abc.etüden: Aprilgedanken 2021

Es war noch zu früh für den Sonnenhut. So oder so. Jetzt im April sah man der Staude noch nicht an, dass sie sich rüstete um Anlauf zu nehmen und irgendwann zwischen Juli und Oktober verschwenderisch zu blühen. Und um einen Sonnenschutz für seinen Kopf brauchte man sich gerade auch nicht zu kümmern. Nachdenklich zupfte sie ein wenig unerwünschtes Grünzeug weg, das sich um die Pflanze herum breitgemacht hatte. Nicht gerade eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, aber ihr tat die Bewegung an der frischen Luft gut.

Gut bekam es ihr auch, wenn es ihr gelang, den Augenblick von Zeit zu befreien. Unbeschwert sie selbst zu sein und sich durch das Ausüben geliebter Tätigkeiten völlig im Hier und Jetzt aufzulösen. Doch das war in den vergangenen Monaten immer schwieriger geworden. Sie fühlte sich gefangen in einer Warteschleife. Immer galt es die nächste Meldung abzuwarten, die schon Einfluss auf den folgenden Tag haben konnte und in der Entscheidungen der Machthaber mitgeteilt wurden, die schon innerhalb weniger Stunden wieder als haltlos entkräftigt werden konnten. Oder sie war wie paralysiert, weil der Stoff, der doch eigentlich Leben retten sollte, plötzlich selbst begann zu töten.

Hier hatten andere die Fäden für ihr Leben in der Hand und spielten das Lied vom Tod nicht unbedingt gekonnt. Wie schön wäre es, wenn sie einfach ihre Hände an die Schläfen legen und diese Gedanken wegmassieren könnte. Einfach mal darauf vertrauen, dass schon alles gut werden würde. Sich mit exzessivem Sport betäuben und in Bücherwelten flüchten. Oder vielleicht ins nächste Gartencenter, um ein wenig farbenfrohe Lebendigkeit für Zuhause nachzuladen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Sonnenhut, haltlos, massieren.

abc.etüden: Ein besonderes Geschenk

Erschrocken schlug sie die Augen auf und rappelte sich mühsam auf. Sie hörte ein kurzes Fiepsen. Dann knirschte und schmatzte etwas. Was war das nur? Sie schwang sich aus dem Bett und schlüpfte in ihre Hausschuhe. Die Geräusche kamen eindeutig aus dem Wohnzimmer. Vorsichtig schlich sie dorthin und hielt im Türrahmen erschrocken inne. Im Halbdunkel sah sie nur noch letzte Dackelfalten in dem weit geöffneten Schlund der Venusfliegenfalle verschwinden, die sie erst gestern zu ihrem Geburtstag geschenkt bekommen hatte.

Die Pflanze musste über Nacht einen enormen Wachstumsschub bekommen haben und füllte nun fast das ganze Zimmer aus. Sanft wogen ihre Blätter hin und her, während einige ihrer wie Fangeisen ausgelegten Fallen wütend um sich schnappten. Immer wieder forderten sie abwechselnd „Füttere mich!“ und blickten sie dabei grimmig an. Die Luft war erfüllt von dem fruchtigen Duft der Blüten, den nun auch ein Geruch nach Blut durchsetzte. Jetzt rülpste die Pflanze auch noch und gab dabei einen Blick auf ihren Rachen frei, in dem noch ein Dackelbeinchen zu sehen war.

Entsetzt schlug sie die Hände vors Gesicht und schrie.

Und schrie immer noch, als sie schweißgebadet von ihrem eigenen Schrei erwachte. Jetzt hörte sie ein Scheppern. Dann klirrte etwas. Was war das nur? Immer noch von ihrem Traum gefangen, schwang sich aus dem Bett und schlüpfte in ihre Hausschuhe. Die Geräusche kamen eindeutig aus dem Wohnzimmer. Vorsichtig schlich sie dorthin und hielt im Türrahmen erschrocken inne. Im Halbdunkel sah sie nur noch ihre erschreckte Katze um die Ecke flitzen. Die Venusfliegenfalle war entgegen der von ihr geträumten klein geblieben, hatte aber den Kampf gegen ihre Katze verloren, die sie vermutlich in spielerischem Übermut versehentlich von der Fensterbank gestürzt hatte.

