erLESENer Juli 2021

Im Lesemonat Juli war ich mit hellwachem Geist in meinem bewegungslosen Körper gefangen, versuchte mit dem Tod meiner 16jährigen Tochter fertig zu werden, reiste zurück in die Zeit der 1980er Jahre, fand fest in Plastikfolie eingewickelte Leichen, die aussahen wie Kokons, durchlebte den Horror der fortschreitenden Klimakrise, genoss die vietnamesische Küche, beobachtete jemanden beim Morden mit Bauschaum und nahm mit der Bestatterin Blum Rache an den Mördern ihres Mannes.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Apokalypse und vermeintlich heiler Welt.

Schmetterling und Taucherglocke von Jean-Dominique Bauby: Die autobiografischen Eindrücke eines 43jährigen, der unter dem Locked-In-Syndrom leidet und mit seinem hellwachen Geist in einem bewegungslosen Körper gefangen ist. Bewegend!

Was ich euch nicht erzählte von Celeste Ng: Das im Untergrund schwelende Familiendrama rund um eine verschwundene Sechzehnjährige. Fesselnd und eindringlich erzählt. Von der Autorin werde ich mehr lesen.

Wir Kassettenkinder von Stefan Bonner und Anne Weiss: Eine Zeitreise in die 1980er Jahre, in die guten und schlechten Zeiten. Hat mir sehr viel Freude bereitet.

Die Verlorenen von Simon Beckett gelesen von Johannes Steck: Der Auftakt der neuen Reihe von Simon Beckett war soweit in Ordnung, konnte mich aber trotz hervorragendem Hörbuchsprecher nicht vollends überzeugen.

Was, wenn wir einfach die Welt retten von Frank Schätzing: Ein gelungener Ansatz des Autors, der nicht mit erhobenem Zeigefinger doziert, aber dennoch deutlich macht, dass wir alles Sinnvolle unternehmen müssen, um die Klimaziele zu erreichen und realistisch betrachtet auch auf die Konsequenzen vorbereitet sein sollten, wenn uns das nicht gelingt. Lesenswert!

Der Geschmack der Sehnsucht von Kim Thúy: Dieses Buch entführt in eine fremde Welt mit den Gerichten, Gewürzen und Zutaten der vietnamesischen Küche, gewährt aber auch Einblicke in die Kultur, Sprache und Geschichte. Ein perfekter BUCHweltreise-Kandidat.

Die Puppenmacherin von Max Bentow gelesen von Axel Milberg: Ein weiterer hervorragender Hörbuchsprecher, widerliche Leichen in Bauschaum, spannend – krank – unterhaltsam.

Totenfrau von Bernhard Aichner gelesen von Christian Berkel: Und noch ein hervorragender Hörbuchsprecher. Es handelt sich hierbei um den Auftakt der Trilogie, in der eine Bestatterin Rache nimmt. Brutal, widerlich, spannend – krank – unterhaltsam.

Der Geschmack der Sehnsucht – Kim Thúy

„Vor dem Schlafengehen legte Mama das Buch wieder in seine Metalldose und vergrub es in einem Versteck. Es war das größte aller Geheimnisse, denn ausländische Bücher waren verbannt, vor allem Romane, genauer gesagt, die Frivolität der Fiktion.“

(S. 42)

Im Rahmen meiner BUCHweltreise ging es dieses Mal für mich nach Vietnam. Kim Thúy verbrachte ihre ersten zehn Lebensjahre in Vietnam, bevor sie 1978 mit ihren Eltern und zwei Brüdern als boat people nach Kanada floh und sich in Montreal in der Provinz Québec niederließ. Später arbeitete sie als Übersetzerin und Rechtsanwältin und war Gastronomin und Gastrokritikerin für Radio und Fernsehen. Ihr erstes Buch „Der Klang der Fremde“ war ein internationaler Erfolg und brachte ihr zahlreiche Preise ein. 2013 erschien Thúys Buch „Der Geschmack der Sehnsucht“.

Es ist die autobiografisch gespeiste Liebesgeschichte einer Frau, die als Kriegswaise nach dem Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südvietnam weitergereicht wird und erst bei der dritten ‚Mutter‘ ein zu Hause findet. Bei ihr lernt Mãn die vietnamesische Kultur kennen und wird auch mit ihrer Küche vertraut gemacht.

„Leise, flüsternd lehrten die Mütter ihre Töchter kochen, damit nicht Nachbarinnen die Rezepte stahlen und womöglich mit den gleichen Gerichten deren Männer verführten. Kulinarische Traditionen wurden heimlich weitergegeben, wie Zaubertricks vom Meister an den Lehrling, immer nur eine einzelne Fertigkeit im Rhythmus der alltäglichen Verrichtungen.“

(S. 10)

Doch um ihre Zukunft zu sichern, entscheidet sich auch die neue Mutter, sie in die Ferne zu schicken: in eine arrangierte Ehe mit einem älteren Mann, der nach Kanada ausgewandert ist. Zuerst nimmt die junge Frau die neue Heimat nur durch die Luke der kleinen Suppenküche wahr, die dem ungleichen Paar den Lebensunterhalt sichert.

Erinnerungen an Vietnam und an Erlebnisse verbindet Mãn immer mit Geschmackserlebnissen und kocht nun alte Rezepte nach. Durch das Probieren mit Gewürzen und Zutaten aus der Heimat wird sie bald zu einer kleinen Berühmtheit in Bezug auf ihre Kochkunst. Sie versteht sich auf die Sprache der Gewürze, die zugleich die der Sehnsucht ist und in der jedes Kraut, jede Zutat eine besondere Bedeutung hat, eine Geschichte erzählt. Alle Emotionen und ihre ganze Sinnlichkeit steckt in ihren Gerichten. Mit dem Erfolg entdeckt sie auch sich selbst, findet eine neue Sprache, in der auch Wünsche und Sehnsüchte zu Wort kommen dürfen.

Dieses Buch entführt in eine fremde Welt mit den Gerichten, Gewürzen und Zutaten der vietnamesischen Küche. Es macht Appetit und beim Lesen scheint es köstlich aus dem Buch zu duften. Aber die Seiten gewähren durch die kurzen episodenhaften Einblicke in das Leben Mãns gleichzeitig auch Einblicke in die vietnamesische Kultur, Sprache und Geschichte. Der Schmerz der durch die Wirren der Politik und des Krieges verursachten Vergangenheit wird ebenso schmerzlich erfahrbar, wie die dennoch vorhandene Sehnsucht nach der Heimat, die trotz eines guten Lebens im Exil noch vorhanden ist. Ein berührendes leises Leseerlebnis der besonderen Art.

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Kim Thúy
Der Geschmack der Sehnsucht
Gebundene Ausgabe, 143 Seiten
ISBN: 978-3888979286
Preis: 16,95 € [D]
Verlag: Kunstmann
Erschienen: 26.02.2014