erLESENer März 2021

Im Lesemonat März lernte ich die norwegische Wanderlust kennen, ließ mich durch Wunderbares verzaubern, nahm eine Einladung zum Schreiben an, dachte über Lebensweisheiten nach und lernte einen homosexuellen und unter Schizophrenie leidenden Schriftsteller kennen.

Bücherwelten – jenseits und diesseits von Fantasie und Wirklichkeit.

Frei. Luft. Hölle. von Are Kalvø: Ein amüsanter Ausflug des Comedian nicht nur ins norwegische Outdoor-Leben. Stimmungsaufhellend und trotzdem Wanderlustfördernd.

Du kannst Wunder vollbringen von Jan Becker: Ein überraschend bodenständiger, empathischer und wissbegieriger Autor, der den gesunden Menschenverstand zu nutzen weiß und neben wissenschaftlichen Betrachtungsweisen, aber auch dem (noch) Unerklärbaren Raum gibt. Dass dennoch mit ein wenig Hokuspokus gewürzt wird, muss man vertragen können.

Einladung zum Schreiben von Doris Dörrie: Ein hübsches Notizbuch mit ansprechenden Schreibinspirationen in der Art, wie man sie bereits aus ihrem Buch „Leben, schreiben, atmen“ kennt. Ein tolles Arbeitsbuch zum Weiterschreiben.

Eine leise Ahnung von etwas Neuem vom Markus Mirwald: Der vierte Band mit Aphorismen aus seiner Reihe „Wesentliches in wenigen Worten“. Trifft genau meinen Nerv.

Die Germanistin von Patricia Duncker: Ein Roman rund um einen französischen Romancier und politischen Quergeist, der sich als homosexueller und unter Schizophrenie leidender Schriftsteller herausstellt, der Verbindungen zu Michel Foucault hat. Auf seine Art ein besonderes Buch, aber vermutlich doch eher etwas für Kenner der Philosophie Foucaults.

Du kannst Wunder vollbringen – Jan Becker

Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich Jan Becker vor etlichen Jahren im Fernsehen in einer Show mit Uri Geller sah und er mir mit seiner Ausstrahlung und seinen beeindrucken Darbietungen als sogenannter Mentalist in positiver Erinnerung geblieben ist. Als ich nun kürzlich „Du kannst Wunder vollbringen“ als von ihm selbst eingesprochenes Hörbuch bei Spotify entdeckte, wollte ich nur mal kurz reinhören. Einfach, weil ich ihn als Typ interessant finde und mir auf kurzweilige Art ein wenig positiven Input erhoffte. Und doch war meine Bereitschaft das Hörbuch jederzeit abzubrechen höher als üblich, weil ich hinter dem Zusatz „Finde dein magisches Glück“ Hokuspokus vermutete, aus dem ich mich mit den Jahren doch herausgewachsen fühlte. Es hat mich rückblickend fast ein wenig erstaunt, dass ich dem Hörbuch bis zum Schluss gefolgt bin – sogar sehr gerne.

Denn Jan Becker geht in diesem Buch zunächst den Definitionen von Wundern und auch der Magie auf den Grund und entmystifiziert diese Begriffe ein wenig. Damit schafft er die nötigen Grundvoraussetzungen um auch nicht religiöse Magiezweifler wie mich, die ihr Heil eher in den wissenschaftlichen Ansätzen der Psychologie suchen, ins Boot zu holen. Der Klappentext meint beschreibend zu dem Buch: „Der „Wundermacher“ und Meister-Hypnotiseur beschäftigt sich seit langem mit den magischen Seiten unserer Welt und erklärt in seinem Buch, wie Magie seine Lebensphilosophie geprägt hat und warum es wichtig ist, den eigenen Blick für die alltäglichen Wunder zu schärfen.“

Glücklicherweise erweckt Jan Becker nicht den Eindruck eines abgehobenen „Wundermachers und Meister-Hypnotiseurs“ – Marketing-Begriffe, die er auch auf seiner Website verwendet – sondern erscheint vielmehr als ein bodenständiger, empathischer und wissbegieriger Mensch, der den gesunden Menschenverstand zu nutzen weiß und neben wissenschaftlichen Betrachtungsweisen, aber auch dem (noch) Unerklärbaren Raum gibt. Und so finden sich in seinem Buch viele praktische Übungen (unter anderem geht es um Selbstreflektion, Fokussierung, Lenkung der Aufmerksamkeit, etc.) wie sie in einigen magischen, aber auch psychologischen Praktiken Verwendung finden. Alles ist immer gewürzt mit einer Prise Magie und es gibt natürlich viele kleine Ausflüge in esoterische Bereiche um das Überraschende und Wunderbare zu finden. Aber der Autor lässt die Leser auch an vielen Geschichten aus seinem eigenen Leben und seiner Berufspraxis teilhaben, was beim Lesen einen sehr anschaulichen und persönlichen Eindruck hinterlässt. Nach 529 Minuten endet das Hörbuch schließlich und lässt mich angenehm überrascht zurück. Kein Hokuspokus. Na ja manchmal vielleicht doch ein bisschen, aber auf angenehme und sympathische Art herübergebracht. Sicherlich nicht mein letztes Buch von Jan Becker.

