Achtsam morden – Karsten Dusse

Ich geb’s ja zu: Ich bin ein Fan von Achtsamkeit und allem, was damit zusammenhängt. Längst habe ich erkannt, wie gut mir das tut und welchen Einfluss auch Atemübungen auf meine Befindlichkeit haben können. Dass dem ganzen ein manchmal etwas schleimiger esoterischer Touch anhaftet und durchaus abschreckend wirken kann, ist allerdings schade. Umso großartiger ist der Zugang zu der Thematik, den Karsten Dusse gefunden hat,  der sein juristisches Fachwissen mit dem Lifestyle-Thema Achtsamkeit einfach verknüpft hat. Herausgekommen ist dabei der Roman „Achtsam morden“, ein wirklich origineller Unterhaltungsroman, den ich mir als Hörbuch angehört habe und bei dem ich mehrfach lachen musste, weil Matthias Matschke den Protagonisten so herrlich entschleunigt spricht und ich mir für den pragmatisch, sarkastisch, ironischen Rechtsanwalt ebenso, wie für die ihn umgebenden Großkriminellen mit ihren Slangs und Dialekten keinen besseren Sprecher hätte wünschen können.

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Der Klappentext verrät: „Björn Diemel wird von seiner Frau gezwungen, ein Achtsamkeits-Seminar zu besuchen, um seine Ehe ins Reine zu bringen, sich als guter Vater zu beweisen und die etwas aus den Fugen geratene Work-Life-Balance wieder herzustellen. Denn Björn ist ein erfolgreicher Anwalt und hat dementsprechend sehr wenig Zeit für seine Familie. Der Kurs trägt tatsächlich Früchte und Björn kann das Gelernte sogar in seinen Job integrieren, allerdings nicht ganz auf die erwartete Weise. Denn als sein Mandant, ein brutaler und mehr als schuldiger Großkrimineller, beginnt, ihm ernstliche Probleme zu bereiten, bringt er ihn einfach um — und zwar nach allen Regeln der Achtsamkeit.

Achtsam morden ist die Geschichte eines bewussten und entschleunigten Mordes, der längst überfällige Schulterschluss zwischen Achtsamkeitsratgeber und Krimi, vor allem aber ein origineller Unterhaltungsroman.“

Das kann ich nur bestätigen. Die Geschichte ist herrlich makaber und humorvoll geschrieben. Björn Diemel ist schlagfertig und mit allen Wassern gewaschen. Es macht Spaß, ihm durch diese Geschichte zu folgen und mitzubekommen, wie er große, aber manchmal auch recht alltägliche Probleme mit Hilfe der in seinem Achtsamkeits-Seminar gelernten Regeln löst. Aber Karsten Dusse gelingt es auch, die Lehren aus der Achtsamkeit auf angenehme Weise mit der Geschichte zu verbinden, ohne sie dabei ins Lächerliche zu ziehen. Alles, was der Achtsamkeitslehrer rät, leuchtet ein, wird hier aber in derart absurden Situationen angewendet, dass man mehr als einmal laut auflachen muss. Dieses Buch hat einfach nur Spaß gemacht und wohl verdient in der Sparte „Beste Unterhaltung“ den Deutschen Hörbuchpreis 2020 erhalten.

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Achtsam morden
Karsten Dusse
Sprecher: Matthias Matschke
Spieldauer: 9 Std. und 14 Min.
Ungekürztes Hörbuch
Audible-Abo-Preis: 9,95 € oder 1 Guthaben [Werbung]
Erscheinungsdatum: 07.06.2019
Sprache: Deutsch
Anbieter: Random House Audio, Deutschland

umgeBUCHt Beiwerk: Historisches

Verdammnis – Stieg Larsson

Nachdem ich bereits Verblendung, den ersten Teil der Millenium-Trilogie von Stieg Larsson gehört und teilweise gelesen hatte, wollte ich unbedingt wissen, wie die Geschichte um Mikael Blomquist und Lisbeth Salander weiter geht. Da ich gefallen daran gefunden hatte, das erste Buch vorgelesen zu bekommen, entschied ich mich, auch die Fortsetzung als Hörbuch zu genießen, dieses Mal allerdings in der ungekürzten Version. Und weil ich schon längst einmal Audible ausprobieren wollte, nahm ich den Testmonat in Anspruch und lud mir kostenlos „Verdammnis“ aufs Handy herunter, um mir diesen unglaublich spannenden Roman mit der Audible-App anzuhören, die ich als sehr angenehm und komfortabel empfand.

