erLESENer Oktober

Im Lesemonat Oktober ließ ich mich von Erebos terrorisieren, tauchte nach Norwegen ab, übte mich im therapeutischen Lesen und löste einen Fall bei den Amischen.

Bücherwelten – mit der richtigen Buchstabendosis für jede Stimmungslage…

10_erLESENer

Erebos 2 von Ursula Poznanski
Eine spannende Fortsetzung der Geschichte rund um das an die moderne Technik angepasste Computerspiel mit den gefährlichen Auswirkungen in der Realität. Leichte Schwächen, aber dennoch lesenswert.

Heimatland von Kronprinzessin Mette-Marit (Hrsg.), Geir Gulliksen (Hrsg.)
Unterschiedliche Facetten Norwegens von bekannten norwegischen Literaten in Worte gefasst. Macht Lust aufs Reisen und mehr von Norwegern lesen.

Licht in der Nacht der Seele von Martin Duda
Ein literarisches Antidepressivum, das vor allem durch das Verständis des Autors für die Auswirkungen der Depression und die therapeutische Wirkung des Lesens beeindruckt.

Die Zahlen der Toten von Linda Castillo
Ein gelungenes Thriller-Debüt, das mir tatsächlich Lust darauf macht, mehr von dieser Reihe rund um Kate Burkholder und die Amischen zu lesen.

Erebos 2 – Ursula Poznanski

Vor knapp 7 Jahren las ich „Erebos[Werbung] von Ursula Poznanski voller Begeisterung und wurde es seitdem auch nicht müde, das Buch immer wieder computer- oder spielbegeisterten Lesern zu empfehlen. Mich hat damals die spannende Geschichte rund um das geheimnisvolle Spiel, das ein bedrohliches Eigenleben entwickelt und seine Mitspieler dazu bringt Aufgaben im realen Umfeld auszuführen, gepackt. Einerseits wünsche ich mir natürlich von Büchern, die mich derart begeistern konnten, dass sie fortgesetzt werden, aber andererseits fürchte ich doch auch immer, dass eine Fortsetzung zu einer Entzauberung führt, wenn sie eben nicht so gut gelungen ist, wie das Einstiegsbuch. Allerdings hatte ich bei diesem Buch eher nicht mit einer Fortsetzung der Geschichte gerechnet, weil die Handlung eigentlich zu einem abgeschlossenen Ende fand. Umso überraschter war ich, dass Ursula Poznanski gut 10 Jahre nach dem Erscheinen dieses Buches „Erebos 2“ veröffentlichte.

41_Erebos 2

Da „Erebos“ mit zu meinen Lesehighlights unter den Jugendbüchern gehört, konnte ich nicht widerstehen und musste einfach erfahren, wie die Geschichte weiter geht. Vorab stellte sich mir allerdings die Frage, ob ich nach der langen Zeit vielleicht doch „Erebos“ noch einmal lesen sollte, da ich mich an genauere Einzelheiten nicht mehr erinnern konnte. Ich entschied mich dazu, es nicht zu tun. Leider – wie ich jetzt im nachhinein feststellen kann. Denn das, was im ersten Buch geschah, wird zwar manchmal grob aufgegriffen und sporadisch erklärt, aber es hätte mir besser gefallen, wenn ich mich an mehr Details hätte erinnern können. Dennoch ist es für das Verständnis nicht erforderlich, dass man für „Erebos 2“ unbedingt das Vorgängerbuch gelesen haben muss. Da es sich jedoch lohnt, empfehle ich das Lesen in der richtigen Reihenfolge – und dann zu entscheiden, ob man die schwächere Fortsetzung „Erebos 2“ tatsächlich noch lesen möchte.

