#WritingFriday: Unwelten

Allgegenwärtig war die Illusion einer perfekten Welt – und in der hatte das optische Altern einfach keinen Platz. Wer es sich leisten konnte, ließ sich die Gesichtszüge straffen und erkaufte sich dadurch die plastikhafte Fassade der ewigen Jugend. Inbegriffen war das wie festgefroren wirkende Lächeln, das eher einer Maske als einer herzlich gemeinten Gefühlsregung glich. Auch die Körper wirkten wie aus Formen gepresst und nur wenn man die Gelegenheit bekam ganz genau hinzuschauen, konnte man eine der kleinen Narben erkennen, die bezeugten, dass hier ein fachkundiger Chirurg Hand angelegt hatte. Besitztümer wurden öffentlich präsentiert und in Szene gesetzt, damit die Habseligkeiten blenden und über mangelnde Kernkompetenzen hinwegtäuschen konnten. Sie war das alles so müde.

Dabei wusste sie doch, wie dieses Spiel lief. Jeder wusste das, und doch konnte sie die Tage kaum ertragen, an denen sie die Zeit hatte, sich Gedanken darüber zu machen. Wer wollte schon so klar sehen und sein Leben und das Aller in Frage stellen. Stürzte man sich so nicht fast schon absichtlich in eine Sinnkrise? Glücklicherweise teilte seit kurzem die Regierung an jeden Mitbürger das englisch ausgesprochene Präparat „Widerling“ aus. Eine treffende Bezeichnung, denn es machte tatsächlich irgendwie breit und spülte die Gedankenwelt so weich, dass jedes „Gegen“ unweigerlich zu einem „Mit“ wurde. Leider hatte sie ihre Wochenration bereits aufgebraucht, weil sie die entspannende Wirkung des aus einer Mutation des Eryngium agavifoliu gewonnenen Anti-Aging-Nahrungsergänzungsmittels so sehr genoss.

Doch inzwischen hatte die Wirkung nachgelassen und sie nahm ihre Umgebung wieder deutlich wahr. So kam es, dass sie eine derjenigen war, die mitbekamen, dass die Regierung beschlossen hatte, künftig „Widerling“ nur noch ins Trinkwasser zu mischen. Um dem Missbrauch entgegen zu wirken, der leider Überhand genommen hatte – so hieß es. Sie wusste, dass spätestens jetzt der Zeitpunkt gekommen war, gegen die Maßnahmen von Oben aufzubegehren. Aber mehr wusste sie nicht, weil „Widerling“ bereits ihr Anti-Gen zerstört hatte.

Unwelten


Beim #WritingFriday im August wird aus den vorgegebenen Schreibthemen jeweils eines ausgewählt und Freitags veröffentlicht. Dieses Mal: „Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Maske, Habseligkeiten, müde, absichtlich, Widerling“

Deutsch für junge Profis – Wolf Schneider

Ich bin weder jung noch ein Profi, aber wie man gut und lebendig schreibt interessiert mich und das möchte ich gerne können. Wohl aus genau diesem Grund ist irgendwann dieses Buch bei mir eingezogen und doch erstmal auf dem Stapel ungelesener Bücher gelandet – für eine lange Zeit. Immerhin war ja der gute Wille da. Dabei verspricht der Klappentext eine lehrreiche, anschauliche und durchaus unterhaltsame Lektüre. Als ich das Buch kürzlich eher zufällig wieder zur Hand nahm und ein wenig darin herumblätterte, las ich mich gleich fest.

„Mit perfekter Grammatik lassen sich die scheußlichsten Sätze zimmern – in akademischen, bürokratischen und vielen journalistischen Texten täglich nachzulesen. Auf der Basis der korrekten Grammatik muss ich eine Kunst erlernen, die in der Schule ignoriert worden ist: wie man für Leser schreibt.“ (S. 9)

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In 32 Kapiteln will Wolf Schneider, Deutschlands renommiertester Stilkritiker und Ausbilder an mehreren Journalistenschulen, den Leser dazu bringen, dass er die „Heerschar der Einfach-drauflos-Schreiber ebenso hinter sich lässt wie die verkorksten Germanisten“. Seine Lektionen sind unterhaltsam und führen so manchen weitverbreiteten Sprachgebrauch ad absurdum. Er möchte den Leser, beziehungsweise den Schreiber, zum klaren, verständlichen Deutsch anhalten und zeigt, wie man mit Kommas und anderen Satzzeichen „Musik“ macht.

Erschienen ist das Buch zwar bereits 2011, aber was ein guter starker Satz ist – das hat sich in tausend Jahren nicht geändert. Es gilt für die Bibel und den Blog, den Zeitungsartikel wie für den Geschäftsbericht. So können die ersten zwei Drittel dieses Buches von den Regeln und Erfahrungssätzen profitieren, die schon Luther beherzigt hat. Denn eines ändert sich nie: Wer schreibt, möchte auch verstanden werden.

Wolf Schneider führt den Leser mit vielen guten und unterhaltsamen Beispielen durch seine Lektionen. Als Bloggerin und bekennende unprofessionelle Einfach-drauflos-Schreiberin fühle ich mich stellenweise ertappt, erkenne aber auch einige Fallstricke, in denen ich mich immer wieder verheddere. So wirkt auch manches eben erst Gelesene bei mir noch nach, will umgesetzt oder aber einfach zugunsten der Unbeschwertheit beim Schreiben oder gar der Lust am Fabulieren verworfen werden. Eine Freiheit, die ich als Nicht-Profi habe – mit allen Konsequenzen.

„Wo aber der Stilwille der Lesbarkeit in die Quere kommt – da muss der Schreiber sich entscheiden: Will ich Gebrauchsprosa liefern oder Literatur? Und wenn diese: Muss das in eigenwilliger, hochgestochener Sprache geschehen – einer anderen also als der von Kafka, Brecht und überhaupt der Mehrzahl aller großen Schreiber deutscher Sprache?“ (S. 178)

Insgesamt hat mir „Deutsch für junge Profis“ von Wolf Schneider großen Spaß gemacht. Es ist ein unterhaltsames und inspirierendes Buch, an dem auch die Leser von Bastian Sicks „Der Dativ ist der Genitiv sein Tod“ Freude haben könnten.

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Wolf Schneider
Deutsch für junge Profis – Wie man gut und lebendig schreibt
Taschenbuch, 192 Seiten
ISBN: 978-3499626296
€ (D) 10.00
Verlag: Rowohlt
Erschienen:  02. Mai 2011