Wuhan Diary . Tagebuch aus einer gesperrten Stadt – Fang Fang

Auch wenn das Coronavirus die Jahreszahl 19 in der offiziellen Bezeichnung trägt, so ist doch 2020 das Jahr, welches maßgeblich davon bestimmt ist. Gefühlt verging bisher kein Tag, an dem man das Virus hätte vergessen können. Wohltuend, sich mit Büchern in andere Welten oder Aufgabenstellungen zu flüchten, aber als ich auf Fang Fang’s „Wuhan Diary“ aufmerksam wurde, hatte ich doch das Bedürfnis mich auch lesend mit Corona zu beschäftigen, um so eine andere Sichtweise und ein anderes Erleben im Umgang mit dem Virus kennen zu lernen – in dem Land, wo alles anfing.

„Beim Ausbruch der Epidemie, von der anfänglichen Ausbreitung bis zur jetzigen Explosion, haben wir die Situation zuerst falsch eingeschätzt, dann verschleppt und schließlich falsch gehandelt. Wir haben es versäumt, dem Virus zuvorzukommen, und rennen seither ständig hinter ihm her. Dafür zahlen wir einen enorm hohen Preis.“ (Fang Fang)

Erstmals in der Geschichte wurde eine Stadt mit neun Millionen Einwohnern für den Zeitraum von 76 Tagen komplett von der Außenwelt abgeriegelt. Vom 25. Januar bis zum 24. März 2020 führte die berühmte chinesische Schriftstellerin Fang Fang ein Online-Tagebuch aus ihrer Heimatstadt Wuhan. Eingeschlossen in ihrer Wohnung berichtet sie vom Hereinbrechen und dem Verlauf einer Katastrophe, von den Versäumnissen der ersten 20 Tage, der Unterdrückung warnender Stimmen, aber auch von den wirkungsvollen Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Coronavirus, den vielen freiwilligen Helfern und der großen Solidarität.

Fang Fang liefert einen unverstellten Blick auf die Katastrophe ‚von unten‘, ganz nah an den Menschen, ihren Ängsten und Nöten. Sie erzählt von der Einsamkeit, dem heroischen Kampf des Personals in den Krankenhäusern, vom Leid der Erkrankten, dem Schmerz der Angehörigen und der Solidarität unter Nachbarn. Millionen Chinesen folgten ihrem Blog – und teilen ihren Zorn über die Untätigkeit und Vertuschungsmanöver der Behörden während der Anfangsphase der Covid-19-Pandemie.

‚Wuhan Diary‘ ist ein leidenschaftliches Tagebuch voller Wärme, Mitgefühl und Zorn, das Online in China über 100 Millionen Leser fand. Aber man lernt dabei auch die andere Seite Chinas kennen, denn zugleich werden immer wieder ihre Beiträge aus dem Netz genommen, Fang Fang wird auf massive und entwürdigende Weise angegriffen, sie erhält sogar Morddrohungen. In dem Buch haben nun ihre Beiträge einen dauerhaften Platz gefunden und berühren die sensible Frage, wie der Umgang Chinas mit dem Ausbruch des Coronavirus zu bewerten ist.

Fang Fang gibt ihrer Wut und Trauer Raum in ihren Beiträgen und verzichtet bewusst auf besonderen literarischen Ausdruck. Das macht sie zu einer Bloggerin mit einer Stimme von nebenan, die ihren Gefühlen und Eindrücken freien Lauf lässt, die sich in ihrer Entrüstung auch mehrfach wiederholt, weil die Geschehnisse sie berühren und einfach nicht loslassen. Dennoch ist sie auf gewisse Weise privilegiert, denn sie verfügt über Kontakte, die sie von ‚vorderster Front‘ informieren. Auf ihre Weise fachsimpelt sie jedoch und findet manchmal auch Lösungen, von denen man als Außenstehender ahnt, dass diese nur am virtuellen Stammtisch gedacht, insgesamt aber nicht praktikabel sind. So wirken Fang Fangs Beiträge manchmal gut strukturiert, durchdacht und sind informativ, gelegentlich sind sie jedoch auch ein wenig wirr und getrieben von Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit, gewürzt mit einer gehörigen Prise Kämpfergeist, der sie trotz aller Repressalien ihr Online-Tagebuch weiterführen lässt.

Das „Wuhan Diary“ ist kein Buch, das sich leicht weglesen lässt, dazu geht die Thematik einfach zu nah. Beim Lesen werden einem die zahlreichen Todesopfer bewusst, die das Virus gefordert hat und im nach hinein lassen sich deutliche Fehler im Umgang damit erkennen. Doch der im Anhang in Kurzform geschilderte Verlauf der Coronapandemie macht deutlich, dass auch in Deutschland das Virus zu Beginn unterschätzt wurde und es zu Fehlentscheidungen kam. Es wäre wünschenswert, wenn aus den bisherigen Geschehnissen und Entscheidungen gelernt würde – weltweit und gemeinsam…

-> Zur Leseprobe [Werbung]

Fang Fang
Wuhan Diary – Tagebuch aus einer gesperrten Stadt
Übersetzung: Michael Kahn-Ackermann
Pappband mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN: 978-3-455-01039-8
Preis: € (D) 19,99
Verlag: Hoffmann und Campe
Erschienen: 30.05.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Mit Stauen und Zittern – Amélie Nothomb

Vor einiger Zeit erwarb ich gebraucht einen kleinen Stapel Taschenbücher von Amélie Nothomb. Was ich bisher von ihr las, war kurzweilig, überraschend und auf seine Weise besonders. So etwas erhoffte ich mir auch von „Mit Staunen und Zittern“, das ich mehr oder weniger blind aus diesem kleinen Bücherstapel herausgriff. Ich wurde nicht enttäuscht.

