erLESENer Dezember 2020

Im Lesemonat Dezember kämpfte ich mich durch inflationär verwendete englische Begriffe in einem deutschsprachigen Buch, verletzte das Briefgeheimnis und ließ mir von Irvin D. Yalom unter anderem erzählen, wie sich die Gruppentherapie in den vergangenen Jahrzehnten allmählich etablierte.

Bücherwelten – lebensnah, wenn die gelebte Realität zu fiktional wirkt

Erzähl dein Leben neu von Rebecca Vogels: Storytelling nicht im nachhinein, sondern das Leben so zu führen, dass sich eine schöne Geschichte darüber erzählen lässt. Nicht so oberflächlich, wie es sich anhört, aber trotz einiger guter Ansätze ein eher durchwachsenes Buch.

Mitten im Sprung von Stephanie Palm und Roswitha Perniok: Der Briefroman zweier Frauen, die sich nach 40 Jahren wieder treffen und sich Vieles zu berichten haben. Viele schöne Denkanstöße auch in Bezug aufs Älter werden.

Wie man wird, was man ist von Irvin D. Yalom: Die bezaubernde kleine Geschenkausgabe mit den Memoiren des von mir sehr geschätzten Schriftstellers und Psychotherapeuten. Großartig!

Erzähl dein Leben neu – Rebecca Vogels

„Wenn ich meine eigene Story erzähle, geht es nicht um mich. Es geht darum, eine Verbindung herzustellen. In dem Moment, in dem ich meine Story – wie auch hier in diesem Buch – erzähle, gehört sie mir nicht mehr. Sie ist draußen in der Welt und hat ihr eigenes Leben. Jeder, der meine Geschichte liest, bringt seine eigene Perspektive mit. Jeder liest hier ein anderes Buch.“

(S. 244)

Nachdem ich im November einen sehr speziellen Teil meines Lebens zu Papier gebracht hatte, stand ich vor dem Problem, dass ich nicht wusste, was ich mit dem dabei entstandenen Manuskript anfangen sollte. So, wie ich es heruntergeschrieben hatte, wollte ich es nicht lassen. Aber ich hatte auch noch keine passende Idee, in welche Richtung ich es überarbeiten könnte. Da kam es mir ganz recht, dass ich auf „Erzähl dein Leben neu – Wie Storytelling dir zeigt, wer du wirklich bist“ von Rebecca Vogels aufmerksam wurde. Von diesem Buch erhoffte ich mir wertvolle Erkenntnisse bezüglich der einzelnen Stationen innerhalb meines Manuskripts und Inspirationen dazu, wie ich meine Geschichte griffiger erzählen könnte.

Denn der Klappentext hatte mich neugierig gemacht: „Was ist deine Story? Und wie würde die Geschichte deines Lebens aussehen, wenn du selbst ihre Autorin oder ihr Autor wärst? Rebecca Vogels ist Expertin für Storytelling. Sie hat entdeckt, wie wir diese Methode für uns anwenden können, um herauszufinden, was uns wirklich antreibt, um einen positiven Blick auf die Höhen, Tiefen und Chancen unseres Lebens zu bekommen und es mit diesem Wissen bewusst zu gestalten. Anhand ihres eigenen Beispiels zeigt sie, wie viel Spaß es machen kann, die eigene Story zu leben. Und das kann jeder lernen!“

Um es vorweg zu nehmen: Dieses Buch hat meine Erwartungen zwar nicht erfüllt und mich stellenweise sogar genervt, aber richtig schlecht fand ich es dennoch nicht.

Denn bei genauer Betrachtung bin ich einfach nicht amerikanophil genug, um mit der gleichen Begeisterung wie die Autorin manchen amerikanischen Verhaltensweisen gegenüber zu stehen. Die 1984 in Bonn geborene Rebecca Vogels schöpft hierbei vielfach aus der Zeit, in der sie in Amerika gelebt und gearbeitet hat. Dabei versucht sie das klassische Storytelling, das die Kinder dort bereits von Klein auf verinnerlicht haben, auf unseren Kulturkreis zu übertragen. Sie schießt allerdings für meine Begriffe über das Ziel hinaus und vermittelt den Eindruck, dass das Leben jedes Einzelnen eine einzige große Geschichte sei und es nur darum geht, diese möglichst unterhaltsam in mundgerechten Häppchen serviert unter die Leute zu bringen.

