erLESENer November 2020

Im Lesemonat November habe ich mit einem Hells-Angel in einer Gefängniszelle gehockt und ihm beim Verrichten seiner Notdurft zugeschaut, wurde Fan von Laura Malina Seiler und habe angefangen Struktur in mein Planungschaos zu bringen.

Bücherwelten – verwickeln und entwickeln Persönlichkeiten.

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise von Jean-Paul Dubois: Ein Roman über einen Gebäudemanager, der mit einem Hells-Angels-Biker in einer Gefängniszelle landet und auf sein Leben zurückblickt. Ganz nett.

Mögest du glücklich sein von Laura Malina Seiler: Ein positiv gestimmter Ratgeber, der einem auf sympathische Weise zurück ins Gedächtnis ruft, an welchen Stellschrauben man drehen kann, um für mehr Selbstliebe und Selbstakzeptanz zu sorgen und so seiner Selbstverwirklichung und einem zufriedeneren glücklicheren Leben näher zu kommen. Hilfreich!

Die Bullet-Journal-Methode von Ryder Carroll: Zeigt die strukturellen Gestaltungsmöglichkeiten auf, die sich bei dieser individuellen Terminplanung, Zielesetzung und Tagebuchgestaltung anbieten und definiert auch die dahinter liegenden Vorteile und psychologischen Effekte. Hervorragend!

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise – Jean-Paul Dubois

Im Mittelpunkt dieses Romans steht Paul Hansen, Sohn eines dänischen Priesters und einer französischen Kinobesitzerin. Rund 20 Jahre lang war Hansen Gebäudemanager einer Wohnanlage in Montréal, dem Schauplatz des Romans. Doch nun – der Roman setzt August 2009 ein – sitzt er im Gefängnis. Dort teilt er sich die Zelle mit einem Hells-Angels-Biker und denkt über sein Leben nach. Beginnend mit der Kindheit in Toulouse, unter einem konservativen, frommen Vater und einer ebenso lebensfrohen wie linken Mutter, die einzig an die Freiheit der Künste glaubt.

Der Autor lässt sich viel Zeit, um Paul Hansens Geschichte zu erzählen. Dabei wechselt er beflissen zwischen dem Gefängnisalltag und den Rückblenden seines Ich-Erzählers hin und her. Es geht um eine entwürdigende Nähe zwischen ihm und seinem Zellengenossen, bei der der Autor für meinen Geschmack mit der Beobachtung zu nah heran geht. Die unerträgliche Nähe überträgt sich beim Lesen auf den Leser. Aber man fragt sich auch, warum Paul Hansen eigentlich einsitzt und erfährt erst gegen Ende des Romans genaueres, nachdem man sich durch seine gesamte Lebensgeschichte gelesen hat. Diese ist zwar durch ungewöhnliche und teils interessante kleine Anekdoten ausgeschmückt, wodurch man Sympathien für den Protagonisten entwickeln kann, fühlt sich aber gelegentlich dennoch ermüdend an. Man wabert beim Lesen mit der Geschichte dahin und fragt sich des Öfteren, worauf der Autor eigentlich hinaus will. Kann es wirklich nur das sein, worauf der Titel des Buches stumpf hinweist?

Und so beendete ich das Buch zwar, weil es in einem flüssigen Schreibstil daher kommt und ich wissen wollte, was es mit Paul Hansen auf sich hat, insgesamt ist die Geschichte jedoch zu farblos, als dass sie einem wirklich im Gedächtnis bleiben könnte. Schade, denn nach dem Genuss der Leseprobe hatte ich mir mehr von diesem Buch versprochen, das 2019 den Prix Goncourt in Frankreich erhalten hatte.

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Jean-Paul Dubois
Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver
Deutsche Erstausgabe, 256 Seiten
ISBN: 978-3-423-28240-6
Preis: EUR 22,00 € [DE], EUR 22,70 € [A]
Verlag: dtv
Erschienen: 24.07.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.