Unser verrücktes Gehirn – Dean Burnett

„Über Blackouts, Aberglaube, Seekrankheit – wie uns das Gehirn austrickst“ steht außerdem ergänzend zum Titel des Buches angegeben, gleich unter den Kreisen, von denen man beim Anschauen fast selbige in den Augen bekommt, weil uns die optische Täuschung Bewegung vorgaukelt. Der Klappentext verspricht außerdem, dass der Autor, der von Beruf Neurologe an der Cardiff University und nebenbei noch Stand-up-Comedian ist, kompetent, leicht nachvollziehbar und witzig, allgemein vertraute Probleme dadurch erklärt, dass ‚unser verrücktes Gehirn‘ als Steuerungszentrum menschlichen Handelns und Denkens nur bedingt tauglich ist. Ein interessantes Thema, über das ich unbedingt mehr erfahren wollte, auch wenn ich eingangs ein wenig befürchtete, dass dieses Buch zu humorvoll mit den kleineren und größeren Schwächen unseres Gehirns, beziehungsweise unserer Art zu Denken, umgehen und im Klamauk versumpfen könnte. Glücklicherweise war diese Sorge unbegründet, denn der Autor widmet sich dem Thema mit leichtem Augenzwinkern und versteht es hervorragend, mir als neugierigem an Psychologie interessiertem Leser die teils komplizierten wissenschaftlichen Zusammenhänge unterhaltsam und anschaulich zu erklären.

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Zum Inhalt des Buches zitiere ich das kurze Resumée des Autors auf Seite 326:

„Was haben wir bislang über das menschliche Gehirn erfahren? Es wurstelt mit Erinnerungen herum, es lässt sich leicht ins Bockshorn jagen, es erschrickt über harmlose Dinge, es wirkt sich negativ aus auf unsere Ernährungsweise, unseren Schlaf, unsere Bewegung, es redet uns ein, dass wir brillant sind, wenn wir alles andere sind, es gaukelt uns die Hälfte von dem, was wir wahrnehmen, nur vor, es bringt uns dazu, unvernünftige Dinge zu tun, wenn wir erregt sind, es veranlasst uns, unglaublich schnell Freundschaften zu schließen und sie im Nu wieder aufzukündigen. Eine Liste, die beunruhigt. Noch beunruhigender aber ist, dass das Gehirn all dies anstellt, wenn es richtig funktioniert.“

Und so geht Dean Burnett abschließend auf seine ebenso unterhaltsame wie informative Weise auch auf das ein, was den Menschen ereilen kann, wenn es zu einer neurologischen oder geistigen Störung kommt. Er widmet sich Depressionen, Zwangsneurosen, Psychosen sowie den neurologischen Mechanismen, die Alkoholismus und anderen Suchtkrankheiten zugrunde liegen.

Aber ich erfahre im Laufe des Buches auch, dass das Ego eines Menschen seine Erinnerungen verzerren kann, was es mit der Apophänie auf sich hat, warum unser Gehirn schlecht mit Zufälligkeit umgehen kann, dass es auch olfaktorische Halluzinationen gibt, dass wir in allem Gesichter erkennen weil wir Gehirnareale besitzen, die eigens dem Erkennen von Gesichtern dienen, dass wir uns bereits auf neurologischer Ebene darum kümmern, was andere von uns halten und dass die Geringschätzung für Menschen steigt, je geringer die Möglichkeit besteht ihnen zu helfen – vor allem Letzteres muss man erstmal sacken lassen.

„Die Art und Weise, wie das Gehirn die Welt um sich herum wahrnimmt, und was davon es für wichtig genug erachtet, um ihm Aufmerksamkeit zu schenken, verdeutlichen sowohl sein phantastisches Leistungsvermögen als auch seine vielen Unvollkommenheiten.“ (S. 192)

Dean Burnett wählt anschauliche Beispiele und Bilder aus dem Alltagsleben, schreibt witzig, salopp, eloquent und mit (Selbst-)Ironie, ohne dass die wissenschaftliche Seriosität darunter Schaden nähme. Ganz vereinzelt lässt mich eine für mich zu hoch dosierte wissenschaftliche Konzentration des Textes kurz aussteigen, aber das bleibt eher die Ausnahme. Das Staunen und wissbegierige unterhaltsame Lesen überwiegt bei diesem Buch für mich, weshalb ich es jedem Interessierten empfehlen kann.