Das Spiel Erebos wird im ersten Buch noch im Geheimen auf DVDs herumgereicht, macht seine Mitspieler regelrecht süchtig, bringt sie dazu, oft nicht ganz ungefährliche Aufgaben in der Realität zu erledigen und gewährt ihnen im Gegenzug dafür spezielle Belohnungen: Ein Wunsch eines Spielers wird von einem anderen – vom Spiel dazu gezwungenen – Spieler ausgeführt. Die Spieler wie Räder in einer großen Maschine ineinandergreifen lassen, damit die Maschine dann am Ende etwas zerstören kann, oder jemanden. Das ist – rund 10 Jahre später – auch bei „Erebos 2“ der Fall. Aber ebenso wie die Technologie im Laufe der Jahre, hat sich auch auch die Künstliche Intelligenz des Spiels weiter entwickelt und nutzt nicht mehr nur den Computer, sondern auch das Smartphone, Navigationssysteme, Überwachungskameras und vieles mehr um seine dem Leser bis zum Schluss unergründlichen Ziele zu erreichen.

Und es sucht sich seine Spieler selbst, um die richtigen Leute zu rekrutieren – und zu beinflussen. Als Nick auf seinem Smartphone ein vertrautes Icon in Gestalt eines roten E entdeckt, glaubt er zuerst an einen Zufall. Aber dann wird ihm klar: Erebos hat ihn nach all den Jahren wiedergefunden. Der sechzehnjährige Derek hingegen ist nur kurz misstrauisch, als das rote E auf seinem Handy aufleuchtet. Zu spät begreift er, dass er selbst zu einer Spielfigur geworden ist. Und es um viel mehr geht, als er sich je hätte vorstellen können.

„Jetzt den Datenstick in den Slot. Oder … doch nicht? Er zögerte. Auf dem Stick konnten alle möglichen Viren drauf sein – gleichzeitig war ihm klar, wie albern der Gedanke war. Er hatte ja schon ein Programm auf dem Rechner, das den Computer nach Belieben ein- und ausschalten konnte. Sein Handy telefonierte selbstständig und mit Dereks eigener Stimme … viel schlimmer konnte es nicht mehr werden.“ (S. 142)

Es ist spannend diesem taktierenden Spiel zu folgen. Man fragt sich, was es im Schilde führt und warum es seine dauerüberwachten und unter Druck gesetzten Mitspieler zwingt so zu agieren, wie sie es letztlich tun. Gut dreiviertel des Buches las ich gern, beziehungsweise mit leichtem Gruseln vor der sich hier verselbständigenden Technik, und fühlte mich gut unterhalten. Geradezu fieberhaft las ich dem Ende entgegen und war neugierig auf die Auflösung des Ganzen. Doch was sich Ursula Poznanski als Hintergrund und eigentlichen Verwendungszweck des Spiels ausgedacht hat, konnte mich leider gar nicht überzeugen. Ohne hier spoilern zu wollen kann ich nur verraten, dass der Zweck für mich nicht immer die Mittel heiligt und einfach nur abstrus und an jeglicher Glaubwürdigkeit vorbei konstruiert ist. Das empfinde ich als umso problematischer, da die große Stärke dieses Jugendromans für mich darin liegt, sich nah an der derzeitigen Technik zu orientieren und man sich beim Lesen fragt, ob so eine manipulative Nervensäge wie das Spiel Erebos nicht unter Umständen doch möglich wäre. Unweigerlich überlegt man auch, ob man seinen Smartphone-Apps nicht doch mehr Rechte einräumt, als gut für einen sein können. Und tatsächlich fühlte es sich auch ein wenig eigenartig an, wenn das eigene Handy Benachrichtungstöne von sich gab, während beim Lesen des Buches gerade einer der Protagonisten mittels Smartphone-Nachrichten von Erebos massiv bedrängt wurde.

Ob ich das Buch empfehlen kann? Ich bin mir nicht sicher, ob das tatsächlich nötig ist. Denn wer schon in den letzten 10 Jahren Erebos verfallen ist, der kann sich vermutlich „Erebos 2“ nur schwerlich entziehen, selbst wenn das Ende versemmelt ist.

