Die rechtschaffenen Mörder – Ingo Schulze

Es ist nun schon eine Weile her, dass ich mir „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze als ungekürztes Hörbuch bei Spotify anhörte, aber immer noch habe ich Schwierigkeiten die richtigen Worte für diesen ungewöhnlichen Roman zu finden. Denn er ist in drei Teile gegliedert und jeder Teil hat mich aus der Welt des vorherigen herausgerissen und vor völlig neue Tatsachen gestellt, mit denen ich beim Lesen so nicht gerechnet habe. Die Form, wie sich dieser Roman dem Leser erschließt fühlte sich für mich überraschend und neu an, war aber auch sperrig und ließ mich am Ende etwas ratlos zurück. Und doch macht dies das Buch zu etwas Besonderem, weil es mit einer unzuverlässigen Erzählweise konfrontiert, die eine gewisse Spannung beim Lesen erzeugt.

Im ersten Teil lernen wir den Antiquar Norbert Paulini kennen – und lieben. Norbert Paulini ist ein hoch geachteter Dresdner Antiquar, bei ihm finden Bücherliebhaber Schätze und Gleichgesinnte. Auch in den neuen Zeiten, nach der Wende, als die Kunden ausbleiben, versucht er, seine Position zu behaupten. Als bücherbegeisterter Leser lässt man sich von dieser Person, die für die Literatur lebt, vollends begeistern und ist durch die angenehme Erzählweise gänzlich in einer Geschichte, die einen mitnimmt und umgarnt und immer weiter erfahren möchte. Es ist eine (fast) schöne heile Welt des Lesens, der Bücher und des völligen Aufgehens in der Literatur. Ein gefundenes Fressen für jeden leidenschaftlichen Leser.

Im zweiten Teil lernen wir hingegen den Antiquar aus einer anderen Perspektive erzählt und von einer völlig anderen Seite kennen. Und der dritte Teil wird aus einer weiteren Perspektive präsentiert und offenbart dem Leser neue ‚Wahrheiten‘ und Sichtweisen auf das bisher gelesene und erfahrene. Ich mag an dieser Stelle nicht mehr verraten, um nicht die Überraschung zu verderben, die durch diese Erzähler entsteht. Es sei hier nur ausgeplaudert, dass diese Wendungen dazu anregen, sich Gedanken über das Geschichten erzählen, beziehungsweise schreiben zu machen und dabei den Wahrheitsgehalt, die Ausschmückung und die jeweilige Erzählperspektive auf den Prüfstand stellen. Die Geschichte Norbert Paulinis entblättert sich hier ganz allmählich auf unterschiedliche Weisen und konfrontiert den Leser mit literarischem Wunschdenken bis hin zu kalter ungeschönter Realität, deren Glaubwürdigkeit allerdings wiederum angezweifelt werden darf, weil man als Leser irgendwann in diesem Roman gelernt hat, dass sich alles Gelesene in subjektiver Einfärbung präsentiert.

Eingesprochen wurden die ersten beiden Teile des Hörbuchs von Sylvester Groth und der dritte Teil leider von Victoria Trauttmannsdorff. Dabei ist es mir erstmals so ergangen, dass mir in eine Sprecherstimme, beziehungsweise in diesem Fall die Stimme der Sprecherin derart unangenehm war, dass ich aufgrund dessen Probleme hatte der Geschichte zu folgen. Auch das kann dazu beigetragen haben, dass ich das Buch zum Ende hin als immer schwächer werdend empfunden habe. Daher würde ich in diesem Fall doch eher dazu raten diesen Roman selbst zu lesen oder sich vorab mit den Stimmen der beiden Sprecher vertraut zu machen.

Insgesamt ist es aber bei diesem Buch eher das Wie diese Geschichte erzählt wird und sich dem Leser erschließt, das mich überraschen und beeindrucken konnte, als die erzählte Geschichte selbst. Dennoch war dies eine besondere Lese-, beziehungsweise Hörerfahrung für mich.

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Ingo Schulze
Die rechtschaffenen Mörder
Sprecher: Sylvester Groth, Victoria Trauttmansdorff
Spieldauer: 7 Stunden 55 Minuten
Ungekürzte Lesung
ISBN 978-3-8398-1780-3
Preis: 24,95 €
Erscheinungsdatum: 04.03.2020
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Verlag

Meine dunkle Vanessa – Kate Elizabeth Russel

Es gibt Themen auf dieser Welt, um die reiße ich mich nicht gerade. Nicht einmal das Wissen, dass es sich um einen fiktiven Roman handelt macht es mir dabei einfacher. Wenn es dabei um Kinder oder junge und noch jüngere Frauen an der Schwelle zum Erwachsen werden geht, denen auf die ein oder andere Art übel mitgespielt wird, ist bei mir schnell eine Schmerzgrenze erreicht, an der ich nicht weiter lesen kann oder will. Dennoch hat mich der Klappentext von „Meine dunkle Vanessa“ angesprochen, so dass ich mich eher zwiegespalten dazu entschied dieses Buch zu lesen. Denn Vanessa war gerade fünfzehn, als sie zum ersten Mal mit ihrem dreißig Jahre älteren Englischlehrer schlief.

