erLESENer März 2021

Im Lesemonat März lernte ich die norwegische Wanderlust kennen, ließ mich durch Wunderbares verzaubern, nahm eine Einladung zum Schreiben an, dachte über Lebensweisheiten nach und lernte einen homosexuellen und unter Schizophrenie leidenden Schriftsteller kennen.

Bücherwelten – jenseits und diesseits von Fantasie und Wirklichkeit.

Frei. Luft. Hölle. von Are Kalvø: Ein amüsanter Ausflug des Comedian nicht nur ins norwegische Outdoor-Leben. Stimmungsaufhellend und trotzdem Wanderlustfördernd.

Du kannst Wunder vollbringen von Jan Becker: Ein überraschend bodenständiger, empathischer und wissbegieriger Autor, der den gesunden Menschenverstand zu nutzen weiß und neben wissenschaftlichen Betrachtungsweisen, aber auch dem (noch) Unerklärbaren Raum gibt. Dass dennoch mit ein wenig Hokuspokus gewürzt wird, muss man vertragen können.

Einladung zum Schreiben von Doris Dörrie: Ein hübsches Notizbuch mit ansprechenden Schreibinspirationen in der Art, wie man sie bereits aus ihrem Buch „Leben, schreiben, atmen“ kennt. Ein tolles Arbeitsbuch zum Weiterschreiben.

Eine leise Ahnung von etwas Neuem vom Markus Mirwald: Der vierte Band mit Aphorismen aus seiner Reihe „Wesentliches in wenigen Worten“. Trifft genau meinen Nerv.

Die Germanistin von Patricia Duncker: Ein Roman rund um einen französischen Romancier und politischen Quergeist, der sich als homosexueller und unter Schizophrenie leidender Schriftsteller herausstellt, der Verbindungen zu Michel Foucault hat. Auf seine Art ein besonderes Buch, aber vermutlich doch eher etwas für Kenner der Philosophie Foucaults.

Die Germanistin – Patricia Duncker

Manchmal bin ich dankbar für meine Vergesslichkeit und freue mich darüber, wenn ich einfach ein Buch aus meinem Stapel ungelesener Bücher mehr oder weniger wahllos herausgreife, um mich überraschen zu lassen. Und ohne noch zu wissen, auf wessen Empfehlung hin ich mir das Buch kaufte und was mich seinerzeit daran so ansprach. Irgendwie hatte es auch „Die Germanistin“ von Patricia Duncker in meine engere Auswahl und schließlich sogar in mein Bücherregal geschafft. Ein eher zurückhaltendes, aber durchaus ansprechendes Buchcover und ein Titel, der mich vermuten ließ, dass es um Bücher und ums Lesen geht und vielleicht sogar dabei Sätze hervorbringt, die so bemerkenswert sind, dass sie in Erinnerung behalten werden wollen. Das habe ich in diesem Buch zwar auch entdecken können, es ist aber nicht der Grund dafür, dass es mich auf seine besondere Weise verwirren, aber auch ansprechen konnte.

Im Sommer 1993 ist der namenlose Ich-Erzähler Student in Cambridge und arbeitet an seiner Doktorarbeit über den französischen Romancier und politischen Quergeist Paul Michel. Daneben beginnt er eine Liebesbeziehung zu einer ungewöhnlichen jungen Frau, der Germanistin, die ihn vom ersten Moment an in eine andere, leidenschaftliche Welt verstrickt. Angetrieben von ihrer Willensstärke, reist er nach Paris um die noch unveröffentlichten Briefe Paul Michels an seinen Zeitgenossen Michel Foucault zu studieren und herauszufinden, wo er sich aufhält. Tatsächlich findet er den homosexuellen und unter Schizophrenie leidenden Schriftsteller dort in einer Nervenheilanstalt. Aufopfernd bemüht sich der Student um das Wohlergehen des angeblich wahnsinnigen Schriftstellers und kommt ihm allmählich näher.