Amélie Nothomb verbrachte als Tochter des belgischen Diplomaten Baron Patrick Nothomb ihre ersten fünf Lebensjahre in Japan. Nach weiteren durch den Beruf des Vaters bedingten langjährigen Aufenthalten in China, New York, Burma und Laos kam sie im Alter von 17 Jahren erstmals nach Europa. Sie studierte Romanistik an der Université Libre de Bruxelles. Nach dem Abschluss kehrte sie nach Tokio zurück und arbeitete in einem Großunternehmen. Die Erfahrungen dieser Zeit dienten ihr später als Grundlage für ihren Roman „Mit Staunen und Zittern“. Für das bereits 1999 erschienene Werk erhielt die Autorin den „Grand Prix du Roman“ der Académie française. Im Jahr 2000 erschien im Diogenes Verlag eine Übersetzung ins Deutsche von Wolfgang Krege. 2003 erfolgte eine Verfilmung des Romans durch den Regisseur Alain Corneau. Die Komödie entstand als französisch-japanische Koproduktion.

In diesem Roman erhält die Europäerin Amélie, die ihre Kindheit in Japan verbracht hat, eine Anstellung in einem großen japanischen Unternehmen. Sie wird jedoch von den ihr zugewiesenen Aufgaben nicht ausgefüllt. Ihr nach japanischen Maßstäben unorthodoxes Verhalten führt, nach einem Intrigenspiel ihrer Vorgesetzten, zu Amélies „Degradierung“ zur Toilettenfrau. Andere Angestellte des Unternehmens solidarisieren sich jedoch mit ihr, und sie lernt, die gegen sie gerichteten Bösartigkeiten mit Humor zu durchbrechen.

Es handelt sich um übles Mobbing, allerdings auf japanische Art, von dem man sich fragt, wie die Protagonistin dies aushält. Aber sie schafft es und gleichzeitig erfährt man von gesellschaftlichen und kulturellen Zwängen sowie firmeninternen Strukturen in denen die Menschen so sehr gefangen sind, dass sie sich kaum herauswinden können. Über einiges stolperte ich bereits in anderen Büchern, so dass mir beim Lesen dessen, was die Autorin hier humorvoll und überspitzt darstellt, das Lachen eher im Halse stecken blieb. Denn genaugenommen sind die Täter in diesem Roman auch nur Opfer und glücklich kann sich schätzen, wer über den Dingen stehen kann, weil er sich von Erfolgsdruck frei machen kann und die Möglichkeit hat, andere Wege zu gehen. Eine bitterböse Japan-Satire, deren autobiographischer Touch beim Lesen unweigerlich die Frage aufwirft, was davon die Autorin tatsächlich erduldet hat.

-> Zur Leseprobe [Werbung]

Amélie Nothomb
Mit Staunen und Zittern
Original: Stupeur et tremblements
Aus dem Französischen von Wolfgang Krege
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3257233254
Preis: € (D) 11,00
Verlag: Diogenes
Erschienen: 28.06.2002

Die Vegetarierin – Han Kang

Han Kang ist die wichtigste literarische Stimme Koreas. 1993 debütierte sie als Dichterin, seitdem erschienen zahlreiche Romane. Seit sie für „Die Vegetarierin“ gemeinsam mit ihrer Übersetzerin 2016 den Man Booker International Prize erhielt, haben ihre Bücher auch international großen Erfolg. Auch der Roman „Weiß“, der in der kommenden Woche in deutschsprachiger Version veröffentlicht wird, war für den Booker Prize nominiert, „Menschenwerk“ erhielt den renommierten italienischen Malaparte-Preis, zuletzt erschien bei Aufbau »Deine kalten Hände«. Derzeit lehrt sie kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul.

Ich selbst las vor einiger Zeit von Han Kang „Menschenwerk“ und war beeindruckt. Von dieser Autorin wollte ich unbedingt mehr lesen und doch griff ich erst jetzt zu dem davor veröffentlichten Roman „Die Vegetarierin“. Ein ganz anderes aber nicht weniger eindringliches Werk dieser Autorin, das ich bei Spotify als Hörbuch entdeckte. Gesprochen wird es von Rike Schmid, Thomas Loibl und Devid Striesow – und ließ mich schon nach kurzer Zeit nicht mehr los.

31_Die Vegetarierin

Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist – bis sie eines Tages beschließt, kein Fleisch mehr zu essen.

„Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie für nichts Besonderes. Bei unserer ersten Begegnung fand ich sie nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.“

Yeong-Hye und ihr Ehemann sind ganz gewöhnliche Leute. Er geht beflissen seinem Bürojob nach und hegt keinerlei Ambitionen. Sie ist eine zwar leidenschaftslose, aber pflichtbewusste Hausfrau. Die angenehme Eintönigkeit ihrer Ehe wird jäh gefährdet, als Yeong-Hye beschließt, sich fortan ausschließlich vegetarisch zu ernähren und alle tierischen Produkte aus dem Haushalt entfernt. „Ich hatte einen Traum“, so ihre einzige Erklärung. Ein kleiner Akt der Unabhängigkeit, aber ein fataler, denn in einem Land wie Südkorea, in dem strenge soziale Normen herrschen, gilt der Vegetarismus als ablehnenswerte Aufruhr. Doch damit nicht genug. Bald nimmt Yeong-Hyes passive Rebellion immer groteskere Ausmaße an. Sie, die niemals gerne einen BH getragen hat, fängt an, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen und von einem Leben als Pflanze zu träumen. Bis sich ihre gesamte Familie gegen sie wendet.

Die Vegetarierin ist eine kafkaeske Geschichte in drei Akten über Scham und Begierde, Macht und Obsession sowie unsere zum Scheitern verurteilten Versuche, den Anderen zu verstehen, der ja doch, wie man selbst, Gefangener im eigenen Leib ist.

Soweit der Klappentext, dem ich nur beipflichten kann, allerdings würde man bei uns Yeong-Hye als Veganerin bezeichnen und es ist mehr als befremdlich, was dieser Frau im Laufe des Buches widerfährt, weil sie sich gegen tierische Produkte wehrt. Doch es geht in dieser Geschichte nicht darum die Leser zu einer Ernährungsform zu bekehren, sondern vielmehr sind es die gesellschaftlichen südkoreanischen Konventionen, die es der jungen Frau unmöglich machen wie bisher weiterzuleben. So erkämpft sie sich still und leise, aber nichtsdestotrotz vehement durch ihre ganz persönlich getroffene Entscheidung ein Stück Selbstkontrolle.

Doch es ist nicht der Roman einer Heldin, der man nacheifern möchte, sondern einer lethargisch wirkenden jungen Frau, die Gesellschaft und Erziehung krank gemacht haben und die nun in ihrer Verzweiflung gefangen ist. Eine tragische und hypnotische Geschichte, die manchmal doch ein wenig mit Hoffnung anfüttert, jedoch nicht darüber hinwegtäuscht, wie stark gesellschaftliche Zwänge und Erwartungshaltungen sind. Ein Buch, das wütend und traurig darüber macht, wie Menschen darin miteinander umgehen. Außerdem wird eine Szene von Tierquälerei geschildert, die ich so unerträglich fand, das ich fast nicht weiterlesen, beziehungsweise hören mochte. Das alles macht „Die Vegetarierin“ zu einem intensiven Buch, da Geschildertes mit unseren westlichen Ansichten und Gepflogenheiten stark kollidiert. Empfehlenswert!

-> Zur Hörprobe [Werbung]



Han Kang
Die Vegetarierin
Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
Sprecher: Rike Schmid, Thomas Loibl, Devid Striesow
Spieldauer: 5 Stunden 51 Minuten
Ungekürzte Lesung
ISBN 978-3-8398-1560-1
Preis: 18,99 € 
Erscheinungsdatum: 08.12.2016
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Verlag

BUCHweltreisebericht: 3. + 4. Quartal 2020

testDas Ziel der BUCHweltreise ist es, über möglichst viele Länder der Welt Bücher zu lesen. Die Liste der Mitreisenden ansehen oder sich zum Mitmachen anmelden (jederzeit möglich) kann man HIER.

Vorab möchte ich auf den LiBeraturpreis hinweisen, der seit 2013 von Litprom vergeben wird. Der Publikumspreis zeichnet jährlich einen besonders beliebten Titel einer Autorin aus Afrika, Asien, Lateinamerika oder der Arabischen Welt aus. Derzeit läuft die Abstimmung, an der ihr gerne teilnehmen oder euch auch interessante Inspirationen für euer nächstes BUCHweltreiseziel holen könnt: LiBeraturpreis 2020.

Aber kommen wir nun zu unserem Rückblick: Unterwegs waren im vergangenen Quartal Stefan (querdurchdenalltag), Daniela (eat read live), Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) und Yvonne (umgeBUCHt). Wir lasen uns nach Dänemark, Deutschland, Indien, Island, Italien, Kenia, Kolumbien und Liechtenstein:

2020_2_BUCHweltreisebericht

Wer wohin mit welchem Buch gereist ist, erfahrt ihr hier. Wer noch mehr entdecken oder einfach nur stöbern möchte, der kann sich auch alle bisherigen Reiseberichte seit dem Start im Januar 2017 anschauen.


Und hier sollen nachfolgend alle Bücher der Teilnehmer gesammelt werden.

Bitte tragt dazu Land, Titel und Autor mitsamt Link zu eurem Beitrag (wenn ihr einen verfasst habt) in den Kommentaren ein oder verlinkt einfach auf diesen Beitrag, damit ich euch in die Liste aufnehmen und wir uns gegenseitig besuchen können.

