erLESENer April 2021

Im Lesemonat April spielte ich durch, wie mein Leben anders verlaufen wäre, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte; las und hörte mich mit Pink Floyd zu mehr, als nur die dunkle Seite des Mondes; durchlebte mit der dänischen Dichterin Tove Ditlevsen ihre Kindheit und Jugend bis hin zu ihrer vielschichtigen Abhängigkeit als Erwachsene; reiste mit Christopher Many acht Jahre mit dem Land Rover durch die Welt und war enttäuscht von meinem zunehmenden Desinteresse Dave gegenüber.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Verzauberung und Entzauberung.

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig: Eine tolle Romanidee, die jedoch oberflächlich und schlecht umgesetzt wurde. Immerhin gut als Hörbuch mit Annette Frier vertont.

Pink Floyd – Alle Songs – Die Geschichten hinter den Tracks von Jean-Michel Guesdon und Philippe Margotin: Ein echtes Highlight, nicht zuletzt weil ich mir zu dem Geschriebenen immer auch gleich die Songs meiner Lieblingsband angehört habe. Ein Genuss!

Die Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen: Kindheit, Jugend und Abhängigkeit waren für mich unterschiedlich gut, aber nichtsdestotrotz echte Highlights. Von der Autorin möchte ich gern mehr lesen.

Hinter dem Horizont Links von Christopher Many: 8 Jahre mit dem Land Rover um die Welt erzählt mir zu viel Kritisches über Meinung und Ansichten des Weltreisenden und es kommt zu wenig vom Reiz und Besonderheiten der Reise heraus. Die Jahre spätere vierjährige Reise mit dem Motorrad „Hinter dem Horizont Rechts“ gefällt mir bei weitem besser.

Dave von Raphaela Edelbauer: Weder die Charaktere noch die kaum vorhandene Handlung konnten mich dazu bewegen mich bis zum Schluss durch die unverhältnismäßig gestelzte und überkomplizierte Sprache zu quälen. Das Buch war für mich ein Fehlgriff.

Die Mitternachtsbibliothek – Matt Haig

Wer hat noch nicht darüber nachgedacht, wie das Leben hätte verlaufen können, wenn man manche Entscheidungen anders gefällt hätte?

Ziemlich genial fand ich in dem Zusammenhang die Idee von Matt Haig, der seine Protagonistin Nora Seed das „Was wäre wenn…“ durchspielen lässt, indem er sie sich in einer riesigen Bibliothek wiederfinden lässt, nachdem sie verzweifelt beschlossen hatte, sich das Leben zu nehmen. Hier eröffnet sich für Nora plötzlich die Möglichkeit herauszufinden, was passiert wäre, wenn sie sich anders entschieden hätte. Denn jedes Buch in der Mitternachtsbibliothek bringt sie in ein anderes Leben, in eine andere Welt, in der sie sich zurechtfinden muss.

Was für eine geniale Prämisse, dachte ich, als ich diese kurze Zusammenfassung der Geschichte las. Und weil ich gerade ein Guthaben bei Audible [Werbung] übrig hatte, entschied ich mich für „Die Mitternachtsbibliothek“ als Hörbuch, das wunderbar von Annette Frier vorgetragen wird.

Und doch geht mir die 35jährige unter Depressionen leidende Protagonistin Nora Seed, die nach einem Selbstmordversuch in der Mitternachtbibliothek landet, recht schnell auf die Nerven. Es fehlt der Tiefgang um dem Leser das Wesen dieser Erkrankung nahe zu bringen, so dass hier eher der Eindruck entsteht, dass bei Nora gerade einiges schief läuft und sie darum weinerlich bereit ist ihr Leben einfach wegzuwerfen. Ein echter Augenrollmoment und umso erstaunlicher, wenn man berücksichtigt, dass der Autor selbst bereits unter Depressionen litt.

Aber genaugenommen habe ich bei diesem Buch nicht erwartet das Krankheitsbild vernünftig beleuchtet zu sehen, sondern war vielmehr darauf gespannt, wie der Autor die Protagonistin unterschiedliche Lebenswege ausprobieren lässt – und davon gibt es einige. Manche werden ausführlich geschildert, wobei sich das Erzählschema wiederholt und irgendwann zu langweilen beginnt. Weder Leser noch die Protagonistin kommen so recht in der Geschichte weiter, so dass es fast eine Erlösung ist, als einige Lebenswege nur noch kurz zusammengefasst werden.

Als Leser sieht man die Konsequenzen der einzelnen Entscheidungen überdeutlich, da sie fast schon ein wenig plump daherkommen. Irgendwann fragt man sich, wohin Matt Haig einen mit diesen vielen kleinen meist sehr vorhersehbaren Geschichten eigentlich noch führen möchte. Die Charaktere bleiben eher flach und auch zu Nora will sich bei mir keine rechte Verbindung aufbauen. Und doch habe ich die Geschichte immer weiter gehört, nicht zuletzt weil der Erzählstil flüssig ist und das Hörbuch hervorragend von Annette Frier gelesen wurde. Übrig bleibt jedoch von diesem Buch nur ein flaues Ende, bei dem die Depressionen verschwinden, wenn man sich nur für das Leben entscheidet und die Gewissheit, dass die Grundidee dieses Romans besser ist, als ihre Umsetzung. Schade.

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Matt Haig
Die Mitternachtsbibliothek
Ungekürztes Hörbuch
Sprecherin: Annette Frier
Spieldauer: 8 Std. und 21 Min.
Erscheinungsdatum: 01.02.2021
Verlag: Argon Verlag