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Der Klappentext verrät:

„Der Journalist Mikael Blomkvist recherchiert in einem besonders brisanten Fall von Mädchenhandel. Junge russische Frauen werden gewaltsam zur Prostitution gezwungen. Die Hintermänner bekleiden hohe Regierungsämter. Als Blomkvists Informant tot aufgefunden wird, fällt der Verdacht auf die Ermittlerin Lisbeth Salander. Nur Blomkvist glaubt an ihre Unschuld. Eine mörderische Hetzjagd beginnt.“

Bereits im ersten Teil war mir die ebenso faszinierende wie widersprüchliche Lisbeth Salander, die 26 Jahre alt ist und seit ihrem zwölften Lebensjahr in psychiatrischer Behandlung war, irgendwie ans Herz gewachsen. Sie zählt zu den besten Computerhackern des Landes und vertreibt sich mit Mathematik die Zeit. Ihr geschahen und geschehen schreckliche Dinge, aber Lisbeth Salander ist keinesfalls ein Opfer – sie agiert und reagiert auf ihre ganz eigene Weise. Während man in „Verblendung“ noch darüber rätselte, was ihr in ihrer Kindheit widerfahren sein mag, das sie in die Psychiatrie brachte, erfährt man in diesem Teil in kleinen Portionen nach und nach die grausige Wahrheit. Nebenbei erliest man sich den facettenreichen Charakter der Lisbeth Salander, die zu einer plastischen lebensnahen Figur wird, mit der sich mitfiebern lässt. Aber auch der Fall, in dem Mikael Blomkvist recherchiert hat es in sich und sorgt für manche Überraschung.

Vorgelesen wird dieses Hörbuch in der ungekürzten Fassung von Dietmar Wunder, der es hervorragend versteht, mit seiner Stimme den unterschiedlichen Charakteren Leben einzuhauchen und mit verändertem Lesetempo zusätzlich Spannung zu erzeugen. Die Geschichte entwickelte für mich einen Sog, sodass ich manchmal kaum stoppen mochte. Zum Ende hin überschlagen sich die Ereignisse und für mich steht fest, dass ich wissen möchte, wie es weiter geht. Dafür werde ich gern eines meiner künftigen Guthaben investieren, da ich mich für das Abo bei Audible [Werbung] entschieden habe.


Stieg Larsson
Verdammnis (Millennium 2) [Werbung]
ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 18 Std. 56 Min.
Gesprochen von: Dietmar Wunder
27,95 € | Audible-Abo-Preis: 9,95 € oder 1 Guthaben
Anbieter: SchallundWahn
Veröffentlicht: 06.04.2012

Dir werd ich helfen – Cornelia Schmitz

Wie hatte die Dame der Arbeitsagentur gesagt? „Sie brauchen eine sinnstiftende Tätigkeit, Frau Sudfeld, eine Tagesstruktur. Das wird ihnen ganz sicher helfen.“ Als Ergebnis dieser Unterhaltung findet sich Eli, die unter einer Bipolaren Störung leidet, in einer Werkstatt für behinderte Menschen wieder, in ihren Augen keine geeignete Maßnahme, um ihr anhaltendes Stimmungstief zu beheben. Sie vermisst nicht nur die ‚rosarote Brille der Manie‘, die kommunikativen Typen aus der Psychiatrie und ihren Liebsten, sondern eine komplexe Aufgabe zur Belebung ihrer Lebensgeister.

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So weit, so interessant, so anschaulich, so lebensnah. Als Leserin, die ebenfalls manisch-depressiv erkrankt und dadurch schwerbehindert ist, machte ich vor einigen Jahren eine berufliche Reha und befand mich in ähnlichen Einrichtungen, wie die Protagonistin dieses fiktiven Werkstattkrimis.