Dem Pflänzchen würde sie morgen einen neuen Topf gönnen müssen – und unbedingt einen neuen Namen. Vielleicht Mechthild oder Mathilde, anstatt Audrey, die Zweite.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Dackelfalten, fruchtig, scheppern.

Einladung zum Schreiben – Doris Dörrie

Eine Einladung zum Schreiben kann ich kaum ausschlagen, erst recht nicht, wenn sie von Doris Dörrie stammt. Doris Dörrie studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Sie lebt in München, unterrichtet dort an der Filmhochschule „creative writing“ und gibt Schreibworkshops. Bereits 2019 lud sie mit „Leben, schreiben, atmen“ auf inspirierende Weise dazu ein, den Schreibmuskel durch autobiografisches Schreiben zu trainieren.

Gerne bin ich damals ihrer Einladung gefolgt und habe seitdem immer mal wieder zu Themen dieses Buches im privaten Rahmen geschrieben. Es sind kleine Zeitreisen zurück in die Vergangenheit, die mal schön und herzerwärmend sein können, manchmal aber auch ein wenig melancholisch sind, vielleicht auch traurig machen, weil eben nicht immer alles in der eigenen Biografie rosig war. So mancher Rückblick hat jedoch etwas Unterhaltsames und manchmal sogar etwas Erhellendes, weil sich mit zeitlichem Abstand eine andere Sicht auf die Dinge ergeben kann oder man inzwischen auch vieles dazu oder anderes kennengelernt hat. So ist Doris Dörries Einladung zum Schreiben für mich weit über das kreative Schreiben hinaus zu etwas geworden, was ich zu wertschätzen weiß und als bereichernd empfinde. Weitere Schreibanregungen lieferte mir später ihr Buch „Die Welt auf dem Teller“ und auch auf ihrem Instagram-Account finden sich viele Impulse um über Dies und Das schreibend zu sinnieren. Tatsächlich kann ich davon nicht genug bekommen und war umso gespannter, als ich nun ihr gerade erst erschienenes Arbeitsbuch „Einladung zum Schreiben“ in Händen hielt.

Ein hübsches kleines Büchlein, das einen hochwertigen ersten Eindruck hinterlässt, denn der halbe Schutzumschlag gewährt gleich einen Blick auf den roten Leineneinband und auch das dunkelblaue Lesebändchen bleibt nicht lange unbemerkt. Ein Inhaltsverzeichnis bietet einen Überblick über die 50 Stichworte, die die Autorin dem Leser an die Hand gibt. Beim ersten Überfliegen fallen mir banale Begriffe auf, die auf eher unverfängliche Weise vielleicht sogar humorvolle Erinnerungen herauskitzeln können, aber auch einige ernstere sind dabei – insgesamt eine interessante Mischung.

In einem kurzen Vorwort erläutert Doris Dörrie unter anderem, noch einmal die Regeln, um die es geht: „Zehn Minuten am Stück schreiben. Ohne Unterbrechung. Mit der Hand. Nicht nachdenken. Nicht kontrollieren. Nicht bewerten. Blödsinn zulassen. Es geht darum, aufmerksam und vorurteilsfrei dem eigenen Gehirn zuzuschauen und zuzuhören und das, was dort wild aufflackert, aufzuschreiben.“

Und dann geht es auch schon mit den Schreibinspirationen los. Jedem Stichwort folgt in wenigen Sätzen eine Erläuterung und dann ist auf drei linierten Seiten Platz vorgegeben, damit der Leser sein Schreiben ausleben kann. Ich verliebe mich gleich in dieses besondere Notizbuch und fühle mich von den kurzen Beschreibungen sofort angesprochen. So habe ich sie bereits als Arbeitsanweisungen in „Leben, schreiben, atmen“ kennengelernt, das man jedoch nicht unbedingt kennen muss, um an diesem Journal seine Freude zu haben. Aber ich habe es halt gelesen und fühle mich gleich zu Hause, auch wenn ich noch unschlüssig bin, ob ich mich kreuz und quer durch dieses Journal arbeiten werde oder hintereinanderweg zu den Stichworten schreibe.

