#WritingFriday: Geisterjäger

Es war ruhig in der Wohnung, das heißt, noch war es ruhig, denn auch wenn seine Menschen noch schliefen, war es doch genau die richtige Zeit für den ersten Frühsport. Trix blinzelte noch etwas verschlafen, legte kurz seine spitzen Ohren an und streckte sich genüsslich. Das war gar nicht so einfach für den dreibeinigen rotgetigerten Kater, aber er hatte von klein auf gelernt seinen Körper genau so auszubalancieren, dass er die wohltuende Streckung erreichte. Dann sprintete er auch schon los, hechtete durch alle Räume und kippte voller Überschwang auch schon mal um. Aber immer rappelte er sich wieder auf. Er musste die bösen Geister vertreiben, die seine Menschen im Schlaf beschlichen und versuchten, ihnen die Kraft für den bevorstehenden Tag zu rauben. Natürlich wichen die Geister Trix aus, aber er gab nicht auf und warf gelegentlich sogar mit seinen Fellmäusen nach ihnen. Das ergab meist ein fröhliches Glöckchengeklingel, wenn sie ihr Ziel durchquerten und anschließend auf dem Boden oder gegen irgendwelchen Schränken landeten.

Eine anstrengende und erschöpfende Aufgabe, die der kleine rote Wächter über die Geisterwelt sich auferlegt hatte und der er in jeder Nacht nachkam, so gut er konnte. Und jede Nacht gönnte er sich nur kleine Pausen und war froh, wenn die Morgendämmerung hereinbrach, weil seine Menschen allmählich erwachten. Dann war auch die Zeit für sein Frühstück gekommen, das er immer lautstark einforderte, auch wenn er sich sicher sein konnte, dass seine Menschen es ihm gerne mit freundlichen Worten und einem Lächeln im Gesicht servierten, weil sie ihm für seine nächtliche Arbeit dankbar waren. Sie zeigten ihm dies auch mit zahlreichen Streicheleinheiten, die er während des Tages bekam und die er meist mit einem wohligen Schnurren quittierte. Einfach weil er es mochte, wenn seine Menschen dann einen ganz zärtlichen Gesichtsausdruck bekamen und ihre Augen liebevoll glänzten.

Doch auch im Kampf gegen die Geister des Tages war Trix eine wirkungsvolle Wunderwaffe. Der kleine Kater bemerkte immer sofort, wenn sie von seinen Menschen Besitz ergriffen. Meist waren diese dann angespannter als sonst oder aber so erschöpft, dass sie sämtlicher Lebensenergie beraubt schienen. Dann legte er sich auf seine Menschen, schloss die Augen und meditierte. Er selbst kam dabei wieder zur Ruhe und konnte viel von der beinahe unerschöpflichen Kraft weitergeben, die ihn dann durchströmte. Das genoss er so sehr, dass er manchmal ein wenig dabei sabberte. Seine Menschen brachte das meist zum Lachen. Für ihn ein untrügliches Zeichen dafür, dass seine Bemühungen wieder einmal erfolgreich gewesen waren.

Irgendwann hatten seine Menschen überlegt, Trix durch eine Prothese sein fehlendes Beinchen zurückzugeben. Aber das hätte dieses perfekte kleine Katzenwesen verstümmelt.


Beim #WritingFriday im August wird aus den vorgegebenen Schreibthemen jeweils eines ausgewählt und Freitags veröffentlicht. Dieses Mal: „Berichte aus dem Alltag von Trix, einer dreibeinigen roten Katze mit einem verblüffenden Talent.“

Schreiben über mich selbst – Hanns-Josef Ortheil

Mein ganz persönliches Thema ist immer noch das autobiografische Schreiben, das mir dabei hilft mich zu erinnern und meine ganz subjektiven Erinnerungen in Dateien zu konservieren, um mich von der Sorge des Verblassens von Erinnerungen oder womöglich des Vergessens zu befreien. Was als eine Form der Trauerarbeit begann, hat sich zu etwas Schönem weiter entwickelt. Zu dem Schwelgen in Erinnerungen und der Erkenntnis, dass ich doch mehr erlebt und zu erzählen habe, als ich manchmal meine. Es ist ein kleines Archiv von ganz privaten Lebenstexten entstanden, die nur für mich bestimmt sind und von denen ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich sie später einmal vererben oder doch lieber verschlüsselt dem Nirwana übergeben möchte.

