erLESENer Juni 2021

Im Lesemonat Juni durchlebte ich unterschiedliche Formen des Liebens und Nichtliebens, pendelte zwischen Deutschland und Rumänien, konnte unter Wasser atmen, ließ mich beim Suizid begleiten und war fasziniert von Helen und Mabel.

Bücherwelten – Gefühle zwischen Buchdeckeln…

Klopf an dein Herz von Amélie Nothomb: Ein Roman über ein Zuviel und Zuwenig von Liebe. Amélie Nothomb in Bestform.

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff: Eine in Kurzgeschichten erzählte Familiengeschichte, die ihre Wurzeln in Rumänien hat. Lieber selber lesen, anstatt zum Hörbuch zu greifen!

Aus schwarzem Wasser von Anne Freytag: Ein Genre-Mix aus Polit-Thriller mit Fantasy/Science-Fiction-Elementen, der mich leider nicht überzeugen konnte.

Unzertrennlich . Über den Tod und das Leben von Irvin D. und Marilyn Yalom: Als fest stand, dass Marilyns Krankheit zum Tode führen würde, begannen die Eheleute ein Buch zu schreiben – das am Ende Irvin D. Yalom alleine fertigstellen musste. Von tiefer Ehrlichkeit und steter Reflektion gekennzeichnet. Berührend!

H wie Habicht von Helen Macdonald: Ein Buch, in dem die Autorin über ihre Trauerbewältigung durch die Zähmung eines Habichts beschreibt. Unglaublich beeindruckend! Ein Highlight!

Klopf an dein Herz – Amélie Nothomb

Für ein kurzes Buch von Amélie Nothomb ist ja immer Zeit. Umso mehr freute ich mich auf ihren gerade erst als Taschenbuch erschienenen Roman „Klopf an dein Herz“. Die knapp 150 Seiten sind schnell gelesen, aber lesetechnisch deshalb noch lange kein Fast Food.

Der Klappentext verrät: Diane hat es als Kind nicht leicht, denn ihre Mutter lehnt sie ab. Die Schwester hingegen ist Mutters Liebling. Trotzdem entwickelt sich Diane zu einer starken Persönlichkeit. Sie wird Kardiologin und kümmert sich um kranke Herzen, ganz im Sinne des Dichters Alfred de Musset, der sagte: ‚Klopf an dein Herz, denn da sitzt dein Genie.‘ Doch damit entfesselt sie zerstörerische Kräfte.

Im Mittelpunkt stehen einerseits Eifersucht, Neid und Verachtung, aber es ist auch ein Roman über die Liebe in ihren unterschiedlichen Ausprägungen: Die übersteigerte Selbstliebe bis hin zum Narzissmus, das Krankmachende der fehlenden, aber auch der überdosierten Mutterliebe, das herzerwärmende der Freundschaft bis hin zur Liebe an den Menschen allgemein. Was hier vielleicht ein wenig schmalzig klingen mag, versteht die Autorin auf ihre unvergleichlich lakonische, manchmal auch bösartige Art, unterhaltsam in Szene zu setzen.

Der Erzählton ist gelegentlich ein wenig märchenhaft und doch hat man beim Lesen den Eindruck, dass diese schöne, aber zuweilen auch recht traurige Geschichte durchaus der Realität entspringen könnte. Die Charaktere sind überwiegend sympathisch und selbst für die ungeliebten Personen entwickelt sich meist ein gewisses Verständnis, das dafür sorgt, dass man ihr Handeln zwar nicht gut heißt, es jedoch im Großen und Ganzen nachvollziehen kann.

Insgesamt ist Amélie Nothomb mit „Klopf an dein Herz“ trotz schwierigem Thema ein weiterer amüsanter Roman gelungen, der mit in die dunklen Bereiche der Psyche nimmt und den ich Fans der Autorin durchaus empfehlen kann.

