erLESENer März 2021

Im Lesemonat März lernte ich die norwegische Wanderlust kennen, ließ mich durch Wunderbares verzaubern, nahm eine Einladung zum Schreiben an, dachte über Lebensweisheiten nach und lernte einen homosexuellen und unter Schizophrenie leidenden Schriftsteller kennen.

Bücherwelten – jenseits und diesseits von Fantasie und Wirklichkeit.

Frei. Luft. Hölle. von Are Kalvø: Ein amüsanter Ausflug des Comedian nicht nur ins norwegische Outdoor-Leben. Stimmungsaufhellend und trotzdem Wanderlustfördernd.

Du kannst Wunder vollbringen von Jan Becker: Ein überraschend bodenständiger, empathischer und wissbegieriger Autor, der den gesunden Menschenverstand zu nutzen weiß und neben wissenschaftlichen Betrachtungsweisen, aber auch dem (noch) Unerklärbaren Raum gibt. Dass dennoch mit ein wenig Hokuspokus gewürzt wird, muss man vertragen können.

Einladung zum Schreiben von Doris Dörrie: Ein hübsches Notizbuch mit ansprechenden Schreibinspirationen in der Art, wie man sie bereits aus ihrem Buch „Leben, schreiben, atmen“ kennt. Ein tolles Arbeitsbuch zum Weiterschreiben.

Eine leise Ahnung von etwas Neuem vom Markus Mirwald: Der vierte Band mit Aphorismen aus seiner Reihe „Wesentliches in wenigen Worten“. Trifft genau meinen Nerv.

Die Germanistin von Patricia Duncker: Ein Roman rund um einen französischen Romancier und politischen Quergeist, der sich als homosexueller und unter Schizophrenie leidender Schriftsteller herausstellt, der Verbindungen zu Michel Foucault hat. Auf seine Art ein besonderes Buch, aber vermutlich doch eher etwas für Kenner der Philosophie Foucaults.

Die Germanistin – Patricia Duncker

Manchmal bin ich dankbar für meine Vergesslichkeit und freue mich darüber, wenn ich einfach ein Buch aus meinem Stapel ungelesener Bücher mehr oder weniger wahllos herausgreife, um mich überraschen zu lassen. Und ohne noch zu wissen, auf wessen Empfehlung hin ich mir das Buch kaufte und was mich seinerzeit daran so ansprach. Irgendwie hatte es auch „Die Germanistin“ von Patricia Duncker in meine engere Auswahl und schließlich sogar in mein Bücherregal geschafft. Ein eher zurückhaltendes, aber durchaus ansprechendes Buchcover und ein Titel, der mich vermuten ließ, dass es um Bücher und ums Lesen geht und vielleicht sogar dabei Sätze hervorbringt, die so bemerkenswert sind, dass sie in Erinnerung behalten werden wollen. Das habe ich in diesem Buch zwar auch entdecken können, es ist aber nicht der Grund dafür, dass es mich auf seine besondere Weise verwirren, aber auch ansprechen konnte.

Im Sommer 1993 ist der namenlose Ich-Erzähler Student in Cambridge und arbeitet an seiner Doktorarbeit über den französischen Romancier und politischen Quergeist Paul Michel. Daneben beginnt er eine Liebesbeziehung zu einer ungewöhnlichen jungen Frau, der Germanistin, die ihn vom ersten Moment an in eine andere, leidenschaftliche Welt verstrickt. Angetrieben von ihrer Willensstärke, reist er nach Paris um die noch unveröffentlichten Briefe Paul Michels an seinen Zeitgenossen Michel Foucault zu studieren und herauszufinden, wo er sich aufhält. Tatsächlich findet er den homosexuellen und unter Schizophrenie leidenden Schriftsteller dort in einer Nervenheilanstalt. Aufopfernd bemüht sich der Student um das Wohlergehen des angeblich wahnsinnigen Schriftstellers und kommt ihm allmählich näher.

Einen ganz eigenen Sog übt dieses Buch beim lesen auf mich aus. Und doch habe ich dabei das Gefühl, dass mir der Hintergrund fehlt, um diesen Roman in seiner Gänze erfassen zu können. Von Michel Foucault kenne ich bislang nur den Namen und weiß, dass er ein französischer Philosoph war. Ein kurzer Ausflug zu Wikipedia hilft mir dabei nicht so recht weiter und für mehr Recherche fehlt mir zu dem Zeitpunkt der Biss. Doch die Charaktere sind ungewöhnlich und die Geschichte vom Handeln und Leiden der Protagonisten gelegentlich so skurril, dass ich dem Buch dennoch bis zum Schluss folge. Ich beende den Roman mit dem Eindruck, das Wichtigste dennoch verstanden zu haben und enträtsle auch den tragischen Bezug der eher abstrakt wirkenden Abbildung auf dem Buchcover zu der Geschichte.

Am Ende habe ich den Eindruck einen besonderen Roman gelesen zu haben, der mich gleichzeitig auf eine meiner zahlreichen Bildungslücken aufmerksam gemacht hat. Eigentlich mag ich es ja, wenn Bücher mir die Tore zu anderen Welten und Wissensgebieten öffnen. Vielleicht wäre genau jetzt der beste Zeitpunkt, mich doch einmal mit Michel Foucault auseinanderzusetzen. Irgendwie habe ich Lust darauf und doch bin ich etwas zögerlich, weil erfahrungsgemäß mein laienhaftes Philosophieverständnis manchmal einfach nicht ausreicht, um die Lehren mancher Philosophen erfassen zu können.

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Patricia Duncker
Die Germanistin
Aus dem Englischen übersetzt von Karen Nölle-Fischer
Original: Hallucinating Foucault – Serpent’s Tail, London
Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN: 978-3423126205
Preis: 5,99 € [D]
Verlag: dtv
Erschienen: 01.04.1999