Einen ganz eigenen Sog übt dieses Buch beim lesen auf mich aus. Und doch habe ich dabei das Gefühl, dass mir der Hintergrund fehlt, um diesen Roman in seiner Gänze erfassen zu können. Von Michel Foucault kenne ich bislang nur den Namen und weiß, dass er ein französischer Philosoph war. Ein kurzer Ausflug zu Wikipedia hilft mir dabei nicht so recht weiter und für mehr Recherche fehlt mir zu dem Zeitpunkt der Biss. Doch die Charaktere sind ungewöhnlich und die Geschichte vom Handeln und Leiden der Protagonisten gelegentlich so skurril, dass ich dem Buch dennoch bis zum Schluss folge. Ich beende den Roman mit dem Eindruck, das Wichtigste dennoch verstanden zu haben und enträtsle auch den tragischen Bezug der eher abstrakt wirkenden Abbildung auf dem Buchcover zu der Geschichte.

Am Ende habe ich den Eindruck einen besonderen Roman gelesen zu haben, der mich gleichzeitig auf eine meiner zahlreichen Bildungslücken aufmerksam gemacht hat. Eigentlich mag ich es ja, wenn Bücher mir die Tore zu anderen Welten und Wissensgebieten öffnen. Vielleicht wäre genau jetzt der beste Zeitpunkt, mich doch einmal mit Michel Foucault auseinanderzusetzen. Irgendwie habe ich Lust darauf und doch bin ich etwas zögerlich, weil erfahrungsgemäß mein laienhaftes Philosophieverständnis manchmal einfach nicht ausreicht, um die Lehren mancher Philosophen erfassen zu können.

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Patricia Duncker
Die Germanistin
Aus dem Englischen übersetzt von Karen Nölle-Fischer
Original: Hallucinating Foucault – Serpent’s Tail, London
Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN: 978-3423126205
Preis: 5,99 € [D]
Verlag: dtv
Erschienen: 01.04.1999

erLESENer Februar 2021

Im Lesemonat Februar las ich ein Buch über einen Jungen, der mit den psychischen Erkrankungen in seiner Familie zurecht kommen musste; ich las über einen Jungen, der mit dem Hunger kämpfte und seinen Wissensdurst mit Büchern stillte; ich las über einen stotternden Jungen, der sich die Welt mit Pink Floyd erklärte; ich las über die Entstellung einer jungen Frau und war gänzlich gebannt von der majästetisch gefährlichen Ausstrahlung der Tiger.

Triceratops von Stephan Roiss: Ein Buch, an dessen Handlung ich mich nach einem Monat kaum noch erinnern kann.

Der Junge, der den Wind einfing von William Kamkwamba: Die autobiografische Geschichte eines wissbegierigen Jungen in Malawi, die mich berühren konnte und auf mehreren Ebenen ansprach. Beeindruckend!

Tiger von Polly Clark: Stark und sehr atmosphärisch wenn es um Naturbeschreibungen und Tiger geht, aber mit kleinen Schwächen in der Geschichte. Lohnt sich aber dennoch.

Quecksilber von Amélie Nothomb: Ein weiterer kurios überraschender Roman der Autorin, der mich begeistern konnte.

Die Kinder hören Pink Floyd von Alexander Gorkow: Momentaufnahmen eines zehnjährigen Jungen Mitte der 1970er Jahre, der mit viel Fantasie und Pink Floyd groß wird. Sehr musiklastig und empfehlenswert für Fans der Band. Ich habe es sehr genossen.

Die Kinder hören Pink Floyd – Alexander Gorkow

Wie sagt man heute so bezeichnend: „Ich bin so ein Opfer!“. Und genau das trifft es auch. Ich lese den Namen einer meiner langjährigen Lieblingsbands in Regenbogenfarben auf einem schwarzen Buch und weiß nicht nur sofort, auf welches Plattencover das eine Anspielung sein könnte, sondern auch, dass ich dieses Buch lesen muss. Unbedingt! Denn ich fühle mich ein wenig ausgehungert nach der Musik der 1965 gegründeten Band Pink Floyd, die ich in den 1980er Jahren live in Dortmund und in Köln auf der Bühne erleben durfte. Die mich rund 20, vielleicht sogar 30 Jahre meines Lebens intensiv begleitet hat und doch irgendwann immer mehr in den Hintergrund gerückt ist. Von dem Buch weiß ich vorab nur, dass es einen in die 1970er Jahre mitnimmt und hoffe, dass in dem Roman ganz viel von meiner Lieblingsmusik enthalten ist. Glücklicherweise werden meine Erwartungen sogar noch übertroffen.

