Hiergeblieben! 55 fantastische Reiseziele in Deutschland – Jens van Rooij

Es ist Juni 2020, die Welt befindet sich noch inmitten von Corona und die Sommerferien stehen vor der Tür. Bald ist Urlaubszeit. Erste Länder lockern ihre Einreisebestimmungen, andere bestehen auf eine zweiwöchige Quarantäne, für wiederum andere Länder gelten sogar Reisewarnungen. EU weit geht schon das ein oder andere, aber dann gibt es ja auch noch Abstands- und Hygieneregeln im Flugzeug. Fernreisen scheinen noch so fern, dass sie unerreichbar sind. Die Regeln werden von rechts auf links gedreht und können sich täglich ändern. Wer in diesem Jahr sicher gehen will, der bleibt wohl am besten in seinem Heimatland – nur so für den Fall, dass eine 2. Corona-Welle über uns hinwegschwappt. Denn in Deutschland können wir wieder überall Urlaub machen, auch wenn in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Corona-Richtlinien gelten. Und Jens van Rooij macht mit seinem Buch „Hiergeblieben!“ richtig Lust darauf.

22_Hiergeblieben

Denn dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für das Reisen vor der eigenen Haustüre. Es entführt die Leser zu faszinierenden wie kuriosen Sehenswürdigkeiten in Deutschland. Zwischen Alpen und Ostsee finden sich viele exotische oder zumindest überraschend ungewöhnliche Orte und Landschaften. Manche kennt man, einige sind weltberühmt, andere wiederum glänzen bescheiden im Verborgenen und warten darauf, entdeckt zu werden: Denn bei jeder dieser Attraktionen fühlt man sich wie in einem fernen Land, mitunter sogar wie am anderen Ende der Welt! Und alle haben sie spannende oder kuriose Geschichten zu erzählen.

Diese Vorgehensweise Deutschland zu erkunden ist ungewöhnlich und macht so viel Spaß, dass ich am liebsten gleich meine Sachen gepackt hätte, um auf Erkundungstour zu gehen: Mit dem Mississippi-Dampfer durch Hamburg schippern wäre dabei nur eine Möglichkeit, aber in Deutschland gibt es auch ein Gegenstück für die Provence, es gibt Bauwerke wie in Dubai, Viertel wie in Holland, eine Skyline wie in Manhattan, Küsten wie in Massachusetts oder in der Normandie, es gibt den großen Bruder vom Panamakanal und die kleine Schwester vom Canal Grande, Wasserlandschaften wie in Schweden oder Tahiti, Kirchen wie in Russland oder Norwegen, Tempel wie in Südindien oder Nepal, Berge wie in Tansania, Brücken wie in der Schweiz, Tschechien, Südfrankreich oder in Italien, Schiefes mit Charme wie in Pisa, Landschaften wie in Montana, Chile oder den Appalachen, eine Bahnverbindung wie in Tennessee, Fjorde wie in Norwegen, Gärten wie in Japan, einen Geysir wie in Island, eine Akropolis wie in Griechenland, einen Hauch Kapstadt und Lappland, ein bisschen Versailles, Mongolei, Kanada, Türkei und Hawaii.

Vieles davon kenne ich noch nicht, aber das meiste davon finde ich so interessant, dass ich gerne dorthin reisen würde, um eine schöne Zeit zu verbringen und meiner Leidenschaft – dem Fotografieren – zu frönen. Zu allen Orten ist eine Auswahl der schönsten Ausflugsziele in der Umgebung sowie einige Hotel- und Restauranttipps inklusive Webadressen zusammengestellt. Da ich ich etwa 30 Autominuten von der deutschen Golden Gate Bridge entfernt wohne, habe ich mir die Vorschläge für diese Region etwas näher angesehen und finde sie durchweg empfehlenswert, beziehungsweise noch kennenlernenswert. Einzig dass hierbei zwei niederländische Ausflugsziele aufgenommen wurden widerstrebt mir etwas, da das Buch eigentlich mit Titel und Beschreibung den Eindruck vermittelt, dass es in diesem Buch ausschließlich um Deutschland geht. Andererseits sind für uns Niederrheiner die Niederlande ja gefühlt ein Stück Deutschland – also alles halb so wild.