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Dean Burnett
Unser verrücktes Gehirn
Über Blackouts, Aberglaube, Seekrankheit – wie uns das Gehirn austrickst
Aus dem Englischen von Michael Müller
Original: The Idiot Brain: A Neuroscientist Explains What your Head is really up to, London 2016
Klappenbroschur, 400 Seiten
ISBN: 978-3-570-10294-7
 17,00 [D] inkl. MwSt. | € 17,50 [A] CHF 24,50 * (* empf. VK-Preis)
Verlag: C. Bertelsmann
Erschienen: 14.05.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Ein gutes Leben und andere Probleme – Svenja Bunt / Sibylle Prins

Als ich gefragt wurde, ob ich „Ein gutes Leben und andere Probleme“ rezensieren möchte, schaute ich eher zögerlich in die Leseprobe dieses Buches, das ein Ratgeber von Psychiatrieerfahrenen für Psychiatrieerfahrene sein soll. In den vergangenen 10 Jahren meiner Krankheitsgeschichte habe ich viel ausprobiert, einiges erfolgreich umgesetzt und verinnerlicht und bin mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem die Symptome meiner Erkrankung zur Ruhe gekommen sind oder ich gelernt habe mit ihnen umzugehen. Meine Lebensqualität ist enorm gestiegen, die Krankheit in den Hintergrund gerückt und mein Leben in den Vordergrund. Doch weil ich weiß, dass mein Leben aus vielen kleinen Stellschrauben besteht, deren Feinjustierung dafür verantwortlich sein kann, ob es mir gut oder schlecht geht, war ich neugierig, ob dieses Buch neue Impulse für mich bereithalten würde.

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Die Texte in dem Buch wurden etwa je zur Hälfte von Sibylle Prins und Svenja Bunt geschrieben. Sie behandeln Themen, die viele Psychiatrie-Erfahrene beschäftigen: Alltagsgestaltung, mit wenig Geld auskommen, Arbeit, Krisen, Genesung, Beziehung, Selbstbild, Sinnsuche. Sie gehen beim Schreiben von ihren eigenen Erfahrungen und von denen der Psychiatrie-Erfahrenen aus , die sie im Laufe ihres Lebens kennengelernt haben. Und das spürt man beim Lesen auch. Es fühlt sich ein wenig so an, als träfe man auf geschätzte Mitpatientinnen, die auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen können und mit Herz und Verstand das Beste aus ihrem Leben zu machen bereit sind, auch wenn dies manchmal unbequem sein kann.

Beide Autorinnen haben Psychose-Erfahrung und ihr Blick auf psychische Erkrankungen ist davon geprägt, aber sie berücksichtigen auch andere psychische Erkrankungen, da es im Alltag tatsächlich viele ähnliche Probleme zu meistern gilt. Und in der Tat fühlte ich mich beim Lesen gleich verstanden und konnte mich in vielem wiederfinden. Auch kommen hier andere Betroffene in kurzen sehr authentischen Abschnitten zu Wort, die das Lesen dieses Buches zu etwas sehr persönlichem machen.

Die Autorinnen geben Anregungen, wie man trotz gesundheitlicher Probleme „ein gutes Leben“ führen kann. Wie kann ich mich so verhalten, dass es mir langfristig gut geht? Wie kann ich gut für mich sorgen? Oft stimmte ich beim Lesen innerlich zu, weil ich die Strategien, Verhaltens- und Denkweisen auch für mich in den vergangenen Jahren geändert habe und für mich als richtig empfinde. Die meisten Dinge brauchen Zeit. Sie müssen erst als Gewohnheiten verankert werden, und erst langsam verändert sich etwas im Körper, im Gehirn, in der Seele. Tief in meinem Inneren weiß ich das und doch frage ich mich, ob ich meine jetzige Lebensqualität vielleicht eher hätte erreichen können, wenn mir dieser Ratgeber vor 10 Jahren, gleich zu Beginn meiner Behandlung in die Hände gefallen wäre.

Doch wie viel Psychiatrie-Erfahrung für das Lesen und Verstehen des Buches notwendig ist, ist schwer auszumachen. Wichtig ist, dass die psychische Gesundheit so weit wiederhergestellt ist, dass es überhaupt die Möglichkeit gibt, sein Leben auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls ändern zu wollen. Da kann das Buch sicherlich neben der Behandlung eine wertvolle Ergänzung sein. Gerne hätte ich zu einigen Themen gleich im Buch mehr erfahren, aber stattdessen gibt es Links und Buchtipps zum Weiterlesen, wo auch für mich einiges Interessantes zu finden war. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Ratgeber bewusst knapp gehalten ist, um für seine psychiatrieerfahrenen Leser besser zugänglich zu sein, da sie oft auch gerade in den Zeiten, in denen sie fieberhaft nach Hilfe suchen, unter Konzentrationsstörungen leiden. Ich denke, hier wurde eine gute Lösung gefunden.

