erLESENer November

Im Lesemonat November war ich in Gilead unterwegs, wanderte mit vielen Japanerinnen nach Amerika aus, durchschlug einen echten Rothko mit meiner Faust, erfuhr, was im Bösland wirklich geschah und entjungferte mit Sascha Felix.

Bücherwelten – bieten Ablenkung, wenn man es gerade braucht…

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Die Zeuginnen von Margaret Atwood
Die ebenfalls großartige Fortsetzung von „Der Report der Magd“. Hervorragend!

Wovon wir träumten von Julie Otsuka
Ein intensives und berührendes Buch, das auf eine besondere Weise auf geschichtliche Ereignisse rund um die japanstämmigen Amerikaner blickt. Ein Buch, das nachwirkt und zum weiter informieren anregt. Empfehlenswert!

Duell von Joost Zwagerman
Es ist Ausflug in die Welt der Kunst und dabei voller Witz, Action, kluger Gedanken, interessanter Einblicke und einer gehörigen Portion Slapstick. Unterhaltsam!

Bösland von Bernhard Aichner
Ein relativ vorhersehbarer Thriller, der jedoch sehr gut als Hörbuch vertont ist und der von den gut ausgearbeiteten Charakteren lebt. Gar nicht schlecht!

Scherbenpark von Alina Bronsky
Ein gefühlvoller, aber nicht gefühlsduseliger Roman über eine starke siebzehnjährige Protagonistin, die in Deutschland in einem russischen Hochhaus-Ghetto aufwächst. Empfehlenswert!

Die Zeuginnen – Margaret Atwood

„Liebe Leserinnen und Leser, die Inspiration zu diesem Buch war all das, was Sie mich zum Staat Gilead und seine Beschaffenheit gefragt haben. Naja, fast jedenfalls. Die andere Inspirationsquelle ist die Welt, in der wir leben.“ (Margaret Atwood über „Die Zeuginnen“)

45_Die Zeuginnen

Es ist noch gar nicht all zulang her, dass ich von Margaret Atwood den dystopischen Roman „Der Report der Magd“ las, der erstmals im Jahr 1985 erschien. Das Buch wurde längst zum Klassiker und zählt zu den Romanen, die mir nachhaltig in Erinnerung blieben – ein echtes Lieblingsbuch. Das liegt wohl auch nicht zuletzt daran, dass ich mir eher skeptisch die auf dem Buch basierende Serie „The Handmaid’s Tale“ anschaute und positiv überrascht davon war, wie gut die Umsetzung gelungen ist. Die zweite und dritte Staffel der Serie spinnen die Geschichte unabhängig vom Buch weiter, was ich ebenfalls sehr stimmig fand. Als Margaret Atwood nun mit „Die Zeuginnen“ nach all den Jahren ihr Buch fortsetzte, konnte ich mich vor Neugier darauf kaum halten.

Aber ich rechnete eigentlich mit einer mittelschweren Katastrophe, weil ich befürchtete, dass das neue Buch die Handlung der Serie durchkreuzen und die Besonderheit der durch die Serie weitererzählten Geschichte zerstören könnte. Auch fürchtete ich bereits zu viel von der Handlung durch das Anschauen der Serie erfahren zu haben und mich selbst um den Lesegenuss von „Die Zeuginnen“ gebracht zu haben.

Tatsächlich war aber das Gegenteil der Fall, denn ich habe nun nach Beendigung des neuen Buches das Gefühl den Gottesstaat Gilead mitsamt seinen Auswüchsen noch besser aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und verstanden zu wissen. Denn während das erste Buch lediglich aus der Sicht der Magd geschrieben ist, kommen in „Die Zeuginnen“ drei Frauen zu Wort, die aus der Ich-Perspektive berichten: Tante Lydia, die mit ‚eiserner Faust im Lederhandschuh im Wollfäustling‘ die weibliche Seite Gileads im Zaum hält, eine junge Frau, die in Gilead groß geworden und in ihre Rolle erzogen wurde und eine junge kanadische Frau, die auf besondere Weise mit Gilead verbunden ist.

Sie berichten von einer Zeit, die etliche Jahre nach der in der dritten Staffel der Serie behandelten Zeit liegt. Die Medien Buch und Serie kommen sich also nicht gegenseitig ins Gehege. Tatsächlich sind mir auch nur minimale Abweichungen zwischen Buch und Serie aufgefallen, jedoch in einem Maße, das ich verschmerzen konnte. Vielmehr hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass sich immer mehr Puzzle-Teilchen der Geschichte an ihren Platz fügten. Beweggründe und Charakterzüge mancher Hauptperson, die bereits aus dem ersten Buch bekannt ist, werden klarer und nachvollziehbarer, rücken von reiner schwarzweiß Skizzierung plötzlich in die Vielschichtigkeit der Graustufen mit all ihren schönen und schrecklichen Variationen ab. Die herrschende Männerwelt wird noch etwas widerwärtiger als bereits im ersten Buch und es wird geradezu tragisch deutlich wie gefangen Menschen in ihrem Tun und Handeln sind, die von klein auf in dem totalitären Gottesstaat Gilead aufgewachsen sind und nichts anderes kennen.

Das ganze endet, wie man es bereits grob aus „Der Report der Magd“ erfahren hat, das man vor „Die Zeuginnen“ gelesen haben sollte, um das ganze Ausmaß dieser Geschichte erfassen zu können. Doch obwohl man weiß, wohin dieser Roman steuert, ist doch das Wie ein spannender Aspekt, der einen bis zum Schluss mitfiebern lässt. Großartig!