Doch die Autorin kann auch anders. Wenn sie darüber schreibt, welche Chancen und Möglichkeiten in der Beschäftigung mit den eigenen Lebensgeschichten oder des Schreibens darüber liegen, bekomme ich ein wenig von dem, das ich mir von dem Buch erhofft habe. Es lädt ein, die eigenen Lebensgeschichten und Geschichtchen unter anderen Aspekten zu anzuschauen und manchmal auch Veränderungen in der Betrachtungsweise durch kleine Umformulierungen zu bewirken. So führt beispielsweise die Aussage „Ich bin gescheitert“ zu einer ganz anderen Story als „Ich orientiere mich neu.“.

„Was mich schon immer am Schreiben fasziniert hat, ist das Paradoxon, dass man Abstand zu seinem Leben bekommt, indem man sich mit ihm beschäftigt. Indem ich über die Details in meinem Leben schreibe, schaffe ich Distanz. Und diese Distanz kann uns helfen, klarer zu sehen und Dinge zu planen.“

(S. 89)

Es gibt in diesem Buch einige Sätze, über die sich genaueres Nachdenken lohnt und die es wert sind sie im Gedächtnis zu behalten. Rebecca Vogels Ansatz, das Leben so zu gestalten, dass man später hübsche Geschichten darüber erzählen kann, fühlt sich für mich zunächst etwas zu sperrig an, aber beim genaueren Hinsehen hat diese Herangehensweise natürlich auch ihre Berechtigung. Denn wenn es das Leben besser macht, dann kann die öffentliche Selbstdarstellung eben auch ein Mittel zum Zweck sein.

Meist als überflüssig empfinde ich hingegen die als „Take Aways“ betitelten Zusammenfassungen, die am Ende jedes Kapitels folgen, egal wie kurz diese teilweise auch sind. Hier wird akribisch eine erzwungene Struktur des Buches eingehalten, die dem Leser keinen Mehrwert bietet, sondern ihn zum stupiden Wiederkäuen zwingt. Manche Idee, wie beispielsweise der Lunch-Talk zur eigenen Horizonterweiterung oder das Magic-Moments-Journal als Sammelstelle schöner Augenblicke, gefällt mir hingegen zwar inhaltlich gut, fügt sich aber nicht in ein rundes Gesamtbild dieses Buches ein.

Möglicherweise bin ich etwas zu empfindlich, aber ich mag es nicht, wenn in deutschsprachigen Büchern englische Begriffe inflationär verwendet werden. Wenn Rebecca Vogels dann auch noch schreibt „Und ist das nicht exciting?“ bin ich darüber wirklich nicht amused. Insgesamt empfinde ich dieses Buch eher als gut gemeint und weiß einige schöne Anregungen zu schätzen, halte die Umsetzung aber für nicht so gut gelungen.

Dennoch hat „Erzähl dein Leben neu“ etwas mit mir gemacht. Ich mag mich mit den schwierigen Zeiten meiner Vergangenheit unter positiven Gesichtspunkten betrachtet neu auseinandersetzen und werde mein Manuskript noch einmal neu lesen, um es vielleicht sogar anders zu interpretieren.

„Wir sind die Autoren unseres Lebens. Und wir können unser Leben so planen wie eine Geschichte: Wie wollen wir durchs Leben gehen? Wer soll dabei sein? Was soll in unserer Geschichte vorkommen? Wie wollen wir auf die Krisenzeiten in unserem Leben zurückblicken? Wir können unsere ganz persönliche Geschichte planen.“

(S. 265)

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Rebecca Vogels
Erzähl dein leben neu: Wie Storytelling dir zeigt, wer du wirklich bist
Broschiert, 290 Seiten
ISBN: 978-3426214800
Preis: EUR 14,99 € [DE]
Verlag: Knaur HC
Erschienen: 02.11.2020