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Amélie Nothomb
Klopf an dein Herz
Aus dem Französischen von Brigitte Große
Original: Frappe-toi le coeur, 2017 by Èditions Albin Michel, Paris
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3257245868
Preis: 11,00 € [D]
Verlag: Diogenes
Erschienen: 23.06.2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Die Unschärfe der Welt – Iris Wolff

Es war schon allein der schöne Titel, der mich auf dieses Buch aufmerksam machte und wohl auch nicht mehr los ließ. Als dann kürzlich bei Audible bei der Hörbuch-Aktion ‚2 Hörbücher zum Preis für ein Guthaben‘ dieses Buch wieder auftauchte, entschied ich mich dafür, dass es mich im Rahmen meiner BUCHweltreise nach Rumänien führen sollte. Im nachhinein wünschte ich mir jedoch, ich hätte es lieber selbst gelesen. Denn ich gehe davon aus, dass es mir als Buch wirklich gut gefallen hätte.

Der Klappentext verrät: Hätten Florentine und Hannes den beiden jungen Reisenden auch dann ihre Tür geöffnet, wenn sie geahnt hätten, welche Rolle der Besuch aus der DDR im Leben der Banater Familie noch spielen wird? Hätte Samuel seinem besten Freund Oz auch dann rückhaltlos beigestanden, wenn er das Ausmaß seiner Entscheidung überblickt hätte? In Die Unschärfe der Welt verbinden sich die Lebenswege von sieben Personen, sieben Wahlverwandten, die sich trotz Schicksalsschlägen und räumlichen Distanzen unaufhörlich aufeinander zubewegen. So entsteht vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein großer Roman über Freundschaft und das, was wir bereit sind, für das Glück eines anderen aufzugeben. Kunstvoll und höchst präzise lotet Iris Wolff die Möglichkeiten und Grenzen von Sprache und Erinnerung aus – und von jenen Bildern, die sich andere von uns machen.

Gelesen wird dieses Hörbuch von Eva Gosciejewicz, die eine angenehme Stimme hat, diese jedoch bei den männlichen Protagonisten unschön verändert, unnötigerweise selbst bei indirekter Rede. Das fiel für mich irgendwann so unangenehm ins Gewicht, dass es mir die Freude an dem Hörbuch nahm. Auch hätte ich mir Sprechpausen bei den Übergängen zu neuen Kapiteln gewünscht. Denn es war für mich anfangs etwas verwirrend, dass Iris Wolff diese Familiengeschichte in in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten erzählt, die nicht unbedingt in einer logischen zeitlichen Reihenfolge angeordnet sind.

In jeder Kurzgeschichte steht eines der Familienmitglieder im Fokus, die jede auf ihre Weise versuchen der Geschichte zu entkommen. Wir befinden uns dabei im sozialistischen Rumänien, erleben politische Umbrüche, erleben eine Flucht und landen irgendwann auch in Deutschland. Iris Wolff erzählt die berührende Geschichte der Menschen aus dem Banat in klarer, aber dennoch zarter Sprache. Gelegentlich ist die Wortwahl auch poetisch und lädt zum Innehalten und Verweilen ein. Für mich ist „Die Unschärfe der Welt“ daher unbedingt ein Buch zum selber lesen.

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Iris Wolff
Die Unschärfe der Welt
Ungekürztes Hörbuch
Sprecherin: Eva Gosciejewicz
Spieldauer: 6 Std. und 16 Min.
Erscheinungsdatum: 24.08.2020
Anbieter: Audible Studios

erLESENer Mai 2021

Im Lesemonat Mai wachte ich nach einem schweren Motorradunfall im Krankenhaus auf, übernahm in Lusaka eine Hühnerfarm, ging als 17jährige zum ersten Mal zur Schule, half Liss auf ihrem Bauernhof und bei der Ernte, pimpte mein Gehirn, übte mit Elias täglich 6 Stunden lang Gitarrenriffs und versuchte den Geheimnissen der Biografiearbeit auf die Schliche zu kommen.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Fiktion und Realität…

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells: Obwohl es in diesem Buch um Verlust, Tod und Krankheit geht, hatte ich doch den Eindruck, ein Wohlfühlbuch zu genießen, in das man sich entspannt hineinfallen lassen und in dem man stundenlang schmökern kann. Ausgezeichnet!

