Mit Stauen und Zittern – Amélie Nothomb

Vor einiger Zeit erwarb ich gebraucht einen kleinen Stapel Taschenbücher von Amélie Nothomb. Was ich bisher von ihr las, war kurzweilig, überraschend und auf seine Weise besonders. So etwas erhoffte ich mir auch von „Mit Staunen und Zittern“, das ich mehr oder weniger blind aus diesem kleinen Bücherstapel herausgriff. Ich wurde nicht enttäuscht.

Amélie Nothomb verbrachte als Tochter des belgischen Diplomaten Baron Patrick Nothomb ihre ersten fünf Lebensjahre in Japan. Nach weiteren durch den Beruf des Vaters bedingten langjährigen Aufenthalten in China, New York, Burma und Laos kam sie im Alter von 17 Jahren erstmals nach Europa. Sie studierte Romanistik an der Université Libre de Bruxelles. Nach dem Abschluss kehrte sie nach Tokio zurück und arbeitete in einem Großunternehmen. Die Erfahrungen dieser Zeit dienten ihr später als Grundlage für ihren Roman „Mit Staunen und Zittern“. Für das bereits 1999 erschienene Werk erhielt die Autorin den „Grand Prix du Roman“ der Académie française. Im Jahr 2000 erschien im Diogenes Verlag eine Übersetzung ins Deutsche von Wolfgang Krege. 2003 erfolgte eine Verfilmung des Romans durch den Regisseur Alain Corneau. Die Komödie entstand als französisch-japanische Koproduktion.

In diesem Roman erhält die Europäerin Amélie, die ihre Kindheit in Japan verbracht hat, eine Anstellung in einem großen japanischen Unternehmen. Sie wird jedoch von den ihr zugewiesenen Aufgaben nicht ausgefüllt. Ihr nach japanischen Maßstäben unorthodoxes Verhalten führt, nach einem Intrigenspiel ihrer Vorgesetzten, zu Amélies „Degradierung“ zur Toilettenfrau. Andere Angestellte des Unternehmens solidarisieren sich jedoch mit ihr, und sie lernt, die gegen sie gerichteten Bösartigkeiten mit Humor zu durchbrechen.

Es handelt sich um übles Mobbing, allerdings auf japanische Art, von dem man sich fragt, wie die Protagonistin dies aushält. Aber sie schafft es und gleichzeitig erfährt man von gesellschaftlichen und kulturellen Zwängen sowie firmeninternen Strukturen in denen die Menschen so sehr gefangen sind, dass sie sich kaum herauswinden können. Über einiges stolperte ich bereits in anderen Büchern, so dass mir beim Lesen dessen, was die Autorin hier humorvoll und überspitzt darstellt, das Lachen eher im Halse stecken blieb. Denn genaugenommen sind die Täter in diesem Roman auch nur Opfer und glücklich kann sich schätzen, wer über den Dingen stehen kann, weil er sich von Erfolgsdruck frei machen kann und die Möglichkeit hat, andere Wege zu gehen. Eine bitterböse Japan-Satire, deren autobiographischer Touch beim Lesen unweigerlich die Frage aufwirft, was davon die Autorin tatsächlich erduldet hat.

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Amélie Nothomb
Mit Staunen und Zittern
Original: Stupeur et tremblements
Aus dem Französischen von Wolfgang Krege
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3257233254
Preis: € (D) 11,00
Verlag: Diogenes
Erschienen: 28.06.2002

Wovon wir träumten – Julie Otsuka

Dieses Buch wanderte bereits vor einigen Jahren auf meine Wunschliste und von dort relativ zügig als eBook auf meinem virtuellen Stapel ungelesener Bücher. Und das war es dann erstmal. Als ich es nun kürzlich auf meinen eReader lud, um im Urlaub eine große Auswahl an Lesbarem zu haben, wusste ich längst nicht mehr, wovon dieses Buch handelt. Umso überraschter war ich von diesem kleinen Schatz, der sich mir nach und nach offenbarte.

