Der Anhalter – Gerwin van der Werf

Im Rahmen meiner BUCHweltreise ging es dieses Mal nach Island. Der nordische Inselstaat, dessen spektakuläre Landschaft durch Vulkane, Geysire, Thermalquellen, Lavafelder und riesige Gletscher geprägt ist, gehört schon lange zu den Orten dieser Welt, die ich gerne irgendwann persönlich kennen lernen möchte. So ergeht es auch Tiddo, Isa und ihrem Sohn Jonathan, die sich endlich den lang gehegten Traum erfüllen und mit dem Wohnmobil einen Roadtrip durch Island unternehmen. Doch während ich anfangs dank ansprechender Naturbeschreibungen noch dachte, dass ich die drei gerne bei ihrer Reise begleitet hätte, war ich mit Fortschreiten der Geschichte froh und dankbar, dass es nicht so war und ich mich stattdessen bequem im Lesesessel zurücklehnen und die Protagonisten aus der Ferne beobachten konnte.

13_Der Anhalter

Denn es ist keine glückliche Familie, die man hier auf ihrer Reise begleitet. Der jugendliche Jonathan leidet unter seinem Status als Sonderling in der Schule, Isa ist auf dem besten Weg in eine schwere Depression und Tiddo fehlt es an Selbstbewusstsein. Außerdem klammert er sich verzweifelt an die Hoffnung mit dieser Traumreise seine Ehe retten zu können. Es ist eine bedrückende Stagnation in der Familiensituation. Jeder ist in seiner Welt gefangen, ohne dass trotz der einzigartigen Umgebung Urlaubsstimmung aufkommen könnte. Weil sich daraus besondere Begegnungen und interessante Gespräche ergeben können, beschließen sie unterwegs einen Anhalter mitzunehmen. Die Familie lässt den Isländer immer näher an sich heran – und wird ihn irgendwann nicht mehr los.

Die Traumreise wird immer mehr zum Albtraum. Auch für mich als Leserin, denn ich erfahre diese Reise aus der Sicht des Ich-Erzählers Tiddo, der mir relativ schnell auf die Nerven geht und höchst unsympathisch daher kommt. Dass seine Frau einen angeseheneren Job hat und mehr Geld verdient als er, bereitet ihm Probleme und sorgt dafür, dass er sich minderwertig fühlt. Gleichzeitig versucht er sich aufzuwerten, indem er das Schlechte in allem in sucht und innerlich niedermacht. Er reagiert auf jede Anerkennung, sofern sie nicht ihm gilt neidisch und eifersüchtig. Es sind kleinliche Gedanken, denen es keinen Spaß macht zu folgen, die aber dafür sorgen, dass man als Leser ein Gespür für die Stimmung bekommt, die auf dieser Reise herrscht.

Doch Tiddo kann auch ganz anders sein, die wundervolle Landschaft um sich herum aufsaugen und seine Umgebung kritisch und durchaus unverklärt wahrnehmen.

„Wir gingen schweigend und konzentriert, und ich muss sagen – es war überwältigend. Wo auf der Welt kann man auf einem Gletscher wandern und gleichzeitig unter sich das Meer sehen? Vom Atlantischen Ozean trennte uns nur eine Ebene aus grauem Sand und Schlammlöchern.“ (S. 53)

Außerdem erkennt man, dass er seinen Sohn und seine Frau abgöttisch liebt. Spürt die Verzweiflung und Angst seine Familie zu verlieren und kann ihm fast verzeihen, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten alles versucht, um diese zu behalten. Doch diese sympathische liebenswerte Seite schafft er nicht nach außen zu transportieren und zu zeigen, zu welch tiefen Gefühlen er wirklich im Stande ist.

„Diese Liebe ist das Ende des Strebens nach Anerkennung und Macht, nicht dessen Anfang. Diese Liebe ist das Ende von Grausamkeit und Schmerz, nicht deren Beginn. Es war etwas, das es noch nie zuvor gegeben hatte, diese Liebe, wir hatten sie erfunden.“ (S. 141)

Und während man sich beim Lesen mit diesem Charakter gerade aussöhnt, eifert er auch schon Verhaltensweisen nach, von denen er denkt, dass sie von ihm erwartet werden und ihn besser dastehen lassen, klammert sich an jeden Strohhalm, der sich ihm bietet und hofft sogar, dass ihm die Naturkräfte dieses außergewöhnlichen Landes beistehen.