Das Auge des Leoparden von Henning Mankell: Fein beobachtet schildert der Autor das Dilemma der Kolonialisierung und der späteren Ent-Kolonialisierung von Sambia. Hervorragend!

Befreit von Tara Westover: Ein großartiges Buch über eine bemerkenswerte Frau, die es durch harte Arbeit und Durchhaltevermögen geschafft hat, sich durch Bildung ein neues Leben aufzubauen. Beeindruckend!

Alte Sorten von Ewald Arenz: Eine schöne Geschichte irgendwo zwischen wuchtig und ganz zart – mit leisem Humor, Wut, Traurigkeit und Tiefgang. Eine umfangreiche Gefühlspalette zum mittendrin sein und mitfühlen, aber auch mit Wohlfühlmomenten. Wunderbar!

Mein Kopf gehört mir von Miriam Meckel: Eine Mischung aus erschreckend und faszinierend, was da am Gehirn erforscht und schon herausgefunden wurde. Wahnsinnig interessant!

Die goldene Ananas von Dennis Kornblum: Sprachlich sehr einfach, aber nichtsdestotrotz ein interessant und authentisch gehaltener Einblick in Leben und Wahrnehmung eines unter Asperger-Syndrom leidenden 26jährigen Gitarristen.

Biografiearbeit – Die innere Schatzsuche von Anja Mannhard: Ein kurzes Buch mit vielen Übungen und Fragen, um die eigene Lebensgeschichte unter die Lupe zu nehmen. Für mich zu bastellastig und zu wenig Erklärungen. Wohl eher an Fachleute gerichtet.

Die goldene Ananas – Dennis Kornblum

Als der 1980 geborene Autor Dennis Kornblum (denniskornblum.com) mich anschrieb und fragte, ob ich mir denken könnte, seinen Roman zu lesen und vorzustellen, war ich gleich interessiert. Denn der Roman handelt von dem 26jährigen Gitarristen Elias, der unter dem Asperger-Syndrom leidet und setzt zu dem Zeitpunkt ein, an dem dieser nach fünfeinhalb Jahren in Wohnheimen für gemeindenahe Psychiatrie in seine erste eigene Wohnung zieht. Dort steht er bald vor ganz neuen Herausforderungen, mit denen er umzugehen lernen muss. Da Dennis Kornblum selbst von dem Asperger-Syndrom betroffen ist, hat er in dem Roman Autobiografisches mit Fiktionalem vermengt, um einen authentischen Einblick in diese ungewöhnliche Welt zu gewähren. Und das ist ihm wirklich gelungen.

Sein Protagonist Elias steht jeglichen Veränderungen ängstlich und grundsätzlich ablehnend gegenüber. Daher erfüllt es ihn eher mit Widerwillen, dass er nun in eine eigene Wohnung ziehen soll, in das Dachgeschoss eines Fünfparteienhauses. Hier geht es ihm anfänglich nur darum, möglichst seine Ruhe zu haben und seinen streng strukturierten Tagesablauf einzuhalten, der aus einer sechsstündigen E-Gitarren-Einheit, dem Konsum von Death-Metal-Alben, dem Schauen von Filmen und genau getimten Mahlzeiten, Kaffee- und Zigarettenpausen besteht. Nach und nach werden jedoch die übrigen Hausbewohner auf ihn aufmerksam, und er kommt immer mehr in Kontakt, vor allem mit dem extrovertierten Endfünfziger Willi. Und plötzlich steht er vor ganz neuen Herausforderungen: Soll er es wagen, einer richtigen Band vorzuspielen? Und dann gibt es da noch die hübsche Kellnerin vom Café Auberge, die ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf geht…

Obwohl dieser Roman in der personalen Erzählweise verfasst ist, kommt man Elias beim Lesen sehr nah. Und doch bleibt eine Distanz bestehen, die nur ganz allmählich überwunden wird, weil man in seine Welt und Art der Wahrnehmung langsam hineinwächst. Die Gründe für seine teilweise recht eigenartige Handlungsweise werden nachvollziehbar, wenngleich es auch manchmal zu kuriosen Situationen kommt. Die Sprache ist sehr einfach und schnörkellos, was die Geschichte überaus authentisch und stimmig sein lässt. Elias ist dabei ein Charakter mit Ecken und Kanten, der einem mit der Zeit immer sympathischer wird und dessen positive Entwicklungsgeschichte man gerne weiter liest.