Man erlebt die Geschichte aus Vanessas Perspektive abwechselnd aus ihrer Sicht in dem Alter, als alles seinen Anfang nahm und aus ihrer Sicht als junge Frau fast zwanzig Jahre später, als genau dieser Englischlehrer zu Zeiten der #MeToo-Bewegung von einer anderen ehemaligen Schülerin wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt wird – und sie bleibt nicht die Einzige. Durch diese Perspektivwechsel erlebt man das Gefühls- und Beziehungsspektrum von der behutsamen Annäherung bis hin zum Äußersten, von der kindlich verträumten Sicht auf die erste Liebe bis hin zum feinjustierten manipuliert werden, dessen sich die minderjährige Kindfrau nicht bewusst ist.

Aber man erlebt Vanessa auch als eine Person, die sich durchaus ihrer Macht bewusst ist und die Aufmerksamkeit, die ihr der Erwachsene widmet, genießt. Der Autorin gelingt es hierbei anzuklagen und die Unnatürlichkeit und Widerwärtigkeit dieser Beziehung herauszustellen. Selbst als Vanessa auch als Erwachsene immer noch davon überzeugt ist, dass sie mit diesem Lehrer die wahre Liebe erlebt hat, wird für den Leser deutlich, wer hier die Opfer und wer die Täterrolle inne hat. Aber es gibt außerdem eine große Grauzone, in die sich beide immer wieder hinein verirren, so dass man als Leser zwar immer noch richtig und falsch unterscheiden kann, sich aber sicher ist, dass nicht alles so einfach ist und beurteilt werden kann, wie man es sich vielleicht manchmal vorstellt.

„Meine dunkle Vanessa“ ist ein Buch, das mich nicht mehr los ließ, nachdem ich es angefangen hatte. Zum einen lässt es mit der jungen Protagonistin mit fiebern, von der man bereits durch den Klappentext weiß, dass sie ihrem Englischlehrer verfallen wird und zum anderen zeigt es auf erschreckend glaubwürdige Weise die Methodik, mit der dieser hierbei vorgegangen ist. Beim Lesen möchte man die junge Vanessa vor ihrem Schicksal bewahren, das sie einerseits will und andererseits aber keinesfalls will. Doch man weiß von der älteren Vanessa bereits, was ihr passiert und was ihr späteres Leben nicht einfacher macht. Diese Zerrissenheit sorgt für eine Spannung, die einen nahezu durchs Buch treibt und sich in einem Ende auflöst, das einen schalen Nachgeschmack hinterlässt, so wie die ganze Geschichte. Von dieser weiß man, so erdacht sie auch sein mag, dass sie leider genau so irgendwem irgendwann passiert sein könnte. Keine leichte Kost, aber lesenswert.

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Kate Elizabeth Russel
Meine dunkle Vanessa
Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer
Hardcover mit Schutzumschlag, 448 Seiten
ISBN: 978-3-570-10427-9
Preis: € (D) 20,00
Verlag: C. Bertelsmann
Erschienen: 17.08.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Mit Stauen und Zittern – Amélie Nothomb

Vor einiger Zeit erwarb ich gebraucht einen kleinen Stapel Taschenbücher von Amélie Nothomb. Was ich bisher von ihr las, war kurzweilig, überraschend und auf seine Weise besonders. So etwas erhoffte ich mir auch von „Mit Staunen und Zittern“, das ich mehr oder weniger blind aus diesem kleinen Bücherstapel herausgriff. Ich wurde nicht enttäuscht.

Amélie Nothomb verbrachte als Tochter des belgischen Diplomaten Baron Patrick Nothomb ihre ersten fünf Lebensjahre in Japan. Nach weiteren durch den Beruf des Vaters bedingten langjährigen Aufenthalten in China, New York, Burma und Laos kam sie im Alter von 17 Jahren erstmals nach Europa. Sie studierte Romanistik an der Université Libre de Bruxelles. Nach dem Abschluss kehrte sie nach Tokio zurück und arbeitete in einem Großunternehmen. Die Erfahrungen dieser Zeit dienten ihr später als Grundlage für ihren Roman „Mit Staunen und Zittern“. Für das bereits 1999 erschienene Werk erhielt die Autorin den „Grand Prix du Roman“ der Académie française. Im Jahr 2000 erschien im Diogenes Verlag eine Übersetzung ins Deutsche von Wolfgang Krege. 2003 erfolgte eine Verfilmung des Romans durch den Regisseur Alain Corneau. Die Komödie entstand als französisch-japanische Koproduktion.