Denn der 1966 in Düsseldorf geborene Autor Alexander Gorkow ist nicht nur etwa mein Jahrgang, sondern nimmt mich in seinem autobiografischen Roman mit in ein Leben in den 1970er Jahren, wie ich es zu Teilen ähnlich selbst erinnere. Eine Kindheit mit Altnazis, der ZDF-Hitparade, mit Heino als Feindbild, dem Balkan-Grill, dem Traum von der Einbauküche, gänzlich fehlender Political Correctness und viel politischem Erwachsenengerede, mit dem ich als 10jährige ebenso wenig anfangen konnte, wie der gleichaltrige Ich-Erzähler dieses Buches. Im Gegensatz zu mir stottert dieser zwar und eifert seiner herzkranken älteren Schwester, zu der er ein besonderes Verhältnis hat, nach, aber mich verbindet mit beiden die gemeinsame Liebe zu der Musik von Pink Floyd. Und von der steckt ganz viel in diesem Buch.

Der Zehnjährige beschreibt den Klang der Lieder, sodass sie mir beim Lesen gleich im Ohr klingen. Er zitiert Textstellen daraus oder bezieht sich auf diese und schildert anschaulich das Aussehen der Plattencover. Die Liebe seiner jugendlichen Schwester zu dieser Band ist auch seine geworden. Er erklärt sich die Welt mit ihren nicht immer ernst gemeinten und teilweise auch entnervten aufmüpfigen Äußerungen, mit Pink Floyds Liedtexten und seiner überbordenden Fantasie. Denn so psychedelisch die Musik dieser Band ist, so sind es teilweise auch die kindlichen Gedanken des Jungen. In seiner Welt und seiner Logik als Zehnjähriger sind sie erklärbar und nachvollziehbar. Das Buch wirft einen liebevollen Blick auf die unterschiedlichen Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten und schafft es mich zu berühren. Ich fühle mich beim Lesen ein wenig an meine Zeit in dem Alter erinnert und mir fallen eigene abstruse Kindheitsideen und Erklärungsversuche unvorstellbar erscheinender Vorgänge ein. Gelegentlich bringt es mich sogar zum Lachen. Aber es ist kein spöttisches Lachen, sondern ein warmes Lachen, das aus lebendiger Erinnerung gespeist wird und dem Verständnis, dass man selbst manches in dem Alter einfach nicht besser wusste.

Irgendwann springt in dem Buch der Zeitraffer an und man rast regelrecht bis in die jetzige Zeit. Es werden noch einige Meilensteine im Älterwerden des Protagonisten erwähnt und natürlich auch einige aus der Historie von Pink Floyd. Das wirkt insgesamt jedoch etwas gehetzt, was ich beim Lesen bedauernswert finde. Und doch ist auch dies eine nachvollziehbare Vorgehensweise, weil irgendwann die Kindheit vorbei und die Band selbst einfach Geschichte ist. Aber es ist eben auch kein Buch in dem minutiös alle Einzelheiten zu Pink Floyd aufgeführt werden. Es ist die Geschichte eines Jungen, den Pink Floyd über lange Strecken durch sein Leben begleitet hat – und es auch bei ihm als Erwachsenen immer mal wieder tun wird, weil mit dieser Band für immer unvergessliche Erinnerungen für ihn verbunden sein werden.

Und für mich wird es jetzt Zeit bei Spotify endlich eine Pink-Floyd-Playlist anzulegen. Denn nachdem ich mich in den 2000er Jahren von meiner Plattensammlung getrennt habe, scheine ich mir auch nicht mehr alle Alben als CDs zugelegt zu haben. Die Zeiten ändern sich, aber eins bleibt: Ich habe den Anfang von „Have A Cigar“ im Ohr und starte dem völlig zuwider handelnd mit dem 1977 erschienen Album „Animals“, gespannt darauf, ob mich die Remastered Version von 2011 noch packen kann. Spätestens als die Hunde bellen und danach die Gitarre einsetzt, bekomme ich eine erste Gänsehaut. Alles gut.

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Alexander Gorkow
Die Kinder hören Pink Floyd
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten
ISBN: 978-3-462-05298-5
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 11.02.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Quecksilber – Amélie Nothomb

Irgendwann hatte ich mir mal einen Schwung gebrauchter Taschenbücher von Amélie Nothomb zugelegt, weil mich ihre französisch beschwingte und oft ebenso skurrile wie ernsthafte Schreibweise schon mehrfach begeistern konnte. Darauf hoffte ich natürlich auch, als ich kürzlich eher wahllos ihren knapp 176 Seiten starken Roman „Quecksilber“ aus diesem Bücherstapel herauszog. Und konnte mich darüber freuen, dass ich mit diesem Buch ein weiteres Highlight der Autorin für mich entdecken durfte.