Insgesamt ist es ein Vergnügen Deutschland auf diese Art zu entdecken und ich war ein ums andere Mal erstaunt über die Bilder aus fremden Ländern und ihre deutschen Gegenstücke. Einiges lädt auch zum schmunzeln ein, wenn beispielsweise den bunten Umkleidekabinen im südafrikanischen Muizenberg die Hummerbuden auf Helgoland gegenübergestellt werden. Aber im großen und ganzen hat der Autor schöne Vergleiche gezogen, die große Lust aufs entdecken machen. Empfehlenswert!

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Jens van Rooij
Hiergeblieben! 55 fantastische Reiseziele in Deutschland
Gebunden, 240 Seiten
ISBN: 978-3834231215
Preis:  24,99 [D] inkl. MwSt.
Verlag: HOLIDAY, ein Imprint von GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH
Erschienen: 06.05.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

umgeBUCHt Beiwerk: Mit Büchern verreisen

umgeBUCHt Beiwerk: Herzensbücher

Die Städtesammlerin – Annett Gröschner

„Wenn ich erzähle, dass ich überall, wo ich bin auf der Welt, mit der Linie 4 fahre (vorausgesetzt, es gibt eine und sie fährt über der Erde), dann werde ich oft gefragt, warum die 4? Warum nicht die 1 oder die 6? Es gibt eine einfache Erklärung: Die 4 ist die Straßenbahnlinie meiner Kindheit.“ (S. 9)

Da ich gerne Reiseberichte lese und mich diese ungewöhnliche Idee gleich begeisterte, war ich neugierig auf das, was Annett Gröschner in ihrem Buch „Die Städtesammlerin“ über ihre Art der Stadterkundung zu berichten hatte.

36_Die Städtesammlerin

Immer wieder ist es für die Autorin laut eigener Aussage, ein kleines Abenteuer, mit der Linie 4 in einem Bus, Minibus oder der Straßenbahn zu fahren, da sie im Vorfeld nie genau weiß, wohin sie im einzelnen fährt und was es für sie dabei zu entdecken gibt. In dem Buch führt sie diese Linie laut Titel an die entlegensten (?) Orte der Welt, gemeint sind damit Magdeburg, Alexandria, Astana, Buenos Aires, Istanbul, Jekaterinenburg, Kasan, Klausenburg, Minsk, New York, Peking, Reykjavik, Riga, Shanghai, Tartu, Tbilissi, Tel Aviv und Temeswar.

Dabei schildert sie nicht nur das Aussehen des jeweiligen Gefährts oder wie die Fahrscheine gelöst werden, sondern erzählt auch über das, was ihr in den einzelnen Städten bei ihrer Fahrt begegnet. Es entstehen Beschreibungen der Orte, wie man sie in den üblichen Städteportraits eher nicht findet, da die Linie 4 ja nicht zwingend an Sehenswürdigkeiten vorbei führt – und das kann mitunter auch trist und ziemlich unspektakulär sein. Die zusätzlichen Informationen über die Stadt oder sogar das Land blähen den Text dann nur noch künstlich auf, bevor sie abrupt für den Leser enden, ohne dass man das Kapitelende nachvollziehen oder mit einer Endstation der Linie 4 in Verbindung bringen könnte.

Der Schreibstil konnte mich nicht überzeugen. Aufgrund der kreativen Reiseidee und der Anpreisung des Klappentextes war ich auf „Städteportraits, so abenteuerlich, wie nur das Leben sein kann“ eingestellt. Stattdessen hatte ich den Eindruck dass die Autorin, wie man bei uns so schön sagt ‚von Höcksken auf Stöcksken‘ kommt und mit ihren eher sachlichen Schilderungen krampfhaft Buchseiten füllen will.

