erLESENer Mai 2020

Im Lesemonat Mai roch meine ganze Wohnung nach Hund, besann ich mich während meines Gedankenstroms auf meine Laufatmung, zwang mich aus der Gefangenschaft und zerfetzte im Streit meinen Badeanzug zu einem Bikini.

 Bücherwelten – irgendwo zwischen Tod und Leben.

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Der Freund von Sigrid Nunez
Die Geschichte einer Frau, die in einem kleinen Appartment wohnt und nach dem Tod eines Freundes eine 80 kg schwere Dogge erbt. Skurril, gespickt mit wohldosiertem trockenen Humor und vielen Gedanken und Zitaten übers Schreiben und Lesen. Schon als Hörbuch ein Highlight, das ich mir jedoch auch als Buch zugelegt habe und derzeit erneut ganz in Ruhe genussvoll lese.

Laufen von Isabel Bogdan
Ein Roman über eine Frau, die sich nach dem Selbstmord ihres Lebensgefährten zurück ins Leben läuft. Ein Plädoyer fürs Leben – ganz ohne Kitsch und gute Ratschläge. Für mich ein weiteres Highlight in diesem Monat!

Die Gefangenen von Debra Jo Immergut
Eine blasse konstruierte Geschichte, die mit unguter bildhafter Sprache künstlich aufgebläht ist. Leider ein Flop.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer von Ernest van der Kwast
Eine schöne Liebesgeschichte, die bis ins hohe Alter reicht und zum Abtauchen in bildhafte Beschreibungen mediteraner Sinnlichkeit mit italienischem Temperament gewürzt ist. Überraschend gut, aber leider etwas zu kurz.

Laufen – Isabel Bogdan

Die Zeit, in der ich mich früh morgens in meine Sportklamotten schwang um durch den Wald zu laufen, wird mir immer als wertvoll in Erinnerung bleiben. Aber es war für mich auch eine schwierige Zeit. Ich suchte im Laufen Linderung und Befreiung von der krankhaften überschüssigen Energie, die von mir Besitz ergriffen hatte und die ich irgendwie loswerden wollte. Leider so verzweifelt und krampfhaft, dass neben den positiven Erfahrungen, die mir das Laufen brachte, durch die dauerhafte Überbelastung bleibende Knieprobleme zurück blieben. Nichtsdestotrotz trauere ich der Zeit des regelmäßigen Laufens hinterher, habe im Walken, Nordic Walking, Wandern und nicht zuletzt bei meinem Crosstrainer versucht einen Ersatz dafür zu finden, aber es ist und bleibt einfach nicht das gleiche.

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Als ich erst kürzlich auf der Suche nach einem neuen Hörbuch war, stieß ich bei Spotify auf „Laufen“ von Isabel Bogdan und wollte mich von ihr ein Stück mitnehmen lassen, ohne zu wissen, worauf ich mich eigentlich dabei einließ. Und das war gut so, denn die Protagonistin läuft sich nach einem schweren Schicksalsschlag zurück ins Leben und man folgt dabei ihrem Gedankenstrom voller Assoziationen und Rückblicke. Hätte ich das im Vorfeld gewusst, hätte ich mich vielleicht vor endlos mäandernden Gedanken mit vielen Kommas und kaum vorhandenen Punkten gefürchtet, so konnte ich mich jedoch von dem Einfühlungsvermögen der Autorin gänzlich unvoreingenommen gefangen nehmen lassen und ihre Protagonistin als eine Frau erleben, die nach langer Zeit der Trauer wieder Mut fasst und ihren Lebenshunger und Humor zurückgewinnt. Ein echtes Highlight!

Erst schafft sie nur kleine Strecken, doch nach und nach werden Laufen und Leben wieder selbstverständlicher. Ich fühlte mich bei den authentischen Beschreibungen zurückversetzt in die Zeit, als ich selbst mit dem Laufen anfing. Dennoch ist dies kein Ratgeber, der einen zum Laufen bekehren möchte. Vielmehr lässt einen die Ich-Erzählerin an den Höhen und Tiefen teilhaben, die sie während dieses Sports erlebt. Schnell wird klar, dass es nicht nur um ein gesünderes oder gar leichteres Leben geht. Schritt für Schritt erobert sich die Erzählerin die Souveränität über ihr Leben zurück. Denn ihr Lebenspartner ist vor einem Jahr gestorben und sie weiß nicht wohin mit ihrer Trauer. Sie läuft sich die Grübelei weg. Ihre Gedanken beim Laufen sind sprunghaft. Es geht ums Seitenstechen, ums Wetter, die schrecklichen Schwiegereltern und immer auch um den Partner, den sie im Roman mit „Du“ anspricht und ihr Leben, das sie ohne ihn neu organisieren muss.