Amélie Nothomb nimmt die Leser mit in das Jahr 1923 auf die fiktive Insel Mortes-Frontières. Dort lebt der 76jährige Kapitän Loncours mit seiner 22jährigen Ziehtochter Hazel, seitdem diese vor fünf Jahren bei einem Bombenangriff nicht nur ihre Familie verlor, sondern seitdem auch mit ihrem entstellten Gesicht zurecht kommen muss. Die Fenster des Hauses sind so hoch angebracht, dass sie dort nicht hinaussehen, sich jedoch vor allem nicht in den Fensterscheiben selbst sehen kann. Im ganzen Haus gibt es weder Spiegel noch irgendwelche reflektierenden Flächen. Als Hazel schließlich erkrankt, holt der Kapitän die Krankenschwester Francoise auf die Insel, die hinter ein fürchterliches Geheimnis kommt.

Im Klappentext wird dieses Buch als phantastischer philosophischer Thriller über Freundschaft, Liebe und deren Grenzen bezeichnet. Und tatsächlich folgt man hier einer spannenden Geschichte mit unterschiedlichen Wendungen, die auch einen Blick auf die Stellung der Frau zu dieser Zeit blicken lässt und die Figuren neben anderem über Schönheit und den Wert von Schönheit philosophieren lässt. Schnell erfährt man mehr über die Komplexität der Charaktere, denen man in gekonnten Dialogen folgt, in denen sie in Wortgefechten ihre Beweggründe und ihr Innerstes offenbaren. Der Schlagabtausch treibt einen durchs Buch und verursacht gelegentlich auch Empörung beim Lesen. Es folgt ein Ende, das zu einem leicht skurrilen Abschluss der Geschichte führt und mich als nicht nur zufriedene, sondern auch begeisterte Leserin eines weiteren Romans von Amélie Nothomb zurückgelassen hätte.

Dann jedoch folgt eine Anmerkung der Autorin, in der sie offenbart, dass sie nach dem ersten Schluss die Notwendigkeit verspürte, noch einen anderen aufzuschreiben und sich letzten Endes nicht für einen entscheiden konnte. Also präsentiert sie ihren Lesern danach einfach zusätzlich einen anderen Ausgang der Geschichte. Und so offenbart sich dieses kurze schnelle Buch als eine Art Wundertüte, die auf relativ wenigen Seiten doch so viel Überraschendes zu bieten hat.

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Amélie Nothomb
Quecksilber
Aus dem Französischen von Wolfgang Krege
Original: Mercure | Éditions Albin Michel S.A., Paris
Taschenbuch, 176 Seiten
ISBN: 978-3257233827
Preis: 12,00 € [D]
Verlag: Diogenes
Erschienen: 27.02.2004

Tiger – Polly Clark

Polly Clark begann sich während ihrer Arbeit als Wärterin im Edinburgher Zoo für den vom Aussterben bedrohten Sibirischen Tiger zu interessieren. Für die Recherchen zu ihrem Roman „Tiger“ reiste sie in die russische Taiga, wo sie im tiefsten Winter bei Temperaturen von -35° C lernte, wie man die Spur eines Tigers verfolgt. Das machte mich neugierig und ich war gespannt darauf, mehr über diese Spezies zu erfahren.

Der Roman „Tiger“ von Polly Clark besteht aus drei großen Handlungssträngen, in die man als Leser unvermittelt hineingeworfen wird und über lange Lesestrecken hinweg keinen anderen Zusammenhang erkennen kann, als das in ihnen als verbindendes Element Tiger vorkommen.