46_Wovon wir träumten

Mit leiser Wehmut, vielen Fragen und großen Hoffnungen im Gepäck überqueren sie den Ozean: junge Japanerinnen, die in den 1920er Jahren ihre Heimat verlassen, um in Kalifornien japanische Einwanderer zu heiraten.

„Einige von uns kamen aus Hokkaido, wo es verschneit und kalt war, und träumten noch jahrelang von dieser weißen Landschaft. Einige von uns kamen aus Hiroshima, das später in die Luft fliegen sollte, und hatten Glück, überhaupt auf dem Schiff gelandet zu sein, auch wenn sie es damals natürlich noch nicht wussten.“ (S. 9)

Bis zu ihrer Ankunft kennen die Frauen ihre zukünftigen Männer nur von den strahlenden Fotos der Heiratsvermittler, und auch sonst haben sie äußerst vage Vorstellungen von Amerika. Die Überfahrt wird zu einer seltsamen, oft traumartigen Passage zwischen zwei Welten – und die Ankunft in Amerika zu einem abrupten Erwachen in der Fremde, in der kaum etwas so ist wie erwartet.

„Denn wenn uns unsere Männer in ihren Briefen die Wahrheit gesagt hätten – dass sie keine Seidenhändler waren, sondern Obstpflücker, dass sie nicht in großen Häusern mit vielen Zimmern wohnten, sondern in Zelten und Scheunen und draußen im Freien, auf den Feldern, unter der Sonne und den Sternen -, wären wir nie nach Amerika gekommen, um die Arbeit zu machen, die im Leben kein Amerikaner machen würde, der etwas auf sich hält.“ (S. 24)

Der Roman schildert ihre Lebenserfahrungen in der neuen Heimat, bis rund ein Vierteljahrhundert später der japanische Angriff auf Pearl Harbor zur Internierung japanischstämmiger Amerikaner führt.

Als Leser erfährt man die Geschehnisse aus der Wir-Perspektive der Japanerinnen. Es gibt keine stringent erzählte Geschichte, der man folgen und keinen Protagonisten, mit dem man sich identifizieren könnte. Aber die aufzählende Erzählweise beleuchtet das differenzierte Erleben und Wirken der Japanerinnen dennoch eingehend und bewegend, da sich hierdurch eine Vielzahl von Perspektiven und Möglichkeiten eröffnet. Das sorgt wohl auch für die dichte Atmosphäre, durch die sich ein Sog entwickelt, dem man sich beim Lesen kaum entziehen kann.  Man erlebt die anfänglichen Ängste vor dem neuen Land und den unbekannten Männern, erfährt von Hoffnungen und Enttäuschungen, vom Einleben und Nicht-Einleben in dem fremden Land und den Konsequenzen. Hier werden feine Nuancen gezeichnet und Problematiken deutlich, die beim Lesen innehalten lassen und zum nachdenken anregen. Der Roman schließt mit einem drastischen Perspektivwechsel: Aus der Sicht ihrer weißen Nachbarn wird geschildert, wie die internierten japanischstämmigen Amerikaner plötzlich nicht mehr da sind.

Knapp 160 Seiten, die intensiv und berührend sind und trotz der Kürze zugleich eine erweiterte, wenn auch knappe schwammige Sichtweise auf geschichtliche Ereignisse werfen. Ein Buch, das nachwirkt und zum weiter informieren anregt. Empfehlenswert!