-> Zur Leseprobe [Werbung]


Jan Becker, Mitautorin: Christiane Stella Bongertz
Du kannst Wunder vollbringen – Finde dein magisches Glück
Klappenbroschur, 304 Seiten
ISBN: 978-3-492-06193-3
Preis: € 16,99 [D], € 17,50 [A]
Verlag: Piper
Erschienen: 31.08.2020

erLESENer Januar 2021

Im Lesemonat Januar begab ich mich an die ruppig raue aber nichtsdestotrotz wunderschöne englische Küste, verliebte mich erneut ins Kreativsein, irrte durch Wayward Pines, schaute Schriftstellerinnen bei ihrer Arbeit über die Schulter und dachte ein wenig über Corona nach.

Bücherwelten – manchmal mittendrin und manchmal nur dabei.

Offene See von Benjamin Myers: Ein eher ruhiger Roman mit lyrischen Elementen, der mit seiner blumigen poetischen Sprache mitnimmt in eine Welt voller Natur und Landschaftsbeschreibungen. Angenehm zu lesen.

Kreativität von Melanie Raabe: Ein lebendiges, unterhaltsames und unglaublich motivierendes Sachbuch, bei dem man noch beim Lesen das Bedürfnis verspürt sich unbedingt sofort auf seine ganz eigene Art und Weise kreativ austoben zu müssen.  

Psychose von Blake Crouch: Ein Thriller, dessen Verwirrspiel mir zu lange gedauert hat und dessen Ausgang mich überhaupt nicht begeistern konnte.

Schreibtisch mit Aussicht von Ilka Piepgras: 24 bedeutende Schriftstellerinnen erzählen von ihrem Schreiben auf ihre sehr persönliche Weise. Empfehlenswert!

Trotzdem von Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge: Die Autoren unterhalten sich darüber, was das Corona-Virus gesellschaftlich und politisch verursacht hat, noch bewirkt und wohl auf lange Sicht noch hervorbringen könnte. Interessant, aber kein Muss.

Trotzdem – Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge

Hatte ich erst kürzlich noch ein wenig darüber gejammert, dass mir das Thema Corona zum Hals heraushängt, ist es umso verwunderlicher, dass ich jetzt dennoch zu diesem eBook gegriffen habe. Denn um genau dieses Thema geht es in „Trotzdem“, beziehungsweise dem, was dieses Virus gesellschaftlich und politisch verursacht hat, noch bewirkt und wohl auf lange Sicht noch hervorbringen könnte. Tatsächlich bin ich eher dem Impuls gefolgt, dass ich das Buch, das ich zunächst unbedingt haben musste, auf meinem eReader lange genug ignoriert hatte und die rund 80 Seiten jetzt doch endlich lesen wollte. Auch war ich gerade offen genug für die Gedanken, die Ferdinand von Schirach im Gespräch mit Alexander Kluge zu Tage fördern könnte. Denn eigentlich halte ich mich gerade fast ausschließlich in meiner ‚Bubble‘ auf und konsumiere Nachrichten und Corona-Meldungen gezielt und vor allem in homöopathischen Dosen.

Der Klappentext dieses vor einem halben Jahr erschienen Buches verrät: Ist der aktuelle Shutdown unserer Gesellschaft auch ein Shutdown unserer Grundrechte? Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge gehen der Frage nach, was die Corona-Pandemie für unsere Gesellschaftsordnung und unsere bürgerliche Freiheit bedeutet. „Niemand hätte sich vor zwei Monaten vorstellen können, dass wir diesen Ausnahmezustand erleben. Es wird heute von manchen behauptet, das sei die Zeit der Exekutive. Aber das ist falsch. Wir leben in Demokratien, wir haben eine Gewaltenteilung. Noch immer muss das Parlament entscheiden, und daran darf sich auch nichts ändern. Noch scheint unsere Demokratie nicht gefährdet.“

Und so folgt man den beiden Autoren, die sich über die Rahmenbedingungen der Pandemie unterhalten. Der Einblick in die Gedanken von von Schirach und Kluge hat mir gefallen, der ein oder andere interessante Denkanstoß war für mich dabei, auch wenn ich mir stellenweise gewünscht hätte, dass das Ganze mehr in die Tiefe gegangen wäre. Stattdessen verlieren sich beide in Aufzählungen und Geschichtsereignisse, wenn auch mit aktuellem Bezug. Aber genau darin liegt wohl auch die Intention dieses Buches: Wach bleiben, damit sich Vergangenes nicht wiederholen kann.

„Autoritäre Strukturen können sich verfestigen, die Menschen gewöhnen sich daran. Erosionen sind langsame Abtragungen, keine plötzlichen Ereignisse.“

(S. 34, Ferdinand von Schirach)

Auch wenn wir uns inzwischen im sogenannten zweiten Shutdown befinden, hat dieses Buch noch nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Und doch bin ich eher der Auffassung, dass dies eines der Bücher ist, die man vielleicht eher in zwanzig Jahren lesen sollte. Zu einem Zeitpunkt, an dem man nicht mit einer zu hohen Erwartungshaltung Bücher mit dem Thema Corona liest, von denen man sich insgeheim doch erhellende Aha-Momente oder sogar eine Lösung des Problems erhofft. Es wird interessant werden auf die jetzige Zeit zurückzublicken und sich vielleicht darüber zu wundern, was man gedacht und erwartet hat, bevor man sich damit abfinden musste mit dem Virus weiterzuleben.