Nachdem ich bereits „Schreiben dicht am Leben“ von Hanns-Josef Ortheil gelesen hatte, wollte ich mehr Schreibinspirationen von diesem Autor zum autobiografischen Schreiben erhalten und kaufte mir auch „Schreiben über mich selbst“ aus der Duden-Reihe „Kreatives Schreiben“. Der Klappentext meint über dieses Buch: „Ein Schreibverführer neuen Typs: die literarische Schreibwerkstatt als Meisterkurs. Kein Lehrbuch mit Geboten und Regeln, sondern ein breites Spektrum kreativer Ansätze zum Ausprobieren! Dieser Band verführt zum Schreiben über sich selbst. Es gilt, Kindheitserinnerungen, Selbstbeobachtungen, prägende Erlebnisse und Lebensabschnitte bis hin zu längeren autobiografischen Texten über Herkunft und Familie niederzuschreiben.“

Enthalten sind in diesem Buch Ausführungen zum autobiografischen Schreiben neben zahlreichen Herangehensweisen, Beispielen und Schreibübungen. Sie erreichen mich, sind inspirierend und machen Lust darauf, sie gleich auszuprobieren. Gleichzeitig bemerke ich inzwischen an mir eine zunehmende Offenheit, Bereitschaft und Freude daran, nebenbei auch fiktive Texte zu verfassen. Es ist fast so, als hätte ich mich erst ein wenig frei schreiben müssen, um fantasieren zu können. Ein gutes Gefühl.

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Hanns-Josef Ortheil
Schreiben über mich selbst
Spielformen des autobiografischen Schreibens
Gebunden mit Lesebändchen, 160 Seiten
ISBN: 978-3-411-75437-3
Preis: € (D) 14,95
Verlag: Duden
Erschienen: 07.10.2013

erLESENer Juli

Im Lesemonat Juli füllte ich Notizbücher, beobachtete die Liebesgeschichte von Paul und Susan aus sicherer Entfernung, philosophierte übers Fotografieren und landete im Gulag.

Bücherwelten – eben noch verträumt oder mit dem Hobby beschäftigt und dann auch schon inmitten einem der großen Verbrechen in der Weltgeschichte.

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Schreiben dicht am Leben von Hanns-Josef Ortheil
Es geht ums Notieren und um Notate, um darum, was sie können und wozu sie literarisch werden können. Eine nette inspirierende Lektüre zu meiner momentanen Notierlaune.

Die einzige Geschichte von Julian Barnes
Eine Liebesgeschichte zwischen einem 19jährigen und einer 48jährigen, die in den 1960erJahren beginnt und bis zum Ende erzählt wird. Beeindruckend und nahe gehend durch die intensive und lebenskluge Erzählsweise mit Ausflügen ins Philosophische.

Über Fotografie von Susan Sontag
Essays, die sich mit meinem Hobby „Fotografie“ beschäftigen und mir neue Sichtweisen auf dieses Thema eröffnen konnten. Insgesamt ein interessanter Ausflug in die Geschichte und die Philosophie der Fotografie.

Klara vergessen von Isabelle Autissier
Ein Generationenroman, der einen in die Zeit Stalins mitnimmt, als Menschen willkürlich inhaftiert und in Gulags verschleppt wurden. Erschütternd und doch durch die Naturbeschreibungen und das Zwischenmenschliche wunderbar und mit Wohlfühlmomenten erzählt.

Schreiben dicht am Leben – Hanns-Josef Ortheil

„In jedem Menschen existiert ein großer, noch unentdeckter Text. Diesen im Ganzen dunkel bleibenden Text gilt es zu entziffern. Das tägliche Schreiben versucht genau eine solche Entzifferung, in kurzen Schreibanläufen, die kleine Fragmente von Schrift produzieren.“ (S. 139)

Nachdem ich „Leben, Schreiben, Atmen“ von Doris Dörrie vor einem halben Jahr gelesen und an ihrem kostenlosen Workshop „Schreiben hilft! Dir auch?“ bei der Bürgerakademie teilgenommen habe, schreibe ich mehr oder weniger regelmäßig. Es handelt sich um Erinnerungen an Vergangenes, Schönes und nicht so Schönes, aber auch Gedanken über aktuelle Geschehnisse oder Menschen, die mir mal mehr und manche auch weniger am Herzen liegen oder die ich bereits verloren habe. Das Schreiben tut mir gut und half mir vor allem dabei, mit meiner Trauer umzugehen. Inzwischen schreibe ich auch einfach wieder aus Spaß an der Freud‘, setze mich an den Rechner, stelle den Timer auf 10 Minuten, finde ein Thema und los geht es. Stromlastig, ganz privat, ohne Anspruch auf Perfektion. Vor allem aber ganz egoistisch nur für mich.