Insgesamt finde ich es immer noch interessant eine Stadt auf diese willkürliche Art zu erkunden, bin aber der Meinung dass es wohl am spannendsten für den Reisenden selbst ist. Darüber zu lesen, fand ich eher ermüdend, weshalb ich dieses Buch nicht weiterempfehlen kann.

-> Zur Leseprobe [Werbung]


Annett Gröschner
Die Städtesammlerin
Mit der Linie 4 an die entlegensten Orte der Welt
Original: Mit der Linie 4 um die Welt, DVA, München 2012
Taschenbuch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-328-10072-0
€ 9,00 [D] | € 9,30 [A] | CHF 12,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Penguin
Erschienen: 13.03.2017

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Australien, wie wir es sehen – Erik Lorenz & Thomas Bauer (HRSG.)

Mit seiner einzigartigen Mischung aus rauer Wildnis und multikulturellen Metropolen fasziniert Australien Menschen in aller Welt. In „Australien, wie wir es sehen“ erzählen 18 Einheimische, Zugewanderte und Reisende von ihrem Down Under und spiegeln die Vielfältigkeit Australiens durch ihre Beiträge wider. Sie berichten aus ihrem Leben und lassen den Leser an den Wahrnehmungen ihres Australiens teilhaben. Aus den farbenfrohen, individuellen Momentaufnahmen ihrer Lebensbedingungen, Eindrücke und Erfahrungen bildet dieses Buch einen Querschnitt ab, der zwar nicht repräsentativ ist, aber vermittelt, was die Menschen bewegt, die auf diesem Kontinent leben und reisen.

32_Australien, wie wir es sehen

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Im ersten „Australien spüren“, liegt der Fokus auf alten Geschichten und neuen Anfängen. Die Autoren berichten aus ihren Biografien. Als Leser erfährt man, was es bedeutet, in Australien Zuhause zu sein – sowohl von Einheimischen als auch von Menschen, die sich vor einer Dekade beziehungsweise einem halben Jahrhundert aus Deutschland in die Ferne aufmachten und lange gerungen haben, das Wesen ihrer neuen Heimat zu begreifen und ein Teil davon zu werden.

Auf ganz persönlichen Streifzügen durch das Land begleitet man einige Autoren im zweiten Teil „Australien entdecken“ – ob Buchautorin Lydia Laube, die in den 1970er Jahren mit einem VW Käfer das Outback durchquerte, um ihren Dienst als Krankenschwester in Darwin aufzunehmen; ob Backpackerin Sal Bolton, die an der Ostküste bei einem Wanderzirkus arbeitete; ob Abenteurer Jon Muir, dem als erster Mensch das Durchwandern des ganzen Kontinents zu Fuß ohne jede Unterstützung gelang.

Im dritten Teil „Australien begreifen“ setzen sich einige Autoren mit speziellen Aspekten Australiens auseinander und bieten ungewöhnliche Nahaufnahmen dieser Besonderheiten: Urs Wälterlin beschreibt die Intervention in den Aboriginalgemeinden, Christiane Cohnen erzählt, wie Weihnachten Down Under gefeiert wird, und Niels Büngen zeigt dem Leser Melbourne, die ‚beste Stadt der Welt‘.

Die Beiträge sind so unterschiedlich, wie die Autoren, die sie erzählen. Und auch wenn ich mich dazu entschied, einen Beitrag nicht zuende zu lesen, konnten mir die übrigen interessante Sichtweisen und Eigenheiten über Australien und seine Bewohner vermitteln und mich darüber hinaus gut unterhalten.

„Australien, wie wir es sehen“ empfehle ich Lesern, die dieses vielseitige Land auf lehrreiche und unterhaltsame Weise durch die verschiedenen Perspektiven von 18 Einheimischen, Zugewanderten und Reisenden kennen lernen möchten.

Mich konnte dieses Buchkonzept überzeugen und ich werde sicherlich demnächst auch die außerdem bereits für Frankreich, Indien und China erschienen Bücher der „Wie wir es sehen“-Reihe vom Drachenmond Verlag lesen.