Ich freue mich auf eure Reiseziele 🌍


BUCHweltreisebericht 3. + 4. Quartal 2020:

29.07.2020: Russland: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Klara vergessen von Isabelle Autissier

05.08.2020: Benin: Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) mit Barracoon von Zora Neale Hurston

13.08.2020: Südkorea: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Die Vegetarierin von Han Kang

23.08.2020: Japan: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Mit Staunen und Zittern von Amélie Nothomb

07.09.2020: China: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Wuhan Diary . Tagebuch aus einer gesperrten Stadt von Fang Fang

30.09.2020: USA: Daniela (read eat live) mit
Miracle Creek von Angie Kim

17.10.2020: Island: Daniela (read eat live) mit
Dunkel von Ragnar Jonasson

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

„Sie schwiegen und sahen sich an. Mit Blicken voller Hass und Unverständnis. Hätten sie mehr Augen gehabt, dann hätten sie sich auch mit Blicken voller Kummer und Bedauern angesehen. Aber was der Mensch tief in seinem Inneren fühlt, kommt selten an die Oberfläche.“ (S. 22)

Mike Altwicker hat in seinen Hier-und-Heute-Lesetipps vor einiger Zeit so von „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ geschwärmt, dass mich das Buch neugierig machte, obwohl es sich dabei offenkundig um eine Liebesgeschichte handelt. Zu Liebesromanen habe ich in den letzten Jahren nicht mehr gegriffen, da sie selten meinen Nerv treffen. Da ich allerdings bislang feststellen konnte, dass der mare Verlag mich schon oft mit besonderen Büchern begeistern konnte, habe ich es gewagt und dieses knapp 96 Seiten dünne Büchlein gelesen – ich wurde nicht enttäuscht.

20_Fünf Viertelstunden bis zum Meer

An dieser Stelle mag ich eigentlich nichts über die Geschichte erzählen, die der Klappentext dieses dünnen Buches beinahe vollständig verrät. Beim Lesen wusste ich also schon recht genau worum es bei dieser Geschichte geht und in welche Richtung sie sich entwickeln würde. Und doch habe ich mich über diesen Klappentext nicht geärgert, denn bei diesem Buch ist der Weg das Ziel. Schon mit der ersten Seite befindet man sich gleich mitten im Geschehen und blickt immer wieder auch in die Vergangenheit zurück. Die Beschreibungen sind bildhaft und verströmen mediterane Sinnlichkeit gewürzt mit italienischem Temperament.

„Dann wurde die Luft schmetterlingsleicht vor Süße. Aus den Knospen der beschnittenen Bäume wurden Blüten. Die Blüten waren teils vollkommen weiß, teils rosa mit weißen Streifen. Und der warme Wind von den Höhen blies Unruhe in alle Menschen.“ (S. 28)

Sie laden den Leser zum Schmökern und Abtauchen an. Und zum Träumen und Erinnern an die eigene erste großen Liebe, fernab von Enttäuschungen und weltlichem Realitätsabgleich. Ernest van der Kwast erzählt die Geschichte einer großen, unerfüllten Liebe, von kleinen Zufällen und großen Entscheidungen – zu der Zeit, als der Bikini erfunden wurde und sich allmählich seine Daseinsberechtigung eroberte. Über sechs Jahrzehnte sehnt sich Ezio nach seiner ersten großen Liebe Giovanna, bis endlich ein Brief von ihr eintrifft. Als Leser bleibt einem die Neugier auf den Ausgang dieser Geschichte bis zum Schluss erhalten. Überraschen kann das Ende letztlich zwar nicht, aber das muss es auch nicht. Vielmehr rundet es diese märchenhafte Liebesgeschichte gelungen ab, ohne ins Kitschige abzudriften.

Aber! Dieses Buch war eindeutig zu kurz, davon hätte ich gern mehr gelesen – was sicherlich für diesen Roman spricht 🙂

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Ernest van der Kwast
Fünf Viertelstunden bis zum Meer
Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
Original: Giovannas Novel
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 96 Seiten
ISBN: 978-3-86648-205-0
Preis:  10,00 [D] inkl. MwSt.
Verlag: mare Verlag
Erschienen: 10.02.2015

Der Anhalter – Gerwin van der Werf

Im Rahmen meiner BUCHweltreise ging es dieses Mal nach Island. Der nordische Inselstaat, dessen spektakuläre Landschaft durch Vulkane, Geysire, Thermalquellen, Lavafelder und riesige Gletscher geprägt ist, gehört schon lange zu den Orten dieser Welt, die ich gerne irgendwann persönlich kennen lernen möchte. So ergeht es auch Tiddo, Isa und ihrem Sohn Jonathan, die sich endlich den lang gehegten Traum erfüllen und mit dem Wohnmobil einen Roadtrip durch Island unternehmen. Doch während ich anfangs dank ansprechender Naturbeschreibungen noch dachte, dass ich die drei gerne bei ihrer Reise begleitet hätte, war ich mit Fortschreiten der Geschichte froh und dankbar, dass es nicht so war und ich mich stattdessen bequem im Lesesessel zurücklehnen und die Protagonisten aus der Ferne beobachten konnte.