Dieser Ratgeber erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Allgemeingültigkeit. Er belehrt nicht und er verspricht auch keine Wunder. Aber er bietet Möglichkeiten, denn wenn im Laufe einer psychischen Erkrankung so mancher Lebenstraum begraben wird, gehen doch manchmal neue Türen auf, wenn man gut für sich sorgt. Dabei kann das Buch meines Erachtens nach helfen, weshalb ich es empfehle. Mein Leseexemplar werde ich übrigens an einen lieben Menschen weiter verschenken, für den ich mir nichts sehnlicher wünsche, als das ihm dieses Buch bei seinem Lebensweg ein hilfreicher Begleiter sein möge.

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Svenja Bunt / Sibylle Prins
Ein gutes Leben und andere Probleme
Ein Ratgeber von Psychiatrie-Erfahrenen für Psychiatrie-Erfahrene
Broschiert, 168 Seiten
ISBN: 978-3-86739-139-9
€ 17,00 [D] | € 17,50 [A] 
Verlag: BALANCE buch + medien verlag
Erschienen: 05. Oktober 2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.


umgeBUCHt Beiwerk: Ein hilfreiches Buch

Psychopathinnen – Lydia Benecke

Lydia Benecke (www.benecke-psychology.com) arbeitet als selbstständige Psychologin und als Therapeutin, unter anderem in einer Sozialtherapeutischen Einrichtung des Strafvollzugs mit schweren Straftätern. Sie hält regelmäßig Vorträge für ein breites Publikum und hat bereits mehrere Bücher geschrieben, unter anderem „Auf dünnem Eis. Die Psychologie des Bösen“ und „Sadisten. Tödliche Liebe – Geschichten aus dem wahren Leben“.

Gelesen hatte ich bislang noch keines ihrer Bücher, aber da mich die Abgründe der menschlichen Psyche interessieren, behielt ich ihren Namen im Gedächtnis und las nun ihr neustes Werk „Psychopathinnen. Die Psychologie des weiblichen Bösen“.

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Der Klappentext verrät:

„Frauen sind wehrlos, sie leiden, sie dulden, sie verzeihen. Doch wenn die Psychopathie in ihrer Seele sich Bahn bricht, töten sie ebenso grausam und skrupellos wie Männer. Lydia Benecke analysiert neueste Forschungsergebnisse zum Thema weibliche Psychopathie und zeigt an aktuellen und historischen Fällen, wie sich Psychopathinnen die Rollenklischees von Frauen zunutze machen. Denn Frauen planen ihre Verbrechen nicht nur eiskalt, sie bleiben auch länger unentdeckt. Besonders gruselig: Die Taten von Psychopathinnen richten sich besonders häufig gegen die eigene Familie…“

Psychopathen sind oft spannende Grundlagen für Figuren in Büchern, Filmen und Serien. Aber wie sieht eigentlich die Wirklichkeit aus, wollte ich wissen. Und nun, nachdem ich das Buch beendet habe, bin ich geschockt, weil mir dieses Buch mehr mitgeteilt hat, als ich persönlich ertragen kann. Erwartet hatte ich, dass sich Fallbeispiele mit Erläuterungen abwechseln würden, durch die ich viel Interessantes und Neues zu dem Thema erfahren würde, mit dem ich mich bisher noch gar nicht auseinandergesetzt hatte. Das habe ich auch bekommen.

Ich weiß nun unter anderem, dass aus wissenschaftlicher Sicht das Konstrukt Psychopathie eine Mischung mehrerer Persönlichkeitsstörungen ist, die eine Person gleichzeitig aufweist und ich weiß, dass es einen Psychopathiewert gibt, mit dem sich das beziffern lässt. Aber ich habe die Wucht, mit der die von der Autorin eher unaufgeregt und sachlich aus psychologischer Sicht geschilderten Fälle über mich hereingebrochen sind, unterschätzt. In dem Bewusstsein, dass es sich nicht um fiktive Ereignisse handelt, las ich über Kindesmissbrauch, sexuelle Übergriffe, Kindstötung, von zwei Extrembeispielen von Müttern mit dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom und vieles mehr. Dabei geht Lydia Benecke zwar nicht mehr ins Detail, als unbedingt nötig, aber oft musste ich das Buch dennoch aus der Hand legen, um mich erstmal von dem gelesenen zu erholen.

