erLESENer Februar 2021

Im Lesemonat Februar las ich ein Buch über einen Jungen, der mit den psychischen Erkrankungen in seiner Familie zurecht kommen musste; ich las über einen Jungen, der mit dem Hunger kämpfte und seinen Wissensdurst mit Büchern stillte; ich las über einen stotternden Jungen, der sich die Welt mit Pink Floyd erklärte; ich las über die Entstellung einer jungen Frau und war gänzlich gebannt von der majästetisch gefährlichen Ausstrahlung der Tiger.

Triceratops von Stephan Roiss: Ein Buch, an dessen Handlung ich mich nach einem Monat kaum noch erinnern kann.

Der Junge, der den Wind einfing von William Kamkwamba: Die autobiografische Geschichte eines wissbegierigen Jungen in Malawi, die mich berühren konnte und auf mehreren Ebenen ansprach. Beeindruckend!

Tiger von Polly Clark: Stark und sehr atmosphärisch wenn es um Naturbeschreibungen und Tiger geht, aber mit kleinen Schwächen in der Geschichte. Lohnt sich aber dennoch.

Quecksilber von Amélie Nothomb: Ein weiterer kurios überraschender Roman der Autorin, der mich begeistern konnte.

Die Kinder hören Pink Floyd von Alexander Gorkow: Momentaufnahmen eines zehnjährigen Jungen Mitte der 1970er Jahre, der mit viel Fantasie und Pink Floyd groß wird. Sehr musiklastig und empfehlenswert für Fans der Band. Ich habe es sehr genossen.

Quecksilber – Amélie Nothomb

Irgendwann hatte ich mir mal einen Schwung gebrauchter Taschenbücher von Amélie Nothomb zugelegt, weil mich ihre französisch beschwingte und oft ebenso skurrile wie ernsthafte Schreibweise schon mehrfach begeistern konnte. Darauf hoffte ich natürlich auch, als ich kürzlich eher wahllos ihren knapp 176 Seiten starken Roman „Quecksilber“ aus diesem Bücherstapel herauszog. Und konnte mich darüber freuen, dass ich mit diesem Buch ein weiteres Highlight der Autorin für mich entdecken durfte.

Amélie Nothomb nimmt die Leser mit in das Jahr 1923 auf die fiktive Insel Mortes-Frontières. Dort lebt der 76jährige Kapitän Loncours mit seiner 22jährigen Ziehtochter Hazel, seitdem diese vor fünf Jahren bei einem Bombenangriff nicht nur ihre Familie verlor, sondern seitdem auch mit ihrem entstellten Gesicht zurecht kommen muss. Die Fenster des Hauses sind so hoch angebracht, dass sie dort nicht hinaussehen, sich jedoch vor allem nicht in den Fensterscheiben selbst sehen kann. Im ganzen Haus gibt es weder Spiegel noch irgendwelche reflektierenden Flächen. Als Hazel schließlich erkrankt, holt der Kapitän die Krankenschwester Francoise auf die Insel, die hinter ein fürchterliches Geheimnis kommt.

Im Klappentext wird dieses Buch als phantastischer philosophischer Thriller über Freundschaft, Liebe und deren Grenzen bezeichnet. Und tatsächlich folgt man hier einer spannenden Geschichte mit unterschiedlichen Wendungen, die auch einen Blick auf die Stellung der Frau zu dieser Zeit blicken lässt und die Figuren neben anderem über Schönheit und den Wert von Schönheit philosophieren lässt. Schnell erfährt man mehr über die Komplexität der Charaktere, denen man in gekonnten Dialogen folgt, in denen sie in Wortgefechten ihre Beweggründe und ihr Innerstes offenbaren. Der Schlagabtausch treibt einen durchs Buch und verursacht gelegentlich auch Empörung beim Lesen. Es folgt ein Ende, das zu einem leicht skurrilen Abschluss der Geschichte führt und mich als nicht nur zufriedene, sondern auch begeisterte Leserin eines weiteren Romans von Amélie Nothomb zurückgelassen hätte.

Dann jedoch folgt eine Anmerkung der Autorin, in der sie offenbart, dass sie nach dem ersten Schluss die Notwendigkeit verspürte, noch einen anderen aufzuschreiben und sich letzten Endes nicht für einen entscheiden konnte. Also präsentiert sie ihren Lesern danach einfach zusätzlich einen anderen Ausgang der Geschichte. Und so offenbart sich dieses kurze schnelle Buch als eine Art Wundertüte, die auf relativ wenigen Seiten doch so viel Überraschendes zu bieten hat.

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Amélie Nothomb
Quecksilber
Aus dem Französischen von Wolfgang Krege
Original: Mercure | Éditions Albin Michel S.A., Paris
Taschenbuch, 176 Seiten
ISBN: 978-3257233827
Preis: 12,00 € [D]
Verlag: Diogenes
Erschienen: 27.02.2004