Der erste Teil handelt von der dreiunddreißigjährigen englischen Primatenforscherin Frieda, die durch ihre Drogenabhängigkeit ihren Arbeitsplatz verliert. Als sie nach einiger Zeit in einem kleinen Zoo in Devon unterkommt, ist sie plötzlich für die Tiger verantwortlich. Für sie waren Tiger bislang nichts als wilde Tiere, roh und aggressiv. Doch nach und nach beginnt sie sich für das Wesen der Tiger zu interessieren; dann, sie zu verstehen, und schließlich sie zu lieben. Außerdem trifft sie dort auf Gabriel, einen widerlichen Unsympathen, der aus mir unerfindlichen Gründen Gefühle in ihr hervorruft. Und genau das wäre eigentlich für mich der Zeitpunkt gewesen die Augen entnervt zu verdrehen und das Buch abzubrechen, weil mich diese Geschichten vom unnahbaren Badboy einfach schon seit langem nicht mehr reizen. Aber Polly Clark ist es durch den Prolog und im Laufe dieses ersten Teils bereits gelungen mich durch ihre bildhaften Naturbeschreibungen und das gekonnte Erzeugen von Stimmungen und Spannungen im Zusammenhang mit den Tigern so für dieses Buch einzunehmen, dass ich es unmöglich aus der Hand legen konnte. Und das war gut so.

Denn mit diesen Raubkatzen habe ich mich bisher nicht genauer beschäftigt und so gibt es neben der fesselnden Atmosphäre für mich viel Interessantes über diese Tiere, aber auch über die russische Taiga zu erfahren. Tatsächlich bin ich allerdings auch froh, als der erste Teil des Buches abrupt endet und mich von der unsympathischen Frieda, deren Geschichte mich nicht packen kann und deren Handeln ich als verantwortungslos und übel konstruiert empfinde, befreit. Der zweite Teil spielt nicht mehr in Großbritannien, sondern in der russischen Taiga und nimmt mit zu Tomas in ein Tigerschutz-Reservat und im dritten Teil lernen wir dort Edit kennen, die dem indigenen Volk der Udehe entstammt und sich mit ihrer Tochter Sina für ein abgeschiedenes sehr naturnahes Leben im Wald entscheidet. Zum Ende setzt sich schließlich alles zu einem großen Ganzen zusammen – man erfährt die Zusammenhänge und was die einzelnen Protagonisten miteinander verbindet.

Die Art, wie diese Geschichte erzählt ist, wirkt dabei insgesamt etwas holprig und nimmt in fast schon zu viele menschliche Abgründe mit, die ich in diesem Buch nicht unbedingt gebraucht hätte. Denn wenn Polly Clark die Natur beschreibt und die Leser mit auf die Pirsch nimmt um an der atemberaubenden Schönheit und Gefährlichkeit der ausgewachsenen Tiger teilhaben zu lassen, ist das so beeindruckend und atmosphärisch, als wäre man in unmittelbarer Nähe dieser majestätischen Tiere. Dabei lässt sie die Leser sogar an einigen Stellen wohldosiert und überaus gelungen die Welt aus den Augen des Tigers erleben. Das geschieht sehr eindrucksvoll und ohne dabei in kitschige Vermenschlichung zu verfallen. Auch gelingt es ihr, dass man die eindringlich geschilderte sibirische Kälte ebenso wie den Kampf ums Überleben in der unwirtlichen Umgebung fast schon am eigenen Leibe spüren kann.

„Tiger“ von Polly Clark ist ein intensives und packendes Leseerlebnis, wenn man die Geschichte rund um Frieda, die im vierten Teil des Buches nochmal aufgegriffen wird, ausblenden kann.

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Polly Clark
Tiger
Aus dem Englischen von Ursula C. Sturm
Original: Tiger | Riverrun/Quercus, London
Gebunden, 432 Seiten
ISBN: 978-3961610990
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: Eisele
Erschienen: 02.11.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Januar 2021

Im Lesemonat Januar begab ich mich an die ruppig raue aber nichtsdestotrotz wunderschöne englische Küste, verliebte mich erneut ins Kreativsein, irrte durch Wayward Pines, schaute Schriftstellerinnen bei ihrer Arbeit über die Schulter und dachte ein wenig über Corona nach.

Bücherwelten – manchmal mittendrin und manchmal nur dabei.

Offene See von Benjamin Myers: Ein eher ruhiger Roman mit lyrischen Elementen, der mit seiner blumigen poetischen Sprache mitnimmt in eine Welt voller Natur und Landschaftsbeschreibungen. Angenehm zu lesen.

Kreativität von Melanie Raabe: Ein lebendiges, unterhaltsames und unglaublich motivierendes Sachbuch, bei dem man noch beim Lesen das Bedürfnis verspürt sich unbedingt sofort auf seine ganz eigene Art und Weise kreativ austoben zu müssen.  

Psychose von Blake Crouch: Ein Thriller, dessen Verwirrspiel mir zu lange gedauert hat und dessen Ausgang mich überhaupt nicht begeistern konnte.