Doch dorthin ist auch ein weiter Weg. Denn dem Protagonisten hilft eine streng durchgetaktete Tagesstruktur, die man auch als Leser durchläuft. So notwendig dies ist, um ein Verständnis für die dahinter liegende Problematik zu entwickeln, so ermüdend wird dies jedoch irgendwann beim Lesen. Allerdings bezweifle ich, ob eine komprimiertere Darstellungsweise dem Roman wirklich gut getan hätte. Doch schließlich ist bei Elias ein Punkt erreicht, an dem er für sich wichtige Erkenntnisse gewinnt und Bewegung in sein Leben kommt. Eine Entwicklung, die man zwar kommen sieht, aber eine, die man dem Protagonisten gönnt und über die man sich mit ihm freuen kann.

Insgesamt war dies für mich ein aufschlussreicher Ausflug in die Welt eines jungen Menschen mit Asperger-Syndrom, den ich Lesern empfehlen kann, die sich auf unterhaltsame Weise mit der Thematik beschäftigen möchten.

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Dennis Kornblum
Die goldene Ananas
Taschenbuch, 580 Seiten
ISBN: 978-3-347-12210-9
Preis: 17,99 € [D]
Verlag: tredition
Erschienen: 08.12.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Autor für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Alte Sorten – Ewald Arenz

Als es kürzlich bei Audible eine Aktion gab, bei der aus einer Auswahl bestimmter Hörbücher 2 für 1 Guthaben gekauft werden konnten, stieß ich unter anderem auf „Alte Sorten“ von Ewald Arenz. An diesem Buch kam man vor einiger kaum vorbei, weil viele Lesende so voll des Lobes darüber waren. Längst hatte mich das neugierig gemacht und bei dem Schnäppchenangebot war ich ja eigentlich schon fast gezwungen zuzugreifen. Mal gut, denn dieses Hörbuch wurde für mich zu einem weiteren Highlight in diesem Jahr.

Eingesprochen wurde „Alte Sorten“ von Sabine Arnhold, die in dem ungekürzten knapp 7-stündigen Hörbuch die beiden Protagonistinnen Sally und Liss mit ihrer Stimme zu unverwechselbaren Charakteren macht, deren Stimmungen und Gefühlsregungen man nicht nur hören, sondern sogar spüren kann. Das liegt nicht zuletzt auch an dem Einfühlungsvermögen, mit dem Ewald Arenz die gemeinsame Geschichte dieser beiden Frauen zeichnet, die erstmals an einem Weinberg in der Nähe eines kleinen Dorfes aufeinander treffen.

Liss ist eine starke verschlossene Frau, hat dort einen Bauernhof und lebt recht isoliert von der Dorfgemeinschaft. Als sie auf die siebzehnjährige Sally trifft, die offensichtlich durchgebrannt ist, nimmt sie diese ohne Fragen zu stellen bei sich auf. Für Sally ist die etwa 30 Jahre ältere Frau ein Rätsel. Aber Liss ist zu dem Zeitpunkt genau die Person, die Sally braucht, weil sie die Ruhe hat, Sally so sein zu lassen, wie sie ist und weil es ihr gut tut Liss bei der Arbeit auf dem Hof und in der Natur zur Hand zu gehen. Allmählich entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine Freundschaft. Und als Leser erfährt man nach und nach, was sie bewegt und was ihnen in ihrem Leben widerfahren ist.

Obwohl aus Sally oft auch viel Wut herausplatzt, ist „Alte Sorten“ eher ein Buch der leisen Töne. Es geht um den Rückzug und darum, miteinander auch mal schweigen zu können. Es geht um Freundschaft, Anerkennung und Akzeptanz. Aber auch um die Rückbesinnung auf die Natur und das Wahrnehmen der zwischenmenschlichen Töne, die nur hörbar sind, wenn das Laute in den Hintergrund tritt. Man versteht beide Frauen, die jede ihr eigenes Schicksal durchlitten hat und fühlt mit ihnen.

