erLESENer März 2020

Im Lesemonat März malte ich zur Orientierung rote Kreuze an die Türen meiner Nachbarn, floh vor Boko Haram, konnte von einem auf den anderen Tag nicht mehr alleine zurecht kommen, kämpfte verbissen gegen meinen eigenen Körper und verriet niemandem meinen wirklichen Namen.

Bücherwelten, in diesem Monat bestimmt von Verwirrung und innerer Zerrissenheit.

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Rote Kreuze von Sasha Filipenko
Eine Geschichte gegen das Vergessen der unter Stalin verübten Gräueltaten. Eine berührende Thematik mit durchwachsener Umsetzung.

Das Mädchen von Edna O’Brien
Ein verstörendes Buch, das von Gewalt, Terror, Angst und Traditionen handelt und nebenbei Einblicke in das nigerianische Frauenbild gibt. Erschütternd, aber auch lesenswert.

Dankbarkeiten von Delphine de Vigan
Die Geschichte einer alten Frau, die ihre Unabhängigkeit und allmählich auch ihre Sprache verliert. Trotz ernster Thematik zeichnet sich das Buch einerseits durch leise humorvolle französische Leichtigkeit aus, enthält gleichzeitig jedoch viel Stoff zum Nachdenken und Erinnern.

Jägerin und Sammlerin von Lana Lux
Ein Buch über eine junge Frau, die unter Bulimie leidet – und ihrer Mutter. Eine intensive Geschichte voller psychischer Fehlleitungen, die beim Lesen schmerzen und nahe gehen.

Schweige still von Michael Robotham
Ein gelungener Psychothriller mit interessanten Charakteren und ein vielversprechender Start in eine neue Reihe des Autors.

Rote Kreuze – Sasha Filipenko

„Aber jetzt, wo in meinem Leben alles vorbei ist … jetzt denkt sich Gott, dieser von mir erdachte Gott, für mich Alzheimer aus, weil er Angst hat! Er hat Angst, mir in die Augen zu schauen! Er will, dass ich alles vergesse. Alzheimer ist die Zerstörung des Weges zu ihm, und mein Alzheimer ist die stärkste Bestätigung, dass er mich fürchtet.“ (S. 197)

So die Auffassung der über neunzigjährigen an Alzheimer erkrankten Tatjana. Doch wer hinter diesem Roman die Geschichte einer Frau erwartet, bei der es vorrangig um ihren Gedächtnisverlust geht, der irrt. Denn in „Rote Kreuze“ trifft Tatjana auf ihren neuen Nachbarn Alexander, dem sie nach und nach ihre Lebens- und Leidensgeschichte erzählt, die mit dem Verlust ihres Mannes und ihrer Tochter durch die Wirren des zweiten Weltkrieges und den Zuständen in der Sowjetunion seit 1941 zu tun hat.

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„Dieses ganze Geplänkel um die Kriegsgefangenen würde uns nur von der Arbeit abhalten, hieß es. Das NKID habe Wichtigeres zu tun. Außerdem, hat man uns erklärt, kann ein tapferer Soldat gar nicht in Kriegsgefangenschaft geraten. Wenn sich ein Krieger ergibt, dann ist er ein Feigling. Ironischerweise hab ich das am häufigsten aus dem Mund von Männern gehört, die zu Hause in Moskau geblieben waren. Der sowjetische Soldat muss kämpfen bis zum letzten Tropfen Blut.“ (S. 72)

Es ist eine Geschichte gegen das Vergessen der unter Stalin verübten Gräueltaten und Unterlassungen. Die eigenen Kriegsgefangenen wurden als Deserteure behandelt und ihre Familien gleich mitbestraft. Das Leben im Lager war menschenunwürdig und grausam. Für dieses Buch hat der Autor umfangreiche journalistische Recherchearbeit geleistet und zitiert zahlreiche historische Dokumente des Roten Kreuzes an die sowjetische Regierung. Das gibt diesem fiktiven Roman ein Stück Authentizität, die betroffen macht und mich tatsächlich auch dazu brachte, dieses Buch bis zum Schluss zu lesen.

Denn leider finde ich die Umsetzung weniger gelungen. Der Autor schafft es nicht seine journalistische Arbeit in diesem Roman zu einer ‚runden‘ Geschichte zu verweben. Er lässt den Nachbarn Alexander, einen etwa dreißigjährigen Vater einer drei Monate alten Tochter, aus der Ich-Perspektive erzählen, was ihm seine betagte Nachbarin über ihre Vergangenheit berichtet. Gleichzeitig bekommt der eher blass bleibende Charakter eine schicksalhafte und effekthascherische eigene Geschichte, die aufgesetzt und in diesem Buch fehl am Platz wirkt. Eingestreut wird die betagte Tatjana in wörtlicher Rede zitiert, Teile aus Gedichten, Schriftstücken und Briefwechseln sind abgedruckt. Manches wirkt willkürlich und zusammenhanglos, bremst die Geschichte aus und stört den Lesefluss.

Doch die Thematik geht nah und erzeugt neben dem ein oder anderen ungläubigen Kopfschütteln gleichzeitig das Bedürfnis mehr erfahren zu wollen und sich weiter einzulesen. Diesen Impuls kann längst nicht jedes Buch bei seinem Leser erzeugen, was „Rote Kreuze“ in dieser Hinsicht für mich zu einem besonderen Roman macht – einem Roman gegen das Vergessen dieser Zeit und das Recht auf Wahrheit und Gedenken.

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Sasha Filipenko
Rote Kreuze
Original: Krasny Krest, 2017
Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-257-61010-9
Preis: € (D) 18.99 / sFr 24.00* / € (A) 18.99 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Diogenes
Erschienen: 26. Februar 2020

Das Leseexemplar wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.