-> Zur Leseprobe [Werbung]


Ferdiand von Schirach, Alexander Kluge
Trotzdem
Hardcover, Pappband, 80 Seiten
ISBN: 978-3-630-87658-0
Preis: 8,00 € [D]
Verlag: Luchterhand
Erschienen: 11.05.2020

Erzähl dein Leben neu – Rebecca Vogels

„Wenn ich meine eigene Story erzähle, geht es nicht um mich. Es geht darum, eine Verbindung herzustellen. In dem Moment, in dem ich meine Story – wie auch hier in diesem Buch – erzähle, gehört sie mir nicht mehr. Sie ist draußen in der Welt und hat ihr eigenes Leben. Jeder, der meine Geschichte liest, bringt seine eigene Perspektive mit. Jeder liest hier ein anderes Buch.“

(S. 244)

Nachdem ich im November einen sehr speziellen Teil meines Lebens zu Papier gebracht hatte, stand ich vor dem Problem, dass ich nicht wusste, was ich mit dem dabei entstandenen Manuskript anfangen sollte. So, wie ich es heruntergeschrieben hatte, wollte ich es nicht lassen. Aber ich hatte auch noch keine passende Idee, in welche Richtung ich es überarbeiten könnte. Da kam es mir ganz recht, dass ich auf „Erzähl dein Leben neu – Wie Storytelling dir zeigt, wer du wirklich bist“ von Rebecca Vogels aufmerksam wurde. Von diesem Buch erhoffte ich mir wertvolle Erkenntnisse bezüglich der einzelnen Stationen innerhalb meines Manuskripts und Inspirationen dazu, wie ich meine Geschichte griffiger erzählen könnte.

Denn der Klappentext hatte mich neugierig gemacht: „Was ist deine Story? Und wie würde die Geschichte deines Lebens aussehen, wenn du selbst ihre Autorin oder ihr Autor wärst? Rebecca Vogels ist Expertin für Storytelling. Sie hat entdeckt, wie wir diese Methode für uns anwenden können, um herauszufinden, was uns wirklich antreibt, um einen positiven Blick auf die Höhen, Tiefen und Chancen unseres Lebens zu bekommen und es mit diesem Wissen bewusst zu gestalten. Anhand ihres eigenen Beispiels zeigt sie, wie viel Spaß es machen kann, die eigene Story zu leben. Und das kann jeder lernen!“

Um es vorweg zu nehmen: Dieses Buch hat meine Erwartungen zwar nicht erfüllt und mich stellenweise sogar genervt, aber richtig schlecht fand ich es dennoch nicht.

Denn bei genauer Betrachtung bin ich einfach nicht amerikanophil genug, um mit der gleichen Begeisterung wie die Autorin manchen amerikanischen Verhaltensweisen gegenüber zu stehen. Die 1984 in Bonn geborene Rebecca Vogels schöpft hierbei vielfach aus der Zeit, in der sie in Amerika gelebt und gearbeitet hat. Dabei versucht sie das klassische Storytelling, das die Kinder dort bereits von Klein auf verinnerlicht haben, auf unseren Kulturkreis zu übertragen. Sie schießt allerdings für meine Begriffe über das Ziel hinaus und vermittelt den Eindruck, dass das Leben jedes Einzelnen eine einzige große Geschichte sei und es nur darum geht, diese möglichst unterhaltsam in mundgerechten Häppchen serviert unter die Leute zu bringen.

Doch die Autorin kann auch anders. Wenn sie darüber schreibt, welche Chancen und Möglichkeiten in der Beschäftigung mit den eigenen Lebensgeschichten oder des Schreibens darüber liegen, bekomme ich ein wenig von dem, das ich mir von dem Buch erhofft habe. Es lädt ein, die eigenen Lebensgeschichten und Geschichtchen unter anderen Aspekten zu anzuschauen und manchmal auch Veränderungen in der Betrachtungsweise durch kleine Umformulierungen zu bewirken. So führt beispielsweise die Aussage „Ich bin gescheitert“ zu einer ganz anderen Story als „Ich orientiere mich neu.“.

„Was mich schon immer am Schreiben fasziniert hat, ist das Paradoxon, dass man Abstand zu seinem Leben bekommt, indem man sich mit ihm beschäftigt. Indem ich über die Details in meinem Leben schreibe, schaffe ich Distanz. Und diese Distanz kann uns helfen, klarer zu sehen und Dinge zu planen.“

(S. 89)

Es gibt in diesem Buch einige Sätze, über die sich genaueres Nachdenken lohnt und die es wert sind sie im Gedächtnis zu behalten. Rebecca Vogels Ansatz, das Leben so zu gestalten, dass man später hübsche Geschichten darüber erzählen kann, fühlt sich für mich zunächst etwas zu sperrig an, aber beim genaueren Hinsehen hat diese Herangehensweise natürlich auch ihre Berechtigung. Denn wenn es das Leben besser macht, dann kann die öffentliche Selbstdarstellung eben auch ein Mittel zum Zweck sein.

Meist als überflüssig empfinde ich hingegen die als „Take Aways“ betitelten Zusammenfassungen, die am Ende jedes Kapitels folgen, egal wie kurz diese teilweise auch sind. Hier wird akribisch eine erzwungene Struktur des Buches eingehalten, die dem Leser keinen Mehrwert bietet, sondern ihn zum stupiden Wiederkäuen zwingt. Manche Idee, wie beispielsweise der Lunch-Talk zur eigenen Horizonterweiterung oder das Magic-Moments-Journal als Sammelstelle schöner Augenblicke, gefällt mir hingegen zwar inhaltlich gut, fügt sich aber nicht in ein rundes Gesamtbild dieses Buches ein.