-> Zur Leseprobe [Werbung]


Erik Lorenz & Thomas Bauer (Hrsg.)
Australien, wie wir es sehen
Klappenbroschur, 320 Seiten
ISBN: 978-3-931989-85-9
[D] 14,90 €
Verlag: Drachenmond Verlag
Erschienen: 08.08.2013

Der weiteste Weg ~ Mit dem Campingbus bis Australien – Bruno Blum

Zu gerne begebe ich mich mit Weltenbummlern auf Entdeckungsreise und konnte daher nicht widerstehen „Der weiteste Weg“ von Bruno Blum zu lesen, der bereits zweimal mit dem Motorrad die Welt bereist hast. Dieses Mal geht es gemeinsam mit seiner Freundin und dem umgebauten Campingbus innerhalb von zweieinhalb Jahren und 90.000 Kilometern durch die unterschiedlichsten Länder, Kulturkreise und Landschaften – von der Schweiz über den Nahen Osten und Indien auf den „roten Kontinent“ mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten, nach Japan und seine faszinierende Kultur, durch Osteuropa und die Mongolei, durch Sonne und Eis, durch Sturm und Hitze, durch Höhen und Tiefen.

24.jpg

Ich habe dieses Buch gern gelesen und fand die 161 enthaltenen Farbbilder teilweise beeindruckend und wunderschön. Sie machen für mich den eigentlichen Reiz dieses Buches aus. Auch mag ich die Geschichten zu manchen Bildern, historische und religiöse Hintergründe, Abergläubisches, Landestypisches und Rituelles. Gerne las ich auch über Unwegsamkeiten auf dieser Reise und noch lieber davon, wie diese überwunden wurden. Und doch bleibt mir das alles zu oberflächlich.

Leider ist für mich teilweise nicht nachvollziehbar über welche Zeiträume an den einzelnen Zielen verweilt wurde. Auch hätte ich mir ein wenig mehr Informationen über die Personen gewünscht, mit denen man sich dank dieses Buches auf die Reise begibt. Ein Kurzportrait, wie man es beispielsweise in Romanen über den jeweiligen Autoren findet, habe ich hier vermisst. So war einzig von Beginn an ersichtlich, dass es sich bei Bruno Blum um einen schweizer Weltenbummler handelt, der sich nun erstmalig mit seiner Freundin statt allein auf die Reise begibt. Auch hätten mich beispielsweise das Alter der Reisenden und ihre Berufe interessiert und wie sie es bewerkstelligen und finanzieren konnten, zweieinhalb Jahre aus ihrem Schweizer Leben auszusteigen und noch so vieles mehr. Ich habe hier keine Anleitung zum Weltreisen oder ähnliches erwartet, aber insgesamt stellten sich für mich beim lesen doch einige grundlegende Fragen, auf die ich in dem Buch keine Antworten bekam.

Letztlich muss ich jedoch gestehen, dass ich hier auf hohem Niveau jammere. Trotz vorgenannter Informationslücken habe ich es genossen, mich leserisch mit Bruno Blum und seiner Freundin Yvonne auf Weltreise zu begeben, auch wenn sie mir nie wirklich nah waren. Das Lesen weckt mitsamt der bildschönen Fotos die Reise und Abenteuerlust und ich würde mich am liebsten gleich auf den Weg machen um die Reiseroute der beiden Weltenbummler nachzuverfolgen.

-> Zur Leseprobe [Werbung]


Bruno Blum
Der weiteste Weg – Mit dem Campingbus bis Australien
Flexibel gebunden, 222 Seiten
ISBN: 978-3-667-10914-9
€ 22,90 [D], € 23,60 [A]
Verlag: Delius Klasing
Erschienen: 10.04.2017

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Couchsurfing in Russland – Stephan Orth

Zehn Wochen lang reist Stephan Orth von Couch zu Couch, von Moskau bis Wladiwostok, besucht unter anderem eine Diamantenmine in Jakutien, eine Datscha mitten in der Großstadt und das Dorf einer Weltuntergangssekte in Sibirien. Dabei trifft er nicht nur Putin-Versteher, Wodkatrinker und Waffennarren, sondern auch herzliche Musiker, einen intellektuellen Pedanten und die schönste Frau des Landes. Er erfährt, wie grüne Männchen auf der Krim landeten und entdeckt sogar das Geheimversteck der sagenumwobenen russischen Seele.