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Margaret Atwood
Die Zeuginnen
Übersetzt von Monika Baark
Hardcover mit Schutzumschlag, 576 Seiten
ISBN: 978-3-8270-1404-7
Preis: € 25,00 [D], € 25,70 [A]
Verlag: Berlin Verlag
Erschienen am 10.09.2019

erLESENer Mai

Im Mai begrüßte mich Desfred mit „Gesegnet sei die Frucht!“, erlebte ich die manisch-depressive Entwicklung von Myrthe, lernte die Autorin Margaret Atwood etwas besser kennen und wurde von Frank Schätzings neuem Roman enttäuscht.

Bücherwelten – manchmal einfach großartig und manchmal nur übelstes Popcorn-Kino.

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Der Report der Magd von Margaret Atwood
highlight_des_monatsjpgEs handelt sich bei diesem Buch zwar um Fiktion, aber es scheint so unfassbar einfach zu sein, Frauen schnell und effektiv sämtlicher Rechte zu berauben, um sie in die gewünschten Bahnen zu lenken. Berührend, skurril und gleichzeitig sehr erschreckend. Für mich ein Lesehighlight!

Heiter bis wolkig von Myrthe van der Meer
Als manisch-depressiv erkrankter Mensch kann man sich in manchem wiedererkennen und fühlt sich an die durchwachsenen, vor allem aber auch an die positiven Aspekte der Klinikzeit zurückerinnert. Wer sich in diese Thematik hineinlesen möchte, dem sei dieses Buch, das einen ein ums andere Mal schmunzeln lässt, unbedingt empfohlen!

Aus Neugier und Leidenschaft von Margaret Atwood 
So sehr mich manches in diesem Buch zu begeistern wusste, muss ich doch gestehen, dass mich auch einiges langweilte, was allerdings bei der Vielfalt der unterschiedlichen Texte nicht ungewöhnlich ist.  Aber ich bin mir dennoch fast sicher, dass Margaret-Atwood-Fans dieses Buch gefallen könnte.

Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing 
Obwohl ich das Thema „Künstliche Intelligenz“ sehr interessant fand, war der große Rest dieses Hörbuchs für mich insgesamt eine große Enttäuschung, was allerdings nicht an dem Sprecher lag, der vermutlich dafür sorgte, dass ich doch noch bis zum Schluss drangeblieben bin und das Hörbuch nicht vorzeitig abbrach.

Aus Neugier und Leidenschaft – Margaret Atwood

Kurz nachdem Margaret Atwood 2017 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, machte mich ihr Buch „Aus Neugier und Leidenschaft“ neugierig. Sie selbst sagt über diese Sammlung von 47 ihrer interessantesten Essays und Artikel aus ihrem knapp 50-jährigen literarischen Schaffen:

»Immer wenn ich gerade beschlossen habe, weniger zu schreiben und stattdessen etwas für meine Gesundheit zu tun – vielleicht Eistanz oder so –, ruft mich garantiert irgendein glattzüngiger Verleger an und macht mir ein Angebot, das ich unmöglich ablehnen kann. In gewisser Weise ist dieses Buch also schlicht das Ergebnis meiner unterentwickelten Fähigkeit, nein zu sagen.«

16_Aus Neugier und LeidenschaftZu dem Zeitpunkt war mir der Name der Autorin zwar geläufig, aber gelesen hatte ich noch keines ihrer Werke. Das sollte sich in den nachfolgenden Monaten ändern, in denen ich immer mal wieder zwischendurch dieses Buch zur Hand nahm und die chronologisch geordneten Essays, Rezensionen, Vorworte, Nachworte, Einführungen, Reden, Vorlesungen und Nachrufe las. Dabei erfährt man so einiges über bodenständige Schriftstellerin, über ihr Schreiben, über kanadische Lebensverhältnisse, die kanadische Literatur, über Feminismus und Frauenfragen. Die Selbstironie Margaret Atwoods lässt einen gelegentlich schmunzeln und es ist interessant ihren Gedankengängen zu folgen.

Da ich mir in der Zeit, als ich dieses Buch las, die Serie „Alias Grace“ ansah, die nach der Romanvorlage von Margaret Atwood produziert wurde, war es für mich bereichernd über die Entstehung des Buches zu lesen. Außerdem machten mich ihre Essays über Dystopien und speziell die Entwicklung zu „Der Report der Magd“ so neugierig, dass ich dieses Buch, das für mich zu einem echten Highlight wurde, sofort lesen musste. Es wurde ebenfalls verfilmt und ist als Serie „The Handmaids Tale“ erschienen, die mich derzeit zu unterhalten und beeindrucken weiß. Zudem konnten einige von der Autorin erwähnte oder rezensierte Bücher mein Interesse wecken, so dass ich sie gleich auf meine Bücherwunschliste setzte. „Aus Neugier und Leidenschaft“ blieb bei mir also nicht ohne Nebenwirkungen.

So sehr mich manches in diesem Buch zu begeistern wusste, muss ich doch gestehen, dass mich auch einiges langweilte, was allerdings bei der Vielfalt der unterschiedlichen Texte nicht verwunderlich ist und auch daran liegen mag, dass ich mit meinen Literatur- und Kanadakenntnissen nicht mit der Autorin auf Augenhöhe bin. Ich hatte gelegentlich den Eindruck von meinen Bildungslücken erschlagen zu werden, aber ich bin mir dennoch fast sicher, dass Margaret-Atwood-Fans dieses Buch gefallen könnte. Für mich wird es jedenfalls nicht das letzte Buch sein, das ich von dieser Autorin gelesen habe.

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Margaret Atwood
Aus Neugier und Leidenschaft – Gesammelte Essays
Original: Curious Pursuits, Virago Press London, 2005
Übersetzung: C. Buchner, C. Max, I. Pfitzner
480 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8270-0666-0
D: 28,00 €
Verlag: Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH
Erschienen: 13.10.2017

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.