13_Der Anhalter

Denn es ist keine glückliche Familie, die man hier auf ihrer Reise begleitet. Der jugendliche Jonathan leidet unter seinem Status als Sonderling in der Schule, Isa ist auf dem besten Weg in eine schwere Depression und Tiddo fehlt es an Selbstbewusstsein. Außerdem klammert er sich verzweifelt an die Hoffnung mit dieser Traumreise seine Ehe retten zu können. Es ist eine bedrückende Stagnation in der Familiensituation. Jeder ist in seiner Welt gefangen, ohne dass trotz der einzigartigen Umgebung Urlaubsstimmung aufkommen könnte. Weil sich daraus besondere Begegnungen und interessante Gespräche ergeben können, beschließen sie unterwegs einen Anhalter mitzunehmen. Die Familie lässt den Isländer immer näher an sich heran – und wird ihn irgendwann nicht mehr los.

Die Traumreise wird immer mehr zum Albtraum. Auch für mich als Leserin, denn ich erfahre diese Reise aus der Sicht des Ich-Erzählers Tiddo, der mir relativ schnell auf die Nerven geht und höchst unsympathisch daher kommt. Dass seine Frau einen angeseheneren Job hat und mehr Geld verdient als er, bereitet ihm Probleme und sorgt dafür, dass er sich minderwertig fühlt. Gleichzeitig versucht er sich aufzuwerten, indem er das Schlechte in allem in sucht und innerlich niedermacht. Er reagiert auf jede Anerkennung, sofern sie nicht ihm gilt neidisch und eifersüchtig. Es sind kleinliche Gedanken, denen es keinen Spaß macht zu folgen, die aber dafür sorgen, dass man als Leser ein Gespür für die Stimmung bekommt, die auf dieser Reise herrscht.

Doch Tiddo kann auch ganz anders sein, die wundervolle Landschaft um sich herum aufsaugen und seine Umgebung kritisch und durchaus unverklärt wahrnehmen.

„Wir gingen schweigend und konzentriert, und ich muss sagen – es war überwältigend. Wo auf der Welt kann man auf einem Gletscher wandern und gleichzeitig unter sich das Meer sehen? Vom Atlantischen Ozean trennte uns nur eine Ebene aus grauem Sand und Schlammlöchern.“ (S. 53)

Außerdem erkennt man, dass er seinen Sohn und seine Frau abgöttisch liebt. Spürt die Verzweiflung und Angst seine Familie zu verlieren und kann ihm fast verzeihen, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten alles versucht, um diese zu behalten. Doch diese sympathische liebenswerte Seite schafft er nicht nach außen zu transportieren und zu zeigen, zu welch tiefen Gefühlen er wirklich im Stande ist.

„Diese Liebe ist das Ende des Strebens nach Anerkennung und Macht, nicht dessen Anfang. Diese Liebe ist das Ende von Grausamkeit und Schmerz, nicht deren Beginn. Es war etwas, das es noch nie zuvor gegeben hatte, diese Liebe, wir hatten sie erfunden.“ (S. 141)

Und während man sich beim Lesen mit diesem Charakter gerade aussöhnt, eifert er auch schon Verhaltensweisen nach, von denen er denkt, dass sie von ihm erwartet werden und ihn besser dastehen lassen, klammert sich an jeden Strohhalm, der sich ihm bietet und hofft sogar, dass ihm die Naturkräfte dieses außergewöhnlichen Landes beistehen.

„Ich will ein Mann werden, der nie lange hin und her überlegen muss, der instinktiv im eigenen Interesse handelt und seine Meinung ändert, sobald es ihm nutzt, der oft einfach daherredet, aber durch seinen Tonfall trotzdem immer recht hat.“ (S. 165)

So bleibt Tiddo ein unliebsamer Protagonist, den man gerne los sein möchte und dankbar dafür ist, dass dies mit dem Zuklappen des Buches erledigt sein kann. Übrig bleibt ein wenig Mitleid für die zahlreichen Beziehungen, die zu Bruch gehen, weil Menschen nicht miteinander reden und die Gewissheit, dass der Autor es verstanden hat, die Stagnation einer sterbenden Ehe in Worte zu fassen. Keine leichte Kost.

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Gerwin van der Werf
Der Anhalter
Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-10-397466-9
Preis: € (D) 20,00 | € (A) 20,60
Verlag: S. Fischer
Erschienen: 04.03.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

BUCHweltreisebericht: 2. Quartal 2020

testDas Ziel der BUCHweltreise ist es, über möglichst viele Länder der Welt Bücher zu lesen. Die Liste der Mitreisenden ansehen oder sich zum Mitmachen anmelden (jederzeit möglich) kann man HIER.

Rückblick: Unterwegs waren im vergangenen Quartal Daniela (eat read live), Kathrin (goldeneslichtimzimmer), Stefan (querdurchdenalltag) und Yvonne (umgeBUCHt). Wir lasen uns nach Algerien, Finnland, Nigeria, Österreich, Trinidad und Tobago sowie in die USA:

2020_1_BUCHweltreisebericht

Wer wohin mit welchem Buch gereist ist, erfahrt ihr hier. Wer noch mehr entdecken oder einfach nur stöbern möchte, der kann sich auch alle bisherigen Reiseberichte seit dem Start im Januar 2017 anschauen.


