erLESENer September

Im Lesemonat September lauschte ich den Stimmen des Waldes, erfuhr warum es den Dompfaffen an den Kragen ging, kämpfte mit Adelaida ums Überleben, war weltweit dem Tod auf der Spur und las ohne jegliche Ehrfurcht in der heiligen Khorabel.

Großartige Bücherwelten – gleich um die Ecke oder um zig Ecken entfernt, mal geradeaus und mal um die Ecke gedacht…

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Das geheime Band zwischen Mensch und Natur von Peter Wohlleben: Das Buch schärft das Bewusstsein für die Probleme des Waldes und der Waldbewirtschaftung. Gleichzeitig schafft es eine lebendige Atmosphäre, in der man Erstaunliches über die Natur entdecken kann und die Lust darauf macht, sich auf der Stelle in den nächsten Wald zu begeben um diesen mit all seinen Sinnen und dem frisch erworbenen Wissen neu zu erfahren. Ein Buch, das nachwirkt.

Der Federmann von Max Bentow: Widerlich gut von Axel Milberg vertont, bringt mich das Gehörte bis an die Grenze dessen, was ich ertragen kann oder mag. Aber dennoch konnte ich von dem Hörbuch nicht ablassen und musste es bis zum Schluss weiter hören. Hat mir gefallen!

Nacht in Caracas von Karina Sainz Borgo: Ein intensives literarisches Debüt über das Schicksal einer jungen Frau und ein virtuoses Portrait eines untergehenden Landes. Auch wenn mich das Ende dieses Buches nicht vollends überzeugen konnte, ist es unbedingt empfehlenswert!

Wo die Toten tanzen von Caitlin Doughty: Kein Buch, das sich einfach so weglesen lässt. Zu oft vergleicht man mit eigenen Erfahrungen und Vorstellungen und wird mit dem Tod in einem Rahmen konfrontiert, der teilweise nur schwierig vorstellbar ist. Gleichzeitig entmystifiziert das Buch dieses Thema ein wenig und ist ein Plädoyer dafür, dem Tod wieder mit mehr Würde zu begegnen. Eine Empfehlung!

Miroloi von Karen Köhler: Sprachintensive und gefühlvolle Schilderungen aus der Sicht einer sechzehnjährigen namenlosen Frau, die auf einer streng religiösen frauenfeindlichen fiktiven Mittelmeerinsel allmählich erwacht und um ihre Freiheit kämpft. Für mich ein Highlight!

 

Nacht in Caracas – Karina Sainz Borgo

Von Caracas wusste ich nicht viel mehr, als dass es die Hauptstadt von Venezuela ist und von diesem Land habe ich im Gedächtnis, dass es dort politisch brodelt weshalb auch immer mal wieder sporadisch in den Nachrichten darüber berichtet wird. Zugegebenermaßen ist das nicht viel und darum war ich gespannt, welche Geschichte mir Karina Sainz Borgos in ihrem Debütroman „Nacht in Caracas“ zu erzählen hatte. An dieser Stelle sei verraten, dass es sich dabei um einen Roman handelt, der mir nahe ging und mir deutlich machte, dass es uns in Deutschland doch recht gut geht, selbst wenn nicht alles ‚rund‘ läuft.

38_Nacht in Caracas

Geschrieben ist das Buch aus Sicht der 38jährigen Adelaida, mit der man gleich zu Beginn des Buches ihre Mutter auf dem Friedhof zu Grabe trägt. Doch auf dem Friedhof ist es gefährlich, genau wie an jedem anderen Ort in Venezuela. Das Land versinkt in Chaos und Elend. Als Adelaida gewaltsam aus ihrer Wohnung vertrieben wird, weiß sie nicht wohin. Wenn sie sich retten will, bleibt ihr nur die Flucht.