In diesem Roman erhält die Europäerin Amélie, die ihre Kindheit in Japan verbracht hat, eine Anstellung in einem großen japanischen Unternehmen. Sie wird jedoch von den ihr zugewiesenen Aufgaben nicht ausgefüllt. Ihr nach japanischen Maßstäben unorthodoxes Verhalten führt, nach einem Intrigenspiel ihrer Vorgesetzten, zu Amélies „Degradierung“ zur Toilettenfrau. Andere Angestellte des Unternehmens solidarisieren sich jedoch mit ihr, und sie lernt, die gegen sie gerichteten Bösartigkeiten mit Humor zu durchbrechen.

Es handelt sich um übles Mobbing, allerdings auf japanische Art, von dem man sich fragt, wie die Protagonistin dies aushält. Aber sie schafft es und gleichzeitig erfährt man von gesellschaftlichen und kulturellen Zwängen sowie firmeninternen Strukturen in denen die Menschen so sehr gefangen sind, dass sie sich kaum herauswinden können. Über einiges stolperte ich bereits in anderen Büchern, so dass mir beim Lesen dessen, was die Autorin hier humorvoll und überspitzt darstellt, das Lachen eher im Halse stecken blieb. Denn genaugenommen sind die Täter in diesem Roman auch nur Opfer und glücklich kann sich schätzen, wer über den Dingen stehen kann, weil er sich von Erfolgsdruck frei machen kann und die Möglichkeit hat, andere Wege zu gehen. Eine bitterböse Japan-Satire, deren autobiographischer Touch beim Lesen unweigerlich die Frage aufwirft, was davon die Autorin tatsächlich erduldet hat.

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Amélie Nothomb
Mit Staunen und Zittern
Original: Stupeur et tremblements
Aus dem Französischen von Wolfgang Krege
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3257233254
Preis: € (D) 11,00
Verlag: Diogenes
Erschienen: 28.06.2002

Die einzige Geschichte – Julian Barnes

Beim Stöbern auf Spotify stieß ich auf „Die einzige Geschichte“ von Julian Barnes. Von der Handlung war mir zwar nichts bekannt, aber ich hatte über den Autor schon Lobendes gehört. Der angenehme Erzählton dieses Buches und die hervorragend dazu passende Stimme von Frank Arnold brachten mich dazu, anstatt ‚einfach mal reinzuhören‘ bis zum Schluss an diesem Hörbuch dran zubleiben. Das liegt nicht daran, dass diese Geschichte besonders spannend ist, sondern vielmehr an der feinen Beobachtungsgabe und dem Gespür, das der Autor bei der Schilderung dieser Liebesgeschichte an den Tag legt. Es geht um eine Liebe gegen alle Konventionen, die irgendwann in den 1960er Jahren beginnt und die man als Leser bis in die Gegenwart verfolgt.

27_Die einzige Geschichte

Julian Barnes lässt seinen Protagonisten aus großer Distanz, vom anderen Ende seines Lebens her erzählen, wie er mit 19 Jahren, die verheiratete Susan kennen und lieben lernt. Obwohl Susan fast 30 Jahre älter ist, beschreibt er aber keine Affäre, sondern versucht der Einzigartigkeit dieser Beziehung, einer ebenso blauäugigen wie absoluten Liebe, gerecht zu werden.

Die erste Liebe hat lebenslange Konsequenzen, aber davon hat Paul im Alter von 19 Jahren noch keine Ahnung. Mit 19 ist er stolz, dass seine Liebe zur verheirateten, wesentlich älteren Susan den gesellschaftlichen Konventionen ins Gesicht spuckt. Er ist sich ganz sicher, in Susan die Frau fürs Leben gefunden zu haben, alles andere ist nebensächlich. Erst mit zunehmendem Alter wird Paul klar, dass die Anforderungen, die die Liebe an ihn stellt, größer sind, als er es jemals für möglich gehalten hätte.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, in denen Paul im ersten Teil als Ich-Erzähler auftritt, im zweiten zum Du wechselt um im dritten aus der distanzierten dritten Person zu erzählen. Durch diese wechselnde Erzählerperspektive wird die zunehmende Entfremdung von Susan noch greifbarer.

Die Mischung aus Alltagsgeschichten und Beleuchtung des spießigen Bürgertums mit Ausflügen in philosophische Gedankenwelten sind es, die diesen Roman zu etwas Besonderem machen.