Und hier sollen nachfolgend alle Bücher der Teilnehmer gesammelt werden.

Bitte tragt dazu Land, Titel und Autor mitsamt Link zu eurem Beitrag (wenn ihr einen verfasst habt) in den Kommentaren ein oder verlinkt einfach auf diesen Beitrag, damit ich euch in die Liste aufnehmen und wir uns gegenseitig besuchen können.

Ich freue mich auf eure Reiseziele 🌍


BUCHweltreisebericht 2.Quartal 2020:

09.04.2020: Kolumbien: Stefan (querdurchdenalltag.com) mit
Die Gestalt der Ruinen von Juan Gabriel Vásquez

18.04.2020: Island: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Der Anhalter von Gerwin van der Werf

30.04.2020: Italien: Daniela (read eat live) mit
Die Geschichte des verlorenen Kindes von Elena Ferrante

07.05.2020: Dänemark (Grönland): Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) mit Fremdes Licht von Michael Stavarič

31.05.2020: Italien: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Fünf Viertelstunden bis zum Meer von Ernest van der Kwast

05.06.2020: Liechtenstein: Stefan (querdurchdenalltag.com) mit
Roman einer Nation von Armin Öhri

12.06..2020: Deutschland: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Hiergeblieben! 55 fantastische Reiseziele in Deutschland von Jens van Rooij

22.06.2020: Kenia: Stefan (querdurchdenalltag.com) mit
Im Land des Laufens von Adharanand Finn

24.06.2020: Indien: Daniela (read eat live) mit
Ein notwendiges Übel von Abir Mukherjee

BUCHweltreisebericht: 1. Quartal 2020

testDas Ziel der BUCHweltreise ist es, über möglichst viele Länder der Welt Bücher zu lesen. Die Liste der Mitreisenden ansehen oder sich zum Mitmachen anmelden (jederzeit möglich) kann man HIER.

Rückblick: Unterwegs waren im vergangenen Quartal Veronika (vro jongliert), Stefan (querdurchdenalltag),  Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) und Yvonne (umgeBUCHt). Wir lasen uns nach Angola, Griechenland, Mosambik, in die Niederlande, nach Nigeria, Norwegen, Syrien und Tschechien:

2019_4_BUCHweltreisebericht

Wer wohin mit welchem Buch gereist ist, erfahrt ihr hier. Wer noch mehr entdecken oder einfach nur stöbern möchte, der kann sich auch alle bisherigen Reiseberichte seit dem Start im Januar 2017 anschauen.

Und weil die BUCHweltreise nun bereits drei Jahre andauert, schauen wir einfach ganz entspannt noch ein wenig weiter zurück: 

So mancher weiße Fleck auf der Landkarte, konnte für die BUCHweltreisenden in den vergangenen drei Jahren als besucht markiert werden:

2017 waren dies:
Afghanistan, Ägypten, Argentinien, Australien, Brasilien, China, Dänemark, Deutschland, Farör-Inseln, Finnland, Frankreich, Ghana, Großbritannien, Indien, Iran, Irland, Israel, Italien, Japan, Kanada, Litauen, Myanmar, Niederlande, Nigeria, Norwegen, Österreich, Portugal, Russland, Schweden, Schweiz, Spanien, Sri Lanka, Südafrika, Südkorea, Thailand, Türkei, Ungarn, USA, Ukraine.

2018 kamen neu hinzu:
Armenien, Aserbeidschan, Botswana, Island, Kasachstan, Kirgistan, Kongo, Malediven, Mexiko, Nicaragua, Nordkorea, Pakistan, Polen, Saudi Arabien, Senegal, Trinidad, Tschechien.

2019 konnten wir noch ergänzen:
Algerien, Angola, Chile, Griechenland, Indonesien, Kenia, Kroatien, Mosambik, Syrien,  Venezuela.

In der Gesamtübersicht schaut das auf der Karte bisher so aus:

BUCHweltreisebericht-Weltkarte_Komplett seit Start_2017-2019

Natürlich macht jeder die BUCHweltreise in seiner eigenen Geschwindigkeit und nach eigenen Vorlieben, aber ich finde auch die Gesamtentwicklung spannend, da die Komfortzone von den meisten bereits belesen wurde. Zu einigen der Bücher im vergangenen Jahr hätte ich selbst vermutlich nicht so beherzt gegriffen, wenn sie nicht gerade etwas mit einem Land zu tun gehabt hätten, aus dem oder über das ich bislang nichts gelesen hatte. Da wäre mir sicherlich etwas entgangen und sei es nur die Erfahrung, dass in manchen Büchern eine fremde Sprachmelodie mitschwingt, die der Übersetzer entweder dem Werk gelassen hat oder die sich nicht wegübersetzen ließ ohne zu stark in das Werk des Autors einzugreifen. Das lässt sich nicht immer einfach lesen und wird zum Teil doch gerade durch die Fremdartigkeit interessant, macht neugierig und kann zu einem Leseerlebnis der besonderen Art führen. In so manche Kultur oder Protagonisten konnte ich mich nicht so recht hineinversetzen, fand es teilweise erschreckend und beängstigend, was ich las – war hin-und hergerissen zwischen der Fiktion und dem Funken Wahrheit und Authentizität, die in manchem Roman mitschwingen. Am Anfang steht immer, dass man sich auf diese so fremden Bücher einlassen muss und sie ihre Zeit brauchen – Zeit zum intensiven Lesen und dem richtigen Zeitpunkt für die Thematik – damit die BUCHweltreise zu einer Entdeckungsreise werden kann.