Möglicherweise bin ich etwas zu empfindlich, aber ich mag es nicht, wenn in deutschsprachigen Büchern englische Begriffe inflationär verwendet werden. Wenn Rebecca Vogels dann auch noch schreibt „Und ist das nicht exciting?“ bin ich darüber wirklich nicht amused. Insgesamt empfinde ich dieses Buch eher als gut gemeint und weiß einige schöne Anregungen zu schätzen, halte die Umsetzung aber für nicht so gut gelungen.

Dennoch hat „Erzähl dein Leben neu“ etwas mit mir gemacht. Ich mag mich mit den schwierigen Zeiten meiner Vergangenheit unter positiven Gesichtspunkten betrachtet neu auseinandersetzen und werde mein Manuskript noch einmal neu lesen, um es vielleicht sogar anders zu interpretieren.

„Wir sind die Autoren unseres Lebens. Und wir können unser Leben so planen wie eine Geschichte: Wie wollen wir durchs Leben gehen? Wer soll dabei sein? Was soll in unserer Geschichte vorkommen? Wie wollen wir auf die Krisenzeiten in unserem Leben zurückblicken? Wir können unsere ganz persönliche Geschichte planen.“

(S. 265)

-> Zur Leseprobe [Werbung]


Rebecca Vogels
Erzähl dein leben neu: Wie Storytelling dir zeigt, wer du wirklich bist
Broschiert, 290 Seiten
ISBN: 978-3426214800
Preis: EUR 14,99 € [DE]
Verlag: Knaur HC
Erschienen: 02.11.2020

erLESENer November 2020

Im Lesemonat November habe ich mit einem Hells-Angel in einer Gefängniszelle gehockt und ihm beim Verrichten seiner Notdurft zugeschaut, wurde Fan von Laura Malina Seiler und habe angefangen Struktur in mein Planungschaos zu bringen.

Bücherwelten – verwickeln und entwickeln Persönlichkeiten.

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise von Jean-Paul Dubois: Ein Roman über einen Gebäudemanager, der mit einem Hells-Angels-Biker in einer Gefängniszelle landet und auf sein Leben zurückblickt. Ganz nett.

Mögest du glücklich sein von Laura Malina Seiler: Ein positiv gestimmter Ratgeber, der einem auf sympathische Weise zurück ins Gedächtnis ruft, an welchen Stellschrauben man drehen kann, um für mehr Selbstliebe und Selbstakzeptanz zu sorgen und so seiner Selbstverwirklichung und einem zufriedeneren glücklicheren Leben näher zu kommen. Hilfreich!

Die Bullet-Journal-Methode von Ryder Carroll: Zeigt die strukturellen Gestaltungsmöglichkeiten auf, die sich bei dieser individuellen Terminplanung, Zielesetzung und Tagebuchgestaltung anbieten und definiert auch die dahinter liegenden Vorteile und psychologischen Effekte. Hervorragend!

Die Bullet-Journal-Methode – Ryder Carroll

Vor einigen Jahren machte der Hype um die Bullet-Journals auch vor mir nicht halt. Ich fand es ansprechend und praktisch, sich seinen ganz auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnittenen Terminplaner selbst erstellen zu können und gleichzeitig noch so viel Platz wie nötig für die Notizen einbauen zu können. Ich bewunderte dabei die zahlreichen Beispiele und Vorlagen von Nutzern, die mit ihren Zeichen- und Gestaltungsfähigkeiten kleine Kunstwerke aus ihren Bullet-Journals machen und dabei ihren Tag, ihre Termine, ihre Pläne, ihre Ziele und ihre Notizen darin einweben. Vieles davon finde ich sehr ansprechend, aber meine eigenen Versuche damit endeten eher kläglich. Kalligrafisch betrachtet sind meine Schreibkünste eine Katastrophe und auch das Zeichnen von Hand liegt mir nicht wirklich. So wurde mein 2016 begonnenes Bullet-Journal zu einem eher schmucklosen Notizbuch, das zwar auf meinem Schreibtisch immer noch seinen Platz hat, aber fast gänzlich seine Funktion verloren hat (sogar das umschließende Gummiband ist mit den Jahren ausgeleiert, was sicherlich nicht an der ständigen Benutzung lag). Schließlich habe ich mein „Glück“ mit dem digitalen Notizbuch „Evernote“ gefunden und zur Koordination der Termine meines Herzbuben und mir reicht ein einfacher Tischkalender mit seiner Wochenübersicht.