Beim Durchblättern stoße ich schließlich auch auf das Nachwort und lese es ausnahmsweise gleich nach dem Vorwort. Es ist ein schönes Plädoyer dafür, das Schreiben als Geschenk anzunehmen, ihm auf den tiefen Grund zu gehen und dranzubleiben. Jeden Tag nur zehn Minuten zu schreiben um den Schreibmuskel zu trainieren. „Weiterschreiben. Weitermachen. Niemand auf der ganzen Welt kann so über dich und dein Leben schreiben wie du selbst.“ Eine Aufforderung, die ich gerne annehme. Und ein Buch, das ich gerne an liebe Menschen weiterverschenken werde, von denen ich mir vorstellen könnte, dass ihnen ein wenig Schreibzeit mit Momentaufnahmen der eigenen Vergangenheit Freude machen könnte.

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Doris Dörrie
Einladung zum Schreiben
Gebundene Ausgabe, 224 Seiten
ISBN: 978-3257071108
Preis: 16,00 € [D]
Verlag: Diogenes
Erschienen: 24.03.2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

abc.etüden: Ausflug in die Kindheit

Seltsam durch die Straßen zu fahren, durch die man als Kind gegangen oder sogar ausgelassen gerannt war und die die Welt für einen bedeutet hatten. Jetzt war hier alles leer. Sie konnte sich vorstellen, dass hier normalerweise mehr los war, aber seit Corona schienen auch die Bewohner dieser kleinen Stadt den Empfehlungen zu folgen und eher zu Hause zu bleiben.

Jetzt fuhren sie langsam an ihrer alten Grundschule vorbei. Sie sah gar nicht so anders aus, als sie ihr in Erinnerung geblieben war. Nur die Verkehrsberuhigung hatte es damals sicherlich noch nicht gegeben. Sie erinnerte sich schwammig an die Schulhofspiele, die sie dort in den Pausen immer gemacht hatten und daran, dass sie unauffällig durch ihre Schulzeit gerutscht war. Nie war sie besonders gut, nie besonders schlecht, nie besonders beliebt, sondern eher schüchtern und leise gewesen. Das hatte andererseits auch den Vorteil, dass sie unbemerkt genug geblieben war, um nicht das Ziel der allseits gefürchteten Klassenkeile zu werden, die immer die gleichen erwischte. Nämlich die Schüler, die irgendwie anders waren. Die keinen Sitzplatznachbarn in der Bank neben sich hatten, die in den Pausen eher allein blieben oder oft den Unterricht störten, so dass sie in der Nachbarklasse in der Ecke stehen mussten.

Lieber erinnerte sie sich daran, wie sie mit ihrer Freundin endlos auf dem Nachhauseweg trödeln konnte und sie es nicht müde wurden, sich irgendwelche Geschichten zu erzählen. Irgendwann hatte diese Freundschaft im zweiten oder vielleicht auch dritten Schuljahr abrupt geendet, weil ihrer Freundin verboten wurde, mit ihr zu spielen. Sie erinnerte sich an die Enttäuschung, die sie damals empfunden hatte und wie es sie geschmerzt hatte, dass ihre beste Freundin sie plötzlich ignorierte und eingehakt mit einer neuen besten Freundin über den Schulhof stolzierte. Schwammig erinnerte sie sich daran, dass sie über Umwege irgendwann herausgefunden hatte, warum es zu diesem Spielverbot gekommen war. Es waren Gründe, für die sie nichts konnten, weil sie aus der Erwachsenenwelt stammten und eigentlich auch dort hätten bereinigt werden müssen. Gründe, die selbst nach mehr als 40 Jahren noch einen schalen Nachgeschmack bei ihr hinterließen und dafür sorgten, dass sie bei der Weiterfahrt durch den Ort, in dem sie groß geworden war, nicht mehr nur die Nostalgie einer unbeschwerten Kindheit begleitete, sondern auch die Traurigkeit, Einsamkeit und Hilflosigkeit eines Kindes, das nicht gelernt hatte, dass es wertvoll war und es Dinge gab, für die es sich zu kämpfen lohnte.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Klassenkeile, schwammig, trödeln.

abc.etüden: Kleine Lügen

„Wie geht es dir?“
„Danke, mir geht es gut.“
„Und dir?“
„Auch gut.“

Noch immer hallten diese Sätze in ihr nach obwohl das Telefonat längst beendet war.