Gleichzeitig nimmt einen Ewald Arenz beim Lesen selbst mit in die Natur und sorgt durch seine sinnlichen Beschreibungen dafür, dass man selbst etwas über die Imkerei und die Weinlese lernt, beim Schnapsbrennen und bei der Kartoffelernte dabei ist, alte Sorten kennen lernt und sogar meint, den Geschmack dieser fast vergessenen Birnensorten selbst auf der Zunge zu haben.

Eine schöne Geschichte irgendwo zwischen wuchtig und ganz zart – mit leisem Humor, Wut, Traurigkeit und Tiefgang. Eine umfangreiche Gefühlspalette zum mittendrin sein und mitfühlen, aber auch mit Wohlfühlmomenten, die richtig Lust aufs Landleben machen. Einfach wunderbar!

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Ewald Arenz
Alte Sorten
Ungekürztes Hörbuch
Sprecherin: Sabine Arnhold
Spieldauer: 7 Std. und 14 Min.
Erscheinungsdatum: 21.11.2019
Anbieter: Audible Studios

Das Auge des Leoparden – Henning Mankell

Und wieder konnte ich einen echten Schatz inmitten meines Stapels ungelesener Bücher entdecken. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie dieses Buch vor vielen Jahren zu mir gelangte. Die Stadtbibliothek veranstaltete damals einen ihrer regelmäßigen sogenannten „Bücherbummel“, wo man ausrangierte und gespendete Bücher für ganz kleines Geld erwerben konnte. Dort war ich gemeinsam mit meiner Mutter unterwegs, die dieses Buch aus dem riesigen Bücherangebot fischte und mir wärmstens ans Herz legte. Tatsächlich nahm ich es mit leichtem Widerwillen mit, denn Henning Mankell war meines Wissens nach ein Krimi-Autor und Krimis lese ich einfach nicht so gerne. Aber mit dem Hinweis, dass „Das Auge des Leoparden“ eines seiner hervorragenden Afrika-Bücher und keineswegs ein Krimi sei, hatte sie mich doch noch überzeugen können. Allerdings war es das dann auch erstmal, denn das Buch wurde bestimmt 10 Jahre gut in meinem Bücherregal abgelagert, bevor ich es wieder zur Hand nahm – als einen Kandidaten für meine BUCHweltreise, der mich nach Sambia führen sollte.

Doch zunächst nimmt dieser Roman mit nach Schweden zu Hans Olofson, der 1969 eigentlich nur eine kurze Reise nach Afrika machen wollte, dann aber neunzehn Jahre dort blieb. Statt in Uppsala sein Jurastudium zu beenden, übernimmt er in Lusaka die Hühnerfarm einer weißen Engländerin, deren Mann im Busch verschollen ist. Dabei verfolgt er ehrgeizige Reformpläne: Er will neue Häuser für die Schwarzen bauen, ihnen höhere Löhne bezahlen und ihren Kindern eine Schule einrichten. Doch bald mehren sich die Zeichen, dass sich die Zustände wohl nicht so rasch in seinem Sinne ändern lassen. Seine weißen Nachbarn werden massakriert, sein Schäferhund brutal getötet. Und der Mann, den er für seinen einzigen schwarzen Freund hält, rät ihm, für immer wegzugehen.

Schon als Kind träumte Henning Mankell davon, den Afrikanischen Kontinent zu bereisen, 1972 erfüllte er sich erstmals diesen Wunsch und fand in Afrika seine wahre Heimat. Ab­wech­selnd lebte er in seinem Heimatland Schweden und seiner Wahlheimat Afrika. Erstmals erschien dieser Roman 1990 in Schweden und es ist 1988 als der Protagonist dabei ist, Sambia wieder zu verlassen. Viel Zeit ist seit dem vergangen und doch hatte ich beim Lesen nicht den Eindruck, ein in die Jahre gekommenes Buch in Händen zu halten. Gelegentlich fragte ich mich beim Lesen überrascht und wohl auch ein wenig schockiert, ob manches nicht vielleicht zu rassistisch geschildert und vielleicht sogar diskriminierend sein könnte.

