Begeisterung²

„Du möchtest wissen, worüber Du schreiben sollst. Du hast Angst, dass, was immer Du schreibst, trivial sein wird oder nur eine Variation von etwas, das bereits gesagt wurde. Aber vergiss nicht, es gibt mindestens ein Buch in dir, das nur Du schreiben kannst. Mein Rat ist, tief zu graben und es zu finden.“
(„Der Freund“ von Sigrid Nunez, S. 150)

25_Der Freund

Und so schreibe ich zwar kein Buch, aber ich schreibe einen kleinen Text über einen Roman, auf den ich im vergangenen Monat bei Spotify als Hörbuch stieß. Es handelt sich um „Der Freund“ von Sigrid Nunez, eine Geschichte, die mich vollends begeistern konnte.

Und doch ist das Hörbuchhören, so sehr ich es auch mag, für mich nicht mit dem Lesen zu vergleichen. Ich wollte dieses Buch noch einmal ganz in Ruhe erfahren und mir den einen oder anderen Satz dabei genüsslich auf der Zunge zergehen lassen. Gemütlich Einblicke in die Welt der Lesenden, der Schreibenden, der Tierliebenden und sogar der Selbstmörder erhalten. Ich wollte Sätze markieren und innehalten, Sätze nochmal lesen und nochmal lesen, Sätze überdenken und nochmal lesen. In Sätzen baden.

Also kaufte ich mir das Buch und tat, wonach mir war. Und jetzt, wo ich den Roman erneut beendet habe, hätte ich größte Lust, ihn wieder von vorne zu beginnen. So fühlt sich ein echtes Lesehighlight an. Ein schönes Gefühl.

„Man bedenke, wie riskant es ist, ein Buch noch einmal zu lesen, vor allem, wenn man es geliebt hat. Es besteht immer die Chance, dass es nicht mehr standhält, dass man es aus irgendeinem Grund nicht mehr so liebt.“
(„Der Freund“ von Sigrid Nunez, S. 90)

Ich denke, ich werde dieses Risiko eingehen und bis zum nächsten Lesen dieses Buch wie einen kleinen Schatz in meinem Bücherregal behüten.

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Der Freund
Sigrid Nunez
Aus dem Englischen von Anette Grube
Original: The Friend
Gebunden mit Schutzumschlag, 235 Seiten
ISBN: 978-3-351-03486-3
Preis: 20,00 €  / 20,60 € (A)
Verlag: aufbau
Erschienen: 21.01.2020

Die Farbe von Milch – Nell Leyshon

Ein Leseerlebnis der besonderen Art ist „Die Farbe von Milch“ von Nell Leyshon. Am auffälligsten ist die einzigartige Erzählstimme, mit der dieses Buch seine Geschichte preisgibt. Denn hier erzählt, oder besser gesagt, schreibt die fünfzehnjährige Mary im Jahr 1831 zurückblickend ihr bisheriges Leben in der Ich-Form nieder. Denn obwohl sie mit ihren drei Schwestern auf dem Bauernhof ihrer Eltern groß wurde, wo ihr Leben von Lieblosigkeit, ihrem grausamen unberechenbaren Vater und harter Arbeit, statt Schule geprägt war, hat sie doch lesen und schreiben gelernt, als sie im Haushalt des Dorfpfarrers leben und dessen Ehefrau pflegen musste.

09_Die Farbe von Milch

Die Sprache des Buches ist so einfach, wie Mary selbst und während man sich beim lesen anfangs noch fragt, wie man diesen simplen Schreibstil ertragen soll, der einer teilweise kindlich aufgeregten Aneinanderreihung von Sätzen gleicht, zwar als Satzzeichen den Punkt kennt, aber fast gänzlich ohne Kommata auskommt, lernt man Mary kennen und lässt sich allmählich in die Handlung des Buches hineinziehen.

So schlicht und klar der Erzählstil ist, so ehrlich, direkt und ungebildet, aber nicht dumm erlebt man Mary. Gleichzeitig wächst einem dieses junge Mädchen, dem viel Ungerechtigkeit widerfährt, das aber darüber nicht jammert sondern damit zu leben lernt, in all seiner Direktheit und Ruppigkeit irgendwie ans Herz. Man spürt zwischen den Zeilen die Gefühle, für die Mary die Worte fehlen. Immer wieder hält sie in ihrem Bericht inne, weil sie diese Erzählpausen braucht und richtet das Wort direkt an den Leser, bittet um Bestätigung und bittet leise und eher flehend darum, ihr zu glauben.

Während man sich noch fragt, was Mary eigentlich passiert ist und wovon sie so dringend erzählen möchte, nimmt die Geschichte langsam ihren Lauf. Selbst wenn man bereits ahnt, in welche Richtung sich die Handlung entwickelt, nachdem die Frau des Pfarrers gestorben ist, er die andere Hausangestellte entlassen hat und fortan mit Mary allein im Haus ist, wird die Geschichte nicht langweilig, sondern bleibt in ihrer besonderen Art ungewöhnlich bis zum Schluss. Das Ende ließ mich schockiert, aber zutiefst beeindruckt zurück.

In diesen knapp 208 Seiten werden Schreibstil und Charakter der Protagonistin in einer Art wiedergegeben und miteinander verwoben, sodass eine sehr authentische Gesamtheit und Atmosphäre beim lesen entsteht, die mir in dieser Form bisher in der Literatur noch nicht begegnet ist. Trotz einfacher Sprache, ist dieses Buch stellenweise poetisch, sehr berührend und intensiv. „Die Farbe von Milch“ ist ein erdrückender, aber faszinierender Roman, den ich kaum aus der Hand legen mochte – ein echtes Lesehighlight, das ich sehr empfehlen kann!



Nell Leyshon
Die Farbe von Milch [Werbung]
Aus dem Englischen von Wibke Kuhn
Originaltitel: The colour of milk, Fig Tree 2013
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 208 Seiten
ISBN: 978-3-96161-000-6
€ 18,00 (D) | € 18,50 (A)
Verlag: Eisele
Erschienen:  22.09.2017

Das Buch wurde mir freundlicherweise als eBook vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.