Kleine Nettigkeiten, die man zu Gesprächsbeginn austauschte und die davon entbanden erzählen zu müssen, dass man damit gekämpft hatte, in der vergangenen Woche irgendwie über die Runden zu kommen.

Sätze, die wie eine alte Strickjacke immer dann hervorgekramt wurden, wenn sie zweckmäßig ihre Aufgabe erfüllen konnten. Sie mussten niemanden umgarnen und es gab auch keine Schönheit in ihnen zu entdecken.

Sätze, die es nicht wert waren, dass man sie in Erinnerung behielt. Und doch war ihre Oberflächlichkeit trügerisch.

Denn alles hatte seine Zeit und es war gerade einfach nicht der richtige Augenblick um zu jammern. Vor allem nicht sein Herz bei jemandem auszuschütten, der es gerade ebenfalls nicht leicht hatte.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Strickjacke, trügerisch, entdecken.

abc.etüden: Denkefieber

Sie kannte es schon. Immer fing es mit Appetitlosigkeit an, was unter normalen Umständen völlig untypisch für sie war, denn essen konnte sie eigentlich immer. Umso mehr freute sie sich, wenn das ausnahmsweise nicht so war. Dann verdrängte sie auch das Durstgefühl, das sich nicht einmal durch vermehrtes Trinken besänftigen ließ. Irgendwann fühlte sie sich überhitzt und ihre Haut war trocken und empfindlich. Sie brauchte längst kein Thermometer mehr um zu wissen, wenn das Fieber sie wieder einmal erwischt hatte.

Dann hieß es schnell zu reagieren. Sie musste sich aus dem Trubel des Alltagswahnsinns herausnehmen, sich Ruhe gönnen, den Geist durch Entspannungsrituale besänftigen und mit etwas Glück vielleicht sogar in die erholsame Dunkelheit eines tiefen Schlafes hinabsinken. Doch das musste unbedingt geschehen, bevor sich ihr Denken wie ein wilder Affe aufführte, der die kuriosesten Zusammenhänge herstellte und ihre Welt neu durchmischte. Ihre Empfindungen ließen sich dann nicht mehr blockieren oder gar besänftigen. Und der Schüttelfrost, der sie schließlich ergriff, wirbelte nicht nur ihre Gedankenwelt durcheinander, sondern entband sie auch von jeglicher Sinnhaftigkeit der ihr zur Verfügung stehenden Worte mitsamt der Strukturen, mit denen sie diese üblicherweise miteinander in Verbindung setzte.

In diesem Zustand der Verwirrung beschleunigte sich ihre Atemfrequenz und begleitet von heftiger Übelkeit blieb ihr keine andere Möglichkeit sich Erleichterung zu verschaffen, als dass sie seitenlanges übelstes Kauderwelsch kanalisiert über ihre Schreibhand mittels eines Kugelschreibers in ihr Notizbuch erbrach. Wellenartig verschaffte ihr dies Erleichterung, bis der Schreibfluss nach einer Weile allmählich schwächer wurde, schließlich abklang und sie erschöpft zurück ließ. Übrig blieben von alledem nur etliche vollgeschriebene Seiten und eine sanfte Schweißperle, die ihr beinahe unscheinbar von der Stirn tropfte, ein weiteres Wort ihrem Gedächtnis entriss und es für alle Zeiten unwiederbringlich mit sich nahm.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Affe, neu, blockieren.