Doch tatsächlich bin ich es einfach nicht gewöhnt, manches in dieser Deutlichkeit ausformuliert zu lesen. Mit fortschreitendem Lesen habe ich jedoch immer mehr die feine Beobachtungsgabe des Autors schätzen gelernt, dem es gelingt das Dilemma der Kolonialisierung und der späteren Ent-Kolonialisierung – Sambia wurde 1964 vom Vereinigten Königreich unabhängig – zu schildern. Die Denkweise der Schwarzen und der Weißen wird nicht als gut oder schlecht, besser oder schlechter beurteilt. Doch die Andersartigkeit und in manchen Punkten auch die Unvereinbarkeit in diesem Land wird deutlich, unabhängig davon, ob Gutes oder Schlechtes im Schilde geführt wird und welche Beweggründe hinter dem Handeln auch stecken mögen.

„Aber der schwarze Kontinent als Ganzes wird immer ungreifbarer, je mehr er zu verstehen glaubt. Er spürt, dass Afrika im Grunde kein Ganzes ist, jedenfalls nichts, was er mit seinen angestammten Vorstellungen begreifen oder sich zu eigen machen könnte. Hier gibt es keine einfachen Losungsworte. Hier sprechen hölzerne Götter und Ahnen ebenso deutlich wie die Lebenden. Die Wahrheit der Europäer verliert in der Savanne ihre Gültigkeit.“

(S. 185)

Insgesamt ein großartiger Roman, der viel Stoff zum Nachdenken bietet und auch den ein oder anderen Denkanstoß für unsere heutige Zeit mitbringt. Mit der auktorialen Erzählweise konnte ich mich anfangs nicht so recht anfreunden und auch der Protagonist ist niemand, der einem auf Anhieb sympathisch ist. Dennoch schafft es Mankell, dass man mit der verkorksten Figur mit fiebert und dessen Angst und Einsamkeit, aber auch Ziel- und Haltlosigkeit beim Lesen eindringlich spüren kann. „Das Auge des Leoparden“ ist mein erstes, wird aber sicherlich nicht das letzte Afrika-Buch bleiben, das ich von diesem Autor gelesen habe.

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Henning Mankell
Das Auge des Leoparden
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Original: Leopardens Öga, Ordfront Förlag in Stockholm
Gebunden mit Schutzumschlag, 384 Seiten
ISBN: 978-3552052963
Preis: 21,50 € [D]
Verlag: Paul Zsolnay Verlag
Erschienen: 10.02.2004

Dave – Raphaela Edelbauer

Es muss doch noch besser werden, dachte ich mir und quälte mich immer weiter durch dieses Buch, auf das ich durch Literatursendungen aufmerksam wurde und von dem ich mir so viel versprochen hatte. Denn es geht um künstliche Intelligenz, ein Thema, das ich spannend finde und mich darauf freute, in Romanform unterhaltsam beleuchtet darüber zu lesen. Doch stattdessen hat mir dieses Buch noch einmal überdeutlich vor Augen geführt, wie wichtig es ist, im Vorfeld in die Leseprobe zu schauen um eine Kostprobe davon zu erhalten, ob einem der Schreibstil liegt, bevor man sich dafür entscheidet ein Buch zu lesen. Ich hatte das bei „Dave“ leider nicht gemacht, sondern mich von Buchbesprechungen im TV und nicht zuletzt von Interviews mit der Autorin mitreißen lassen.

Dabei klang der Klappentext durchaus vielversprechend. Denn es geht um die Frage, was es braucht, um eine Maschine mit menschlichem Bewusstsein auszustatten. Den Programmierer Syz interessiert nichts so sehr wie die Beantwortung dieser Frage. Doch als er hinter die Kulissen des Labors blickt, gerät sein bedingungsloser Glaube an die Technik ins Wanken. Der Strudel, in den Syz gerät, katapultiert den Programmierer in unmittelbare Nähe der Machtzentrale. Während das Labor in blinder Technikgläubigkeit weiterhin auf die Verwirklichung der Künstlichen Superintelligenz hinarbeitet, taucht Syz tief in die Geschichte des Labors ein und versucht herauszufinden, wessen Interessen DAVE am Ende eigentlich dient.