Mein Bücherrucksack, beziehungsweise meine Bücherwunschliste sind immer noch mit vielen interessanten Buchtiteln gefüllt, die kreuz und quer über die Weltkugel führen, so dass es für mich auch 2020 weiter gehen wird – je nach Lust und Laune und wohin auch immer es mich treibt.

Mir hat das Reisen mit euch großen Spaß gemacht und ich würde mich freuen, wenn ihr im kommenden Jahr wieder dabei seid. Aber auch neue Mitreisende sind herzlich willkommen: Auf geht’s zur Buchweltreise.

Bis bald 🙂


BUCHweltreisebericht 1.Quartal 2020:

United_Kingdom.svg 10.01.2020: England: Daniela (read eat live) mit
It only happens in the movies von Holly Bourne

Trinidad_and_Tobago.svg 11.01.2020: Trinidad und Tobago: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Goldkind von Claire Adam

flag_of_the_united_states-svg 12.01.2020: USA: Kathrin (goldeneslichtimzimmer) mit
Was ich euch nicht erzählte von Celeste Ng

Flag_of_Finland.svg 16.01.2020: Finnland: Stefan (querdurchdenalltag.com) mit
Palm Beach, Finnland von Antti Tuomainen

30px-flag_of_austria-svg 02.02.2020: Österreich: Kathrin (goldeneslichtimzimmer) mit
Die weiteren Aussichten von Robert Seethaler

Germany.svg 10.03.2020: Deutschland: Daniela (read eat live) mit
Der Sprung von Simone Lappert

Algeria.svg 12.03.2020: Algerien: Stefan (querdurchdenalltag.com) mit
Die Engel sterben an unseren Wunden von Yasmina Khadra

Romania.svg 15.03.2020: Rumänien: Daniela (read eat live) mit
Der Wintersoldat von Daniel Mason

Nigeria.svg 16.02.2020: Nigeria: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Das Mädchen von Edna O’Brian

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Aufmerksam wurde ich auf diesen Roman, weil er in einem Land spielt, über das ich bislang im Rahmen meiner BUCHweltreise noch nichts gelesen habe. Klingt auf den ersten Blick simpel und unspektakulär, bedeutet aber bei genauem Hinsehen so viel mehr. Denn dieses Projekt erweitert die Auswahl der zu lesenden Bücher auf eine für mich ungewöhnliche Weise und hat mich bereits ein ums andere Mal aus meiner Lesekomfortzone herausgeholt, indem es mir Geschichten von Menschen aus anderen Kulturen präsentiert und Einblicke in Politik und Geschichte von Ländern gewährt, von denen ich oft nicht viel mehr weiß, als dass es sie gibt. Dieses Mal stieß ich dabei auf einen Roman, der sich für mich ein wenig sperrig las, der jedoch ungewöhnlich daher kam und bei dem sich die einzelnen zum Teil kuriosen Informationen nach und nach wie Puzzle-Teile zu einem großen Gesamtbild zusammenfügten.

51_Eine allgemeine Theorie des Vergessens

José Eduardo Agualusa erzählt in seinem Roman „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ vom Wandel und von den Wunden seiner Heimat Angola, indem er eine fantastische und doch ganz und gar wahre Geschichte rund um die junge Ludovica webt, die sich für dreißig Jahre in ihrer Wohnung einmauert, nachdem sie am Vorabend der angolanischen Revolution einen Einbrecher in Notwehr erschossen hat.

Bereits im Vorwort erfährt man, dass der Autor hierfür die Kopien von den zehn Heften, in denen Ludo Tagebuch geführt hatte mitsamt den zahlreichen Fotografien von Ludos Texten und Kohlezeichnungen an den Wänden ihrer Wohnung als Grundlage dafür nahm, ihr Drama nachzuempfinden und einen fiktiven Roman daraus zu machen.

Nach und nach erfährt man in dem Buch die Geschichte der zurückhaltenden und sehr ängstlichen Ludo und was sie so handeln lässt, wie sie letztlich tut. Man erlebt ihre Zeit der Selbstisolation und wie sie diese übersteht. Allmählich offenbart sich so das ganze Ausmaß ihrer Lebensgeschichte mitsamt seiner von gesellschaftlichen Konventionen geprägten Tragik.

Aber auch das Leben außerhalb ihrer Mauern geht weiter und obwohl Ludo isoliert lebt, hat ihr spartanisches Leben dennoch Auswirkungen auf ihre Umgebung und somit auf andere Menschen. Auch davon erzählt der Autor und fügt der Geschichte immer wieder neue Teile hinzu, indem er Personen und Geschehnisse näher beleuchtet. So ergibt sich am Ende ein großes Gesamtbild, in dem sämtliche Beziehungen untereinander klar und  Erzählstränge geschlossen werden, bis keine Fragen mehr übrig bleiben.