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Julie Otsuka
Wovon wir träumten
Aus dem Englischen von Katja Scholtz
Original: The Buddha in the Attic, Verlag: Knopf
Taschenbuch, Broschur, 160 Seiten
ISBN: 978-3-442-47968-9
Preis: € 8,99 [D] inkl. MwSt. | € 9,30 [A] | CHF 12,90 * (* empf. VK-Preis)
Verlag: Goldmann
Erschienen am 17. März 2014

Wo die Toten tanzen – Caitlin Doughty

Nicht einfach, dieses Buch zu beschreiben, das von einem Thema handelt, über das meist doch lieber nicht gesprochen wird. Dabei ist das endgültige Versagen aller lebenserhaltenden Funktionsabläufe – also der biologische Tod von Lebewesen – eigentlich etwas ganz Natürliches. Im 19. Jahrhundert hätte es niemanden verwundert, wenn ein Leichnam von den Verwandten für die Trauerfeierlichkeiten hergerichtet wurde – es wäre sogar befremdlich gewesen, wenn sie das nicht getan hätten. In beeindruckend kurzer Zeit ist jedoch die Bestattungsbranche entstanden und in vielen Industrieländern zur teuersten, kommerziellsten und bürokratischsten Art mit seinen Verstorbenen umzugehen geworden.

39_Wo die Toten tanzen

Aus genau dieser Branche kommt die amerikanische Bestatterin Caitlin Doughty. In den letzten Jahren reiste sie durch die Welt, um herauszufinden, welche Totenrituale in anderen Ländern praktiziert werden – unter anderem in Indonesien, Mexiko, Spanien, Japan, Bolivien und in verschiedenen Gegenden der USA. In dem Buch „Wo die Toten tanzen – Wie rund um die Welt gestorben und getrauert wird“ versucht sie zu zeigen, dass es keine reglementierte Art gibt, mit dem Tod zu ‚verfahren‘ oder ihn zu verstehen. Sie besucht in Indonesien einen Mann, der mit dem mumifizierten Körper seines Großvaters zusammenlebt. Verfolgt in Japan eine Zeremonie, bei der Angehörige die Knochen des Verstorbenen mit Stäbchen aus der Verbrennungsasche lesen. Und geht in Mexiko dem „Tag der Toten“ auf den Grund. Augenzwinkernd stellt sie Alternativen wie die Öko-Bestattung vor. Und hinterfragt, ob unsere westlichen Riten Raum zur angemessenen Trauer lassen.

„Ich glaube mittlerweile, dass die Vorzüge eines Totenbrauchs nicht auf Mathematik beruhen, sondern auf Emotionen, auf dem Glauben an die einzigartige Würde der jeweils eigenen Kultur. Das heißt, wir halten Totenrituale nur dann für primitiv, wenn sie nicht mit den unseren übereinstimmen.“ (S. 14)

Wenn man dies gleich zu Beginn des Buches für sich geklärt hat, herrscht die nötige Offenheit um kennenzulernen, wie in anderen Kulturen mit dem Tod und den Verstorbenen umgegangen wird. Die Konfrontation mit dem Tod ist nichts für schwache Nerven und manche Beschreibungen über Aussehen und den Umgang mit menschlichen Überresten verursachen mir beim Lesen ein flaues Gefühl im Magen. Tatsächlich hätte ich mir stellenweise eine weniger anschauliche Schilderung gewünscht, weil es mich doch schockiert hat. Nichtsdestotrotz ist die Thematik sehr interessant und auf ihre Weise bereichernd, da mein Umgang mit dem Tod bislang eher oberflächlicher Natur war. Ebenfalls für gelungen halte ich die zahlreichen Illustrationen von Landis Blair, die Aufbauten und Arrangements begleitend zum Text auf ansprechende und in gewisser Weise doch pietätvolle Art verbildlichen, wie es beispielsweise Fotografien nicht gekonnt hätten.

Gelegentlich ist mir die Ausdrucksweise jedoch zu flapsig und makaber, der Humor der amerikanischen Autorin zu gewollt. Doch das sind glücklicherweise nur kurze Sequenzen, denn sobald Caitlin Doughty wieder etwas sachlicher wird, lese ich gespannt und interessiert weiter.