Buchcover "Die Bullet-Journal-Methode" von Ryder Carroll

Aber bei mir ist derzeit privat einiges im Wandel. Zum einen habe ich wertvolle Impulse aus dem Bereich der Persönlichkeitsentwicklung bekommen und gestalte meinen Tagesablauf so, dass sich gewisse Themen und Aufgabenstellungen in einer gewissen Regelmäßigkeit wiederholen. Dabei geht es darum, den Umgang mit eigenen Lebensthemen zu lernen, aber auch darum, bereits vorhandene Fähigkeiten und Fertigkeiten weiter auszubauen und regelmäßig anzuwenden. Einen Lehrplan gibt es hierfür nicht, aber ich habe für mich in den vergangenen Monaten Vorstellungen entwickelt wie und in welchem täglichen oder auch wöchentlichen Zeitaufwand ich das umsetzen möchte – und habe es auch bereits gemacht. Dabei ist etliches in Bewegung gekommen und es sind einige Ideen entstanden, die festgehalten als Lose-Blatt-Sammlung meinen Schreibtisch zumüllen. Es ist bei mir also der Bedarf entstanden meine Gegenwart zu ordnen, um damit meine Zukunft besser gestalten zu können. In dieser Situation kam es mir ganz gelegen, als ich bei Spotify das ungekürzte Hörbuch „Die Bullet-Journal-Methode“ von Ryder Carroll, hervorragend gesprochen von Julian Mehne, entdeckte. Ich erhoffte mir durch dieses Buch Inspirationen dazu, wie ich mein kleines Notizen- und Planungsdurcheinander sinnvoller organisieren kann.

Und genau das bekam ich auch. Viele von den strukturellen Gestaltungsmöglichkeiten kannte ich natürlich schon durch die zahlreichen YouTube-Videos und Internetseiten, die ich zum Thema BuJo bereits in den vergangenen Jahren angeschaut hatte. Aber Ryder Carroll zeigt, wie viel mehr ein Bullet-Journal zu bieten haben kann und dass einem natürlich frei steht, seine Kreativität und Kunstfertigkeiten darin auszuleben, aber dass es darum eigentlich nicht geht. Vielmehr zeigt dieses Buch, worin die eigentlichen Stärken des BuJo liegen und welche psychologischen Effekte mit den unterschiedlichen Arten der Bestückung eines Bullet-Journals erzielt werden können. Was das Festhalten bestimmter Einzelheiten im Nachhinein für den Rückblick in die Vergangenheit bedeuten kann, aber auch wie sich bestimmte Aufgaben und Ziele durch gezielte Methoden im Bullet-Journal besser greifen und verwirklichen lassen. Diese Begründungen für das Warum und Weshalb sind nicht nur hilfreich, sondern manches Mal auch Augen öffnend und sehr inspirierend, so dass man es kaum abwarten kann, das Gehörte gleich umzusetzen.

Dabei gibt Ryder Carroll jedoch nicht dogmatisch Problemlösungen vor, sondern stellt immer wieder auch den großen Vorteil des Bullet-Journals heraus. Es ist flexibel für jeden Einzelnen für seine ganz besonderen Bedürfnisse gestaltbar und kann jederzeit an die Umstände des Lebens angepasst werden. Alles kann und nichts muss. Es gibt kein richtig oder falsch, nur etwas, das für einen funktioniert oder eben nicht funktioniert. So wächst das BuJo mit seinen Anforderungen oder nimmt phasenweise auch einfach mal weniger Seiten in Anspruch.

Mich hat dieses Hörbuch genau zur richtigen Zeit gefunden, aber wie es nun mal so ist, reicht mir das Hören nicht aus bei guten Büchern. Deshalb habe ich es mir in gebrauchter Version nachgekauft. Einzelne Kapitel möchte ich gern noch einmal ganz in Ruhe selbst lesen, verinnerlichen und umsetzen. Und tatsächlich ist das Buch hübsch gestaltet, verfügt sogar über zwei (!) Lesebändchen und ist mit einigen wenigen Skizzen versehen. Aber auch hier wird deutlich, dass es beim Bullet-Journaling ebenso wenig wie bei bei diesem Buch, vorrangig um die optische Gestaltung geht – sie ist und bleibt halt ein hübscher Nebeneffekt.

Das kommt mir sehr entgegen, entspannt mich und hat mich auf Ideen gebracht. Ich habe nicht nur meine ganz eigene Art der Einträge für das BuJo entwickelt, die schmucklos aber für mich durchaus effektiv sind, sondern ich habe mir dabei auch die Freiheit genommen, mich von dem dafür üblicherweise verwendeten klassischen Notizbuch zu verabschieden. Derzeit bewährt sich für mich ein schwarzes Ringbuch in DIN-A5-Größe mit einem Register von A bis Z und den normalen im Schreibwarenhandel erhältlichen karierten DIN-A5-Ringbucheinlagen. Damit ist die Flexibilität gewährleistet, die ich derzeit brauche und da ich es nur zu Hause verwende, reicht diese preiswerte Lösung auch aus. Zugegeben: Schön ist anders. Aber es funktioniert – und wenn ich tatsächlich mal Lust auf Gestaltung habe, bemühe ich Photoshop und Libre Office und drucke mir halt etwas Schönes aus, das ich dann in meinem Bullet-Ringbuch abheften und ausfüllen kann 🙂

-> Zur Leseprobe [Werbung]


Ryder Carrol
Die Bullet-Journal-Methode
Verstehe deine Vergangenheit – ordne deine Gegenwart – gestalte deine Zukunft
Original: The Bullet Journal Method. Track the Past, Order the Present, Design the Future
Aus dem Englischen von Viola Krauß
ISBN: 978-3499633409
Preis: EUR 20,00 € [DE]
Verlag: Rowohlt
Erschienen: 06.11.2018

Der Ernährungskompass – Bas Kast

Als ich vor kurzem Bas Kast in einer Talkshow über seinen vor einigen Jahren erschienenen Ernährungskompass sprechen hörte, fand ich das sehr sympathisch und informativ. Längst war mir sein Buch positiv aufgefallen und ich hatte bislang nur Gutes darüber gehört. Aber ich bin auch sehr interessiert am Thema Ernährung und halte mich für recht gut informiert. So habe ich nicht erwartet, dass ich anhand dieses Buches allzu viel Neues erfahren könnte. Doch gelegentlich brauche ich einfach einen sanften oder unsanften Stupser, der mich wieder auf die richtige Spur bringt, wenn ich schlechte Gewohnheiten zu sehr schleifen gelassen und allein Geschmacksknospen und ungesunde Gelüste meine Ernährung bestimmen gelassen habe.

Da kam mir dieses Buch genau recht. Denn Bas Kast hat wissenschaftliche Ergebnisse genauer unter die Lupe genommen und miteinander verglichen um daraus Konsequenzen zu ziehen. Die Ergebnisse offenbaren, wie sich das Leben zum Besseren wenden kann, indem man seine Ernährung umstellt. Manche Krankheit kann im Frühstadium durch eine passende Ernährung, ergänzt um die richtigen Vitamine, gelindert, wenn nicht sogar verbessert werden. Das menschliche Altern kann zwar nicht aufgehalten, aber unter Umständen verlangsamt werden. Doch es sind nicht diese fast schon reißerischen Versprechen, die einen zur gesunden, beziehungsweise gesünderen Ernährung bekehren, sondern vielmehr finde ich die kleinen umsetzbaren Tipps so ansprechend, die eine für den menschlichen Organismus bessere Kartoffel- oder Reissorte empfehlen und auch nicht vor der Kochmethode halt machen. Ich habe vieles in dem Ernährungskompass markiert, von dem ich einiges zwar bereits wusste, es mir aber nochmal unmissverständlich und möglichst unvergesslich in Erinnerung rufen wollte. Anderes, ein geringerer Teil, war tatsächlich neu für mich.

Wohltuend empfand ich es, die Informationen anhand von Studien belegt zu wissen, da ich mit meinen mittlerweile fast 53 Lebenjahren bereits die ein oder andere Phase durchlebt habe, in der gewisse Ernährungsformen als das Non-Plus-Ultra galten und sich inzwischen als unhaltbar oder sogar grundverkehrt herausgestellt haben. Es lohnt sich, das eigene Wissen immer wieder zu überprüfen und auf den aktuellen Stand zu bringen. Ich erinnere mich daran, dass ich vor einigen Jahren stark verunsichert war und aufgrund der zahlreichen kursierenden Ernährungsmythen gar nichts mehr glauben konnte und wollte. Ganz allmählich fand sich jedoch ein Weg durch diesen Dschungel unterschiedlicher Aussagen diverser Quellen, so dass ich denke zu wissen, wie gesunde Ernährung funktioniert. Bas Kast hat für mich mit seinem Ernährungskompass genau dieses mühsam zusammengesammelte Wissen bestätigt und noch um das ein oder andere ergänzt, ohne dabei zu dogmatisch zu werden. Eine Bestätigung, die sich gut anfühlt.

Aber zu wissen, wie es geht, heißt ja leider nicht zwingend, dass man das auch 1 : 1 so umsetzt – zumindest bei mir ist das so. Gerade wenn ich zu ausgedehnt im Genussmodus bin, ist ein Buch wie der Ernährungskompass hilfreich bei der Kurskorrektur. Ein Buch zum immer mal wieder reinschauen.

-> Zur Leseprobe [Werbung]

Bas Kast
Der Ernährungskompass
Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung
Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten
ISBN: 978-3-570-10319-7
Preis: € (D) 20,00
Verlag: C. Bertelsmann
Erschienen: 05.03.2018

Wuhan Diary . Tagebuch aus einer gesperrten Stadt – Fang Fang

Auch wenn das Coronavirus die Jahreszahl 19 in der offiziellen Bezeichnung trägt, so ist doch 2020 das Jahr, welches maßgeblich davon bestimmt ist. Gefühlt verging bisher kein Tag, an dem man das Virus hätte vergessen können. Wohltuend, sich mit Büchern in andere Welten oder Aufgabenstellungen zu flüchten, aber als ich auf Fang Fang’s „Wuhan Diary“ aufmerksam wurde, hatte ich doch das Bedürfnis mich auch lesend mit Corona zu beschäftigen, um so eine andere Sichtweise und ein anderes Erleben im Umgang mit dem Virus kennen zu lernen – in dem Land, wo alles anfing.

„Beim Ausbruch der Epidemie, von der anfänglichen Ausbreitung bis zur jetzigen Explosion, haben wir die Situation zuerst falsch eingeschätzt, dann verschleppt und schließlich falsch gehandelt. Wir haben es versäumt, dem Virus zuvorzukommen, und rennen seither ständig hinter ihm her. Dafür zahlen wir einen enorm hohen Preis.“ (Fang Fang)

Erstmals in der Geschichte wurde eine Stadt mit neun Millionen Einwohnern für den Zeitraum von 76 Tagen komplett von der Außenwelt abgeriegelt. Vom 25. Januar bis zum 24. März 2020 führte die berühmte chinesische Schriftstellerin Fang Fang ein Online-Tagebuch aus ihrer Heimatstadt Wuhan. Eingeschlossen in ihrer Wohnung berichtet sie vom Hereinbrechen und dem Verlauf einer Katastrophe, von den Versäumnissen der ersten 20 Tage, der Unterdrückung warnender Stimmen, aber auch von den wirkungsvollen Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Coronavirus, den vielen freiwilligen Helfern und der großen Solidarität.

Fang Fang liefert einen unverstellten Blick auf die Katastrophe ‚von unten‘, ganz nah an den Menschen, ihren Ängsten und Nöten. Sie erzählt von der Einsamkeit, dem heroischen Kampf des Personals in den Krankenhäusern, vom Leid der Erkrankten, dem Schmerz der Angehörigen und der Solidarität unter Nachbarn. Millionen Chinesen folgten ihrem Blog – und teilen ihren Zorn über die Untätigkeit und Vertuschungsmanöver der Behörden während der Anfangsphase der Covid-19-Pandemie.

‚Wuhan Diary‘ ist ein leidenschaftliches Tagebuch voller Wärme, Mitgefühl und Zorn, das Online in China über 100 Millionen Leser fand. Aber man lernt dabei auch die andere Seite Chinas kennen, denn zugleich werden immer wieder ihre Beiträge aus dem Netz genommen, Fang Fang wird auf massive und entwürdigende Weise angegriffen, sie erhält sogar Morddrohungen. In dem Buch haben nun ihre Beiträge einen dauerhaften Platz gefunden und berühren die sensible Frage, wie der Umgang Chinas mit dem Ausbruch des Coronavirus zu bewerten ist.

Fang Fang gibt ihrer Wut und Trauer Raum in ihren Beiträgen und verzichtet bewusst auf besonderen literarischen Ausdruck. Das macht sie zu einer Bloggerin mit einer Stimme von nebenan, die ihren Gefühlen und Eindrücken freien Lauf lässt, die sich in ihrer Entrüstung auch mehrfach wiederholt, weil die Geschehnisse sie berühren und einfach nicht loslassen. Dennoch ist sie auf gewisse Weise privilegiert, denn sie verfügt über Kontakte, die sie von ‚vorderster Front‘ informieren. Auf ihre Weise fachsimpelt sie jedoch und findet manchmal auch Lösungen, von denen man als Außenstehender ahnt, dass diese nur am virtuellen Stammtisch gedacht, insgesamt aber nicht praktikabel sind. So wirken Fang Fangs Beiträge manchmal gut strukturiert, durchdacht und sind informativ, gelegentlich sind sie jedoch auch ein wenig wirr und getrieben von Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit, gewürzt mit einer gehörigen Prise Kämpfergeist, der sie trotz aller Repressalien ihr Online-Tagebuch weiterführen lässt.

Das „Wuhan Diary“ ist kein Buch, das sich leicht weglesen lässt, dazu geht die Thematik einfach zu nah. Beim Lesen werden einem die zahlreichen Todesopfer bewusst, die das Virus gefordert hat und im nach hinein lassen sich deutliche Fehler im Umgang damit erkennen. Doch der im Anhang in Kurzform geschilderte Verlauf der Coronapandemie macht deutlich, dass auch in Deutschland das Virus zu Beginn unterschätzt wurde und es zu Fehlentscheidungen kam. Es wäre wünschenswert, wenn aus den bisherigen Geschehnissen und Entscheidungen gelernt würde – weltweit und gemeinsam…

-> Zur Leseprobe [Werbung]

Fang Fang
Wuhan Diary – Tagebuch aus einer gesperrten Stadt
Übersetzung: Michael Kahn-Ackermann
Pappband mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN: 978-3-455-01039-8
Preis: € (D) 19,99
Verlag: Hoffmann und Campe
Erschienen: 30.05.2020

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Schreiben dicht am Leben – Hanns-Josef Ortheil

„In jedem Menschen existiert ein großer, noch unentdeckter Text. Diesen im Ganzen dunkel bleibenden Text gilt es zu entziffern. Das tägliche Schreiben versucht genau eine solche Entzifferung, in kurzen Schreibanläufen, die kleine Fragmente von Schrift produzieren.“ (S. 139)

Nachdem ich „Leben, Schreiben, Atmen“ von Doris Dörrie vor einem halben Jahr gelesen und an ihrem kostenlosen Workshop „Schreiben hilft! Dir auch?“ bei der Bürgerakademie teilgenommen habe, schreibe ich mehr oder weniger regelmäßig. Es handelt sich um Erinnerungen an Vergangenes, Schönes und nicht so Schönes, aber auch Gedanken über aktuelle Geschehnisse oder Menschen, die mir mal mehr und manche auch weniger am Herzen liegen oder die ich bereits verloren habe. Das Schreiben tut mir gut und half mir vor allem dabei, mit meiner Trauer umzugehen. Inzwischen schreibe ich auch einfach wieder aus Spaß an der Freud‘, setze mich an den Rechner, stelle den Timer auf 10 Minuten, finde ein Thema und los geht es. Stromlastig, ganz privat, ohne Anspruch auf Perfektion. Vor allem aber ganz egoistisch nur für mich.

„In dieser Stunde der Freiheit war alles erlaubt, wenn es nur spontan war und später nicht wieder aufgenommen wurde. Es durfte kurz oder lang sein, hitzig oder kalt, böse oder gut. Da es nie wieder gelesen wurde, musste man sich nicht schämen, wenn es in seiner Offenheit vielleicht peinlich oder wenn es nicht ganz klar war. Die redliche Überzeugung, dass ich diese Dinge nur für mich niederschrieb, einfach um am Leben zu bleiben und nicht zu ersticken, beließ ihnen ihre Unmittelbarkeit. (Elias Canetti: Aufzeichnungen 1942-1948, S. 7/8)“ ( S. 104)

Manchmal war es jedoch auch so, dass ich zwar Lust zu Schreiben hatte, mir aber spontan kein Thema einfallen wollte. Das brachte mich dazu in meinem Handy-Notizbuch aufzuschreiben, wann immer ich etwas Interessantes oder Bemerkenswertes aufschnappte oder las. Ich mache das mit der App Evernote, die ich in der kostenlosen Version auf Smartphone und Rechner installiert habe, weil ich so auf die Inhalte auf beiden Geräten zugreifen kann. Enorm praktisch, denn Notizbücher liebe ich zwar, besonders die kunstvoll gearbeiteten in Leder gebundenen, wie man sie auch auf Mittelaltermärkten kaufen kann, habe sie aber erfahrungsgemäß nie dabei, wenn ich sie gerade brauche. Tausendsassa Handy dagegen schon.

26_Schreiben dicht am Leben

Und weil ich seit einiger Zeit eifrig notiere und schreibe, interessiert mich auch alles Theoretische, das ich übers Schreiben finden kann. Dabei stieß ich auf „Schreiben dicht am Leben“ von Hanns-Josef Ortheil. Laut Klappentext verführt dieser Band zum Notieren und Skizzieren. Es gilt, rasch und ohne Mühe etwas festzuhalten, dem plötzlichen Schreibimpuls ohne Umwege zu folgen oder ein Detail des Lebens in Erinnerung zu behalten. Das 160 Seiten starke Büchlein zeigt, dass und warum Notieren eine Kunst sein kann, und macht mit einigen der besten Notierer unter den Schriftstellern der Welt bekannt.

Enthalten sind Textprojekte und Schreibaufgaben wenn man lernen möchte, gut und präzise zu notieren. Es beginnt mit Methoden des ‚elementaren Notierens‘, wie sie vor allem von Schriftstellern des 20. und 21. Jahrhunderts entwickelt worden sind. Im zweiten Teil geht es um das ‚bildliche Notieren‘, also darum, wie man mithilfe von Notaten einen Menschen porträtiert, Bilder zeichnet, Skizzen entwirft oder einen Film gestaltet. In der dritten Abteilung geht es um das Notieren von Emotionen und Passionen abseits von Tagebuchnotaten und damit in einer eigenen Struktur und Kunstform. In der vierten Abteilung dieses Büchleins zeigen vier Schriftsteller des 18. und 20. Jahrhunderts, wie man seit den Zeiten der Moderne mit den traditionellen Verfahren von Exzerpieren, Kommentieren und Reflektieren umgeht und sie erweitert. Auch dabei entstehen ganz neue und vorher nicht gekannte literarische Formen: das Sudelbuch, das Forschungsprojekt, der Feldforschungsbericht und das Denkbuch.

„Man soll seinem Gefühl folgen und den ersten Eindruck, den eine Sache auf uns macht, zu Wort bringen. Nicht als wenn ich Wahrheit so zu suchen riete, sondern weil es die unverfälschte Stimme unserer Erfahrung ist, das Resultat unserer besten Bemerkungen, da wir leicht in pflichtmäßiges Gewäsch fallen, wenn wir erst nachsinnen.“ (Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher I, S. 441)“ (S. 123)

Insgesamt zielen all diese Schreibaufgaben und Präsentationen von Schreibwerkstätten im Grund noch immer auf das handschriftliche Notieren und Skizzieren. Natürlich ist es aber auch leicht möglich, den Computer oder Laptop für ein solches Notieren zu nutzen. Da „Schreiben dicht am Leben“ zu der Reihe „Kreatives Schreiben“ gehört, wurden alle Formen des Notierens und Skizzierens in Tagebüchern oder im Rahmen der neuen Medien nicht aufgenommen. Diese findet man in „Schreiben Tag für Tag“ von Christian Schärf oder in „Schreiben unter Strom“ von Stephan Porombka.

„Schreiben dicht am Leben“ fand ich sehr interessant, weil es mir die verschiedenen Arten des Notierens aufzeigt. So unterschiedlich diese sind, so zugänglich und weniger zugänglich sind auch die Texte und Erklärungen dazu. Für meine Art des Notierens hätte ich dieses Buch nicht gebraucht, fand es aber dennoch bereichernd, weil mir die Beschäftigung mit der Thematik Freude gemacht hat. Außerdem trägt neuerdings eines meiner Evernote-Notizbücher den stilvollen Namen ‚Sudelbuch‘. Georg Christoph Lichtenberg möge mir diesen geistigen Diebstahl verzeihen. Die Bezeichnung ist einfach großartig und so zutreffend 🙂

-> Zur Leseprobe [Werbung]



Hanns-Josef Ortheil
Schreiben dicht am Leben
Reihe: Kreatives Schreiben
Gebunden, 160 Seiten
ISBN: 978-3-411-74911-9
Preis: 14,95 € 
Verlag: Duden
Erschienen: 01.09.2011