Ein ums andere Mal wurde es mir jedoch zu pathetisch, ja sogar unerträglich, wenn der Autor sein Wort direkt an das jeweilige Land „Ach, Iran….“ oder eine Stadt „Oh, Nowosibirsk…“ richtet, weil er sich dieses oder jenes wünscht. Glücklicherweise macht er es nach dem Kapitel über den Iran jedoch nicht mehr allzu häufig, da ich sonst das Buch vermutlich abgebrochen hätte. Auch fand ich teilweise die Vorurteile, die Jan Kammann im Gepäck hatte, erschreckend, war jedoch einigermaßen beruhigt, dass er diese durch seine Reisen abbauen konnte.

Beim Aufklappen des Buches findet man vorne eine skizzierte Weltkarte mit seinen Reisezielen und hinten einige Fotos von den Reiseführern der Schüler. In der Mitte des Buches ist ein 24 Seiten umfassender Bildteil mit zahlreichen Fotografien und Bildbeschreibungen – eine bereichernde Ergänzung des Buches, das einen Einblick in die Vielfalt in manchen deutschen Klassenzimmern gibt und von der Unterschiedlichkeit der Kulturen berichtet, die es kennen zulernen gilt, wenn man sie besser verstehen möchte. Ich denke, Jan Kammann hat sein Sabbatjahr auf die bestmögliche Weise investiert und könnte mir vorstellen, dass dies auch seinen Schülern zugute kommt.

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Jan Kammann
Ein deutsches Klassenzimmer
Klappenbroschur, 304 Seiten
ISBN: 978-3-89029-500-8
€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Verlag: Malik
Erschienen: 04.09.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.