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Ursula Poznanski
Erebos 2
ePub, 512 Seiten, ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-7320-1371-5
Preis: 14,99 € (D) inkl. MwSt.
Verlag: Loewe
Erschienen am 14.08.2019

Thalamus – Ursula Poznanski

Seitdem ich vor einigen Jahren begeistert „Erebos“ las, greife ich zwischendurch immer mal wieder gern zu den Jugendbüchern von Ursula Poznanski, die mich vor allem auch mit der Eleria-Trilogie besonders begeistern konnte. Als die Autorin kürzlich aus ihrem neuen Buch „Thalamus“ bei Lovelybooks vorlas, war ich gleich interessiert.

38_Thalamus

Der siebzehnjährige Timo ist auf dem Weg zu seiner Freundin, als er mit dem Motorscooter  schwer verunglückt. Er ist monatelang ans Bett gefesselt und kann weder sprechen noch laufen und ist auch sonst von seiner Motorik her stark eingeschränkt. In einer abgeschiedenen Rehaklinik mitten im Wald soll er sich von seinen Knochenbrüchen und dem Schädelhirntrauma erholen. Doch in der Klinik, in der Jugendliche und Erwachsene untergebracht sind, geschehen merkwürdige Dinge. Unter anderem ist sein Zimmernachbar, der tagsüber im Koma liegt, nachts aggressiv unterwegs und auch Timo schlafwandelt und entdeckt allmählich Fähigkeiten an sich, die ihm neu sind. Und mehr sollte man von der Handlung vorab gar nicht wissen, um diese spannende Geschichte nach und nach selbst für sich entdecken zu können.

Timo ist ein sympathischer Charakter, mit dem man mitfühlen kann und den ich zu gern aus seiner Sprachlosigkeit befreit hätte. Aber gerade diese spezielle Situation macht auch Timos Lage nachvollziehbar und lässt einen als Leser manchmal ein wenig zappelig werden, weil man selbst Ideen hätte, wie Timo sich verständlich machen könnte. So baut sich zwar Spannung auf, aber es wirkt manches in der Klinik auch ein wenig unrealistisch – Timo erhält relativ wenig Therapien und wird mehr oder weniger sich selbst überlassen. Aber da es sich um ein Jugendbuch handelt, konnte ich gut darüber hinwegsehen und bin dennoch immer wieder gern in die Geschichte eingetaucht, zumal ich auch unbedingt wissen wollte, wie sich die mysteriösen Vorgänge in der Rehaklinik erklären lassen.

Als schließlich eine Auflösung des Rätsels folgte, löste das bei mir ein „Wow!“ aus und das unbestimmte Gefühl, über das angesprochene Thema schon mal ganz am Rande irgendwo etwas gehört zu haben. Und tatsächlich brachte Google dann auch die Erleuchtung, ließ mich staunen und froh darüber sein, dass die Autorin Medizinisches ’nur‘ in eine phantasievolle leicht verständliche Richtung weiter gesponnen hatte. Glücklicherweise geschieht dies auf eine unrealistische Weise, die einen jedoch nichtsdestotrotz ein wenig gruseln und sich Gedanken darüber machen lässt, wie toll und gleichzeitig übel es wäre, wenn das tatsächlich ginge. Davon hätte ich gern mehr gelesen, bin mir jedoch bewusst, dass dies vermutlich die Grenzen des Jugendbuchs sprengen würde.

Nichtsdestotrotzso hat Ursula Poznanski  wieder einmal ein interessantes Thema aufgegriffen und in eine spannende Geschichte eingewoben, so dass ich mich gut unterhalten fühlte und „Thalamus“ weiter empfehlen kann.

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Ursula Poznanski
Thalamus
Taschenbuch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-7855-8614-3
16,95 € (D) | 17,50 € (A)
Verlag: Loewe
Erschienen: 13.08.2018

#lesemittwoch