23

Neben farbigen Abbildungen ergänzen zahlreiche schwarz-weiß Fotos den Text. Jede Station hat im Buch ein eigenes Kapitel, das mit dem Ortsnamen in kyrillischer und lateinischer Schrift, der Einwohnerzahl, der Angabe des Föderationskreises und der eingezeichneten Lage auf der Russland-Karte eingeleitet wird. Besonders letzteres ist bei der Orientierung sehr hilfreich. Auf den Innenseiten der Klappenbroschur lässt sich die Reiseroute anhand der Karte in der Gesamtübersicht nachverfolgen – eine imposante Strecke, die der Autor zurückgelegt hat und von der er nachfolgend auf unterhaltsame informative Weise berichtet.

Dabei entdeckt er für sich Wahrheiten, die es immer wieder zwischendurch kurz und knapp auf den Punkt bringen:

„Wahrheit Nummer 6: Mit dem Satz ‚Das ist Russland‘ lassen sich viele Sachverhalte erklären, für die es ansonsten keine vernünftige Erklärung gibt.“ (S. 76)

Stephan Orth findet Unterschiede, entdeckt Ungewöhnliches und Kurioses. Darüber schreibt er in humorvoller Weise, oft auch mit einem Augenzwinkern, zieht aber nichts ins Lächerliche. Er lebt zu Hause bei Einheimischen, diskutiert mit ihnen über Politik, Propaganda und Pelmeni und lässt sich von ihnen ihre Welt zeigen. Von Gastgeber zu Gastgeber ergibt sich ein persönliches Bild dieses riesigen Landes. Es werden immer auch brisante Themen angesprochen und teilweise in knapper Form auch kritisch hinsichtlich der Weltpolitik beleuchtet.

Durchs Couchsurfing hat Stephan Orth die Gelegenheit mit dem ‚Mann von der Straße‘ zu sprechen und ihn in seinem unmittelbaren Umfeld zu erfahren. Hier wird zwar auch über Politik gesprochen, aber nicht politisch gehandelt. Das macht die Menschen sympathisch und ich hatte das Gefühl einen kleinen authentischen Einblick in das Land mit seinen liebenswerten Seiten und seinen Eigenheiten zu bekommen. Allerdings hätte ich an einigen Stellen gern mehr erfahren, manchmal bleibt mir der Autor zu oberflächlich.

Interessant sind auch die im Buch verteilten Info-Kästen, in denen man allerlei Zusatzinformationen finden kann, wie beispielsweise, dass es ein Waschmittel mit dem Namen „Frau Schmidt“ gibt, das zwar in Russland hergestellt wird, aber den Kunden Qualität „Made in Germany“ vorgaukeln soll. Wen wundert’s, dass auch in Russland der Verbraucher verschaukelt wird. Reizend fand ich hingegen folgendes:

„Blin bedeutet Pfannkuchen, ist aber auch ein universal einsetzbarer und irgendwie niedlicher Fluch. Ich glaube, wenn mehr Leute auf der Welt wüssten, dass Russen „Pfannkuchen!“ rufen, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht, würden sie dieses Land geopolitisch nur noch als halb so bedrohlich empfinden.“ (S. 152)

Mir hat das Lesen dieses Buches viel Freude bereitet und ich bin Stephan Orth gerne als Leser durch dieses große Land gefolgt. Ich konnte viel Neues erfahren und möchte das Buch jedem empfehlen, der daran interessiert ist einen vorsichtigen Blick hinter den eisernen Vorhang zu wagen. Abschließend möchte ich noch folgendes zitieren:

„In verschiedener Intensität hat jeder Vorurteile über andere Länder, weil die Informationen, die wir zusätzlich zu unserem Grundwissen bekommen, meistens das Außergewöhnliche beschreiben und nicht das Alltägliche.“ (S. 246)