Als durchaus technikaffinem Menschen sind mir viele Bezeichnungen aus dem Computerbereich zwar geläufig, aber die Sprache strotzt von übermäßigem Fremdwortgebrauch und sonderbaren Wortkreationen neben denen außerdem landestypische österreichische Ausdrucksweisen der Autorin mitschwingen. Das ergibt in der Gesamtsumme einen nicht gerade einfachen Sprachgebrauch, der sich für mich kaum flüssig lesen und verstehen lässt. Die Sprache wirkt dabei auf mich nicht gehoben oder als etwas, auf das man sich als Leser einlassen und vielleicht erst hineinfinden muss, sondern unverhältnismäßig gestelzt und überkompliziert. Mir ist das von allem zu viel und ich bin regelrecht dankbar, wenn die Wortwahl gelegentlich aufklart. Weil ich hoffe, dass mich die Geschichte vielleicht doch noch packen kann, lese ich das Buch bis zur Hälfte weiter. Aber weder die Charaktere noch die kaum vorhandene Handlung können mein Interesse aufrecht erhalten, so dass ich mich schließlich dabei erwische, wie ich seitenweise den Text nur noch überfliege, bevor ich das Buch nach reiflicher Überlegung doch endlich abbreche.

Im Nachgang schaue ich mir andere Rezensionen zu „Dave“ an, kann die positiven Stimmen jedoch nicht nachvollziehen. Raphaela Edelbauer, geboren 1990 in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst und hat bereits einige Literaturpreise und Nominierungen für ihre bisherigen Werke erhalten. Eigentlich mag ich es ja auch, wenn Menschen mit Sprache ungewöhnliche Dinge anstellen, doch zu Raphaela Edelbauers Sprachkunst scheint mir einfach der Zugang zu fehlen.

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Raphaela Edelbauer
Dave
Gebunden mit Schutzumschlag, 432 Seiten
ISBN: 978-3-608-96473-8
Preis: 25,00 € [D]
Verlag: Klett Cotta
Erschienen: 23.01.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer März 2021

Im Lesemonat März lernte ich die norwegische Wanderlust kennen, ließ mich durch Wunderbares verzaubern, nahm eine Einladung zum Schreiben an, dachte über Lebensweisheiten nach und lernte einen homosexuellen und unter Schizophrenie leidenden Schriftsteller kennen.

Bücherwelten – jenseits und diesseits von Fantasie und Wirklichkeit.

Frei. Luft. Hölle. von Are Kalvø: Ein amüsanter Ausflug des Comedian nicht nur ins norwegische Outdoor-Leben. Stimmungsaufhellend und trotzdem Wanderlustfördernd.

Du kannst Wunder vollbringen von Jan Becker: Ein überraschend bodenständiger, empathischer und wissbegieriger Autor, der den gesunden Menschenverstand zu nutzen weiß und neben wissenschaftlichen Betrachtungsweisen, aber auch dem (noch) Unerklärbaren Raum gibt. Dass dennoch mit ein wenig Hokuspokus gewürzt wird, muss man vertragen können.

Einladung zum Schreiben von Doris Dörrie: Ein hübsches Notizbuch mit ansprechenden Schreibinspirationen in der Art, wie man sie bereits aus ihrem Buch „Leben, schreiben, atmen“ kennt. Ein tolles Arbeitsbuch zum Weiterschreiben.

Eine leise Ahnung von etwas Neuem vom Markus Mirwald: Der vierte Band mit Aphorismen aus seiner Reihe „Wesentliches in wenigen Worten“. Trifft genau meinen Nerv.

Die Germanistin von Patricia Duncker: Ein Roman rund um einen französischen Romancier und politischen Quergeist, der sich als homosexueller und unter Schizophrenie leidender Schriftsteller herausstellt, der Verbindungen zu Michel Foucault hat. Auf seine Art ein besonderes Buch, aber vermutlich doch eher etwas für Kenner der Philosophie Foucaults.

