erLESENer August 2021

Im Lesemonat August sprang ich vom Hochhaus, fristete mein Leben in einem palästinensischen Flüchtlingslager, stand meiner Freundin in den letzten Wochen ihres Lebens bei, versuchte meine Ehe zu retten, pflegte einen Briefkontakt zu einem mir völlig Fremden, erfuhr was es heißen kann ein Wirtschaftsflüchtling zu sein und spürte chinesische Zerrissenheit.

Bücherwelten – lesen über alle Grenzen hinweg.

Der Sprung von Simone Lappert: Ein Sammelsurium von Figuren unterschiedlichen Alters und verschiedener Gesellschaftsschichten, die allesamt mit ihren eigenen Herausforderungen des Lebens beschäftigt sind und mit der jungen Frau, die vom Hochhaus springen will, direkt oder indirekt in Verbindung stehen. Großartig!

Während die Welt schlief von Susan Abulhawa: BUCHweltreise Palästina: Ein Roman mit schönem sprachlichen Klang, durchsetzt von arabischen Worten und Ausdrucksformen, die zu Herzen gehen und berühren. Aber es ist vor allem auch ein Roman voller Brutalität rund um den Nahost-Konflikt. Empfehlenswert! 

Was fehlt dir von Sigrid Nunez: Weil der Tod trotz Chemotherapie unausweichlich ist, beschließt sie den Zeitpunkt ihres Todes mit Hilfe von Tabletten selbst bestimmen zu wollen und bittet die Ich-Erzählerin ihr in den letzten Wochen oder Monaten ihres Lebens zur Seite zu stehen. Ein recht spezielles, aber doch gelungenes Buch, das viele Denkanstöße mitbringt.

Der Brand von Daniela Krien: Momentaufnahme einer altgewordenen kriselnden Ehe und anderen Konflikten. Gute Schreibweise, aber es werden viele Themen aufgemacht und dann nur oberflächlich abgefrühstückt. Insgesamt doch eher enttäuschend.

I get a bird von Anne von Canal und Heikko Deutschmann: Als Jana plötzlich ihre vor drei Jahren verlorene Agenda plötzlich zugeschickt bekommt, entspinnt sich zwischen ihr und dem Finder eine immer intensiver werdende Korrespondenz. Ein humorvoller und berührender Briefroman.

Nastjas Tränen von Natascha Wodin: BUCHweltreise Ukraine: Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer ukrainischen Putzfrau, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im wirtschaftlichen Chaos der sich rasant entwickelnden Oligarchie in der ehemaligen Teilrepublik der UdSSR nicht mehr genug zum überleben hat und mit einem Touristenvisum in Berlin landet, um dort den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie zu verdienen. Berührend und empfehlenswert!

Ist es nicht schön hier von Te-Ping Chen: BUCHweltreise China: Hellwach und mit genauem Blick für komische Momente zeichnet die Autorin in 10 Kurzgeschichten Figuren zwischen Tradition und Hypermoderne nach, die nach Halt und einem Zuhause suchen. Macht Lust auf mehr!

Während die Welt schlief – Susan Abulhawa

Im Rahmen meiner BUCHweltreise ging es für mich mit Susan Abulhawa und dem Roman „Während die Welt schlief“ nach Palästina. Die Autorin wurde 1970 geboren und wuchs als Kind palästinensischer Flüchtlinge in Kuwait, Jordanien und den USA auf. Als Zehnjährige kam sie in ein Waisenhaus in Jerusalem, mit 13 zog sie erneut in die USA, wo sie bis heute mit ihrer Tochter lebt. Abulhawa machte dort einen Highschool-Abschluss und studierte anschließend Biologie, Medizin und Neurologie. Jedoch entdeckte sie bald das Schreiben für sich und verfasste mehrere Kurzgeschichten und kürzere Romane, während sie journalistische Tätigkeiten ausübte. Ihr Debütroman „Während die Welt schlief“ ist ein internationaler Bestseller und wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt. Seit einer Reise nach Palästina im Jahr 2000 engagiert sich die Autorin aktiv für die Menschenrechte und die Lebensumstände von palästinensischen Kindern in besetzten Gebieten.

In „Während die Welt schlief“ erzählt Susan Abulhawa eine tief berührende Geschichte über den Verlust der Heimat, eine zerrissene Familie und die immerwährende Hoffnung auf Versöhnung. Seit Generationen leben die Abulhijas als Olivenbauern in dem idyllischen Dorf Ein Hod. Ihr Leben ist friedlich – bis 1948 die Zionisten den Staat Israel ausrufen und sich alles verändert. Die Dorfbewohner werden mit Waffengewalt aus ihren Häusern vertrieben, müssen ihr Land, ihren Besitz und ihr Zuhause zurücklassen. Amal, geboren im Flüchtlingslager in Jenin, lernt die Heimat ihrer Vorväter nie kennen. Stattdessen erlebt sie Kriege, Gewalt und schreckliche Verluste, aber sie erfährt auch Freundschaft und Liebe in der Gemeinschaft der Vertriebenen. Weder Amal noch ihre Familie ahnen jedoch, wie eng ihr Schicksal und das von Israel und Palästina wirklich zusammenhängen.

Die Figuren in diesem Buch sind erfunden – Palästina ist es nicht. Die historischen Ereignisse und die bekannten Personen, die in der Geschichte erwähnt werden, sind oder waren real. Und so lernt man im Buch die kleine Amal und ihre Familie kennen, die zunächst ein beschauliches Leben in Palästina führt. Doch Israel war ein Zufluchtsort für die Juden in einer Welt, in der man anderswo Todeslager für sie gebraut hatte und so fallen sie in Palästina ein und beanspruchen das Land gewaltsam für sich.

Es ist ein Roman mit schönem sprachlichen Klang, durchsetzt von arabischen Worten und Ausdrucksformen, die zu Herzen gehen und berühren. Aber es ist auch ein Roman voller Brutalität. Es geht um Kriegshandlungen und Massaker in Flüchtlingslagern. Grausamkeiten, von denen man lieber nichts wissen möchte, die sich aber leider googeln lassen. Gleichzeitig wird die Geschichte eines kleinen Mädchens erzählt, für das das Großwerden im Flüchtlingslager zu einer Normalität wird, die doch niemals normal sein kann.

„Ich war in einer Landschaft aus improvisierten Träumen und abstrakten Sehnsüchten nach einem Land aufgewachsen – alles erschien mir temporär. Auf nichts konnte man sich verlassen, nicht auf die Existenz der Eltern, der Geschwister oder der Heimat. Nicht mal auf den eigenen Körper, der so empfindlich auf Gewehrkugeln reagierte.“

(S. 209/210)

Ein fesselnd und spannend geschriebener Roman, der nicht immer einfach zu ertragen ist und doch so viel Hoffnung, Familienzusammenhalt und Freundschaft enthält – und gleichzeitig den Israelisch-Palästinensischen Konflikt aus palästinensischer Sicht verdeutlicht. Empfehlenswert!

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Susan Abulhawa
Während die Welt schlief
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Fahrner
Original: Mornings in Jenin
Taschenbuch, 448 Seiten
ISBN: 978-3453356627
Preis: 9,99 € [D]
Verlag: Diana Verlag
Erschienen: 09.04.2012