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“

Es handelt sich hierbei nicht um eine verklärte Schönwetter-Liebesgeschichte, sondern eine der Liebesgeschichten, die zum Nachdenken und Reflektieren anregen. Die nach und nach enthüllende Leere zwischen dem Paar lässt keine Hoffnung keimen. Am Ende erfahren wir eine resignierte Weltsicht, nüchtern und ohne Zukunftsvision oder Hoffnung. Und doch ist es nicht die Desillusionierung, die als Nachgeschmack dieses Buches zurück bleibt. Als Leser wird man Zeuge einer nicht einfachen Liebes- und Lebensgeschichte für die die Protagonisten zwar ihren Preis zahlen, vielleicht einen zu hohen, aber der es dennoch letztlich wert war, weil die Intensität ihres gleichen sucht.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass hier ein Autor wirklich viel vom Leben und von seinen Höhen und Tiefen versteht und dieses Wissen dem Leser zu vermitteln weiß. Mich hat dieses Hörbuch angenehm überrascht, da mich Liebesgeschichten in Romanen oftmals langweilen oder sogar nerven. Von Julian Barnes möchte ich künftig hingegen gern noch mehr lesen. Auch könnte ich mir bei diesem Buch vorstellen, dass es noch besser ist, wenn man es selbst liest anstatt es sich anzuhören. Denn dieses Buch bietet viele Gelegenheiten, die sich zum Innehalten und Nachdenken, zum Erinnern und Sätze auf der Zunge zergehen lassen anbieten. Darüber hinaus kann ich „Die einzige Geschichte“ Lesern empfehlen, die schon über eine gewisse Lebenserfahrung verfügen – also eher Menschen in Susans als in Pauls Altersgruppe.

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Julian Barnes
Die einzige Geschichte
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Sprecher: Frank Arnold
Spieldauer: 8 Stunden 48 Minuten
Ungekürztes Hörbuch
978-3-8398-1700-1
Preis: 24,95 € 
Erscheinungsdatum: 27.02.2019
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Verlag

Begeisterung²

„Du möchtest wissen, worüber Du schreiben sollst. Du hast Angst, dass, was immer Du schreibst, trivial sein wird oder nur eine Variation von etwas, das bereits gesagt wurde. Aber vergiss nicht, es gibt mindestens ein Buch in dir, das nur Du schreiben kannst. Mein Rat ist, tief zu graben und es zu finden.“
(„Der Freund“ von Sigrid Nunez, S. 150)

25_Der Freund

Und so schreibe ich zwar kein Buch, aber ich schreibe einen kleinen Text über einen Roman, auf den ich im vergangenen Monat bei Spotify als Hörbuch stieß. Es handelt sich um „Der Freund“ von Sigrid Nunez, eine Geschichte, die mich vollends begeistern konnte.

Und doch ist das Hörbuchhören, so sehr ich es auch mag, für mich nicht mit dem Lesen zu vergleichen. Ich wollte dieses Buch noch einmal ganz in Ruhe erfahren und mir den einen oder anderen Satz dabei genüsslich auf der Zunge zergehen lassen. Gemütlich Einblicke in die Welt der Lesenden, der Schreibenden, der Tierliebenden und sogar der Selbstmörder erhalten. Ich wollte Sätze markieren und innehalten, Sätze nochmal lesen und nochmal lesen, Sätze überdenken und nochmal lesen. In Sätzen baden.

Also kaufte ich mir das Buch und tat, wonach mir war. Und jetzt, wo ich den Roman erneut beendet habe, hätte ich größte Lust, ihn wieder von vorne zu beginnen. So fühlt sich ein echtes Lesehighlight an. Ein schönes Gefühl.

„Man bedenke, wie riskant es ist, ein Buch noch einmal zu lesen, vor allem, wenn man es geliebt hat. Es besteht immer die Chance, dass es nicht mehr standhält, dass man es aus irgendeinem Grund nicht mehr so liebt.“
(„Der Freund“ von Sigrid Nunez, S. 90)

Ich denke, ich werde dieses Risiko eingehen und bis zum nächsten Lesen dieses Buch wie einen kleinen Schatz in meinem Bücherregal behüten.

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Der Freund
Sigrid Nunez
Aus dem Englischen von Anette Grube
Original: The Friend
Gebunden mit Schutzumschlag, 235 Seiten
ISBN: 978-3-351-03486-3
Preis: 20,00 €  / 20,60 € (A)
Verlag: aufbau
Erschienen: 21.01.2020

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

„Sie schwiegen und sahen sich an. Mit Blicken voller Hass und Unverständnis. Hätten sie mehr Augen gehabt, dann hätten sie sich auch mit Blicken voller Kummer und Bedauern angesehen. Aber was der Mensch tief in seinem Inneren fühlt, kommt selten an die Oberfläche.“ (S. 22)

Mike Altwicker hat in seinen Hier-und-Heute-Lesetipps vor einiger Zeit so von „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ geschwärmt, dass mich das Buch neugierig machte, obwohl es sich dabei offenkundig um eine Liebesgeschichte handelt. Zu Liebesromanen habe ich in den letzten Jahren nicht mehr gegriffen, da sie selten meinen Nerv treffen. Da ich allerdings bislang feststellen konnte, dass der mare Verlag mich schon oft mit besonderen Büchern begeistern konnte, habe ich es gewagt und dieses knapp 96 Seiten dünne Büchlein gelesen – ich wurde nicht enttäuscht.