„Es war wie in einem Brunnen, in den kaum Licht fällt: Die Werkstatt und die Menschen darin wurden von der Öffentlichkeit kaum gesehen, nicht die kleinen, manchmal auch großen Erfolge, nicht die Vorsicht, das Zartgefühl, auch die Güte, die es hier, unter den Außenseitern, oftmals gab, auch die Freude am Arbeiten, der Stolz auf das Geleistete, der Wille, anzupacken.“ (S. 121)

Die Menschen und Begebenheiten fand ich sehr gut eingefangen und fühlte mich teilweise in diese sehr anstrengende, aber auch wohl behütete Zeit zurückversetzt.

„Weißt du, Eli“, hatte Gertrud gesagt, „viele bei uns, auch Deborah, wirken auf den ersten Blick ganz normal. Sind es ja auch. Aber auf den zweiten Blick, wenn man genauer hinschaut, dann merkt man eben, warum jemand hier ist. Sie sind labil, können sich nicht wehren, so wie Deborah, oder haben schlimme Albträume, wenn sie überhaupt schlafen, haben Angst, alles falsch zu machen, so wie Melanie, können überhaupt keinen Stress vertragen oder kriegen kein vernünftiges Gespräch zustande, auch wenn es niemanden hier gibt, der gar nichts mehr blickt, verstehst du?“ (S. 72)

Eli versteht und arrangiert sich – anfangs widerwillig – mit der Situation. Ihre Gedankengänge und Vorbehalte sind nachvollziehbar dargestellt. Das ist neben der Schilderung der Werkstatt die eigentliche Stärke und das Interessante an diesem Buch, das meines Erachtens besser kein Krimi geworden wäre. Der „Kriminalfall“ beginnt eigentlich erst im letzten Drittel des Buches und fühlt sich für mich wie ein Fremdkörper an, der nachträglich an die Geschichte angehängt und später mühsam eingeflochten wurde. Als fiktiver Part bringt er eigenartige Auswüchse mit sich. Abstrus finde ich die Schilderung einer in der Einrichtung für psychisch Kranke öffentlichen Bildergalerie mit den bereits verstorbenen Mitarbeitern. Ebenso abwegig erscheint mir, dass in ebendieser Einrichtung von allen Mitarbeitern und Kollegen immer wieder betont wird, dass die zuletzt verstorbene Mitarbeiterin keinen Grund für ihren Suizid gehabt habe. Das sind Floskeln, die sich psychisch Kranke oder Sozialarbeiter in diesem Bereich doch eher verkneifen.

„Das Buch ist Fiktion und abermals Fiktion“betont die Autorin, die unter Pseudonym schreibt, im Nachwort ausdrücklich. Für mich war allerdings der überwiegende Teil dieses Buches so nah an der Wirklichkeit und die Gedankenwelt der Protagonistin so nachvollziehbar und gut beschrieben, dass mir die unausgereifte Fiktion nicht gefallen mochte. Dennoch kann ich das Buch Lesern empfehlen, die einen kleinen Einblick in die Arbeit der Werkstätten für Menschen mit psychischer Behinderung bekommen möchten – und die sich dafür interessieren, mit welchen gemischten Gefühlen die Arbeit dort verbunden sein kann.

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Cornelia Schmitz
Dir werd ich helfen
Ein Werkstattkrimi
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-86739-137-5
€ 15,00 (D) | € 15,50 (A)
Verlag: BALANCE buch + medien verlag
Erschienen:  13.03.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Verblendung – Stieg Larsson

