Loyalitäten – Delphine de Vigan

Von Delphine de Vigan las ich bereits „Das Lächeln meiner Mutter“ und war auch zutiefst beeindruckt von „Nach einer wahren Geschichte“, das wundervoll mit der Schauspielerin Martina Gedeck als Hörbuch vertont wurde. Beides waren besondere Geschichten, die mir nicht zuletzt durch ihre eindringliche Erzählweise positiv in Erinnerung blieben. So war ich auch neugierig, als ich von Delphine de Vigans neustem Buch „Loyalitäten“ erfuhr, das von einem zwölfjährigen Jungen handelt, der mit seinem Leben überfordert ist und dem Alkohol verfällt. Ich war ein wenig skeptisch, weil diese Geschichte auf nur 176 Seiten erzählt wird, kann aber an dieser Stelle bereits verraten, dass diese Bedenken unbegründet waren.

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Gleich mit den ersten Sätzen ist man inmitten dieser Geschichte und erfährt, wie die Lehrerin Hélène Veränderungen an ihrem zwölfjährigen Schüler Théo wahrnimmt. Und auch die Mutter seines besten Freundes, die wir ebenfalls aus der Ich-Perspektive erleben, beobachtet ihn mit Misstrauen. Théo und Mathis hingegen begegnen wir durch einen allwissenden Erzähler, der sehr tiefe Einblicke in die Charaktere und die Lebensumstände gewährt und einen gleichzeitig in die Rolle des erwachsenen Beobachters versetzt. In kurzen Kapiteln, die einen nicht mehr los lassen, eröffnet sich nach und nach das ganze Ausmaß der Tragödie:

„Eines Tages möchte er gern das Bewusstsein verlieren, völlig. Sich für ein paar Stunden oder für immer in das dicke Gewebe der Trunkenheit fallen, sich davon bedecken, begraben lassen, er weiß, das so etwas vorkommt.“ (S. 14)

Beim Lesen fühlt man mit, kann nachvollziehen, verurteilt einerseits, verurteilt andererseits aber auch nicht. Die Beziehungen und Verstrickungen sind komplex und keinesfalls einfach, aber auch nicht ungewöhnlich und fast schon gefährlich nah an der möglichen Realität, von der man jedoch ahnt, dass sie das ein oder andere Kind bereits eingeholt hat. Das macht traurig und wütend. Dabei möchte man eigentlich eher Aufschreien und den Protagonisten bei der Hand nehmen, um ihn aus seinem Loyalitätskäfig herauszureißen und in die Freiheit zu führen.

„Ich weiß, dass Kinder ihre Eltern schützen und dass dieser Pakt des Stillschweigens sie manchmal sogar das Leben kostet. Heute weiß ich etwas, das andere nicht wissen. Und ich darf die Augen vor nichts verschließen.“ (S. 134)

Das Buch baut eine Spannung auf, die sich nicht mit dem Ende entlädt, sondern mich nach der letzten Seite zurückblättern ließ, weil ich mich über den Ausgang der Geschichte vergewissern musste. Und nach dem Zuklappen des Buches war diese Geschichte noch nicht zuende, sondern fing eigentlich erst an – aber dieses Mal nur in meinem Kopf, wo sie noch lange nachwirkte. Ein bewegendes Buch, das ich sehr empfehlen kann.

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Delphine de Vigan
Loyalitäten
Roman
Aus dem Französischen von Doris Heinemann
Originalverlag: J C Lattès, 2018, Originaltitel: ›Les loyautés‹
gebunden mit Lesebändchen, 176 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8359-2
Preis: 20,00 €
Verlag: Dumont
Erschienen:  17.09.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer August

Im Lesemonat August beschäftigte ich mich kritisch mit Social Media, erlas mir bei glühender Hitze den ersehnten Schnee und belauschte absurde Gespräche.

Bücherwelten – manchmal blass und manchmal erfrischend.

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Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst von Jaron Lanier 
Wer sich damit auseinandersetzen möchte, warum er seine Social-Media Accounts wenn vielleicht nicht gleich löschen, aber unbedingt kritisch im Auge behalten sollte, der kann sich dieses Buch mal anschauen. Das Thema bleibt unbefriedigend.