Je länger sie läuft, desto genauer wird das Bild dieser Frau und ihres Lebens. Sie ist Musikerin, ihr Partner war Automechaniker und kämpfte seit Jahren gegen Depressionen. Sein Tod war ein Selbstmord. Sie bleibt zurück und muss mit ihrem Wust an Gefühlen zurecht kommen. Da sind viel Trauer, Wut, Verständnislosigkeit, Selbstvorwürfe aber auch Lebensfreude, Liebevolles und Humor, ganz wunderbar auch stimmlich eingefangen und betont von Johanna Wokalek, die das Hörbuch eingesprochen und der Protagonistin die richtige Klangfarbe verliehen hat. Isabel Bogdan schenkt ihrer Protagonistin den Lauf zurück ins Leben. Und den Lesern und Hörern einen Roman darüber, wie es ist als Angehöriger mit einem depressiven Menschen zusammen zu leben und nach dessen Suizid voller Schmerz und Fassungslosigkeit zurück zu bleiben.

Aber trotz ernster Thematik ist „Laufen“ kein deprimierender Roman, sondern eher ein Plädoyer fürs Leben – ganz ohne Kitsch oder gute Ratschläge. Dafür aber mit herzlicher Ruppigkeit. Sehr empfehlenswert!

-> Zur Hörprobe [Werbung]



Isabel Bogdan
Laufen
Sprecher: Johanna Wokalek
Spieldauer: 4 Stunden 48 Minuten
Ungekürztes Hörbuch
Preis: 19,95(4 CDs im Digifile)
Erscheinungsdatum: 12.09.2019
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Hörbuch

BUCHweltreisebericht Juni + 3.Quartal 2018

testDas Ziel der BUCHweltreise ist es, über möglichst viele Länder der Welt Bücher zu lesen. Die Liste der Mitreisenden ansehen oder sich zum Mitmachen anmelden (jederzeit möglich) kann man HIER.

Zunächst ein kleiner Rückblick: Im Monat Mai las sich Myriade für die  BUCHweltreise nach Saudi Arabien und nach Trinidad. Genaueres erfahrt ihr hier. Wer mehr möchte, der kann sich auch alle bisherigen Reiseberichte anschauen.

Bei mir und auch einigen anderen Lesereisenden geriet die BUCHweltreise ein wenig ins Stocken. Da von vornherein feststand, dass jeder entspannt in seinem eigenen Tempo reisen sollte, ist das auch gar kein Problem. Manchmal sieht das Leben oder auch die Leselaune anderes für einen vor und dann muss halt die BUCHweltreise einfach warten. Ich habe noch viele passende Bücher in meinem Regal und auch meine Bücherwunschliste hat noch genug zu bieten, so dass ich auch in den nächsten Jahren lesetechnisch in der Welt unterwegs sein kann.

Einzig der monatliche BUCHweltreisebericht lohnt sich derzeit nicht so richtig, weshalb ich diesen künftig nur noch quartalsweise erstellen und veröffentlichen möchte. Ich hoffe, das findet eure Zustimmung? Oder möchtet ihr vielleicht sogar lieber von diesem Projekt losgekoppelt weiterreisen, sodass der BUCHweltreisebericht künftig ganz entfallen könnte und jeder für sich allein entscheidet, ob er etwas in der Art auf seinem Blog veröffentlichen möchte? Ich bin offen für eure Vorschläge, habe aber zunächst alles in gewohnter Weise vorbereitet 🙂


BUCHweltreisebericht Juni + 3.Quartal 2018:

Mexico.svg 05.06.2018: Mexiko: Stefan (querdurchdenalltag.com) mit
Born to Run – Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt von Christopher McDougall

flag_of_switzerland_within_2to3-svg06.06.2018: Schweiz: Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) mit Alle Farben des Schnees von Angelika Overath

Poland.svg 11.06.2018: Polen: Daniela (Livricieux) mit
Der Boxer von Szczepan Twardoch

28px-Flag_of_North_Korea.svg 30.06.2018: Nordkorea: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Unterwegs in Nordkorea von Rüdiger Frank

28px-Flag_of_North_Korea.svg 05.07.2018: Nordkorea: Stefan (querdurchdenalltag.com) mit
Flucht aus Lager 14 von Blaine Harden

Maldives.svg 21.07.2018: Malediven: Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) mit Jenseits aller Grenzen von Erich Follath

Iceland.svg 03.08.2018: Island: Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) mit Tödliche Intrige von Arnaldur Indridason

Flag_of_Denmark.svg 04.08.2018: Dänemark: Stefan (querdurchdenalltag.com) mit
Das falsche Gesicht von Anna Grue

flag_of_the_united_states-svg 30.08.2018: USA: Daniela (Livricieux) mit
Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara

Flag_of_Russia.svg 12.09.2018: Russland: Veronika (vro jongliert) mit
Katharina von Nina Blazon

28px-Flag_of_the_Czech_Republic.svg 13.09.2018: Tschechien: Stefan (querdurchdenalltag.com) mit
Die schwarze Dame von Andreas Gruber