Schreibtisch mit Aussicht von Ilka Piepgras: 24 bedeutende Schriftstellerinnen erzählen von ihrem Schreiben auf ihre sehr persönliche Weise. Empfehlenswert!

Trotzdem von Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge: Die Autoren unterhalten sich darüber, was das Corona-Virus gesellschaftlich und politisch verursacht hat, noch bewirkt und wohl auf lange Sicht noch hervorbringen könnte. Interessant, aber kein Muss.

Offene See – Benjamin Myers

„Damals wusste ich nicht, was Sprache vermag. Ich verstand die Macht, die Wirkungskraft von Worten noch nicht. Die komplexe Magie von Sprache war mir ebenso fremd wie das veränderte Land, das ich in jenem Sommer um mich herum sah.“

(S. 11)

So blickt Robert in hohem Alter zurück auf sein Leben als Sechzehnjähriger, in die Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg, als er sich auf den Weg macht, um zur offenen See, dem Ort seiner Sehnsucht zu gelangen. Und um noch ein letztes Mal dem zu entfliehen, das für ihn vorbestimmt ist. Denn aufgewachsen ist er in einem abgeschiedenen englischen Bergarbeiterdorf und sein beruflicher Werdegang scheint vorgegeben. Wie alle Männer seiner Familie soll auch er im Bergbau arbeiten. Dabei liebt er Natur und Bewegung und sehnt sich nach der Weite des Meeres.

„Solange ich zurückdenken konnte, hatte die Unausweichlichkeit eines Arbeiterlebens in der staubigen Dunkelheit wie ein Schreckgespenst in meinem Unterbewusstsein gelauert und alles mit einem dunklen Tuch bedeckt. Anfangs hatte ich mich vor der Vorstellung gefürchtet, doch in letzter Zeit lehnte ich sie mit einer Unnachgiebigkeit ab, die an Hass grenzte.“

(S. 20)

Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion – und sie ist interessiert an seinen Gedanken. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. In den Gesprächen mit Dulcie wandelt sich sein von den Eltern geprägter Blick auf das Leben und sie führt ihn nebenbei an die Literatur heran. Als Dank für ihre Großzügigkeit bietet er ihr seine Hilfe rund um das Cottage an. Doch als er eine wild wuchernde Hecke stutzen will, um den Blick auf das Meer freizulegen, verbietet sie das barsch. Ebenso ablehnend reagiert sie auf ein Manuskript mit Gedichten, das Robert findet. Gedichte, die Dulcie gewidmet sind, die sie aber auf keinen Fall lesen will. Allmählich kommt Robert hinter ihr Geheimnis.

„Offene See“ ist ein eher ruhiger Roman, der mit seiner blumigen poetischen Sprache mitnimmt in eine Welt voller Natur- und Landschaftsbeschreibungen, die noch gar nicht zu dem Auftreten, den Äußerungen und dem Handeln des sechzehnjährigen Ich-Erzählers passen wollen, aus dessen Sicht man dieses Buch größtenteils liest. Aber das macht auch einen gewissen Reiz beim Lesen aus, denn hierdurch erhält man eine leise Vorahnung von dem, was in Robert steckt und im Laufe seiner Lebensjahre erst noch freigelegt werden will. Aber dieses Buch erzählt auch von einer zufälligen und eher ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem Protagonisten und der ebenso eigensinnigen wie klugen Dulcie, die auf ihre besondere Art Zugang zu dem jungen Mann findet und auf sein Leben Einfluss nimmt.

„[…] ein gutes Gedicht bricht die Austernschale des Verstandes auf, um die Perle darin freizulegen. Es findet Wörter für Gefühle, deren Definitionen sich allen Versuchen des verbalen Ausdrucks entziehen.“

(S. 80)

Um „Offene See“ zu mögen, muss man Lyrik nicht lieben, aber man sollte ihr gegenüber aufgeschlossen sein. Denn es gibt einige Gedichte zu lesen, die man mögen kann oder halt nicht, aber das Buch ist auch geprägt von blumig formulierten und weit ausholend geschilderten Landschafts- und Naturbeschreibungen, die einen geradewegs an die ruppig raue aber nichtsdestotrotz wunderschöne englische Küste mitnehmen. Aufgrund der derzeitigen Reisebeschränkungen bin ich fast versucht eine Triggerwarnung auszusprechen.