In diesem Zusammenhang finde ich es jedoch positiv, dass Lydia Benecke es der Entscheidung des mündigen Lesers überlässt, der sich den ein oder anderen Text oder Sonderkapitel als PDF-Dokument von ihrer Website herunterladen kann, wenn manch grausamer Vorgang noch genauer nachgelesen werden möchte.

Dass zum Teil Fotos von den beschriebenen Personen in den Text eingefügt wurden, führte mir ebenso wie die Literaturhinweise und Quellen am Schluss des Buches vor Augen, dass die im Buch geschilderten Verbrechen tatsächlich vor einiger Zeit passierten. Das war für mich, die ich bisher noch keine True-Crime-Stories gelesen hatte, eine völlig neue Erfahrung und ich war beinahe jedes Mal erleichtert, wenn inmitten der Fälle Texteinschübe folgten, in denen auf Begrifflichkeiten oder unterschiedliche psychische Krankheitsbilder eingegangen wurde oder ein Vergleich der Symptome bei unterschiedlichen Täterinnen erfolgte. Das waren jedoch nicht nur leserische Verschnaufpausen von der ‚harten Kost‘, sondern gleichzeitig aussagekräftige Zusatzinformationen, die mir als Laien die Thematik verständlich rüberbringen konnten.

„Der Kreislauf des sich über Generationen hinziehenden Leids kann nur durch zunehmende, wissenschaftliche Erkenntnisse, Präventionsprogramme, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen, sowie effektive, therapeutische Maßnahmen für Opfer und Täter gewährleistet werden.“

Ein Buch, das mich zwiespältig zurücklässt: Es hat mir einerseits eine deutliche Grenze aufgezeigt – ich kann vieles von dem, was Kindern zustoßen kann, nicht ertragen und will so etwas nicht mehr lesen. Aber es war andererseits hochinteressant, die Fälle der Psychopathinnen so intensiv psychologisch beleuchtet und zu einander in Bezug gesetzt zu lesen. Für wen der letztere Punkt überwiegen könnte, dem sei dieses Buch empfohlen.



Lydia Benecke
Psychopathinnen [Werbung]
Die Psychologie des weiblichen Bösen
Paperback, 430 Seiten
ISBN: 978-3-431-03996-2
€ 18,00 (D)
Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen:  29.03.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise als eBook vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Meine schwierige Mutter – Waltraut Barnowski-Geiser, Maren Geiser-Heinrichs

06_Meine schwierige MutterEin interessantes, aber auch heikles Thema. Wer Schwierigkeiten mit den eigenen Eltern – und erst recht mit der eigenen Mutter – anzusprechen wagt, riskiert es als undankbar, verzogen und eben selbst als schwierig eingestuft zu werden. Schon das vierte Gebot der Bibel besagt, dass wir Vater und Mutter ehren sollen, aber wie weit geht dieses Gebot? Was dürfen Mütter und was ist zu „entschuldigen“? Oftmals wird pauschalisiert: Alle Kinder sollen ihren Müttern danken, alle Mütter haben ihr Bestes getan und wenn es nicht so war, dann müssen die erwachsenen Kinder „einfach nur vergeben“.

Dabei kann es sein, dass die Schwierigkeit der Mutter in ihr als Person begründet ist, weil sie vielleicht an einer Persönlichkeitsstörung oder einer Krankheit leidet, ein komplizierter Charakter ist oder selbst eine Kindheit hatte, die problematisch war. So kann das, was den Lebensraum der Mutter überschattet, auch die Beziehung zum Kind nachhaltig belasten und prägen. Immer dient dem Kind die Mutter als Vorbild, die nicht nur nachahmenswert, sondern auch abschreckend sein kann. Es geht in diesem Buch, das für erwachsene Söhne und Töchter von einem psychologisch geschulten Mutter-Tochter-Paar geschrieben wurde, nicht um Schuldzuweisungen oder darum, Mütter an den Pranger zu stellen, sondern um das Erkennen der unterschiedlichen Problematiken mitsamt ihren Auswirkungen und Einflüssen, um entsprechend handeln und gegensteuern zu können.