„Wo die Toten tanzen“ ist kein Buch, das sich einfach so weglesen lässt. Zu oft vergleicht man mit eigenen Erfahrungen und Vorstellungen und wird mit dem Tod in einem Rahmen konfrontiert, der teilweise nur schwierig vorstellbar ist. Gleichzeitig entmystifiziert das Buch dieses Thema ein wenig und ist ein Plädoyer dafür, dem Tod wieder mit mehr Würde zu begegnen. Eine Empfehlung!

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Caitlin Doughty
Wo die Toten tanzen – Wie rund um die Welt gestorben und getrauert wird
Aus dem Amerikanischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
Mit Illustrationen von Landis Blair
Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten
ISBN: 978-3-89029-506-0
Preis: € 20,00 [D], € 20,60 [A]
Verlag: Malik
Erschienen:  02. September 2019

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Der Schlüssel – Junichiro Tanizaki

Junichiro Tanizaki wurde 1886 in Tokio geboren und war Autor zahlreicher Romane, Dramen und Essays. In den Jahren kurz vor seinem Tod (1965) galt er als ein Anwärter für den Literaturnobelpreis. Mit „Der Schlüssel“ verfasste er einen Klassiker des 20. Jahrhunderts, der 1956 nur knapp einem Veröffentlichungsverbot entging und in Japan eine Debatte über Pornografie auslöste.

26_Der Schlüssel

Unfähig, über ihre geheimsten Sehnsüchte und Fantasien zu sprechen, beginnen der 56-jährige Professor und seine 45-jährige Frau Ikuko unabhängig voneinander Tagebuch zu führen – ahnend und hoffend, dass der jeweils andere das Geschriebene lesen wird. Auf diese Weise offenbaren sie ihr Innerstes ungehemmt. Während er sich um seine Potenz sorgt und die sexuelle Unersättlichkeit seiner jüngeren Gattin beklagt, behauptet sie, dass sie ihrem Mann eine gute Ehefrau sein will, sie ihn körperlich jedoch abstoßend findet und seine „Perversionen“ nur erträgt, um ihre eheliche Pflicht zu erfüllen. Sie legen Geständnisse ab, provozieren, täuschen bewusst. Und tatsächlich kommen sich die beiden dadurch körperlich wieder näher – nur ganz anders, als sie es sich vorgestellt haben und das liegt wohl auch an Kimura, dem Mann, den der Professor eigentlich für seine Tochter ausgesucht hatte.

Dem Leser erschließt sich der Roman anhand der Tagebucheinträge der Eheleute. Der Schreibstil ist flüssig, die Sprache wirkt trotz angedeuteter pornografischer Inhalte nicht vulgär. Und doch kann ich nachvollziehen, dass dieses Buch zu der Zeit als es erschien, ein Skandalroman war. An der Sprache lag es nicht.

Geschichten von Beziehungen, in denen Menschen nicht miteinander sprechen und stattdessen Spielchen spielen, intrigant und heuchlerisch agieren empfinde ich als anstrengend und wenig unterhaltsam. Alkoholgenuss bis zur Bewusstlosigkeit und Sex in eben diesem Zustand finde ich hingegen abstoßend und nicht tolerierbar. Aber da die Protagonisten sich mittels der Tagebucheinträge gegenseitig auch offensichtlich belügen und zu manipulieren versuchen, wusste ich als Leserin manchmal nicht mehr genau, was ich den Charakteren glauben konnte und was nicht. Dementsprechend war meine Wahrnehmung für das, was ich im Gegensatz zu Grenzüberschreitungen vielleicht als zwischenmenschlich vereinbarte Spielart legitim fände, empfindlich gestört.

Die Idee mit den Tagebüchern fand ich interessant und das Ende überraschend, konnte aber insgesamt weder mit der Handlung noch mit den Personen etwas anfangen, weshalb ich dieses Buch nicht empfehlen kann.

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Junichiro Tanizaki
Der Schlüssel
Hardcover, 192 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5748-7
22,00 EUR
Verlag: Kein & Aber
Erschienen:  07.10.2016