Flugschnee von Birgit Müller-Wieland 
Ein schöner Schreibstil, aber die Geschichte konnte mich letztlich dennoch nicht begeistern.

Gespräche auf einem absurden Planeten von Emil Horowitz 
Es gibt einiges zum Schmunzeln und zum Nachdenken, aber auch die ein oder andere Überraschung bezüglich der ausgewählten Szenerie ist dabei und sorgt dafür, dass man gerne weiter liest, selbst wenn die kurzen Geschichten nicht alle gleich gut gefielen.

erLESENer Mai

Im Mai begrüßte mich Desfred mit „Gesegnet sei die Frucht!“, erlebte ich die manisch-depressive Entwicklung von Myrthe, lernte die Autorin Margaret Atwood etwas besser kennen und wurde von Frank Schätzings neuem Roman enttäuscht.

Bücherwelten – manchmal einfach großartig und manchmal nur übelstes Popcorn-Kino.

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Der Report der Magd von Margaret Atwood
highlight_des_monatsjpgEs handelt sich bei diesem Buch zwar um Fiktion, aber es scheint so unfassbar einfach zu sein, Frauen schnell und effektiv sämtlicher Rechte zu berauben, um sie in die gewünschten Bahnen zu lenken. Berührend, skurril und gleichzeitig sehr erschreckend. Für mich ein Lesehighlight!

Heiter bis wolkig von Myrthe van der Meer
Als manisch-depressiv erkrankter Mensch kann man sich in manchem wiedererkennen und fühlt sich an die durchwachsenen, vor allem aber auch an die positiven Aspekte der Klinikzeit zurückerinnert. Wer sich in diese Thematik hineinlesen möchte, dem sei dieses Buch, das einen ein ums andere Mal schmunzeln lässt, unbedingt empfohlen!

Aus Neugier und Leidenschaft von Margaret Atwood 
So sehr mich manches in diesem Buch zu begeistern wusste, muss ich doch gestehen, dass mich auch einiges langweilte, was allerdings bei der Vielfalt der unterschiedlichen Texte nicht ungewöhnlich ist.  Aber ich bin mir dennoch fast sicher, dass Margaret-Atwood-Fans dieses Buch gefallen könnte.

Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing 
Obwohl ich das Thema „Künstliche Intelligenz“ sehr interessant fand, war der große Rest dieses Hörbuchs für mich insgesamt eine große Enttäuschung, was allerdings nicht an dem Sprecher lag, der vermutlich dafür sorgte, dass ich doch noch bis zum Schluss drangeblieben bin und das Hörbuch nicht vorzeitig abbrach.

erLESENer April

Im April musste ich hilflos kindermordenden Psychopathinnen ‚zusehen‘, durchlebte das Medienspektakel um ein Big-Brother-Konzentrationslager, erlebte einen Kriminalfall in einer Werkstatt für Menschen mit psychischer Behinderung und lernte Lisbeth Salander noch ein bisschen besser kennen.

Bücherwelten – manchmal unerträglich intensiv…
…und doch: Würde ich sie anders wollen, läse ich vermutlich anderes.

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Psychopathinnen von Lydia Benecke
Dieses Buch hat mir meine Grenzen aufgezeigt. Ich kann vieles von dem, was Kindern zustoßen kann, nicht ertragen und will es eigentlich nicht mal wissen. Aber es war andererseits hochinteressant, die Fälle der Psychopathinnen so intensiv psychologisch beleuchtet und zu einander in Bezug gesetzt zu lesen.

Reality-Show von Amélie Nothomb
Eine bitterböse Satire über die grausame Lust am Spektakel und Voyeurismus bei Publikum und Medien, bei der auch die Zuschauer in ihrer sensationslüsternen Verlogenheit fein beobachtet sind.

Dir werd ich helfen von Cornelia Schmitz
Gewährt interessante Einblicke in die Arbeit der Werkstätten für Menschen mit psychischer Behinderung, konnte mich aber als Krimi nicht überzeugen.

Verdammnis von Stieg Larsson 
Der spannende zweite Teil der Millenium-Trilogie, von der ich auch unbedingt den dritten Teil als Hörbuch genießen werde.