Die Ausdrucksweise der Autorin ist bildhaft und geht nah. Allmählich lernt man Adelaida kennen und wird Zeuge ihres Überlebenskampfes. Es ist ein trostloses hartes Leben voller Angst und Hunger und ohne Aussicht auf Besserung. Der Papagei auf dem Cover des Buches stammt aus längst vergangenen Tagen und erinnert neben der Schönheit dieses Landes daran, dass Venezuela auch mal bessere Zeiten kannte und in den 1950er Jahren ein beliebtes Einwanderungsland für Europäer war. Erinnerungen, die fast unwirklich erscheinen, wenn Adelaida in ihnen schwelgt oder über sie in Briefen liest und aus denen doch die Liebe für das inzwischen zerrüttete Land spricht.

Ich bin erschüttert und frage mich beim lesen, wie viel von der geschilderten Brutalität und den Notständen dieses Landes wohl der Realität entspricht, immerhin handelt es sich bei diesem Buch ja um eine fiktive Geschichte. Darauf verweist Karina Sainz Borgo am Ende des Buches ganz deutlich und merkt außerdem an, dass einige Episoden und Figuren des Romans sich an reale Vorfälle anlehnen, jedoch keinen Anspruch erheben, Fakten zu sein. Sie lösen sich von der Wirklichkeit, ihre Absicht ist eine literarische, keine dokumentarische. Und doch hat man beim Lesen den Eindruck, dass vieles von dem, was sie schildert, genau so möglich sein könnte oder – schlimmer noch – womöglich ist.

Die Inflationsrate von Venezuela beträgt mehr als eine Million und das Land leidet an einer 90%-igen Unterversorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten. Offizielle Zahlen über Opfer von Gewaltverbrechen gibt es nicht mehr, weil der Staat sie liefern müsste. Aber die Venezolanische Beobachtungsstelle für Gewalt, eine unabhängige Organisation, berichtet von 73 Mordopfern täglich durch gemeines Gesindel und mindestens 350 politischen Insassen in venezolanischen Gefängnissen. [Quelle: 114 – Das literarische Onlinemagazin des S. Fischer Verlags]

Eindrücklich schildert Karina Sainz Borgo, die selbst 1982 in Caracas geboren wurde und vor mehr als zwölf Jahren nach Spanien emigrierte, was Korruption und täglicher Überlebenskampf aus Menschen machen kann: Ängstliche Menschen, die sich verkriechen, sich gegenseitig belauern und irgendwie zu überleben versuchen oder Menschen, die sich trauen gegen die Regierung zu protestieren „damit man sie umbrachte, weil Hunger und Wut Grund genug zum Sterben sind“.

„In unserm Innern schwoll eine chaotische, gefährliche Energie an. Und mit ihr die Lust, den zu lynchen, der unterdrückte, den Schwarzhändler vom Militär anzuspucken, der die rationierten Lebensmittel weiterverkaufte, oder den schlauen Kerl, der uns in der langen Schlange, die sich montags vor den Supermärkten bildete, einen Liter Milch abluchsen wollte. Unheilvolles machte uns glücklich: wenn einer der Mächtigen plötzlich rätselhafterweise im wildesten Fluss der Zentralebene ertrunken oder ein korrupter Staatsanwalt von einer Bombe unter dem Sitz seines Luxusgeländewagens zerfetzt worden war, nachdem er den Schlüssel umgedreht hatte. Wir vergaßen das Mitleid, denn wir wollten unbedingt Gewinn aus dem schlagen, was schlecht lief.“ (S. 59)

Karina Sainz Borgos Roman „Nacht in Caracas“ ist ein intensives literarisches Debüt über das Schicksal einer jungen Frau und ein virtuoses Portrait eines untergehenden Landes. Auch wenn mich das Ende dieses Buches nicht vollends überzeugen konnte, ist es unbedingt empfehlenswert!

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Karina Sainz Borgo
Nacht in Caracas
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Hardcover, 224 Seiten
ISBN: 978-3-453-28095-3
Preis: € (D) 21,00 | € (A) 21,60
Verlag: S. Fischer
Erschienen:  14. August 2019

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.