Schreibtisch mit Aussicht – Ilka Piepgras

Schreiben kann Spaß machen und erfüllend sein, aber es ist auch harte Arbeit und es ist Synonym für allerhöchste Konzentration – unabhängig vom Geschlecht. Bislang sind jedoch Werkstattberichte von schreibenden Frauen rar. Dieses Buch versammelt nun erstmals Beiträge über die Schnittstelle von Leben und Kunst. Es feiert die Vielfalt und Größe schreibender Frauen. Was bringt Schriftstellerinnen dazu, zu schreiben? Womit kämpfen sie im Alltag, was beflügelt sie, was lässt sie dranbleiben? Es geht um das Glück des Schreibens und um dessen Preis, es geht um Routine und Rituale, um Vorbilder und Verzicht. 24 bedeutende Schriftstellerinnen erzählen davon auf ihre sehr persönliche Weise. Als ich vor kurzem auf dieses Buch stieß, war mir gleich klar, dass ich es unbedingt lesen wollte.

Zum einen interessierte mich, was die Schriftstellerinnen über ihren Beruf, beziehungsweise ihre Berufung, zu erzählen haben und zum anderen wollte ich dadurch kleine Kostproben ihres Schreibens und Denkens erhalten, die mir vielleicht sogar Lust auf ihre Bücher machen sollten. Denn tatsächlich las ich bisher erst Bücher von Elfriede Jelinek, Katharina Hagena und Hilary Mantel. Anne Tyler, Eva Menasse, Elif Shafak, Mariana Leky, Siri Hustvedt, Joan Didion, Antonia Baum, Kathryn Chetkovich, Terézia Mora, Deborah Levy, Nicole Krauss, Zadie Smith, Leila Slimani, Elke Schmitter, Sibylle Berg, Olivia Sudjic, Elizabeth Strout, Jennifer Egan, Meg Wolizer und Sheila Heti waren mir zum Teil zwar namentlich ein Begriff, aber ansonsten konnte ich sie hier gänzlich neu für mich entdecken. Und genau das mochte ich sehr.

„Doch ist das Thema letztlich egal, ein gutes Buch ist ein gutes Buch, es spricht auf eine universelle Art zu uns, es verwickelt uns, lässt uns zweifeln und nachdenken, es macht uns hungrig und glücklich, niemals satt. Wenn es jemand anderer geschrieben hat, erkennen wir das ganz genau. Aber wie zum Teufel macht man es selbst?“

(S.33, Eva Menasse)

Als begeisterte Leserin und jemand, der hobbymäßig schon mal ein wenig geschrieben hat, war es für mich spannend zu erfahren, wie die Autorinnen zum Teil um die Entstehung ihrer Bücher kämpfen, mit sich hadern oder völlig darin aufgehen.

„Seitdem wird jeder meiner Romane von einer professionellen Übersetzerin ins Türkische übersetzt, wonach ich mir das Manuskript vornehme und es mit meinem eigenen Wortschatz und Rhythmusgefühl umschreibe. Falls der Umweg verrückt klingt, dann, weil er es ist. Ich brauchte fast doppelt so viel Zeit, um über Redewendungen, Sätze und Wörter nachzudenken, die nicht übersetzbar sind. Also pendle ich zwischen Englisch und Türkisch, zwei Sprachen, die so unterschiedlich sind wie Rotwein und Kefir. Eine Sprachnomadin zu sein ist zwar eine Herausforderung, aber es hilft mir, mich als Geschichtenerzählerin zu behaupten, und gibt mir zusätzliche geistige Flexibilität, Freiheit der Rede und ein Gefühl der Vernetzung, das nicht von nationalen Grenzen eingeschränkt wird.“

(S. 47,  Elif Shafak)

Aber auch wie sie diesen Prozess entzaubern, indem sie von einem Alltagsleben berichten, in dem das Schreiben zwar ein unentbehrlicher Bestandteil des Lebens ist, der aber an manchen Tagen vor allem dadurch glänzt, dass er für ein Einkommen sorgt. Und so schwanken die einzelnen Erzählungen zwischen Verzauberung fürs Schreiben, in denen man sich als Büchernarr und Hobbyschreiberling verlieren kann und kaum hinterher kommt, die Stellen, die einen in irgendeiner Form berühren oder einem gefallen, weil sie gut und treffend formuliert sind, zu markieren. Aber andererseits entmystifizieren sie auch die Schriftstellerinnen als Menschen, die mit dem ganz normalen Alltag zurecht kommen müssen und schreibend „die zarten Schmetterlinge ihrer persönlichen Erfahrungen bewahren, aufspießen und der ewigen Wertschätzung darbieten lassen“, wenn sie nicht „die Praxis des Schreibens immer vor allem als Flucht aus dem Ich sehen, nicht als Weg es zu erforschen“ (S. 188,  Zadie Smith).