Bereits vor Jahren hatte mir eine Sportsfreundin die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson empfohlen und ich hörte auch danach immer nur Gutes darüber. Selbst über die Verfilmung waren alle nur des Lobes und in der letzten Zeit erwischt mich beim Trivial Persuit scheinbar ständig die Frage nach dieser Reihe, worauf ich dann korrekt mit dem Namen des Autors antworte. Fast peinlich wird es aber mittlerweile, dass ich immer wieder auch die Bemerkung hinterherschicke, dass ich die Bücher immer noch nicht gelesen habe, obwohl das erste bereits (seit Jahren) in meinem Regal wartet. Ich könnte mich auch zurückhalten und mich einfach über die beantwortete Frage und mein Weiterkommen im Spiel freuen, aber das scheint meine „Bücherwurm-Ehre“ nicht zuzulassen. Und bevor ich mich noch öfter wiederhole und für gänzlich senil gehalten werde, habe ich kürzlich endlich „Verblendung“ zur Hand genommen…

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…und erstmal auf den Tisch gleich neben den Lesesessel gelegt 😉 Stattdessen entschied ich mich für das Hörbuch, weil ich davon ausging, dass es sich auf dem Crosstrainer oder beim flotten Spaziergang gut nebenbei hören lässt. Das hat auch wirklich wunderbar funktioniert. Die Protagonisten sind recht spezielle Individualisten und die Geschichte ist zwar stellenweise brutal, aber sehr spannend. Dietmar Bär als Sprecher finde ich auch sehr gelungen – es kann einem schon übel dabei werden, wenn er mit seiner Stimme widerwärtigen Charakteren Leben einhaucht. Und doch hatte ich zwischendurch den Eindruck, dass mir immer mal wieder ein Stück der Geschichte fehlte, was ich jedoch auf mangelnde Konzentration oder Ablenkung zurückführte. Hören ist eben doch etwas Anderes als ein Buch zu lesen und wenn man dabei unterwegs ist sowieso. Ich empfand es jedoch nicht als Einschränkung, weil ich den Sinnzusammenhang nicht verlor und hörte dieses spannende Buch zuende.

Dann nahm ich die Ausgabe zur Hand, die ich irgendwann einmal gebraucht gekauft hatte und die wohl schon von mehreren Lesern geliebt wurde. Ich war erstaunt. Das Ende, das sich beim Hörbuch für mich stimmig anfühlte, war überhaupt nicht das Ende – es fehlten die letzten 100 Seiten und ich merkte endlich, dass ich ein gekürztes Hörbuch erwischt hatte. Darauf hatte ich nicht geachtet und fühlte mich nun irgendwie betrogen, obwohl ich doch selbst schuld war. Ich hatte tatsächlich überlegt, das komplette Buch nochmal zu lesen, las jedoch nur noch den Rest (natürlich klang meine innere Stimme nun nach Dietmar Bär). Am Ende war ich jedoch mehr oder weniger ausgesöhnt, weil es sich trotz allem gelohnt hat. Ein gutes Buch, auch wenn man (geschätzt) nur die Hälfte kennt und es selbst liest. Und doch ist es mir unbegreiflich, wie man ein Buch derart kastrieren kann. In der Zukunft werde ich jedenfalls ganz genau hinschauen, damit ich auch wirklich nur noch zu ungekürzten Hörbüchern greife. Der Schock sitzt tief.

Aber es hat mich dennoch gepackt und ich will wissen, wie es mit der Millenium-Trilogie weiter geht. In diesem ersten Teil der Reihe graben Mikael Blomkvist, der ein als Biograf getarnter Journalist ist und Lisbeth Salander, ein virtuoses Computergenie mit messerscharfem Verstand, tief in der Familiengeschichte der Vangers, um das Verschwinden von Henrik Vangers Lieblingsnichte Harriet aufzuklären. Es sei nur so viel verraten: Die Enthüllungen sind grauenhaft.

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Weiter geht es mit „Verdammnis“, das in der ungekürzten Version von Dietmar Wunder in 18 Std. 56 Min. vorgelesen wird und bereits zum weiter hören auf mich wartet. Ich freue mich darauf!



Stieg Larsson
Verblendung
Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn 
Originaltitel: Män Som Hatar Kvinnor (Millennium 1)
Taschenbuch, Klappenbroschur, 704 Seiten
ISBN: 978-3-453-43820-0
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne
Erschienen:  20.07.2015 (Erstveröffentlichung: 2005)