Das eigene Leben zum Besseren zu wenden, wenn man mit einer schwierigen Mutter aufgewachsen ist, ist eine Lebensaufgabe, für die in der zweiten Hälfte dieses Buches ein Hilfe-Programm angeboten wird. Dabei geht es nicht darum, seine Mutter ändern zu wollen. Und auch die Kindheit ist eine unabänderliche Größe aus der Vergangenheit. Aber man kann durch die Lebens- und Denkweise auf die heutige Lebensqualität aktiv Einfluss nehmen. Kreative Übungen, in denen einzelne Themen bearbeitet werden oder die zur Achtsamkeit aufrufen, sollen dabei helfen. Da ich die Übungen nicht ausgeführt habe, kann ich über deren Wirkweise kein Urteil fällen. Aber ich habe mir beim lesen vorgestellt, diese Übungen alleine ausführen zu müssen und fand den Gedanken unbefriedigend. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass dieses Buch wertvolle Impulse liefern kann, wenn man es begleitend zur Therapie liest. Ich persönlich halte den Austausch und die Aufarbeitung von schwierigen Mutter-Tochter-Problematiken gemeinsam mit einem Therapeuten für wichtig und habe dies als bereichernd und klärend schätzen gelernt.

Es finden sich viele Quellenangaben im Text, so dass man die Möglichkeit hat diesen zu folgen und tiefer in die Materie einzusteigen, wenn man es möchte. Das Buch liest sich leicht und ist gut verständlich geschrieben, aber es ist dennoch keine leichte Kost, weil beim Lesen immer auch das eigene Leben auf dem Prüfstand steht: Wie ist die Beziehung zur eigenen Mutter? Wie ist die eigene Beziehung zum erwachsenen Kind? Was ist falsch gelaufen? So manche Erkenntnis tut weh, wenn man selbst unter einer Krankheit leidet, die einen zu einer schwierigen Mutter macht. So habe ich das Buch nicht nur als Kind, sondern immer auch als (schwierige) Mutter gelesen und viele Denkanstöße für mich erhalten, die ich gerne an meine Tochter weitergeben möchte. Ich würde mir wünschen, dass sich viele erwachsene Kinder schwieriger Mütter mit diesem Thema näher befassen, damit die negativen unbewussten Verhaltensweisen erkannt und vermieden werden können. Denn:

„Das Kind von heute ist die Mutter von morgen. Und auch unsere Mutter, so unvorstellbar es scheint, war genau ein Kind wie wir. Mit jedem Zellsterben in uns rücken wir unserer eigenen Mutter ein Stück näher, drohen wir ähnliche Leiden zu erleben, drohen wir familiäre Dramen zu wiederholen und drohen nicht zuletzt auch  dem ultimativen Supergau näher zu rücken: nämlich selbst eine schwierige Mutter zu sein.“

Und genau das gilt es zu verhindern.

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Waltraut Barnowski-Geiser, Maren Geiser-Heinrichs
Meine schwierige Mutter
Das Buch für erwachsene Töchter und Söhne
Taschenbuch, Broschur, 175 Seiten
ISBN: 978-3-608-86121-1
€ 17,00 [D]
Verlag: Klett-Cotta
Erschienen:  11.03.2017

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Libellen im Kopf – Gavin Extence

Nachdem Abby eines Abends ihren Nachbarn Simon tot in seiner Wohnung auffindet, gerät das Leben der unter einer Bipolaren Störung leidenden Mittzwanzigerin wieder mal aus dem Gleichgewicht. Schließlich führt ihr Absturz von euphorischen Glücksphasen in die tiefe Depression so weit, dass sie sich in eine geschlossene psychiatrische Abteilung einweisen lässt.

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Das Buchcover fällt durch die farbenfrohe Gestaltung gleich ins Auge. Die abgebildeten Libellen greifen stilvoll den Titel des Buches auf und wiederholen sich auf schöne Art als Gestaltungselement bei den Kapitelüberschriften im Buch.

Bei diesem Roman handelt es sich um eine fiktive Geschichte, in die der Autor, der selbst an einer Bipolaren Störung (manisch-depressive Erkrankung) leidet, zum Teil seine eigenen Erfahrungen mit einfließen lässt. So erzählt er auf teils humorige Art die Geschichte von Abby und ihrem der Krankheit ausgeliefert sein, sowie ihrem späteren Umgang mit den daraus resultierenden Folgen.