Die Germanistin – Patricia Duncker

Manchmal bin ich dankbar für meine Vergesslichkeit und freue mich darüber, wenn ich einfach ein Buch aus meinem Stapel ungelesener Bücher mehr oder weniger wahllos herausgreife, um mich überraschen zu lassen. Und ohne noch zu wissen, auf wessen Empfehlung hin ich mir das Buch kaufte und was mich seinerzeit daran so ansprach. Irgendwie hatte es auch „Die Germanistin“ von Patricia Duncker in meine engere Auswahl und schließlich sogar in mein Bücherregal geschafft. Ein eher zurückhaltendes, aber durchaus ansprechendes Buchcover und ein Titel, der mich vermuten ließ, dass es um Bücher und ums Lesen geht und vielleicht sogar dabei Sätze hervorbringt, die so bemerkenswert sind, dass sie in Erinnerung behalten werden wollen. Das habe ich in diesem Buch zwar auch entdecken können, es ist aber nicht der Grund dafür, dass es mich auf seine besondere Weise verwirren, aber auch ansprechen konnte.

Im Sommer 1993 ist der namenlose Ich-Erzähler Student in Cambridge und arbeitet an seiner Doktorarbeit über den französischen Romancier und politischen Quergeist Paul Michel. Daneben beginnt er eine Liebesbeziehung zu einer ungewöhnlichen jungen Frau, der Germanistin, die ihn vom ersten Moment an in eine andere, leidenschaftliche Welt verstrickt. Angetrieben von ihrer Willensstärke, reist er nach Paris um die noch unveröffentlichten Briefe Paul Michels an seinen Zeitgenossen Michel Foucault zu studieren und herauszufinden, wo er sich aufhält. Tatsächlich findet er den homosexuellen und unter Schizophrenie leidenden Schriftsteller dort in einer Nervenheilanstalt. Aufopfernd bemüht sich der Student um das Wohlergehen des angeblich wahnsinnigen Schriftstellers und kommt ihm allmählich näher.

Einen ganz eigenen Sog übt dieses Buch beim lesen auf mich aus. Und doch habe ich dabei das Gefühl, dass mir der Hintergrund fehlt, um diesen Roman in seiner Gänze erfassen zu können. Von Michel Foucault kenne ich bislang nur den Namen und weiß, dass er ein französischer Philosoph war. Ein kurzer Ausflug zu Wikipedia hilft mir dabei nicht so recht weiter und für mehr Recherche fehlt mir zu dem Zeitpunkt der Biss. Doch die Charaktere sind ungewöhnlich und die Geschichte vom Handeln und Leiden der Protagonisten gelegentlich so skurril, dass ich dem Buch dennoch bis zum Schluss folge. Ich beende den Roman mit dem Eindruck, das Wichtigste dennoch verstanden zu haben und enträtsle auch den tragischen Bezug der eher abstrakt wirkenden Abbildung auf dem Buchcover zu der Geschichte.

Am Ende habe ich den Eindruck einen besonderen Roman gelesen zu haben, der mich gleichzeitig auf eine meiner zahlreichen Bildungslücken aufmerksam gemacht hat. Eigentlich mag ich es ja, wenn Bücher mir die Tore zu anderen Welten und Wissensgebieten öffnen. Vielleicht wäre genau jetzt der beste Zeitpunkt, mich doch einmal mit Michel Foucault auseinanderzusetzen. Irgendwie habe ich Lust darauf und doch bin ich etwas zögerlich, weil erfahrungsgemäß mein laienhaftes Philosophieverständnis manchmal einfach nicht ausreicht, um die Lehren mancher Philosophen erfassen zu können.

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Patricia Duncker
Die Germanistin
Aus dem Englischen übersetzt von Karen Nölle-Fischer
Original: Hallucinating Foucault – Serpent’s Tail, London
Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN: 978-3423126205
Preis: 5,99 € [D]
Verlag: dtv
Erschienen: 01.04.1999