„Ich will ein Mann werden, der nie lange hin und her überlegen muss, der instinktiv im eigenen Interesse handelt und seine Meinung ändert, sobald es ihm nutzt, der oft einfach daherredet, aber durch seinen Tonfall trotzdem immer recht hat.“ (S. 165)

So bleibt Tiddo ein unliebsamer Protagonist, den man gerne los sein möchte und dankbar dafür ist, dass dies mit dem Zuklappen des Buches erledigt sein kann. Übrig bleibt ein wenig Mitleid für die zahlreichen Beziehungen, die zu Bruch gehen, weil Menschen nicht miteinander reden und die Gewissheit, dass der Autor es verstanden hat, die Stagnation einer sterbenden Ehe in Worte zu fassen. Keine leichte Kost.

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Gerwin van der Werf
Der Anhalter
Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-10-397466-9
Preis: € (D) 20,00 | € (A) 20,60
Verlag: S. Fischer
Erschienen: 04.03.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Dankbarkeiten – Delphine de Vigan

Es kommt plötzlich, wenn auch nicht ohne Vorzeichen. Von einem Tag auf den anderen kann Michka, die stets ein unabhängiges Leben geführt hat, nicht mehr allein leben. Geplagt von Albträumen glaubt sie ständig, wichtige Dinge zu verlieren. Tatsächlich verliert sie aufgrund ihrer beginnenden Aphasie nach und nach Wörter, findet die richtigen nicht mehr und ersetzt sie durch ähnlich klingende. Die junge Marie, um die Michka sich oft gekümmert hat, bringt sie schließlich in einem Seniorenheim unter.

Der alten Frau fällt es schwer, sich in der neuen Ordnung einzufinden. In hellen Momenten leidet sie unter dem Verlust ihrer Selbstständigkeit. Doch was Michka am meisten beschäftigt, ist die bisher vergebliche Suche nach einem Ehepaar, von dem sie als Kind bei sich aufgenommen wurde und ihr dadurch das Leben gerettet wurde. Ihnen möchte Michka endlich ihre tiefe Dankbarkeit ausdrücken, weshalb Marie erneut eine Suchanzeige aufgibt.

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Doch die knapp 176 Seiten dieses schmalen Buches sind nicht geprägt von dieser Suche, sondern vielmehr von dem Kennenlernen Michkas durch die Augen von Marie und dem Logopäden Jérôme.

„Ich bin Logopäde. Ich arbeite mit den Wörtern und dem Schweigen. Dem Ungesagten. Ich arbeite mit der Scham, dem Geheimnis, der Reue. Ich arbeite mit dem Fehlenden, mit verschwundenen Erinnerungen und solchen, die durch einen Vornamen, ein Bild, einen Duft wieder geweckt werden. Ich arbeite mit den Schmerzen von gestern und denen von heute. Mit den vertraulichen Mitteilungen. Und der Angst vor dem Sterben. Das gehört zu meinem Beruf.“ (S. 79)

In jeweils abwechselnden Kapiteln erlebt man Michka in Dialogen, deren Sprache durch die Aphasie geprägt ist. Doch ähnlich wie Marie und Jérôme lernt man Michka trotz ihrer Wortverwechselungen und Auslassungen zu verstehen. Die Autorin schafft es sogar, dass einem diese reizende alte Dame, die sich trotz ihres Wortkauderwelschs durch Herz und Verstand auszeichnet, regelrecht ans Herz wächst.

„Ich fühle mich gut, müssen Sie wissen, die Wörter sind da wie früher, ich muss sie nicht einmal suchen oder auswählen oder umsorgen, sie tauchen einfach so auf, ganz spontan und ohne Gedöns, ich muss ihnen nicht schöntun, sie einfangen und streicheln, nein, stellen Sie sich vor, sie kommen und gehen in aller Freiheit, es ist sehr schön. Ich weiß, ich befinde mich in einem Traum.“ (S. 39)

Aber im Alter arbeitet die Zeit irgendwann nicht mehr für den Menschen und so nimmt der allmähliche Abbau der Gesundheit mit all seinen Einschränkungen seinen schmerzlichen Lauf.

„Wenn Michka mit ihrem schwankenden, um Gleichgewicht ringenden Schritt auf mich zukommt, würde ich sie am liebsten an mich pressen und ihr etwas von meiner Kraft und Energie einhauchen. Doch ich halte mich zurück. Wahrscheinlich aus einer Art Schamgefühl heraus. Und weil ich ihr nicht wehtun will. Sie ist so zerbrechlich geworden.“ (S. 67)

Ohne übermäßige Verklärung oder schonungsloses und übermäßig schmerzendes Aufzeigen des letzten Lebensabschnittes zeigt Delphine de Vigan, was uns am Ende bleibt: Zuneigung, Mitgefühl und Dankbarkeit. Gleichzeitig erschafft sie mit Michka, Marie und Jérôme fiktive Persönlichkeiten, die sich Gedanken umeinander machen und fürsorglich miteinander umgehen.