„In dieser Stunde der Freiheit war alles erlaubt, wenn es nur spontan war und später nicht wieder aufgenommen wurde. Es durfte kurz oder lang sein, hitzig oder kalt, böse oder gut. Da es nie wieder gelesen wurde, musste man sich nicht schämen, wenn es in seiner Offenheit vielleicht peinlich oder wenn es nicht ganz klar war. Die redliche Überzeugung, dass ich diese Dinge nur für mich niederschrieb, einfach um am Leben zu bleiben und nicht zu ersticken, beließ ihnen ihre Unmittelbarkeit. (Elias Canetti: Aufzeichnungen 1942-1948, S. 7/8)“ ( S. 104)

Manchmal war es jedoch auch so, dass ich zwar Lust zu Schreiben hatte, mir aber spontan kein Thema einfallen wollte. Das brachte mich dazu in meinem Handy-Notizbuch aufzuschreiben, wann immer ich etwas Interessantes oder Bemerkenswertes aufschnappte oder las. Ich mache das mit der App Evernote, die ich in der kostenlosen Version auf Smartphone und Rechner installiert habe, weil ich so auf die Inhalte auf beiden Geräten zugreifen kann. Enorm praktisch, denn Notizbücher liebe ich zwar, besonders die kunstvoll gearbeiteten in Leder gebundenen, wie man sie auch auf Mittelaltermärkten kaufen kann, habe sie aber erfahrungsgemäß nie dabei, wenn ich sie gerade brauche. Tausendsassa Handy dagegen schon.

26_Schreiben dicht am Leben

Und weil ich seit einiger Zeit eifrig notiere und schreibe, interessiert mich auch alles Theoretische, das ich übers Schreiben finden kann. Dabei stieß ich auf „Schreiben dicht am Leben“ von Hanns-Josef Ortheil. Laut Klappentext verführt dieser Band zum Notieren und Skizzieren. Es gilt, rasch und ohne Mühe etwas festzuhalten, dem plötzlichen Schreibimpuls ohne Umwege zu folgen oder ein Detail des Lebens in Erinnerung zu behalten. Das 160 Seiten starke Büchlein zeigt, dass und warum Notieren eine Kunst sein kann, und macht mit einigen der besten Notierer unter den Schriftstellern der Welt bekannt.

Enthalten sind Textprojekte und Schreibaufgaben wenn man lernen möchte, gut und präzise zu notieren. Es beginnt mit Methoden des ‚elementaren Notierens‘, wie sie vor allem von Schriftstellern des 20. und 21. Jahrhunderts entwickelt worden sind. Im zweiten Teil geht es um das ‚bildliche Notieren‘, also darum, wie man mithilfe von Notaten einen Menschen porträtiert, Bilder zeichnet, Skizzen entwirft oder einen Film gestaltet. In der dritten Abteilung geht es um das Notieren von Emotionen und Passionen abseits von Tagebuchnotaten und damit in einer eigenen Struktur und Kunstform. In der vierten Abteilung dieses Büchleins zeigen vier Schriftsteller des 18. und 20. Jahrhunderts, wie man seit den Zeiten der Moderne mit den traditionellen Verfahren von Exzerpieren, Kommentieren und Reflektieren umgeht und sie erweitert. Auch dabei entstehen ganz neue und vorher nicht gekannte literarische Formen: das Sudelbuch, das Forschungsprojekt, der Feldforschungsbericht und das Denkbuch.

„Man soll seinem Gefühl folgen und den ersten Eindruck, den eine Sache auf uns macht, zu Wort bringen. Nicht als wenn ich Wahrheit so zu suchen riete, sondern weil es die unverfälschte Stimme unserer Erfahrung ist, das Resultat unserer besten Bemerkungen, da wir leicht in pflichtmäßiges Gewäsch fallen, wenn wir erst nachsinnen.“ (Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher I, S. 441)“ (S. 123)

Insgesamt zielen all diese Schreibaufgaben und Präsentationen von Schreibwerkstätten im Grund noch immer auf das handschriftliche Notieren und Skizzieren. Natürlich ist es aber auch leicht möglich, den Computer oder Laptop für ein solches Notieren zu nutzen. Da „Schreiben dicht am Leben“ zu der Reihe „Kreatives Schreiben“ gehört, wurden alle Formen des Notierens und Skizzierens in Tagebüchern oder im Rahmen der neuen Medien nicht aufgenommen. Diese findet man in „Schreiben Tag für Tag“ von Christian Schärf oder in „Schreiben unter Strom“ von Stephan Porombka.