So ernst dieses Thema auf den ersten Blick klingen mag, so unterhaltsam wurde es umgesetzt. Eine flüssige Schreibweise und ein Handlungsaufbau, der einen wie von selbst durch das Buch trägt, und man immer wissen möchte, wie die Geschichte weiter geht, sorgen dafür, dass man diesen Roman kaum aus der Hand legen mag.

Aber die Stärke dieses Buches liegt in den eindringlichen Schilderungen aus der Gefühlswelt und des Erlebens der Protagonistin mit dieser psychischen Erkrankung. Diese kommen der Realität recht nahe, wie ich aus eigener leidvoller Erfahrung weiß. Der Autor hat hier die richtigen Worte gefunden, sodass man als Leser nachempfinden kann, was Abby gerade durchlebt. Auch die Gedanken und Gefühle ihres Lebenspartners werden beleuchtet und zeigen, was diese Erkrankung für die Beziehung bedeutet.

Besonders hervorheben möchte ich allerdings die Anmerkungen von Gavin Extence am Ende des Buches, in denen er auf wenigen Seiten sehr persönlich über seine Erkrankung schreibt. Diese fand ich eigentlich interessanter, als den Roman selbst. Denn obwohl der Autor Abby in der Ich-Form erzählen lässt, bleibt sie für mich eine fiktive Romanfigur, die mir nicht nahe kommt und trotz Gefühlsechtheit beim Lesen nur einen groben und doch eher oberflächlichen Einblick in die Kuriositäten und die Dramatik dieser Erkrankung bietet. Da es sich bei diesem Buch allerdings um einen Roman und nicht um ein Sachbuch handelt, empfinde ich dies auch als völlig ausreichend.

Empfehlen kann ich „Libellen im Kopf“ Lesern, die in erster Linie einen unterhaltsamen Roman über eine Mittzwanzigerin lesen möchten, deren Leben und Erleben durch ihre Bipolare Störung auf den Kopf gestellt wird.


Gavin Extence
Libellen im Kopf [Werbung]
Deutsche Erstausgabe
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Original: The Mirror World of Melody Black, Hodder & Stoughton, London 2015
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN: 978-3-8090-2634-1
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Limes
Erschienen: 14.11.2016

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Das Einmaleins der Achtsamkeit – Jessica Wilker

„Das Einmaleins der Achtsamkeit – Vom täglichen Umgang mit alltäglichen Gefühlen“ wurde von der Psychologin und Religionswissenschaftlerin Jessica Wilker geschrieben, umfasst 93 Seiten und wurde im Theseus Verlag veröffentlicht.

Darin soll mittels eines 7-Tage-Programms der achtsame Umgang mit Gefühlen geübt werden. An jedem Tag steht ein anderer Aspekt im Vordergrund, der zunächst beleuchtet und anschließend praktisch geübt werden und so zu einem besserem Verständnis für die eigenen Emotionen verhelfen soll.

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Anschaulich, humorvoll und gut verständlich brachte mich dieses Büchlein mit seinen kurzen Kapiteln dazu, achtsam innezuhalten und dabei meinen jeweiligen Gefühlszustand und die daraus resultierenden Verhaltensweisen zu betrachten. Da ich in diesem Bereich schon recht geübt bin und bereits vieles verinnerlicht habe, mochte ich nicht strikt nach Programm üben, sondern habe es für mich einfach in Kapitel unterteilt, von denen ich auch mehrere an einem Tag gelesen habe. Immer war dies jedoch eine kleine ganz besondere Pause vom Alltag, die zum nachdenken anregte und das Gelesene noch lange nachwirken ließ. Die Illustrationen in diesem Buch kommen allerdings ungelenk daher und lassen jeglichen Charme oder Zusammenhang zu dem Text vermissen, weshalb ich gut auf sie hätte verzichten können.

Dieses Buch lädt zum Innehalten und Nachdenken über die Gefühlswelt ein, der man mit Achtsamkeit begegnen sollte, wenn man sein eigenes und das Handeln anderer besser verstehen und willentlich reagieren möchte. Ein sehr anschauliches kleines Büchlein, das ich empfehlen kann.



Jessica Wilker
Das Einmaleins der Achtsamkeit – Vom täglichen Umgang mit alltäglichen Gefühlen [Werbung]
Taschenbuch, 92 Seiten
ISBN 978-3-89901-232-3
€ 5,95 | eBook € 3,99
Verlag Theseus
Erschienen: 13.08.2010