20_Fünf Viertelstunden bis zum Meer

An dieser Stelle mag ich eigentlich nichts über die Geschichte erzählen, die der Klappentext dieses dünnen Buches beinahe vollständig verrät. Beim Lesen wusste ich also schon recht genau worum es bei dieser Geschichte geht und in welche Richtung sie sich entwickeln würde. Und doch habe ich mich über diesen Klappentext nicht geärgert, denn bei diesem Buch ist der Weg das Ziel. Schon mit der ersten Seite befindet man sich gleich mitten im Geschehen und blickt immer wieder auch in die Vergangenheit zurück. Die Beschreibungen sind bildhaft und verströmen mediterane Sinnlichkeit gewürzt mit italienischem Temperament.

„Dann wurde die Luft schmetterlingsleicht vor Süße. Aus den Knospen der beschnittenen Bäume wurden Blüten. Die Blüten waren teils vollkommen weiß, teils rosa mit weißen Streifen. Und der warme Wind von den Höhen blies Unruhe in alle Menschen.“ (S. 28)

Sie laden den Leser zum Schmökern und Abtauchen an. Und zum Träumen und Erinnern an die eigene erste großen Liebe, fernab von Enttäuschungen und weltlichem Realitätsabgleich. Ernest van der Kwast erzählt die Geschichte einer großen, unerfüllten Liebe, von kleinen Zufällen und großen Entscheidungen – zu der Zeit, als der Bikini erfunden wurde und sich allmählich seine Daseinsberechtigung eroberte. Über sechs Jahrzehnte sehnt sich Ezio nach seiner ersten großen Liebe Giovanna, bis endlich ein Brief von ihr eintrifft. Als Leser bleibt einem die Neugier auf den Ausgang dieser Geschichte bis zum Schluss erhalten. Überraschen kann das Ende letztlich zwar nicht, aber das muss es auch nicht. Vielmehr rundet es diese märchenhafte Liebesgeschichte gelungen ab, ohne ins Kitschige abzudriften.

Aber! Dieses Buch war eindeutig zu kurz, davon hätte ich gern mehr gelesen – was sicherlich für diesen Roman spricht 🙂

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Ernest van der Kwast
Fünf Viertelstunden bis zum Meer
Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
Original: Giovannas Novel
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 96 Seiten
ISBN: 978-3-86648-205-0
Preis:  10,00 [D] inkl. MwSt.
Verlag: mare Verlag
Erschienen: 10.02.2015

Die Gefangenen – Debra Jo Immergut

„Die Geschichte einer hoch manipulativen Beziehung – hypnotisch, explosiv, obsessiv“ verspricht der Klappentext und auch die Leseprobe machte Lust aufs Weiterlesen. „Bester Spannungsroman des Jahres“ urteilte die New York Times über dieses Buch. Und dass die Autorin und Journalistin Debra Jo Immergut selbst Kreatives Schreiben in Strafanstalten unterrichtet, wobei ihre Erfahrungen sie zu diesem Debütroman inspiriert haben, machte mich neugierig. Ich freue mich immer über Autoren, die den Traum vom eigenen Buch verwirklichen und wollte dieses Buch unbedingt mögen, las es bis zur letzten Seite, in der Hoffnung, dass es mich doch noch überzeugen und ich die lobenden Worte in Beschreibung und Klappentext nachvollziehen könnte. Aber dem war leider nicht so.

19_Die Gefangenen

Dabei klingt die Geschichte eigentlich nicht schlecht. Eines Montagmorgens betritt Miranda das Büro des Gefängnistherapeuten Frank. Sie scheint ihn nicht zu kennen, doch er erkennt sie auf Anhieb. In der Highschool war er unsterblich in dieses Mädchen verliebt. Damals hat sie ihn keines Blickes gewürdigt, doch nun steht Miranda vor ihm – zu zweiundfünfzig Jahren Haft veruteilt. Frank hat nicht damit gerechnet, seinen Highschool-Schwarm jemals wieder zusehen, und wird von seiner alten Verliebtheit übermannt. Er ist ihr als Psychologe zugewiesen und ihm ist sofort klar, dass er den Fall wegen Befangenheit abgeben müsste. Doch Frank trifft seine eigenen Entscheidungen, mit folgenschweren Konsequenzen für beide.