Von den unabhängigen Buchhandlungen wurde „Offene See“ im Jahr 2020 als Lieblingsbuch ausgezeichnet. Für mich selbst ist dieser Roman zwar kein Lieblingsbuch, aber durchaus ein Buch, das ich gerne gelesen habe.

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Benjamin Myers
Offene See
Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
Original: The Offing
Hardcover gebunden, 270 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8119-2
Preis: 20,00 € [DE]
Verlag: Dumont
Erschienen: 20.03.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer November 2020

Im Lesemonat November habe ich mit einem Hells-Angel in einer Gefängniszelle gehockt und ihm beim Verrichten seiner Notdurft zugeschaut, wurde Fan von Laura Malina Seiler und habe angefangen Struktur in mein Planungschaos zu bringen.

Bücherwelten – verwickeln und entwickeln Persönlichkeiten.

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise von Jean-Paul Dubois: Ein Roman über einen Gebäudemanager, der mit einem Hells-Angels-Biker in einer Gefängniszelle landet und auf sein Leben zurückblickt. Ganz nett.

Mögest du glücklich sein von Laura Malina Seiler: Ein positiv gestimmter Ratgeber, der einem auf sympathische Weise zurück ins Gedächtnis ruft, an welchen Stellschrauben man drehen kann, um für mehr Selbstliebe und Selbstakzeptanz zu sorgen und so seiner Selbstverwirklichung und einem zufriedeneren glücklicheren Leben näher zu kommen. Hilfreich!

Die Bullet-Journal-Methode von Ryder Carroll: Zeigt die strukturellen Gestaltungsmöglichkeiten auf, die sich bei dieser individuellen Terminplanung, Zielesetzung und Tagebuchgestaltung anbieten und definiert auch die dahinter liegenden Vorteile und psychologischen Effekte. Hervorragend!

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise – Jean-Paul Dubois

Im Mittelpunkt dieses Romans steht Paul Hansen, Sohn eines dänischen Priesters und einer französischen Kinobesitzerin. Rund 20 Jahre lang war Hansen Gebäudemanager einer Wohnanlage in Montréal, dem Schauplatz des Romans. Doch nun – der Roman setzt August 2009 ein – sitzt er im Gefängnis. Dort teilt er sich die Zelle mit einem Hells-Angels-Biker und denkt über sein Leben nach. Beginnend mit der Kindheit in Toulouse, unter einem konservativen, frommen Vater und einer ebenso lebensfrohen wie linken Mutter, die einzig an die Freiheit der Künste glaubt.

Der Autor lässt sich viel Zeit, um Paul Hansens Geschichte zu erzählen. Dabei wechselt er beflissen zwischen dem Gefängnisalltag und den Rückblenden seines Ich-Erzählers hin und her. Es geht um eine entwürdigende Nähe zwischen ihm und seinem Zellengenossen, bei der der Autor für meinen Geschmack mit der Beobachtung zu nah heran geht. Die unerträgliche Nähe überträgt sich beim Lesen auf den Leser. Aber man fragt sich auch, warum Paul Hansen eigentlich einsitzt und erfährt erst gegen Ende des Romans genaueres, nachdem man sich durch seine gesamte Lebensgeschichte gelesen hat. Diese ist zwar durch ungewöhnliche und teils interessante kleine Anekdoten ausgeschmückt, wodurch man Sympathien für den Protagonisten entwickeln kann, fühlt sich aber gelegentlich dennoch ermüdend an. Man wabert beim Lesen mit der Geschichte dahin und fragt sich des Öfteren, worauf der Autor eigentlich hinaus will. Kann es wirklich nur das sein, worauf der Titel des Buches stumpf hinweist?

Und so beendete ich das Buch zwar, weil es in einem flüssigen Schreibstil daher kommt und ich wissen wollte, was es mit Paul Hansen auf sich hat, insgesamt ist die Geschichte jedoch zu farblos, als dass sie einem wirklich im Gedächtnis bleiben könnte. Schade, denn nach dem Genuss der Leseprobe hatte ich mir mehr von diesem Buch versprochen, das 2019 den Prix Goncourt in Frankreich erhalten hatte.

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Jean-Paul Dubois
Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver
Deutsche Erstausgabe, 256 Seiten
ISBN: 978-3-423-28240-6
Preis: EUR 22,00 € [DE], EUR 22,70 € [A]
Verlag: dtv
Erschienen: 24.07.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.