Dem kann jedoch wie folgt abgeholfen werden: 😉

„Wahrheit Nummer 21: Man sollte mehr reisen, statt am Computer zu sitzen.“ (S. 245)

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Stephan Orth
Couchsurfing in Russland
Klappenbroschur, 256 Seiten
ISBN: 978-3-89029-475-9
€ 16,99 [D], € 17,50 [A]
Verlag: Malik
Erschienen: 20.03.2017

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Neuschweinstein – Christoph Rehage

Christoph Rehage spricht fließend Mandarin und hat bereits einige Jahre in China gelebt, als er sich einer chinesischen Reisegruppe anschließt, um mit ihr gemeinsam auf eine vierzehntägige Busreise durch Deutschland, die Schweiz, Italien und Frankreich zu gehen. Dabei will er herausfinden, was die Chinesen wirklich über Europa und seine Bewohner denken.

img_1502

Das eher schlicht gehaltene Buchcover wirkt durch seinen Buchtitel, der auch gleich vermuten lässt, dass es in dieser Reisegruppe auch etwas zum Lachen geben wird. Beim Aufklappen sind am Anfang und am Ende des Buches insgesamt 16 Reise-Schnappschüsse zu entdecken, die vom Autor während der Tour gemacht wurden. Leider vermisse ich die Bilder der in der Schweiz auf dem Berg springenden Reisegruppe, aber das wird ja immerhin in schwarz-weiß auf dem Buchcover angedeutet und lässt mich im nachhinein noch schmunzeln.

Wie leicht es sich doch als Europäer reist, wurde mir erst beim Lesen dieses Buches wieder einmal bewusst. Chinesische Reisewillige müssen kurios wirkende Klauseln in ihren Vertragsunterlagen unterschreiben und Kautionen zahlen oder Bürgschaften vor Reiseantritt hinterlegen, wenn sie denn überhaupt ausreisen dürfen. Auch erfährt man manches über die chinesische Mentalität und natürlich wird auch das ein oder andere Klischee bedient. Hingegen kommen aus chinesischer Sicht einige europäische Verhaltensweisen eigenartig daher. Der Schreibstil des Autors ist flüssig und angenehm zu lesen. Vergleiche oder Kritik an den unterschiedlichen Systemen oder der Lebensart erfolgen mit angenehmem Humor. Es wird lediglich die Andersartigkeit herausgestellt und nicht beurteilt, was nun besser oder schlechter ist.

„Aber wer einmal das verzerrte Gesicht eines Chinesen beim Verkosten von Lakritze gesehen hatte, der durfte sich wirklich gerächt fühlen. Gerächt für jeden Hühnerfuß, für jedes Entengedärm und für jedes Fischauge, mit dem er in China gequält worden war.“ (S. 84)

Man erlebt, wie Christoph Rehage in die Gruppe hineinwächst und insgeheim seinen Mitreisenden bezeichnende Spitznamen gibt. Das erleichtert das Lesen, da man nicht mit übermäßig vielen chinesischen Namen und Bezeichnungen konfrontiert wird. Teilweise verschmilzt der Autor mit der Gruppe und schildert die Geschehnisse in der Wir-Perspektive. Dadurch wird die chinesische Sichtweise und das Miterleben der Reise noch verstärkt. Ebenso wie Rehage, wachsen einem die Reisegäste nach und nach ans Herz und man ist fast ein wenig traurig, als schließlich der Rückflug nach Beijing ansteht.

Eigentlich hatte ich erwartet, dass das Buch mit der Reise endet, aber Christoph Rehage hat sein beim Abschied gegebenes Versprechen wahr gemacht, und einige ehemalige Mitreisende drei Monate später in ihrem Heimatort besucht. Das war überraschend und besonders. Losgelöst von der Gruppe gab es dabei einiges Wissenswertes über die Personen und ihre persönlichen Reisehighlights zu erfahren. Das ließ die Reise in noch einem anderen Licht erscheinen.