In abwechselnden Kapiteln erlebt man als Leser diese Protagonisten – Frank aus der Ich-Perspektive und Mirandas Handeln und Denken in der dritten Person. Allmählich setzt sich von beiden Charakteren ein immer detaillierteres Bild zusammen und doch kommt man ihnen nicht wirklich nah. Zwar wird immer wieder in die Vergangenheit zurückgeblickt, um den Personen einen Hintergrund mitzuliefern, aber dieser will sich nicht so recht verbinden und zu einer runden Gesamtgeschichte zusammenfügen lassen. Die Charaktere bleiben blass und unsympathisch und ihr Handeln nicht immer nachvollziehbar. Daran ändert leider auch nichts die zum Teil bildhafte Sprache, die die Autorin inflationär einsetzt und dafür sorgt, dass die Vergleiche nicht nur deshalb unangenehm auffallen, weil sie so zahlreich sind, sondern auch weil sie unpassend und nichtssagend sind. Das bläht das Buch unnötig auf und sorgt für Textstellen, denen der eigentliche Sinn gänzlich abhanden kommt. Eine smaragdrote Tapete nimmt man als Leser dann auch irgendwann nicht mehr als kleinen Flüchtigkeitsfehler hin, sondern verdreht entnervt und enttäuscht die Augen, weil schon kurz darauf irgendetwas Anderes als smaragdgrün beschrieben wird.

Die Handlung nimmt sehr langsam Fahrt auf, so dass die Geschichte die meiste Zeit dahinplätschert und durch das sprachliche Herumgeeiere nicht so richtig Lust aufs Weiterlesen macht. Es gibt allerdings auch Passagen, in denen die Autorin darauf verzichtet, was den Text deutlich lesbarer macht und auch die Freude am Lesen und am Erfahren wollen der Geschichte zurückkommen lässt. Davon hätte ich mir mehr gewünscht, denn das Szenario kommt trotz einiger allzu sehr konstruierter Geschehnisse zu einem Ende, das mir gefallen hat. Empfehlen kann ich dieses Buch aber dennoch nicht.

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Debra Jo Immergut
Die Gefangenen
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Original: The Captives, Ecco
Hardcover mit Schutzumschlag, 304 Seiten
ISBN: 978-3-328-60019-0
Preis:  20,00 [D] inkl. MwSt. |€ 20,60 [A] CHF 28,90 * (* empf. VK-Preis)
Verlag: Penguin Verlag
Erschienen: 16.03.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Der Freund – Sigrid Nunez

Aufgefallen war mir das Buch bereits mehrfach auf Instagram und weil es ebenfalls lobend in einigen Literatursendungen erwähnt wurde. Als ich „Der Freund“ dann kürzlich bei Spotify als Hörbuch entdeckte, wollte ich eigentlich aus Neugier ’nur mal kurz reinhören‘ – außerdem war ich gerade in der Laune für eine ‚Tiergeschichte‘, denn dafür hielt ich dieses Werk von Sigrid Nunez eigentlich. Doch dann kam ich so schnell nicht mehr davon los, denn dieser Roman begeisterte mich auf mehreren Ebenen.

17_Der Freund

Erwartet hatte ich eine unterhaltsame leicht skurrile Geschichte rund um eine Frau, die ein kleines Apartment in der Stadt bewohnt, wo Hundehaltung verboten ist und die nach dem Selbstmord ihres besten Freundes seine 80 kg schwere Dogge erbt. Aber dieser Roman enthält so vieles mehr. Denn geschrieben ist er aus der Sicht der Ich-Erzählerin, die ihren verstorbenen Freund immer wieder in der Du-Form anspricht und so auf ihre ganz eigene Art Trauerarbeit zu leisten scheint. Sie teilt ihm ihr Denken übers Leben und Sterben, über Hunde und Menschen und über Klatsch und Tratsch aus Literaturbetrieb mit, aus dem die beiden Autoren und Dozenten von Creative-Writing-Kursen stammten.

Es ist ein Buch, das für den Leser eine besondere Überraschung bereit hält, aber es ist auch bestimmt von Trauer und Verlust. Es hat etwas Rührendes, dass die um den Freund trauernde Frau mit dem ebenfalls trauernden Hund zusammen kommt. Aber es wird nicht zu rührselig, sondern auf zurückhaltende Weise amüsant, da die Ich-Erzählerin eine recht pragmatische Art im Umgang mit dem Tier hat und über einen leisen trockenen Humor verfügt. Auch ist es unterhaltsam ihren Gedanken und Ausführungen übers Lesen und übers Schreiben zu folgen. Dabei ist das Buch mit so vielen Literaturzitaten gespickt, dass es mir fast ein wenig zu viel wurde. Aber nur fast, denn eigentlich habe ich an dieser Stelle deutlich das große Manko gespürt, das das Hören gegenüber dem Lesen von Büchern hat. Dieser Roman zeigt sicherlich seine ganze Stärke, wenn man ihn in seinem eigenen Tempo liest und sich dabei so manchen Satz oder so manches Zitat genüsslich auf der Zunge zergehen lassen und überdenken kann. Denn das hat mir tatsächlich gefehlt, auch wenn dieses Hörbuch nicht nur stimmlich gut passend, sondern auch ansonsten hervorragend von Vera Teltz eingesprochen wurde.

Und so kann ich nicht umhin mir diesen Roman nun doch als Buch zuzulegen, um dann in Kürze den gedankenreichen Ausführungen der Autorin noch einmal ganz in Ruhe folgen zu können. Für mich schon jetzt ein Highlight!