Ebenso unterschiedlich wie die Schriftstellerinnen, sind natürlich auch die Texte, die in diesem Buch von ihnen zu lesen sind. Von Ausufernd bis kurz und knapp ist vieles zu finden. So erhält man kleine und große Einblicke, die mal mehr und manchmal auch etwas weniger begeistern. Insgesamt ist dies jedoch ein Buch, in dem Schriftstellerinnen über ihr Leben schreiben, das zu lesen ich sehr genossen habe und denjenigen, die sich für die Thematik interessieren, sehr empfehlen kann.

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Ilka Piepgras (Hrsg)
Schreibtisch mit Aussicht: Schriftstellerinnen über ihr Schreiben
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 288 Seiten
ISBN: 978-3036958262
Preis: 23,00 € [D]
Verlag: Kein & Aber
Erschienen: 03.11.2020

Kreativität – Melanie Raabe

Von Melanie Raabe las ich bislang zwei Thriller („Die Falle“ und „Die Wahrheit„), die mir sehr gut gefielen und einen („Die Wälder„), den ich nicht so gelungen fand. Die Autorin selbst habe ich in Interviews als sympathische quirlige Person kennengelernt und war daher neugierig, als ich von ihrem neuen Buch, dieses Mal einem Sachbuch, erfuhr. Darin beschäftigt sie sich mit der „Kreativität“ – einem Thema, das mich seit einiger Zeit ebenfalls intensiver in Beschlag nimmt und dem ich daher besonders aufgeschlossen und neugierig gegenüber stand. Gleichzeitig erfuhr ich auch von dem Podcast „Raabe & Kampf“, den sie gemeinsam mit Laura Kampf betreibt und bei Kaffee und Kölsch über Kunst, Kreativität, das Freiberuflerinnendasein und alles, was das mit sich bringt, spricht. Ich hörte mir einige Folgen des Podcasts an und mochte ihn zwar, aber ich merkte auch, dass ich es lieber mag Melanie Raabe zu lesen, als ihr zuzuhören. Deshalb entschied ich mich schließlich doch für das Buch.

Erwartet habe ich ein Buch, das mich ein wenig in Kreavitätstheorie schult und mein im Laufe der Jahre ins Vergessen geratene Wissen rund um Techniken und Strategien auffrischt und ergänzt. Das habe ich in groben Zügen auch erhalten, aber Melanie Raabe hat ihren ganz eigenen Umgang mit dem Thema und fasst den Rahmen noch viel weiter, denn Kreativität ist eine Lebenseinstellung.

„Wenn wir uns unser Leben als Kunstwerk vorstellen, das es zu gestalten gilt, dann nehmen wir allem gegenüber einen künstlerischen Blick ein. Wenn wir aufmerksam und mit einem Blick für Schönes und Interessantes durch die Welt gehen, dann begegnet es uns überall.“

(S. 28/29)

Kreativität hilft uns dabei, die Herausforderungen des Lebens zu meistern, im Großen wie im Kleinen. Die Autorin erklärt, weshalb wir alle auf unsere ganz persönliche Weise kreativ sind und wie wir die Inspiration finden, um auf das zu stoßen, was uns im Innersten ausmacht und weiterbringt. Dabei geht es um Mut und Beharrlichkeit, Leichtigkeit und Durchhaltevermögen, um Originalität und Schnapsideen, um Produktivität und Prokrastination, ums Scheitern und vor allem: ums Weitermachen, auch wenn ein rauer Wind weht.