Tatsächlich waren es für mich manchmal zu viele Personen, die sich den Platz in diesem knapp 208 Seiten starken Buch teilen müssen und manchmal doch eher blass bleiben. Das sorgte neben den fremdklingenden Bezeichnungen dafür, dass ich manchmal den Überblick zu verlieren drohte. Die im Anhang aufgelisteten Ortsnamen und das Verzeichnis mit den Begriffen und Personen konnten hier ein wenig Abhilfe schaffen. Auch war es für mich hilfreich, da ich von Angola nicht viel mehr wusste, als dass es ein Land in Afrika ist, mich gleich zu Anfang des Buches zunächst ein wenig mit der Geschichte Angolas zu beschäftigen, um das Gelesene besser einordnen zu können.

„In den Monaten nach der Unabhängigkeit sah er die Tragödien, die er vorausgesagt hatte, eine nach der anderen eintreten: die Flucht der Kolonisten und eines Großteils der einheimischen Bourgeoisie, die Schließung der Fabriken und kleiner Geschäfte, den Zusammenbruch der Wasserversorgung, der Stromversorgung, der Müllabfuhr, die Massenfestnahmen, Erschießungen.“ (S. 171)

Der Autor nimmt einen mit in diese Zeit voller Ungerechtigkeit und Brutalität, die man sich als Fiktion wünscht, in der jedoch immer auch ein wenig fürchterliche Wahrheit mitschwingt.

„Schüsse auf der Straße, ganz nah. Schüsse ziehen Schüsse an. Ein Schuss in die Luft, und schon folgen Dutzende nach. In einem Land, in dem Krieg herrscht, genügt ein Knall. Der kaputte Auspuff eines Autos. Eine Feuerwerksrakete. Irgendwas.“ (S. 23)

„Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ stand auf der Shortlist des Man Booker International Prize 2016 und wurde 2017 mit dem Internationale Dublin Literary Award ausgezeichnet.

-> Zur Leseprobe [Werbung]



José Eduardo Agualusa
Eine allgemeine Theorie des Vergessens
Aus dem Portugisischen von Michael Kegler
Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-442-71797-2
Preis:  10,00 [D] inkl. MwSt. | € 10,30 [A] | CHF 14,50 * (* empf. VK-Preis)
Verlag: btb Verlag
Erschienen: 9. Dezember 2019

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

BUCHweltreisebericht 4. Quartal 2019

testDas Ziel der BUCHweltreise ist es, über möglichst viele Länder der Welt Bücher zu lesen. Die Liste der Mitreisenden ansehen oder sich zum Mitmachen anmelden (jederzeit möglich) kann man HIER.

Rückblick: Unterwegs waren im vergangenen Quartal Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée), Stefan (querdurchdenalltag), Kathrin (goldeneslichtimzimmer) und Yvonne (umgeBUCHt).

Wir lasen uns nach Algerien, Angola, Indonesien, Italien, Kenia, Schweden, in die Ukraine, die USA und nach Venezuela:

2019_3_BUCHweltreisebericht

Wer wohin mit welchem Buch gereist ist, erfahrt ihr hier. Wer noch mehr entdecken oder einfach nur stöbern möchte, der kann sich auch alle bisherigen Reiseberichte seit dem Start im Januar 2017 anschauen.


Hier sollen alle Bücher der Teilnehmer gesammelt werden.

Bitte tragt dazu Land, Titel und Autor mitsamt Link zu eurem Beitrag (wenn ihr einen verfasst habt) in den Kommentaren ein oder verlinkt einfach auf diesen Beitrag, damit ich euch in die Liste aufnehmen und wir uns gegenseitig besuchen können.

Ich freue mich auf eure Reiseziele 🌍


BUCHweltreisebericht 3. Quartal 2019 (Nachtrag):

flag_of_nigeria-svg 02.09.2019: Nigeria: Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) mit Süsswasservon Akwaeke Emezi

Mozambique.svg 02.10.2019: Mosambik: Myriade (La parole a été donnée à l’homme pour cacher sa pensée) mit Imanivon Mia Couto

 

BUCHweltreisebericht 4. Quartal 2019:

28px-Flag_of_the_Czech_Republic.svg 07.10.2019: Tschechien: Veronika (vro jongliert) mit
Mendelsson auf dem Dach von Jirí Weil

30px-Flag_of_Norway.svg 17.10.2019: Norwegen: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Heimatland …und andere Geschichten aus Norwegen von I.K.H. Kronprinzessin Mette-Marit (Hrsg.), Geir Gulliksen (Hrsg.)

Greece.svg 14.11.2019: Griechenland: Stefan (querdurchdenalltag) mit
Drei Grazien von Petros Markaris

flag_of_the_netherlands-svg 24.11.2019: Niederlande: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Duell von Joost Zwagerman

Syria.svg 05.12.2019: Syrien: Stefan (querdurchdenalltag) mit
Der Tod ist ein mühseliges Geschäft von Khaled Khalifa

Angola.svg 21.12.2019: Angola: Yvonne (umgeBUCHt) mit
Eine allgemeine Theorie des Vergessens von José Eduardo Agualusa