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Der Freund
Sigrid Nunez
Aus dem Englischen von Anette Grube
Original: The Friend
Sprecher: Vera Telz
Spieldauer: 5 Stunden 22 Minuten
Ungekürztes Hörbuch
Preis: 14,99
Erscheinungsdatum: 07.04.2020
Sprache: Deutsch
Anbieter: Aufbau Audio

The One . Finde dein perfektes Match – John Marrs

In der nahen Zukunft ist der Traum von der großen Liebe Wirklichkeit geworden – und um so vieles einfacher. Dank der revolutionären Entschlüsselung eines bis dahin verborgenen genetischen Codes können die Menschen durch einen simplen Gentest ihren perfekten Partner finden. Dabei ist das Einreichen der DNA-Probe kostenlos, das Ergebnis wird einfach in die riesige Datenbank eingespeist. Findet sich dazu eine passende DNA in der Datenbank, bekommen beide eine Nachricht und erst die Herausgabe der Kontaktdaten ist kostenpflichtig. Das beschert der Welt Millionen glücklicher Paare und dem Online-Portal MatchyourDNA.com Milliarden auf dem Konto.

15_The One

Aber was macht es mit der Gesellschaft und mit den Paaren, wenn die DNA bestimmt, wer zu einem passt und wer nicht? Können Paare auch glücklich miteinander sein und bleiben, obwohl sie nicht die perfekte Genkonstellation besitzen? Und was ist, wenn der passende Partner das gleiche Geschlecht hat, wie man selbst, obwohl man doch heterosexuell ist? Oder was, wenn das perfekte Match ein Serienmörder ist?

Kritische, aber auch unterhaltsame Aspekte dieser Art von Partnersuche zeigt John Marrs in seinem Roman „The One“ anhand der Kennenlerngeschichten von 5 Personen auf. Dabei geht es verzwickt, spannend, humorvoll und zuweilen auch romantisch zu. Thematisiert werden Freundschaft, Familie, Liebe, Gesellschaft und Soziales – aber auch Hinterlist und Betrug sind vertreten und für Nervenkitzel ist gesorgt. Die kurzen jeweils im gleichen Wechsel der Personen erzählten Kapitel sorgen mit Cliffhangern dafür, dass man dranbleiben und immer weiter hören möchte, denn das Hörbuch ist wundervoll gesprochen von Charles Rettinghaus. Die Charaktere und Geschichten sind dabei unterschiedlich genug gezeichnet, dass ich der Handlung auch mit dem Hörbuch gut folgen konnte und nichts durcheinander brachte. Manches ist dabei vorhersehbar, allerdings nicht in einem Maße, dass es störend wäre. Aber es gibt auch Wendungen, mit denen ich nicht gerechnet hätte. Die 5 Geschichten lösen sich schließlich jede in ihrem ganz persönlichen Ende schlüssig, aber doch Besonders auf und zusätzlich wird dem Ganzen noch ein Sahnehäubchen obendrauf gesetzt.

„The One“ ist eines dieser Bücher, das einen nach dem Beenden mit der Frage zurücklässt, wie man sich selbst wohl in dieser Szenerie einordnen und zurechtfinden würde. Hat man vielleicht unbewusst und durch schicksalhafte oder zufällige Fügung sein passendes Match bereits gefunden und vertraut darauf oder müsste man das Partnerglück durch ein wissenschaftliches Ergebnis bestätigt wissen? Oder würde man vielleicht sogar dem Drang, wenn nicht sogar Zwang unterliegen, sich auf die Suche nach dem genetisch passenden Gegenstück machen zu müssen um dem nicht enden wollenden Streben nach Perfektion zu genügen? Ein Roman, der stellenweise ein echter Pageturner ist, beziehungsweise einen beim Hören nicht so leicht loslässt und dabei auf unterhaltsame Weise Fragen aufwirft.

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The One
Finde dein perfektes Match
John Marrs
Aus dem Englischen von Felix Mayer
Original: The One (Del Rey, 2019)
Sprecher: Charles Rettinghaus
Spieldauer: 12 Std. und 31 Min.
Ungekürztes Hörbuch
Audible-Abo-Preis: 9,95 € oder 1 Guthaben [Werbung]
Erscheinungsdatum: 21.10.2019
Sprache: Deutsch
Anbieter: Random House Audio, Deutschland

Der Anhalter – Gerwin van der Werf

Im Rahmen meiner BUCHweltreise ging es dieses Mal nach Island. Der nordische Inselstaat, dessen spektakuläre Landschaft durch Vulkane, Geysire, Thermalquellen, Lavafelder und riesige Gletscher geprägt ist, gehört schon lange zu den Orten dieser Welt, die ich gerne irgendwann persönlich kennen lernen möchte. So ergeht es auch Tiddo, Isa und ihrem Sohn Jonathan, die sich endlich den lang gehegten Traum erfüllen und mit dem Wohnmobil einen Roadtrip durch Island unternehmen. Doch während ich anfangs dank ansprechender Naturbeschreibungen noch dachte, dass ich die drei gerne bei ihrer Reise begleitet hätte, war ich mit Fortschreiten der Geschichte froh und dankbar, dass es nicht so war und ich mich stattdessen bequem im Lesesessel zurücklehnen und die Protagonisten aus der Ferne beobachten konnte.