Unterteilt ist das mit kleinen geschmackvollen Illustrationen von Inka Hagen versehene Buch in sieben Kapitel, deren sprechende Namen einen kleinen Einblick in die Inhalte geben:

  1. Das Kapitel, in dem wir uns anschauen, was Kreativität eigentlich ist – und wie sie unser Leben schöner und reicher macht
  2. Das Kapitel, in dem du herausfindest, dass auch in dir ein kleines Genie steckt
  3. Das Kapitel, in dem wir uns gemeinsam auf den Weg in ein kreativ(er)es Leben machen
  4. Das Kapitel, in dem wir uns mit allen Dingen beschäftigen, die unsere Kreativität hemmen
  5. Das Kapitel, in dem wir uns anschauen, wie kreatives Wachstum aussieht – und weshalb der Weg ohnehin das Ziel ist
  6. Das Kapitel, in dem wir uns Gedanken darüber machen, wie professionelles kreatives Arbeiten für uns aussehen könnte, sollten wir unser Hobby zum Beruf machen
  7. Das Kapitel, in dem wir uns mit kreativem Ausdruck jenseits des Künstlerischen befassen und lernen, dass Not erfinderisch macht

Dabei führt Melanie Raabe meist Beispiele aus ihrem eigenen kreativen Schaffen und Leben als Autorin an. Für mich sind diese Ausflüge in ihr Schriftstellerinnenleben sehr interessant, weil ich sie als Person mag und darüber hinaus selbst eine gewisse Freude beim Schreiben empfinde. Oft fühlte ich mich beim Lesen an meine Teilnahme am NaNoWriMo im vergangenen November und dem damit verbundenen Ziel in einem Monat ein Buch zu schreiben erinnert. So konnte ich einiges nachvollziehen und mit vielem etwas anfangen, auch wenn ich ein wenig das Gefühl hatte, hier einen autobiografischen Schreibratgeber zu lesen. Damit hatte ich in der Form nicht gerechnet. Aber auf der Rückseite des Buches ist auch vermerkt, dass dieses Buch ihr bisher persönlichstes ist und daher ist es wohl auch zu erwarten, dass Melanie Raabe aus dem Kreativitätsfundus berichtet, der ihr zu eigen ist. Nichtsdestotrotz spannt sie zwischendurch auch den Bogen zu vielen anderen Möglichkeiten des kreativen Ausdrucks und es gelingt mir einen Zusammenhang auch zu anderen mich momentan eher betreffenden kreativen Bereichen herzustellen, die nicht unbedingt mit dem Schreiben zu tun haben.

Der Schreibstil von Melanie Raabe ist lebendig, unterhaltsam und unglaublich motivierend, so dass man noch beim Lesen das Bedürfnis verspürt sich unbedingt auf seine ganz eigene Art und Weise kreativ austoben zu müssen. Ein inspirierendes Buch, das zu lesen ich sehr genossen habe.

„Wenn wir akzeptieren, dass wir noch viel zu lernen haben, dass wir Fehler machen und vielleicht kritisiert werden, wenn wir begreifen, dass wir womöglich niemals Perfektion erreichen werden, dann wird der Weg frei für etwas anderes, Besseres: für Spaß an der Sache. Für Freude am Tun. Für Flow. Und genau da liegt der eigentliche Lohn kreativer Arbeit. Der Lohn ist der Prozess, nicht der Applaus, der vielleicht irgendwann folgt.“

(S. 55)

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Melanie Raabe
Kreativität
Wie sie uns mutiger, glücklicher und stärker macht
Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten
durchgehend illustriert, zweifarbig
ISBN: 978-3-442-75892-0
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: btb
Erschienen: 02.11.2020

abc.etüden: Weichmutmacher

Gut ein halbes Jahr hatte sie sich informiert und alles an Wissen begierig in sich aufgesogen, von dem sie meinte, dass es wichtig für sie sein könnte. Vielleicht hatte es auch erst vor drei Monaten begonnen, so ganz genau konnte sie das inzwischen nicht mehr festmachen. Aber es gab einen Auslöser und wenn man ganz genau hinsah und noch weiter zurück blickte, dann gab es sogar Vorkommnisse und Begebenheiten in den vergangenen zwanzig Jahren, die sich nun wie Puzzleteilchen zu einem großen Ganzen zusammenfügten. Plötzlich passte alles und es schien nur eine logische Konsequenz zu sein, dass sie zum jetzigen Zeitpunkt genau das tat, wozu sie sich nach vielen Überlegungen und einer scheinbar endlosen Vorbereitungsphase entschieden hatte.