Christoph Rehage ist mit „Neuschweinstein“ ein amüsanter Reisebericht gelungen, den ich gerne gelesen habe und jedem empfehlen kann, der gerne mal hinter die Kulissen der im Dauer-Selfie-Modus befindlichen chinesischen Reisegruppen schauen möchte.



Christoph Rehage
Neuschweinstein [Werbung]
Mit zwölf Chinesen durch Europa
Klappenbroschur, 272 Seiten
ISBN: 978-3-89029-435-3
€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Verlag: Malik
Erschienen: 17.10.2016

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle nochmal recht herzlich bedanke.

Hinter dem Horizont rechts – Christopher Many

1997 brach der 1970 geborene Christopher Many zu seiner ersten Overlandreise auf und glaubte nicht, dass er mehr als ein, zwei Jahre unterwegs sein würde. Mittlerweile sind jedoch 19 Jahre vergangen und er treibt sich noch immer in der großen weiten Welt herum. Auch 2012 schwang sich Christopher Many auf seine Yamaha Ténéré, und machte sich mit viel Optimismus im Gepäck und seiner Partnerin Laura Pattara, die auf dieser Reise erst mittels „Learning by doing“ das Motorradfahren richtig erlernt hat, auf eine vierjährige Fahrt von Deutschland nach Australien. In „Hinter dem Horizont rechts“ erzählt er von diesem Abenteuer.

img_1047

Das Cover spiegelt gekonnt den Inhalt des Buches wider, indem es Christopher Many mitsamt vollgepacktem Motorrad bei einem übrig gebliebenen Schiffswrack im vertrockneten Teil des Aralsees zeigt – einem surreal wirkenden Bild, das vor dem Hintergrund einer der größten ökologischen Katastrophen dieser Welt, nachdenklich macht. So ist auch im Buch selbst immer wieder neben Abenteuerlust und Kuriosem, Raum zum Nachdenken und Hinterfragen von Umweltproblemen und politischen Themen. Die Einstellung des weltoffenen und unkomplizierten Autors wirkt hierbei jedoch überaus sympathisch und informativ und bleibt immer respektvoll.

Der Schreibstil ist erfrischend und natürlich, so dass sich dieser Reisebericht leicht und flüssig lesen lässt. 80 Farbfotos und 4 Karten lockern das Buch optisch auf und runden die geschilderten Erlebnisse perfekt ab. Kleine Anekdoten bringen zum Schmunzeln und immer wieder lassen die hautnah geschilderten Herausforderungen einen mitfiebern.

Überhaupt hatte ich beim Lesen des Buches den Eindruck, ich befände mich mit Christopher Many und seiner Gefährtin Laura auf Tour und er schildere mir gemütlich am Lagerfeuer seine zahlreichen Reiseerlebnisse. Und „zugehört“ habe ich ihm gerne, weil er ein Mensch ist, der viel zu erzählen hat und immer auch Vergleiche zu früheren Reisen und dem dabei erlebten zieht.

Zugegebenermaßen hatte ich befürchtet, dass rund 500 Seiten zu viel für einen Reisebericht sein könnten, bin aber nach Beendigung des Buches traurig darüber, dass diese Reise schon zuende sein soll. Obendrein gibt der Autor zum Ende des Buches zahlreiche Denkanstöße und Tipps, so dass ich mich am liebsten gleich auf den Weg machen möchte, um selbst als Overlander mitsamt eigenem Motorrad die Welt zu erkunden. Da ich mich jedoch nicht nur aus gesundheitlichen Gründen bremsen muss, werde ich zum Ausgleich das Vorgängerbuch „Hinter dem Horizont links“ lesen, in dem Christopher Many seine mit dem Land Rover zwischen 2002 und 2010 gemachte Reise beschreibt.



Christopher Many
Hinter dem Horizont rechts [Werbung]
Klappenbroschur, 520 Seiten
ISBN: 978-3-667-10563-9
€ 22,90 [D]
Verlag: Delius Klasing
Erschienen: 19.09.2016

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle nochmal recht herzlich bedanke.