13_Der Anhalter

Denn es ist keine glückliche Familie, die man hier auf ihrer Reise begleitet. Der jugendliche Jonathan leidet unter seinem Status als Sonderling in der Schule, Isa ist auf dem besten Weg in eine schwere Depression und Tiddo fehlt es an Selbstbewusstsein. Außerdem klammert er sich verzweifelt an die Hoffnung mit dieser Traumreise seine Ehe retten zu können. Es ist eine bedrückende Stagnation in der Familiensituation. Jeder ist in seiner Welt gefangen, ohne dass trotz der einzigartigen Umgebung Urlaubsstimmung aufkommen könnte. Weil sich daraus besondere Begegnungen und interessante Gespräche ergeben können, beschließen sie unterwegs einen Anhalter mitzunehmen. Die Familie lässt den Isländer immer näher an sich heran – und wird ihn irgendwann nicht mehr los.

Die Traumreise wird immer mehr zum Albtraum. Auch für mich als Leserin, denn ich erfahre diese Reise aus der Sicht des Ich-Erzählers Tiddo, der mir relativ schnell auf die Nerven geht und höchst unsympathisch daher kommt. Dass seine Frau einen angeseheneren Job hat und mehr Geld verdient als er, bereitet ihm Probleme und sorgt dafür, dass er sich minderwertig fühlt. Gleichzeitig versucht er sich aufzuwerten, indem er das Schlechte in allem in sucht und innerlich niedermacht. Er reagiert auf jede Anerkennung, sofern sie nicht ihm gilt neidisch und eifersüchtig. Es sind kleinliche Gedanken, denen es keinen Spaß macht zu folgen, die aber dafür sorgen, dass man als Leser ein Gespür für die Stimmung bekommt, die auf dieser Reise herrscht.

Doch Tiddo kann auch ganz anders sein, die wundervolle Landschaft um sich herum aufsaugen und seine Umgebung kritisch und durchaus unverklärt wahrnehmen.

„Wir gingen schweigend und konzentriert, und ich muss sagen – es war überwältigend. Wo auf der Welt kann man auf einem Gletscher wandern und gleichzeitig unter sich das Meer sehen? Vom Atlantischen Ozean trennte uns nur eine Ebene aus grauem Sand und Schlammlöchern.“ (S. 53)

Außerdem erkennt man, dass er seinen Sohn und seine Frau abgöttisch liebt. Spürt die Verzweiflung und Angst seine Familie zu verlieren und kann ihm fast verzeihen, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten alles versucht, um diese zu behalten. Doch diese sympathische liebenswerte Seite schafft er nicht nach außen zu transportieren und zu zeigen, zu welch tiefen Gefühlen er wirklich im Stande ist.

„Diese Liebe ist das Ende des Strebens nach Anerkennung und Macht, nicht dessen Anfang. Diese Liebe ist das Ende von Grausamkeit und Schmerz, nicht deren Beginn. Es war etwas, das es noch nie zuvor gegeben hatte, diese Liebe, wir hatten sie erfunden.“ (S. 141)

Und während man sich beim Lesen mit diesem Charakter gerade aussöhnt, eifert er auch schon Verhaltensweisen nach, von denen er denkt, dass sie von ihm erwartet werden und ihn besser dastehen lassen, klammert sich an jeden Strohhalm, der sich ihm bietet und hofft sogar, dass ihm die Naturkräfte dieses außergewöhnlichen Landes beistehen.

„Ich will ein Mann werden, der nie lange hin und her überlegen muss, der instinktiv im eigenen Interesse handelt und seine Meinung ändert, sobald es ihm nutzt, der oft einfach daherredet, aber durch seinen Tonfall trotzdem immer recht hat.“ (S. 165)

So bleibt Tiddo ein unliebsamer Protagonist, den man gerne los sein möchte und dankbar dafür ist, dass dies mit dem Zuklappen des Buches erledigt sein kann. Übrig bleibt ein wenig Mitleid für die zahlreichen Beziehungen, die zu Bruch gehen, weil Menschen nicht miteinander reden und die Gewissheit, dass der Autor es verstanden hat, die Stagnation einer sterbenden Ehe in Worte zu fassen. Keine leichte Kost.

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Gerwin van der Werf
Der Anhalter
Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-10-397466-9
Preis: € (D) 20,00 | € (A) 20,60
Verlag: S. Fischer
Erschienen: 04.03.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.