Gewünscht hätte ich mir, dass dieses Buch mindestens die doppelte Seitenzahl umfasst. Denn ich mochte die Charaktere und wollte Mischka einfach nicht so schnell aus meinem Lesefluss verschwinden lassen, denn ich bin mir sicher: Sie hätte noch so vieles zu sagen gehabt.

Ein wundervolles Buch, das sich einerseits durch leise humorvolle französische Leichtigkeit auszeichnet, andererseits jedoch viel Stoff zum Nachdenken und Erinnern enthält.

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Delphine de Vigan
Dankbarkeiten
Original: Les gratitudes, 2019
Aus dem Französischen von Doris Heinemann
Gebunden, 176 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8112-3
Preis: 20,00 (D)
Verlag: Dumont
Erschienen: 10.03.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Das Mädchen – Edna O’Brien

„Das Mädchen“ ist eine Kunstfigur, aber dennoch auf seine ganz spezielle Art authentisch. Denn Edna O’Brien vereint in dem Mädchen, dem sie den Namen Maryam gibt, die Geschichten der 2014 in Nigeria durch die islamistische Terrororganisation Boko Haram entführten mehr als 200 Schülerinnen. Es wurde berichtet, dass diese Opfer von Zwangsverheiratungen und sexuellen Übergriffen geworden seien. Zwar gab es zu verschiedenen Zeitpunkten Freilassungen und einigen Schülerinnen gelang sogar die Flucht, aber aktuell werden immer noch mehr als 100 der Mädchen vermisst, beziehungsweise von Boko Haram festgehalten.

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Um die erschütternde Geschichte dieses Buches erzählen zu können, reiste die 1930 geborene Autorin nach Nigeria und verbrachte viel Zeit mit Mädchen in Aufnahmelagern, in den Dörfern, in Klöstern und Schulen. So erhielt sie Einblicke in die größtenteils verschwiegene Geschichte der entführten Mädchen. Und genau das merkt man diesem Buch auch an. Die Autorin vereint in dem Mädchen Maryam all diese Geschichten und man bekommt beim Lesen eine leise Ahnung von dem Grauen, das diese Mädchen durchgemacht haben. Maryam arbeitet schwer, hungert und wird immer wieder vergewaltigt. Schließlich wird sie einem Kämpfer zur Frau gegeben, von dem sie schwanger wird. Doch gemeinsam mit einer Freundin gelingt ihr die Flucht. Aber damit endet die Not der aus der Gefangenschaft zurückkehrenden Mädchen noch lange nicht, denn sie werden von der traditionsbehafteten eigenen Sippe abgelehnt und manchmal sogar von der Gemeinschaft verstoßen.

„Es hatte sich herumgesprochen, dass wir die Frau eines Milizionärs und ihr Kind verstecken. Alle dort unten haben furchtbare Angst. Sie wissen, was passieren wird. Man wird ihre Waren beschlagnahmen, ihre Verkaufsstände niederbrennen und sie selbst abschlachten. Und dann werden die Dschihadis hierher zu uns kommen, denn sie wissen, wo sie uns finden können, sie kennen jeden Quadratzentimeter von diesem Wald. Sie werden alles zerstören. Sie werden uns unsere Herde wegnehmen. Es wird nichts von uns übrig bleiben.“ (S. 90)

Eindringlich schildert Edna O’Brian die Geschehnisse mit harten Fakten, eher distanziert und dabei doch näher, als einem lieb sein kann. So kommt man Maryam beim lesen nicht wirklich nah, fühlt aber dennoch das unbeschreibliche Grauen, die Abstumpfung der Gefühlswelt und die Hilflosigkeit mit. Dieser Abstand, ein gebührender nicht verletzender Abstand, sorgt dafür dass die Geschehnisse und Taten in ihrer Grausamkeit begriffen werden können, man das Gelesene aber noch aushalten kann. Auf der anderen Seite schafft es die Autorin jedoch auch durch die Beschreibung eines einzelnen Bildes eine ganze Geschichte im Kopf des Lesers zu erzeugen, so schmerzhaft und grausam, dass man froh ist, dass man es nicht ausformuliert lesen muss.

„Das Mädchen“ ist ein verstörendes Buch, das von Gewalt, Terror, Angst und Traditionen handelt und nebenbei Einblicke in das nigerianische Frauenbild gibt. Erschütternd, aber auch lesenswert.

„Er dreht sich zu den anderen um und sagt, es sei wahrscheinlicher, dass ich eins von den Schulmädchen bin. Das sehe man in den Augen: das Trauma tief in den Augenhöhlen und der gehetzte Blick. Er sehe das nicht zum ersten Mal.“ (S. 93)

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Edna O’Brian
Das Mädchen
Original: Girl, 2019
Aus dem Englischen von Katrin Razum
Gebunden, 256 Seiten
ISBN: 978-3-455-00826-5
Preis: 23,00 (D) | 23,70 (A) | 30,90 (CH)
Verlag: Hoffmann und Campe
Erschienen: 04.03.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Rote Kreuze – Sasha Filipenko

„Aber jetzt, wo in meinem Leben alles vorbei ist … jetzt denkt sich Gott, dieser von mir erdachte Gott, für mich Alzheimer aus, weil er Angst hat! Er hat Angst, mir in die Augen zu schauen! Er will, dass ich alles vergesse. Alzheimer ist die Zerstörung des Weges zu ihm, und mein Alzheimer ist die stärkste Bestätigung, dass er mich fürchtet.“ (S. 197)

So die Auffassung der über neunzigjährigen an Alzheimer erkrankten Tatjana. Doch wer hinter diesem Roman die Geschichte einer Frau erwartet, bei der es vorrangig um ihren Gedächtnisverlust geht, der irrt. Denn in „Rote Kreuze“ trifft Tatjana auf ihren neuen Nachbarn Alexander, dem sie nach und nach ihre Lebens- und Leidensgeschichte erzählt, die mit dem Verlust ihres Mannes und ihrer Tochter durch die Wirren des zweiten Weltkrieges und den Zuständen in der Sowjetunion seit 1941 zu tun hat.

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„Dieses ganze Geplänkel um die Kriegsgefangenen würde uns nur von der Arbeit abhalten, hieß es. Das NKID habe Wichtigeres zu tun. Außerdem, hat man uns erklärt, kann ein tapferer Soldat gar nicht in Kriegsgefangenschaft geraten. Wenn sich ein Krieger ergibt, dann ist er ein Feigling. Ironischerweise hab ich das am häufigsten aus dem Mund von Männern gehört, die zu Hause in Moskau geblieben waren. Der sowjetische Soldat muss kämpfen bis zum letzten Tropfen Blut.“ (S. 72)

Es ist eine Geschichte gegen das Vergessen der unter Stalin verübten Gräueltaten und Unterlassungen. Die eigenen Kriegsgefangenen wurden als Deserteure behandelt und ihre Familien gleich mitbestraft. Das Leben im Lager war menschenunwürdig und grausam. Für dieses Buch hat der Autor umfangreiche journalistische Recherchearbeit geleistet und zitiert zahlreiche historische Dokumente des Roten Kreuzes an die sowjetische Regierung. Das gibt diesem fiktiven Roman ein Stück Authentizität, die betroffen macht und mich tatsächlich auch dazu brachte, dieses Buch bis zum Schluss zu lesen.

Denn leider finde ich die Umsetzung weniger gelungen. Der Autor schafft es nicht seine journalistische Arbeit in diesem Roman zu einer ‚runden‘ Geschichte zu verweben. Er lässt den Nachbarn Alexander, einen etwa dreißigjährigen Vater einer drei Monate alten Tochter, aus der Ich-Perspektive erzählen, was ihm seine betagte Nachbarin über ihre Vergangenheit berichtet. Gleichzeitig bekommt der eher blass bleibende Charakter eine schicksalhafte und effekthascherische eigene Geschichte, die aufgesetzt und in diesem Buch fehl am Platz wirkt. Eingestreut wird die betagte Tatjana in wörtlicher Rede zitiert, Teile aus Gedichten, Schriftstücken und Briefwechseln sind abgedruckt. Manches wirkt willkürlich und zusammenhanglos, bremst die Geschichte aus und stört den Lesefluss.

Doch die Thematik geht nah und erzeugt neben dem ein oder anderen ungläubigen Kopfschütteln gleichzeitig das Bedürfnis mehr erfahren zu wollen und sich weiter einzulesen. Diesen Impuls kann längst nicht jedes Buch bei seinem Leser erzeugen, was „Rote Kreuze“ in dieser Hinsicht für mich zu einem besonderen Roman macht – einem Roman gegen das Vergessen dieser Zeit und das Recht auf Wahrheit und Gedenken.

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Sasha Filipenko
Rote Kreuze
Original: Krasny Krest, 2017
Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-257-61010-9
Preis: € (D) 18.99 / sFr 24.00* / € (A) 18.99 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Diogenes
Erschienen: 26. Februar 2020

Das Leseexemplar wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Nach Mattias – Peter Zantingh

Erzählt werden in diesem Roman Geschichten von 9 Menschen, deren Leben durch Mattias Tod auf die ein oder andere Weise berührt werden. Es sind gut geschilderte Momentaufnahmen, in denen man als Leser die Situationen, aber auch die Charaktere dieser Menschen gleich bildlich vor Augen hat. Es ist ein Buch, in dem Aspekte und Konsequenzen behandelt werden, die das plötzliche Verschwinden eines Menschen auf das Leben derjenigen, die zurückbleiben, haben kann. Das sind zum Beispiel zwei Menschen, die sich begegnen, und die sich unter anderen Umständen niemals getroffen hätten. Es ist die angespannte Beziehung eines älteren Paares, die auf die Probe gestellt wird. Es sind Menschen, die ihre Leben neu bewerten müssen. Und es ist vor allem reiner Zufall.

07_Nach Mattias

Dreh- und Angelpunkt dieses Buches ist jedoch Mattias, ein junger Mann in den Dreißigern, von dem man anfangs kaum mehr weiß, als dass er von einem Tag auf den anderen nicht mehr da ist. Indem man die Geschichten der anderen Menschen liest, die zunächst willkürlich ausgewählt zu sein scheinen, erschließt sich dem Leser nach und nach, was mit Mattias geschah und was für ein Mensch er war.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es ein Buch über Trauer ist. Jemand ist gestorben, und die Hinterbliebenen müssen einen Weg finden, damit umzugehen. Aber es ist mehr als das. Denn dieser Roman handelt auch von dem Mut, den es braucht, positiv zu bleiben. Und von den Menschen, die mit ihrer Ohnmacht und Trauer umgehen müssen, während die Öffentlichkeit auf ihre ganz eigene Weise Anteil nimmt.

Beim Lesen dieses knapp 240 Seiten umfassenden Buches hätte ich mir manchmal gewünscht, dass der Autor mehr ausformuliert und ausführlicher geschrieben hätte. Tatsächlich ist dies jedoch eher meiner Ungeduld geschuldet, weil ich unbedingt mehr über Mattias und seine Todesursache erfahren wollte. Denn genaugenommen schafft es der Autor, sich mit seinem eher knapp gehaltenen Schreibstil dennoch bildhaft und gefühlvoll ausdrücken, um einen in die jeweilige Stimmung und Emotion hineinzuversetzen. So bleibt in diesem Roman auch durch nicht bis ins kleinste Ausformuliertes, das aber auch nicht als explizit Fehlendes oder Lückenhaftes empfunden wird, genug Raum für eigene Erinnerungen an gewisse Geschehnisse, die seinerzeit über die Medien verbreitet wurden und betroffen machten. Ungewöhnlich, aber lesenswert!

„Selbst Menschen, die nicht an Gott oder den Himmel glauben, hört man das manchmal sagen. Ich gehe zu ihm oder ihr. Dann sind wir wieder zusammen. Rational betrachtet, kann man das nicht denken, wenn man an der Existenz eines solchen Ortes zweifelt, aber wer ist schon rational, wenn der Tod nur eine Armlänge entfernt ist. Und was mich manchmal tröstet: Selbst wenn es keinen Himmel gibt, gibt es keinen besseren Weg, wieder nah beieinander zu sein, als sich im selben Winkel des Todes zu verstecken.“ (S. 32)

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Peter Zantingh
Nach Mattias
Original: Na Mattias, 2018
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Hardcover Leinen, 240 Seiten
ISBN: 978-3-257-07129-0
Preis: € (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Diogenes
Erschienen: 26. Februar 2020

Das Leseexemplar wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Das Vermächtnis der Ältesten . Scythe 3 – Neal Shusterman

Zunächst vorab: Bei diesem Hörbuch handelt es sich um den dritten und abschließenden Teil der Reihe „Scythe“. Die Handlung geht nahtlos weiter, weshalb es sich empfiehlt, diese Jugendbücher in der richtigen Reihenfolge zu hören, ganz wunderbar vertont mit Torsten Michaelis, bzw. zu lesen. Wer diese Reihe noch nicht kennt, dem kann ich sie empfehlen, auch wenn mir der dritte Teil nicht so gut gefallen hat, wie die vorherigen Bücher (Teil 1, Teil 2).

02_Scythe 3 - Das Vermächtnis der Ältesten

Neal Shusterman hat mit dieser Trilogie eine ganz eigene Welt erschaffen, die ich abschreckend fand, die mich aber auch begeistern konnte. Alles ist gut durchdacht, so dass man sich beinahe wünscht, dass so ein Supercomputer wie der Thunderhead auch in unserer realen Welt das Ruder übernimmt. Mit seiner unendlichen Weisheit führt er die Geschicke der Menschheit, damit Wohlstand herrscht, es keine Kriege und Krankheiten mehr gibt und selbst der Tod besiegt ist. Allerdings müssen aus Platzgründen die Menschen kontrolliert sterben. Das ist die Aufgabe der Scythe, die über Leben und Tod entscheiden und bestenfalls ehrenwerter Gesinnung sind. Leider sind sie das nicht alle und auch der Thunderhead geht irgendwann wider Erwarten seltsame Wege.

In den ersten beiden Teilen gibt es viele kluge Ideen rund um die Themen Gesellschaft, Leben und Tod, die zum Nachdenken und weiterspinnen anregen. Die anfängliche Utopie wächst sich dabei nach und nach immer mehr zu einer Dystopie aus und kommt dabei teilweise recht philosophisch und erwachsen daher. Das machte sie für mich zu einem echten Highlight, so dass ich dem dritten Teil gespannt entgegen fieberte. Dieser konnte mich jedoch nicht mehr so recht überzeugen.

Ich hatte den Eindruck, dass der Autor hier zu viel gewollt hat und zugunsten actionreicher Handlung Abstriche hinsichtlich des Tiefgangs der Geschichte gemacht hat. Auch wurden viele neue Charaktere eingeführt, die zum Teil jedoch eher blass blieben, so dass ich beim Hören immer mal wieder überlegen musste, um wen es sich bei der angesprochenen Person überhaupt handelte. Letztlich führt das ganze zu einem Ende, mit dem ich so nicht gerechnet hätte, das mich allerdings auch nicht so beeindrucken kann, wie ich es nach dem Lesen der beiden vorherigen Bücher erwartet hätte. Der Autor bleibt hier weit hinter seinen Möglichkeiten. Auch gibt es einen Handlungsstrang mit den beiden Hauptprotagonisten, der auf mich den Eindruck macht, als hätte Neil Shusterman ihn hier mehr oder weniger unterdrückt und nicht mehr weiter ausgearbeitet. Hier scheint noch genug Stoff für eine neue Buchreihe brach zu liegen, andererseits fehlt hier aber einfach auch ein Teil der Geschichte mit den liebgewonnenen Protagonisten, die in diesem Buch etwas ins Hintertreffen gelangen.

Gewünscht hätte ich mir für diesen dritten Band, dass der Autor sich beim Erzählen und beim Strukturieren mehr Zeit gelassen hätte. Alles wirkt ein wenig gehetzt, als hätte man unbedingt zum Ende kommen wollen. Schade, dies ist für mich kein so richtig gelungener Abschluss nach den beiden großartigen vorherigen Teilen.

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Scythe – Das Vermächtnis der Ältesten (Scythe 3)
Neal Shusterman
Sprecher: Torsten Michaelis
Spieldauer: 18 Std. und 9 Min.
Ungekürztes Hörbuch
Audible-Abo-Preis: 9,95 € oder 1 Guthaben [Werbung]
Erscheinungsdatum: 27.11.2019
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Verlag

erLESENer Dezember 2019

Im Lesemonat Dezember durchlitt ich mit Stoner stoisch alles Erdenkliche, mauerte mich in Angola ein und nahm Doris Dörries Einladung zu Schreiben an.

Bücherwelten – bereichernd und beruhigend, wenn das richtige Buch in die Realität eingreift…

12_erLESENer

Stoner von John Williams
Der Roman erzählt vom Leben William Stoners, der als Farmerssohn an der Universität das Studium der Agrarwirtschaft beginnt und dort seine Leidenschaft für Literatur entdeckt. Ein Buch, dessen atmosphärische Erzählkunst mich beeindrucken konnte und Lust darauf macht, mehr von John Williams zu lesen. Sehr empfehlenswert!

Eine allgemeine Theorie des Vergessens von José Eduardo Agualusa
Ein Roman der vom Wandel und von den Wunden Angolas erzählt, indem er eine fantastische und doch ganz und gar wahre Geschichte rund um die junge Ludovica webt, die sich für dreißig Jahre in ihrer Wohnung einmauert, nachdem sie am Vorabend der angolanischen Revolution einen Einbrecher in Notwehr erschossen hat.  Durchwachsen.

Leben, Schreiben, Atmen von Doris Dörrie
Eine Einladung zum autobiographischen Schreiben,  bei der die Autorin sympathisch aus ihrem Leben plaudert. Sehr inspirierend und unkompliziert!

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Aufmerksam wurde ich auf diesen Roman, weil er in einem Land spielt, über das ich bislang im Rahmen meiner BUCHweltreise noch nichts gelesen habe. Klingt auf den ersten Blick simpel und unspektakulär, bedeutet aber bei genauem Hinsehen so viel mehr. Denn dieses Projekt erweitert die Auswahl der zu lesenden Bücher auf eine für mich ungewöhnliche Weise und hat mich bereits ein ums andere Mal aus meiner Lesekomfortzone herausgeholt, indem es mir Geschichten von Menschen aus anderen Kulturen präsentiert und Einblicke in Politik und Geschichte von Ländern gewährt, von denen ich oft nicht viel mehr weiß, als dass es sie gibt. Dieses Mal stieß ich dabei auf einen Roman, der sich für mich ein wenig sperrig las, der jedoch ungewöhnlich daher kam und bei dem sich die einzelnen zum Teil kuriosen Informationen nach und nach wie Puzzle-Teile zu einem großen Gesamtbild zusammenfügten.

51_Eine allgemeine Theorie des Vergessens

José Eduardo Agualusa erzählt in seinem Roman „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ vom Wandel und von den Wunden seiner Heimat Angola, indem er eine fantastische und doch ganz und gar wahre Geschichte rund um die junge Ludovica webt, die sich für dreißig Jahre in ihrer Wohnung einmauert, nachdem sie am Vorabend der angolanischen Revolution einen Einbrecher in Notwehr erschossen hat.

Bereits im Vorwort erfährt man, dass der Autor hierfür die Kopien von den zehn Heften, in denen Ludo Tagebuch geführt hatte mitsamt den zahlreichen Fotografien von Ludos Texten und Kohlezeichnungen an den Wänden ihrer Wohnung als Grundlage dafür nahm, ihr Drama nachzuempfinden und einen fiktiven Roman daraus zu machen.

Nach und nach erfährt man in dem Buch die Geschichte der zurückhaltenden und sehr ängstlichen Ludo und was sie so handeln lässt, wie sie letztlich tut. Man erlebt ihre Zeit der Selbstisolation und wie sie diese übersteht. Allmählich offenbart sich so das ganze Ausmaß ihrer Lebensgeschichte mitsamt seiner von gesellschaftlichen Konventionen geprägten Tragik.

Aber auch das Leben außerhalb ihrer Mauern geht weiter und obwohl Ludo isoliert lebt, hat ihr spartanisches Leben dennoch Auswirkungen auf ihre Umgebung und somit auf andere Menschen. Auch davon erzählt der Autor und fügt der Geschichte immer wieder neue Teile hinzu, indem er Personen und Geschehnisse näher beleuchtet. So ergibt sich am Ende ein großes Gesamtbild, in dem sämtliche Beziehungen untereinander klar und  Erzählstränge geschlossen werden, bis keine Fragen mehr übrig bleiben.

Tatsächlich waren es für mich manchmal zu viele Personen, die sich den Platz in diesem knapp 208 Seiten starken Buch teilen müssen und manchmal doch eher blass bleiben. Das sorgte neben den fremdklingenden Bezeichnungen dafür, dass ich manchmal den Überblick zu verlieren drohte. Die im Anhang aufgelisteten Ortsnamen und das Verzeichnis mit den Begriffen und Personen konnten hier ein wenig Abhilfe schaffen. Auch war es für mich hilfreich, da ich von Angola nicht viel mehr wusste, als dass es ein Land in Afrika ist, mich gleich zu Anfang des Buches zunächst ein wenig mit der Geschichte Angolas zu beschäftigen, um das Gelesene besser einordnen zu können.

„In den Monaten nach der Unabhängigkeit sah er die Tragödien, die er vorausgesagt hatte, eine nach der anderen eintreten: die Flucht der Kolonisten und eines Großteils der einheimischen Bourgeoisie, die Schließung der Fabriken und kleiner Geschäfte, den Zusammenbruch der Wasserversorgung, der Stromversorgung, der Müllabfuhr, die Massenfestnahmen, Erschießungen.“ (S. 171)

Der Autor nimmt einen mit in diese Zeit voller Ungerechtigkeit und Brutalität, die man sich als Fiktion wünscht, in der jedoch immer auch ein wenig fürchterliche Wahrheit mitschwingt.

„Schüsse auf der Straße, ganz nah. Schüsse ziehen Schüsse an. Ein Schuss in die Luft, und schon folgen Dutzende nach. In einem Land, in dem Krieg herrscht, genügt ein Knall. Der kaputte Auspuff eines Autos. Eine Feuerwerksrakete. Irgendwas.“ (S. 23)

„Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ stand auf der Shortlist des Man Booker International Prize 2016 und wurde 2017 mit dem Internationale Dublin Literary Award ausgezeichnet.

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José Eduardo Agualusa
Eine allgemeine Theorie des Vergessens
Aus dem Portugisischen von Michael Kegler
Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-442-71797-2
Preis:  10,00 [D] inkl. MwSt. | € 10,30 [A] | CHF 14,50 * (* empf. VK-Preis)
Verlag: btb Verlag
Erschienen: 9. Dezember 2019

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer November

Im Lesemonat November war ich in Gilead unterwegs, wanderte mit vielen Japanerinnen nach Amerika aus, durchschlug einen echten Rothko mit meiner Faust, erfuhr, was im Bösland wirklich geschah und entjungferte mit Sascha Felix.

Bücherwelten – bieten Ablenkung, wenn man es gerade braucht…

11_erLESENer

Die Zeuginnen von Margaret Atwood
Die ebenfalls großartige Fortsetzung von „Der Report der Magd“. Hervorragend!

Wovon wir träumten von Julie Otsuka
Ein intensives und berührendes Buch, das auf eine besondere Weise auf geschichtliche Ereignisse rund um die japanstämmigen Amerikaner blickt. Ein Buch, das nachwirkt und zum weiter informieren anregt. Empfehlenswert!

Duell von Joost Zwagerman
Es ist Ausflug in die Welt der Kunst und dabei voller Witz, Action, kluger Gedanken, interessanter Einblicke und einer gehörigen Portion Slapstick. Unterhaltsam!

Bösland von Bernhard Aichner
Ein relativ vorhersehbarer Thriller, der jedoch sehr gut als Hörbuch vertont ist und der von den gut ausgearbeiteten Charakteren lebt. Gar nicht schlecht!

Scherbenpark von Alina Bronsky
Ein gefühlvoller, aber nicht gefühlsduseliger Roman über eine starke siebzehnjährige Protagonistin, die in Deutschland in einem russischen Hochhaus-Ghetto aufwächst. Empfehlenswert!

Scherbenpark – Alina Bronsky

„Scherbenpark“ war in der Sparte „Jugendbuch“ (Kritikerjury) zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2009 sowie für den Aspekte-Literaturpreis nominiert. Der Roman erschien als Theaterstück und wurde bereits mit Jasna Fritzi Bauer in der Hauptrolle verfilmt. Doch eigentlich wollte ich das Buch unbedingt lesen, weil sich Christine Westermann lobend darüber äußerte und mich bereits „Baba Dunjas letzte Liebe“ beeindrucken konnte. Als erst in diesem Jahr ein neues Buch von Alina Bronsky erschien, erinnerte ich mich wieder daran, dass sich immer noch ihr Debütroman „Scherbenpark“ unter meinen ungelesenen eBooks befand und es endlich mal Zeit wurde, dieses Buch zu lesen.

49_Scherbenpark

Die Autorin selbst ist auf der asiatischen Seite des Uralgebirges sowie in Marburg und Darmstadt aufgewachsen. Ihr Vater ist jüdischer Abstammung und wanderte mit der Familie Anfang der 1990er Jahre als Kontingentflüchtling nach Deutschland aus. In „Scherbenpark“ nimmt Alina Bronsky den Leser mit in diese Welt und zeigt anhand der siebzehnjährigen Sascha wie es laufen kann, wenn es nicht gut läuft. Sascha ist aus Moskau nach Deutschland gekommen und lebt mit ihren zwei jüngeren Geschwistern im Scherbenpark – einem Hochhaus-Ghetto, in dem eigene Gesetze herrschen. Aber sie besucht auch das katholische Elite-Gymnasium, das Sascha wegen ihrer Hochbegabung und ihrer prekären Lebenssituation angenommen hat, mitsamt den behüteten und ausstaffierten Mitschülerinnen, die keinen Schimmer von Algebra haben, aber ein volles Freizeit­programm. Sascha ist eine Pendlerin zwischen zwei Welten und in keiner davon zu Hause.

Ihre Geschichte beginnt Sascha mit zwei Vorsätzen: Sie will ihrer Mutter ein Buch schreiben, und sie will Vadim töten. Ganz allmählich erfährt der Leser, was sie zu diesen Vorhaben gebracht hat. Selbstbewusst und geradeheraus, beiläufig und trocken kommentiert sie ihre Umgebung, das verzweifelte Streben nach Glück, Freiheit und Wohlstand, das Scheitern ringsum und das eigene Aufbegehren. Was es mit Vadim auf sich hat, warum Sascha ohne Mutter, aber mit ihrer Großtante lebt, wie die Familie  durch ein Verbrechen erschüttert und zugleich berühmt wurde, und was es bedeutet, in ein Dreiecksverhältnis mit einem Journalisten und seinem sechzehnjährigen Sohn zu geraten – all das erzählt sie mit Herz, Witz und einer Energie, die mitreißt. Gleichzeitig spürt man die grenzenlose Wut, die neben einer gewissen Trotzigkeit auch die verzweifelte Suche nach einem Umgang mit den Geschehnissen zeigt.

Ein gefühlvoller, aber nicht gefühlsduseliger Roman über eine starke Protagonistin. Empfehlenswert!

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Alina Bronsky
Scherbenpark
Taschenbuch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-462-04150-7
Preis: 9,99 € | Österreich: 10,30 €
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 24.09.2009