Bestseller – Jörg Magenau

Jeder Leser weiß es: Ein Platz auf der Bestsellerliste ist kein Qualitätsmerkmal für ein Buch. Auch wenn mancher verächtlich auf den sich dort widerspiegelnden Mainstream schaut, sind auch immer wieder wahre Schätze darunter zu finden, bei denen es nicht verwundert, dass viele Leser genau diese Bücher mögen. Bei anderen Verkaufsschlagern hingegen möchte man es gern wie Denis Scheck halten und sie ins Nirwana befördern. Als ich kürzlich entdeckte, dass Jörg Magenau in seinem Buch Bestseller genauer unter die Lupe nimmt, stand für mich fest, dass ich es unbedingt lesen muss.

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Ich war gespannt, was mich zu diesem Thema erwarten würde und wie der 1961 geborene Jörg Magenau, Literaturkritiker und Sachbuchautor, es behandelt. Vorab sei so viel verraten: Ich bin begeistert.

In den ersten Kapiteln geht es um Allgemeines rund ums Lesen und den Leser, was jedoch schon recht bald zum Buch, dem Bestseller, den Bestsellerlisten und dem Buchmarkt hinführt. Dabei erfährt man nicht nur interessante Fakten, sondern es macht auch Freude sich mit den teils philosophischen Gedanken zu beschäftigen.

„Wer sind wir, wenn wir lesen? Was passiert mit uns, wenn wir langsam, noch zögernd, in die erste Zeile gleiten, welcher Film läuft ab, wenn wir kopfüber in den Text stürzen?“ (S. 27)

Als jemand, zu dessen liebsten Hobbys das Lesen gehört, fühlte ich mich verstanden und in den Leserkreis aufgenommen, zu dem sich auch der Autor zählt, der dieses Buch in der „Wir-Form“ verfasst hat. Und so habe ich in dieser Atmosphäre gern im imaginären Lesesessel gegenüber platzgenommen und mir von Jörg Magenau erzählen lassen, was er zum Thema Bestseller herausgefunden hat.

„Bei jedem einzelnen Erfolgstitel gilt es zu unterscheiden, ob es sich beim ausgelösten Massenzuspruch um einen Fall von Schwarmintelligenz handelt, um überraschende Übereinstimmung oder bloß um ein Beispiel dafür, dass der Teufel halt immer auf den größten Haufen scheißt.“ (S. 35)

In den Bestsellerregalen von 1945 bis heute fahndet er danach, was diese Bücher über uns Leser verraten. Er geht dabei nicht chronologisch vor, sondern untersucht Bestseller und -listen nach bestimmten Themen und unterschiedlichen Betrachtungsweisen und setzt dies in einen geschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang. Denn Bestseller sind mehr als erfolgreiche Bücher – sie sind Spiegel ihrer Zeit. Die Gedankengänge hierzu sind interessant und nachvollziehbar, aber es gibt auch die ein oder andere Verknüpfung zwischen Buch und Zeitgeist, die mir zu gewollt erscheint.

Ein schöner Nebeneffekt dieses Buches ist, dass ich mich beim Lesen auf eine Art Zeitreise begab und dabei Buchtiteln begegnete, die erst im vergangenen Jahr erschienen sind, die ich in meinen 50 Lebensjahren bereits gelesen, von denen ich zumindest gehört habe oder die bei meinen Eltern und Großeltern im Bücherschrank standen und schon für Gesprächsstoff sorgten. Es ist ein bisschen wie nach Hause kommen und guten alten Bekannten zu begegnen. Bei so manchem erwähnten Titel, der dabei angesprochen, kurz zusammengefasst und womöglich leicht ironisch oder mit einem sympathischen Augenzwinkern von Jörg Magenau in Relation gesetzt wird, bekommt man gleich Lust darauf, ihn nochmal oder endlich zu lesen. Hierbei kann natürlich auch die chronologische Auflistung aller erwähnten Bücher hilfreich sein, die sich neben den zahlreichen Anmerkungen zu den Endnoten am Schluss des Buches befindet.

Wer gerne vom Lesen liest und Bücher über Bücher liebt, der könnte an „Bestseller“ von Jörg Magenau seine Freude haben.

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Jörg Magenau
Bestseller
Pappband mit Schutzumschlag, 288 Seiten
ISBN: 978-3-455-50379-1
€ 22,00 [D]
Verlag: Hoffmann und Campe
Erschienen:  20.02.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.