Dabei hätte sie manches Mal Zetermordio schreien können, bei dem, was ihr in all diesen Jahren geschehen war. Kaum zu glauben, dass dies zu irgendetwas gut gewesen sein soll. Denn all das hatte sie auch für das Leben zu weichmütig gemacht. Ihr fehlte die nötige Härte um den ganz normalen Wahnsinn des Alltags durchzustehen. Und so hatte sie es sich im Laufe der Zeit in ihrem Krankheitskokon gemütlich gemacht. In der geschützten Atmosphäre hatte sie ihr Auskommen gefunden und es ließ sich darin mit den Jahren immer besser leben. Aber in all ihrer Weichmütigkeit hatte sie dennoch immer auch einen Blick nach draußen gewagt um zu schauen und zu lernen, welche Zutaten andere Menschen verwendeten, um sich trotz widriger Umstände ein schmackhaftes wohlbekömmliches Leben daraus zu backen.

Es war fast schon ein Geschenk gewesen, als sie endlich erkannt und verinnerlicht hatte, dass es die in unterschiedlichsten Formen gelebte Kreativität war, die ihrem Dasein Farbe und Würze verlieh. Und nun würde sie damit nach außen dringen. Ganz behutsam und hoffnungsvoll – aber auch mit einer gewissen Entschlossenheit.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Zetermordio, weichmütig, backen.

Adventüden 2020: Verwunschpunschung

 Dichte gelbliche Nebelschwaden krochen aus der Flasche. Dieses Gebräu war sicherlich nicht mehr gut. Vorsichtig fächelte sie sich etwas von dem Nebel zu, um daran zu riechen. Der Geruch erinnerte entfernt an Mango, Katzenklo und Leberwurst. Sie schüttelte sich. Trinken würde sie das Zeug sicherlich nicht, auch wenn der Aufdruck »Wunschpunsch« einfach verlockend klang und sie sich sehr darüber gefreut hatte, als sie die kleine Flasche am Nikolausmorgen überraschend in ihrem Stiefel vor der Wohnungstür gefunden hatte.

Sie hatte sich vorgestellt, dass der gut aussehende neue Nachbar von gegenüber ihr dieses nette Geschenk gemacht hatte. Abends hatte sie sich allein auf dem Sofa in ihre Kuscheldecke eingemummelt und ein Stück ihres geliebten Käsekuchens genossen, während sie sich endlosen Träumereien eines Kennenlernens, Sichverliebens und Glücklichseins hingab.

Doch was ihr der Wunschpunsch nun offenbarte, war eher ernüchternd und verursachte bei ihr einen leichten Würgereiz. Inzwischen brodelte die Flüssigkeit leicht und der entweichende Dunst verfärbte sich ins Grünliche. Beängstigend, wie viel davon so einer kleinen Flasche entfliehen konnte. Jetzt wurde sie hektisch. Die Brühe musste so schnell wie möglich raus aus ihrer Wohnung. Wer wusste, was sie da einatmete! Sie öffnete die Balkontür, zog sich schnell ein Paar Einweghandschuhe über und trug vorsichtig die Flasche, die sich bereits leicht erwärmt hatte, hinaus auf den Balkon. Dort nahm ganz allmählich das Brodeln ab und auch der Nebel lichtete sich.

Am nächsten Tag kippte sie enttäuscht den Wunschpunsch in den Abfluss und hörte nicht, wie er leise das Lied des mit Füßen getretenen Glücks und der verpassten Gelegenheiten summte.


Verwunschpunschung“ erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von Irgendwas ist immer. Für den Text durfte ich maximal 300 Wörter verwenden und es mussten (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe vorkommen: Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel.