erLESENer Juni

Im Lesemonat Juni suchte ich vergeblich den Hannibal-Lecter-Nachfolger, lernte vieles über den Thunderhead, lachte über das kommunistische Känguru, zweifelte an der Zurechnungsfähigkeit des menschlichen Gehirns und tauchte beim Lesen mit nur einem Atemzug in die Tiefe ab.

Bücherwelten – komisch, eigenartig und erfrischend…

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Cari Mora von Thomas Harris
Ein optisch und haptisch gut gemachtes Buch mit enttäuschendem Inhalt.

Der Zorn der Gerechten . Scythe 2 . von Neal Shusterman
Klug, vielschichtig und philosophisch strickt Neal Shusterman seine Jugendbuchdystopie, die von der ersten bis zur letzten Minute fesselt und einen atemlos und nachdenklich zurücklässt, auch im zweiten Teil weiter.

Die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling
Kurzweilige und unterhaltsame Szenen aus dem Zusammenleben von Marc-Uwe Kling mit dem kommunistischen nirvanabegeisterten Känguru.

Unser verrücktes Gehirn von Dean Burnett
Dean Burnett wählt anschauliche Beispiele und Bilder aus dem Alltagsleben, schreibt witzig, salopp, eloquent und mit (Selbst-)Ironie über die kleinen und größeren Fehlbarkeiten des Gehirns, ohne dass die wissenschaftliche Seriosität darunter Schaden nähme. Hervorragend!

In die Tiefe von Anna von Boetticher
Die Autorin und Apnoetaucherin versteht es ihre Eindrücke und Erlebnisse so authentisch und mitreißend zu erzählen, dass man beim Lesen auch immer ein wenig mit in der Unterwasserwelt versinkt. Sehr interessant und inspirierend!

In die Tiefe – Anna von Boetticher

Ich bin keine Wasserratte – das war ich nie. Aber dennoch übt das Tauchen und Eintauchen in die Unterwasserwelt mit seinen einzigartigen Bewohnern eine ganz besondere Faszination auf mich aus. Wie eine Königsdisziplin unter den Tauchern wirkt auf mich dabei das Apnoetauchen, zu dem mein bislang einziger Kontakt sich auf das Video von Julie Gautier beschränkt, in dem sie Guillaume Nery unter Wasser filmt. Im Zusammenspiel mit der Musik haben mich diese Szenen nie wieder losgelassen:

Kürzlich sah ich eine Talkshow, bei der Anna von Boetticher so sympathisch und mitreißend über das Apnoetauchen erzählte, dass ich mich gleich wieder an das Video erinnert fühlte. Mit diesen unglaublichen Bildern im Kopf las ich auch ihr Buch „In die Tiefe – Wie ich meine Grenzen suchte und Chancen fand“ und verschlang regelrecht, was die Autorin über diesen Sport zu berichten weiß. In jedem Satz, mit dem diese Freitaucherin beschreibt, wie sie als Kind eher zufällig enorm lang die Luft beim Schwimmen anhielt bis hin zu ihren Weltrekordversuchen, fühlt man beim Lesen etwas von der Leidenschaft, die sie mit den Jahren immer tiefer in die Unterwasserwelt führte. Im Frühjahr 2015 kam schließlich die deutsche Marine auf sie zu, um mit ihr gemeinsam die Apnoeanteile in der Ausbildung der Kampfschwimmer und Minentaucher zu verbessern.

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Doch nicht immer verlief alles reibungslos in ihrem Sportlerleben. Sie berichtet auch von gesundheitlichen Einschränkungen und lebensgefährlichen Situationen, denen sie jedoch auf ihre einnehmende Art trotzte und die sie vor allem auch durch ihre Fähigkeit, selbst unter Druck die Kontrolle über ihr Handeln zu behalten, im Griff behielt.

„Offen zu sein für die Vielfalt, die einem im Leben begegnet, ist eine Stärke, über die man vorwärts kommt – und sei es nur, um herauszufinden, dass etwas nicht zu einem passt.“ (S. 45)

Es macht Freude zu lesen, wie Anna von Boetticher im Apnoetauchen ihre Bestimmung gefunden hat und mit Leib und Seele darin aufgeht. Aber gleichzeitig motiviert sie mit diesem Buch auch den Leser dazu, sich auf hohem Niveau Fertigkeiten anzueignen, in überraschenden Situationen Potenzial zu sehen und sich immer wieder begeistern zu lassen, um im Unbekannten ungeahnte Chancen zu entdecken und ein abwechslungsreiches Leben zu führen zu können. Ihre positive Energie und Begeisterungsfähigkeit ist ansteckend und man ist fast versucht das Buch beiseite zu legen, um ihren Ratschlägen zu folgen – auf der Stelle zu lernen, was man immer schon wollte oder Herausforderungen anzunehmen, die schon seit längerem locken. Oder das Buch an liebe Menschen, die zu stagnieren scheinen, zu verschenken und zu sagen: „Lies das und mach das. Wenn nicht das Apnoetauchen, dann aber bitte alles andere.“

„Es ist nicht wichtig, was einen packt – wichtig ist nur, dass man in der Lage ist, sich so sehr auf etwas Neues einzulassen, dass es einen ganz und gar durchdringt.“ (S. 36)

Die Autorin versteht es außerdem ihre Eindrücke und Erlebnisse authentisch und mitreißend zu erzählen, so dass man beim Lesen auch immer ein wenig mit in der Unterwasserwelt versinkt. Nichtsdestotrotz hat der Bildteil einige wunderschöne Aufnahmen zu bieten und bereichert das Buch, das ich interessierten Lesern empfehlen kann. Gern hätte ich etwas mehr über ihre Arbeit bei der Bundeswehr erfahren, könnte mir jedoch vorstellen, dass doch einiges der Geheimhaltung unterliegt. Öffentlich zugänglich ist hingegen der  YouTube-Channel von Daan Verhoeven, wo auch einige Videos mit Anna von Boetticher angeschaut werden können. Faszinierend!

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Anna von Boetticher
In die Tiefe
Wie ich meine Grenzen suchte und Chancen fand
Paperpack, 208 Seiten
ISBN: 9783864930706
€ 16,00 [D] | € 16,50 [A]
Verlag: Ullstein
Erschienen: 02.05.2019

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Ist das noch gut oder kann das weg? #2

Wie schon in diesem Beitrag habe ich auch dieses Mal einen Blick in den Teil meines Bücherregals gewagt, der sich mit dem Thema Fotografie beschäftigt. In einige dieser Bücher schaute ich schon seit Jahren nicht mehr und frage mich, ob ich sie bedenkenlos aussortieren kann. Aber andererseits erhoffe ich mir bei einem erneuten Hineinschauen und Lesen zum einen Inspiration und zum anderen vielleicht sogar besseres Verstehen, weil ich einiges in Punkto Fotografie bereits ausprobierte und manches Wissen sich erweitern und festigen konnte.

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Dieses Mal geht es um das 2007 von Michael Freeman veröffentlichte Buch „Der fotografische Blick“. „Für mehr Freude am Fotografieren: die Techniken der Profis und die Geheimnisse außergewöhnlicher Bilder“ heißt es im Klappentext und wird für den fortgeschrittenen Fotografen empfohlen. In diesem Buch findet man keine Kameraeinstellungen, sondern hier geht es einzig und allein um die Bildgestaltung und das Design als wichtigen Faktor für gute Bilder. Daher werden anhand zahlreicher Fotografien die Designregeln und Gestaltungsmerkmale erläutert, deren Berücksichtigung dazu führen kann, dass wir Bilder als besonders ansprechend empfinden. Aber der Autor predigt nicht die strikte Einhaltung dieser Regeln als Wundermittel, sondern führt auch vor Augen, dass gerade auch das bewusste brechen der Regeln zum Außergewöhnlichen führen kann.

Es geht in diesem Buch weniger um die inhaltliche Aussage eines Fotos als um die stimmige Komposition aus Formen und Farben. „Das Potential eines idealen Motivs zu erkennen und die vorhandenen Elemente ansprechend zu vereinen, macht den guten Fotografen aus“, verspricht Freeman und führt den Leser durch die Kapitel „Der Rahmen“, „Design-Grundlagen“, „Grafische und Fotografische Elemente“, „Kompositionen mit Licht und Farbe“, „Die Intention“ und „Entstehungsprozess“ tiefer in die Bildkomposition und Gestaltung ein.

Gelesen, bzw. betrachtet habe ich immer mal wieder über längere Zeit hinweg einzelne Themenabschnitte und fand das Buch teilweise sehr theoretisch, aber dennoch sehr interessant. Manches ist mir tatsächlich im Laufe der Jahre in Fleisch und Blut übergegangen, auch wenn ich nicht mehr sagen kann, ob dieses vor vielen Jahren von mir erworbene Buch mit dafür verantwortlich war. Fest steht jedoch, dass mir die Auffrischung mancher Themen gut tat und ich sogar kürzlich bei einer Fototour feststellen konnte, dass mich ein Motiv regelrecht ansprang, weil ich darüber im „fotografischen Blick“ gelesen hatte. Grund genug für mich, dieses Buch nicht auzusortieren, sondern mir vorzunehmen, immer mal wieder hindurchzublättern um mich dadurch inspirieren zu lassen.

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Michael Freeman
Der fotografische Blick
Bildkomposition und Gestaltung
Broschiert, 192 Seiten
ISBN: 978-3827242884
Nur noch gebraucht erhältlich
Verlag: Markt+Technik Verlag
Erschienen: 1. Juli 2007

Die potente Frau – Svenja Flaßpöhler

Aufmerksam wurde ich auf die promovierte Philosophin Svenja Flaßpöhler durch die Fernsehsendung „Buchzeit“ (3Sat), wo sie vor einiger Zeit als Literaturkritikerin Bücher beurteilte. Als sie im vergangenen Jahr ihr Buch „Die potente Frau“ selbst in anderen Büchersendungen vorstellte, war ich interessiert an ihren Ansichten über die #metoo Bewegung und konnte ihren Ausführungen dazu nur beipflichten. Dennoch dauerte es noch einige Zeit, bis ich zu dem Buch griff, denn allzu oft bin ich von dem, was einem unter dem Schlagwort „Feminismus“ begegnen kann eher abgeschreckt, wenn die Seiten einfach nur radikal vertauscht werden, anstatt sinnvolle Wege zu finden, die Frau und Mann zu ihrem Recht verhelfen.

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„Der Hashtag-Feminismus behauptet, er befreie die Frau aus den Fängen des Patriarchats. In Wahrheit aber wiederholt er patriarchale Denkmuster: Die Frau ist schwach. Sie braucht Schutz. Das männliche Begehren ist allmächtig, das weibliche nicht existent. Mit ihrem Buch plädiert Svenja Flaßpöhler für eine neue Weiblichkeit. Erst wenn Frauen auch ihr Begehren als potente Größe begreifen, befreien sie sich aus der Opferrolle. Erst wenn sie Autonomie nicht nur einfordern, sondern auch den Mut haben, sie zu leben, sind sie wahrhaft selbstbestimmt.“

Das knapp 48 Seiten starke Büchlein bezeichnet sich als philosophische Streitschrift und ich muss gestehen, dass ich so etwas bislang noch nicht las. Der Text bietet viel Stoff zum Nachdenken und weiter lesen (Literaturhinweise befinden sich am Ende des Buches) und es gefällt mir, mich mit den hier angeschnittenen Themen zu beschäftigen. Aber streiten kann Frau Flaßpöhler mit mir nicht, da ich ihr in vielen Punkten zustimme. Einzig die titelgebende Bezeichnung der potenten Frau fühlt sich für mich sperrig an, da ich beim Lesen tatsächlich innerlich erst den Begriff „potent“ von der sexualisierten Bedeutung lösen und im Sinne von „stark, einflussreich und mächtig“ übersetzen muss – oder aber auch nicht, weil es eben doch auch zusammen gehört. Ein Buch zum mitdenken, durchdenken und sich eine eigene Meinung bilden.

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Svenja Flaßpöhler
Die potente Frau
Für eine neue Weiblichkeit
Hardcover, 48 Seiten
ISBN: 9783550050763
Preis: € 8,00 [D] ; € 8,30 [A]
Verlag: Ullstein
Erschienen: 02.05.2018

Gebrauchsanweisung fürs Lesen – Felicitas von Lovenberg

Ich gebe es zu: Ich bin jemand, der vor, bzw. bei Inbetriebnahme eines neuen Geräts die Gebrauchsanweisung liest und bin ganz besonders dankbar, wenn der jeweilige Autor sein Handwerk versteht und das so dringend benötigte Wissen verständlich rüberbringen kann. Aber brauche ich tatsächlich eine „Gebrauchsanweisung fürs Lesen“? Meine Antwort lautet: „Ja, unbedingt – und ich gebe sie nicht mehr her.“ Dabei wurde ich doch schon von Kindesbeinen ans Lesen herangeführt, was später durch Schule und das Leben noch ein wenig geübt wurde. Dennoch wollte ich mir speziell diese Gebrauchsanweisung nicht entgehen lassen, weil ich mir davon die ultimative Lobhudelei für mein liebstes Hobby erhoffte. Und genau das erhielt ich auch:

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„Felicitas von Lovenberg bricht eine Lanze fürs Lesen – gerade heute, wo immer mehr Ablenkungen um unsere Zeit konkurrieren. Sie schildert, wie es das Selbstbewusstsein stärkt und die soziale Kompetenz fördert. Welche Lesegewohnheiten und -orte es gibt und das sich hinter Trends wie Deep Reading verbirgt. Sie geht auf Lieblingsbände und Entdeckungen ein; erzählt vom wechselhaften Schicksal von Bibliotheken und Bücherwänden. Davon, welche Romanfiguren besonders dazu einladen, sich in ihre Leben hineinzuversetzen – und wann es gefährlich wird, die Heldinnen unserer Lektüren zu imitieren. Weshalb man bei Kindern nicht früh genug mit dem Vorlesen anfangen kann, was es mit Leselisten und Literaturkanons auf sich hat. Vor allem aber ist ihr Buch eine Liebeserklärung ans Lesen.“

Der Klappentext verspricht wirklich nicht zu viel. Am Ende dieses 128 Seiten starken Büchleins ist neben den Abdrucknachweisen noch eine Liste für die zu finden, die noch mehr übers Lesen lesen möchten. Es sind Bücher, auf die die Autorin sich stellenweise bezieht und die durchaus Lust aufs Weiterlesen machen. Auch finden sich in diesem Buch zahlreiche Zitate rund ums Thema Bücher und Lesen, die so manches Buchzitate-Notizbuch gehaltvoll füllen können und bei denen es mir gleich warm ums Herz wird.

Empfehlen kann ich die „Gebrauchsanweisung fürs Lesen“ allen Buchliebhabern als entspannende Lektüre für zwischendurch, könnte es mir aber auch als schöne Geschenkidee für Buchfreunde, vielleicht gemeinsam mit einem Gutschein der Lieblingsbuchhandlung, vorstellen.

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Felicitas von Lovenberg
Gebrauchsanweisung fürs Lesen
Hardcover,128 Seiten
ISBN: 978-3-492-27717-4
Preis: € 10,00 [D], € 10,30 [A]
Verlag: Piper
Erschienen: 01.03.2018

erLESENer Oktober

Im Lesemonat Oktober reiste ich mit dem Mountainbike von den Victoria-Fällen bis Kapstadt, erfuhr wie Tetje Mierendorf sich halbierte und konnte dank meiner Detox-Zimmerpflanzen tief durchatmen.

Bücherwelten – mitreißend informativ und manchmal auch nur ganz nett.

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Wüstenblues von Gerhard von Kapff 
Ein Buch, das mich derart mitreißen konnte, dass ich mich am liebsten gleich auf den Weg gemacht hätte, um der Spur des Autors von Sambia über Botswana und Namibia bis nach Kapstadt mit dem Moutainbike zu folgen. Ein echtes Highlight!

Halbfettzeit von Tetje Mierendorf 
Ich las gerne über seine Erfahrungen, konnte einiges nachvollziehen, fand anderes interessant und durchaus wert, darüber nachzudenken. Leider predigt er von dem besseren Leben als schlanker Mensch und wendet sich direkt an den Leser, dem er sagt, was er zu tun und zu lassen hat, was schnell nervig wird.

Saubere Luft mit Zimmerpflanzen von Ursula Kopp
Ein kompaktes Handbuch, in dem die wichtigsten Informationen zu den handelsüblichen ‚raumreinigenden‘ Zimmerpflanzen in gut verständlicher Form enthalten sind. Eher für Anfänger empfehlenswert.

Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst – Jaron Lanier

Das Thema Social Media lässt mich nicht los. Ich lerne gern von YouTube, zeige meine Bilder bei Instagram und mag meinen übersichtlichen Facebook-Account, mit dem ich in unterschiedlichen Themengruppen vertreten bin. Mein Facebook-Feed ist friedlich und ähnlich zurückhaltend, wie ich selbst. Angeschaut wird dieser meist am PC, wo mich uBlock Origin vor unerwünschter Werbung schützt. Meine kleine heile Welt der sozialen Medien könnte so schön sein, wenn mit der Zeit nicht immer mehr Dinge ans Licht gekommen wären, mit denen man als Nutzer einfach nicht einverstanden sein kann. Und doch scheint das Maß immer noch nicht voll zu sein, denn weder ich noch die Menschen meiner Freundesliste haben ihren Account bislang gelöscht.

Und so machte mich der Clickbait-Titel „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ neugierig, auch wenn ich diese effektheischenden Überschriften eigentlich nicht leiden kann und sie in meinem Facebook-Feed meist geflissentlich ignoriere. Aber geschrieben hat dieses Buch Jaron Lanier, der 2014 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt und ein Internetpionier der ersten Stunde ist. Er gilt als Figur des gefallenen und enttäuschten Internet-Optimisten und arbeitet heute für Microsoft Research. Seine Sicht der Dinge wollte ich erfahren und war gespannt auf das Buch.

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Jaron Lanier nähert sich den Problemen von Social Media in zehn Kapiteln von allen Seiten: Er zeigt, wie die künstliche Intelligenz uns immer perfider konditioniert, dubiosen Auftraggebern Daten über uns bereitstellt, um unser Verhalten zu manipulieren, und weshalb asoziale und verschwörungstheoretische Posts immer auf nahrhaften Boden fallen. Das Buch gibt Laniers Erfahrungen als Insider im Silicon Valley wieder und beschreibt das perverse aber höchst profitable Geschäftsmodell der Social-Media-Netzwerke, das unsere Gesellschaft fundamental bedroht.

„Einer der wichtigsten Gründe, deine Social-Media-Accounts zu löschen ist, dass du keine praktikable Möglichkeit hast, auf andere Social-Media-Accounts umzusteigen. Nur wenn du möglichst bald ganz aussteigst, kannst du wirklich etwas verändern. Wenn du nicht aussteigst, schaffst du nicht den Raum, den das Silicon Valley braucht, um an sich zu arbeiten.“ (S. 36)

Dementsprechend rät Lanier, dass „alle klugen Menschen ihre Accounts löschen sollten, bis es eine ungefährlichere Version davon gibt“. Nach dieser Aussage und nach dem Lesen des Buches fühle ich mich alles andere als klug. Der Wille, meine Accounts zu löschen ist aufgrund mangelnder Alternativen zu schwach und mir fällt auch gleich noch ein, dass es beispielsweise zu WhatsApp bereits Ausweichmöglichkeiten wie „Telegram“ gibt, die jedoch in meinem Umfeld kaum genutzt werden. Was nützt es also, wenn kaum einer mitmacht – aber wenn andererseits keiner den Anfang macht, wird es halt auch nichts.

Gewünscht hätte ich mir in dem Buch einen Seitenblick zu anderen sozialen Netzwerken oder vielleicht sogar in Entwicklung befindlichen Alternativen, falls es sie gibt. Das hätte mich interessiert, da ich Social Media eigentlich mag und nicht gänzlich darauf verzichten möchte. Viel Neues habe ich nicht erfahren und so lässt mich das Buch insgesamt eher unzufrieden zurück. Die Aufforderung die Accounts zu löschen erfolgt am Ende jedes Kapitels natürlich zu Recht und läuft bei mir doch irgendwie ins Leere.

Gelegentlich zieht und wiederholt sich der Text, so dass ich mir gewünscht hätte, dass der Autor schneller auf den Punkt kommt. Aber nichtsdestotrotz ist das Buch insgesamt eine interessante Lektüre, die viel Stoff zum Nachdenken bietet auch wenn leider das Wort „A….loch“ in alter Schimanski-Manier inflationär verwendet wird. Aber wer darüber hinwegsehen kann und sich mit der Frage, warum er seine Social-Media Accounts wenn vielleicht nicht gleich löschen, aber unbedingt kritisch im Auge behalten sollte, intensiver auseinandersetzen möchte, dem kann ich das Buch dennoch empfehlen.

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Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst
Jaron Lanier
Original: Ten Arguments For Deleting Your Social Media Accounts Right Now
Übersetzung: Karsten Petersen, Martin Bayer
Einband: Pappband, 208 Seiten
ISBN: 978-3-455-00491-5
14,00 (D) | 14,40 (A) | 19,50 (CH)
Verlag: Hoffmann und Campe
Erschienen:  05.06.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Juni

Im Juni ließ ich mich durch Algorithmen manipulieren, meinte auf meinem niederrheinischen Balkon Meeresrauschen zu hören und salzige Seeluft auf meinen Lippen zu schmecken, lernte die Temperatur kennen, bei der Buchseiten zu brennen beginnen und reiste unter Beachtung strengster Regeln kreuz und quer durch Nordkorea.

Bücherwelten – so fern und manchmal doch so nah.

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Mensch 4.0 von Alexandra Borchardt 
Ob die neuen Technologien uns freier machen oder uns manipulieren, ablenken und benutzen und ob wir mehr mitbestimmen können oder ob wir zu nützlichen Idioten ökonomischer oder politischer Interessen werden ist die Thematik dieses Buches, das interessante Denkanstöße enthält.

Barbarentage von William Finnegan 
Finnegan ist wie besessen vom Surfen und diese Leidenschaft sprang beim Lesen sogar auf mich Nicht-Surfer über. Aber ellenlange Beschreibungen der von Ort zu Ort unterschiedlichen Wellen begannen mich zu langweilen, so dass ich das Buch nach zwei Dritteln abbrach.

highlight_des_monatsjpg Fahrenheit 451 von Ray Bradbury 
Die beängstigende Geschichte von einer Welt, in der das Bücherlesen mit Gefängnis und Tod bestraft wird, ist ein zeitloses Plädoyer für das freie Denken und unbedingt empfehlenwert!

Unterwegs in Nordkorea von Rüdiger Frank 
Bis zu diesem Buch wusste ich nicht, dass es überhaupt möglich ist als Normalsterblicher Nordkorea zu bereisen. Dieser Reiseführer hat viel Interessantes über Land und Gepflogenheiten zu berichten, selbst wenn man nicht vor hat nach Nordkorea zu reisen. Empfehlenswert!

Unterwegs in Nordkorea – Rüdiger Frank

Nachdem ich vor einigen Monaten ein Buch über die Flucht einer außergewöhnlichen Frau aus Nordkorea las, war mein Interesse für dieses Land geweckt. Dieser autobiografische Bericht war zwar glaubwürdig, aber dennoch konnte, beziehungsweise mochte mir kaum vorstellen, dass die geschilderten Zustände Wirklichkeit sein sollten. Ich wollte mehr über Nordkorea erfahren, wurde hellhörig, wenn in den Medien darüber berichtet wurde, schaute interessante Dokumentationen bei YouTube und stieß bei meiner Suche nach Büchern, die etwas mehr Aufschluss über dieses Land bieten sollten, auf Rüdiger Frank. Er ist einer der weltweit besten Kenner Nordkoreas und bereist seit über einem Vierteljahrhundert das Land regelmäßig. In seinem neuen Buch „Unterwegs in Nordkorea“ fasst er seine Erfahrungen zusammen, gibt praktische Tipps und tiefe, oft überraschende Einblicke in Alltag und Kultur Nordkoreas. So steht es in der Buchbeschreibung und das Buch hält auch tatsächlich, was es verspricht.

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„Unterwegs in Nordkorea“ versteht sich selbst als Reiseführer, der den Leser von der Einreise bis zur Ausreise, von Kaesong und Pjöngjang im Süden bis zum Berg Paektu an der chinesischen und der Sonderwirtschaftszone Rason an der russischen Grenze begleitet. Rüdiger Frank führt kundig durch Nordkorea und erklärt, was einen dort erwartet, vom Essen und Einkaufen bis zur Unterkunft, von den Besonderheiten des Landes und den Sehenswürdigkeiten bis zu Begegnungen mit Nordkoreanern.

„Man kann in Nordkorea Spaß haben und sich wohl und sicher fühlen; das ändert nichts daran, dass es sich um eine ideologisch fundierte, intolerante Diktatur handelt, in der staatlicher Willkür nicht die bei uns üblichen Grenzen gesetzt sind.“ (S. 29)

Und so ist eine Reise nach Nordkorea immer auch eine Gratwanderung. Der Lebensstandard im Land ist bescheiden, die Kriegsgefahr immer präsent. Als Tourist darf man sich nicht frei bewegen und kann, wenn man die Verhaltensregeln nicht befolgt, sogar verhaftet werden. Außerdem stellen sich immer auch viele Fragen: Stärkt unser Geld das System oder trägt es zu dessen Veränderung bei? Wirkt unsere Anwesenheit bestätigend oder irritierend? Kann man etwas über das Land lernen, oder wird man geblendet? Spannende Fragen, die der Autor gleich zu Beginn dieses Buches stellt und die nachdenklich machen.

Im folgenden zeigt sich, dass sich dem Reisenden  ein verwirrend vielfältiges und oft widersprüchliches Bild von Nordkorea bietet, das der Außenwahrnehmung nicht immer entspricht. Und so warnt der Autor auch davor, dass man vor Ort eine Flut ungewohnter unverständlicher Dinge erlebt, kaum zufriedenstellende Erklärungen erhält und unter Umständen ein erhebliches Maß an innerer Frustration aufbaut. Es gibt wenige Orte, an denen man als Ausländer das Gefühl bekommen kann, unter normalen Menschen zu sein und nicht einer Inszenierung gegenüberzustehen.

Es geht vor allem darum, zu begreifen, was man dort sieht und hierzu liefert das der Autor viele gut verständliche Informationen, die teilweise auch sehr unterhaltsam und mit einem Augenzwinkern versehen werden. Es geht um Einreiseformalitäten, aber auch um wichtige Benimmregeln und Verhaltensvorschriften, die man besser einhält, wenn man nicht in Schwierigkeiten geraten möchte. Man erfährt Wissenswertes über das landesübliche Essen und die Gepflogenheiten vor Ort, bekommt interessante Hintergrundinformationen zu den zahlreichen Museen und den Denkmälern und deren Symbolik und kann sogar ein wenig von der Ostküste Nordkoreas träumen, die landschaftlich den Vergleich mit der Mittelmeerküste in Südfrankreich nicht scheuen muss.

Nach einem gewissen Lesefortschritt wird es jedoch ermüdend, dass man auch in kleinen Orten Nordkoreas zwangsläufig revolutionäre Stätten vorfindet – also Orte, an denen das eine oder andere Mitglied der Familie Kim etwas getan oder gesagt hat. Auch muss ich gestehen, dass mir die Beschreibungen der zahlreichen Denkmäler und Museen irgendwann doch zu viel wurden. Letztendlich ist diese kulturelle Überflutung jedoch vermutlich nicht auf den Autor zurückzuführen, sondern vielmehr auf die Art und Weise, auf die sich eine staatlich durchgeplante und mitsamt Guides in strengen Bahnen verlaufende Nordkorea-Reise gestalten kann. Unter dem Aspekt ist es auch selbstverständlich, dass kaum Kontakt zu Einheimischen zustande kommt und die Bevölkerung in diesem Buch ebenso wie bei der Reise meist außen vor bleibt und, wenn überhaupt, aus der Ferne betrachtet wird.

Durchaus legitim finde ich es, dass Rüdiger Frank zwischenzeitlich immer auch auf sein Buch „Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates“ verweist, das sich mit einzelnen Themen tiefer gehend befasst. Und obwohl dieses Buch bereits in meinem Bücherregal steht und darauf wartet gelesen zu werden, fühlen sich diese Verweise für mich immer nach ungeliebter Schleichwerbung an, was meine Lesefreude stets ein wenig trübt.

Und doch griff ich gern zu „Unterwegs in Nordkorea“ und ließ mich in dieses Land ‚entführen‘, dessen Besuch tatsächlich eine Gratwanderung zu sein scheint, wie der Untertitel des Buches verrät. Zwar las ich diesen Reiseführer nicht mit der Absicht, jemals nach Nordkorea zu reisen, aber dennoch stellt sich mir nach Beendigung des Buches tatsächlich die Frage, ob ich dorthin reisen würde, wenn ich es könnte. Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Aber das Buch würde ich auch nochmal lesen und kann es daher empfehlen.

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Rüdiger Frank
Unterwegs in Nordkorea – Eine Gratwanderung
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten, 64 farbige Abbildungen
ISBN: 978-3-421-04761-8
€ 20,00 [D] | € 20,60 [A] | CHF 27,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: DVA Sachbuch
Erschienen: 14.02.2018

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

umgeBUCHt Beiwerk: Neuzugänge im Juni