„Schreiben dicht am Leben“ fand ich sehr interessant, weil es mir die verschiedenen Arten des Notierens aufzeigt. So unterschiedlich diese sind, so zugänglich und weniger zugänglich sind auch die Texte und Erklärungen dazu. Für meine Art des Notierens hätte ich dieses Buch nicht gebraucht, fand es aber dennoch bereichernd, weil mir die Beschäftigung mit der Thematik Freude gemacht hat. Außerdem trägt neuerdings eines meiner Evernote-Notizbücher den stilvollen Namen ‚Sudelbuch‘. Georg Christoph Lichtenberg möge mir diesen geistigen Diebstahl verzeihen. Die Bezeichnung ist einfach großartig und so zutreffend 🙂

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Hanns-Josef Ortheil
Schreiben dicht am Leben
Reihe: Kreatives Schreiben
Gebunden, 160 Seiten
ISBN: 978-3-411-74911-9
Preis: 14,95 € 
Verlag: Duden
Erschienen: 01.09.2011

Der Freund – Sigrid Nunez

Aufgefallen war mir das Buch bereits mehrfach auf Instagram und weil es ebenfalls lobend in einigen Literatursendungen erwähnt wurde. Als ich „Der Freund“ dann kürzlich bei Spotify als Hörbuch entdeckte, wollte ich eigentlich aus Neugier ’nur mal kurz reinhören‘ – außerdem war ich gerade in der Laune für eine ‚Tiergeschichte‘, denn dafür hielt ich dieses Werk von Sigrid Nunez eigentlich. Doch dann kam ich so schnell nicht mehr davon los, denn dieser Roman begeisterte mich auf mehreren Ebenen.

17_Der Freund

Erwartet hatte ich eine unterhaltsame leicht skurrile Geschichte rund um eine Frau, die ein kleines Apartment in der Stadt bewohnt, wo Hundehaltung verboten ist und die nach dem Selbstmord ihres besten Freundes seine 80 kg schwere Dogge erbt. Aber dieser Roman enthält so vieles mehr. Denn geschrieben ist er aus der Sicht der Ich-Erzählerin, die ihren verstorbenen Freund immer wieder in der Du-Form anspricht und so auf ihre ganz eigene Art Trauerarbeit zu leisten scheint. Sie teilt ihm ihr Denken übers Leben und Sterben, über Hunde und Menschen und über Klatsch und Tratsch aus Literaturbetrieb mit, aus dem die beiden Autoren und Dozenten von Creative-Writing-Kursen stammten.

Es ist ein Buch, das für den Leser eine besondere Überraschung bereit hält, aber es ist auch bestimmt von Trauer und Verlust. Es hat etwas Rührendes, dass die um den Freund trauernde Frau mit dem ebenfalls trauernden Hund zusammen kommt. Aber es wird nicht zu rührselig, sondern auf zurückhaltende Weise amüsant, da die Ich-Erzählerin eine recht pragmatische Art im Umgang mit dem Tier hat und über einen leisen trockenen Humor verfügt. Auch ist es unterhaltsam ihren Gedanken und Ausführungen übers Lesen und übers Schreiben zu folgen. Dabei ist das Buch mit so vielen Literaturzitaten gespickt, dass es mir fast ein wenig zu viel wurde. Aber nur fast, denn eigentlich habe ich an dieser Stelle deutlich das große Manko gespürt, das das Hören gegenüber dem Lesen von Büchern hat. Dieser Roman zeigt sicherlich seine ganze Stärke, wenn man ihn in seinem eigenen Tempo liest und sich dabei so manchen Satz oder so manches Zitat genüsslich auf der Zunge zergehen lassen und überdenken kann. Denn das hat mir tatsächlich gefehlt, auch wenn dieses Hörbuch nicht nur stimmlich gut passend, sondern auch ansonsten hervorragend von Vera Teltz eingesprochen wurde.

Und so kann ich nicht umhin mir diesen Roman nun doch als Buch zuzulegen, um dann in Kürze den gedankenreichen Ausführungen der Autorin noch einmal ganz in Ruhe folgen zu können. Für mich schon jetzt ein Highlight!

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Der Freund
Sigrid Nunez
Aus dem Englischen von Anette Grube
Original: The Friend
Sprecher: Vera Telz
Spieldauer: 5 Stunden 22 Minuten
Ungekürztes Hörbuch
Preis: 14,99
Erscheinungsdatum: 07.04.2020
Sprache: Deutsch
Anbieter: Aufbau Audio

Leben, schreiben, atmen – Doris Dörrie

„Wenn wir darüber nachdenken, was wir so denken, schämen wir uns schnell. Und wenn wir uns schämen, können wir schlecht schreiben. Wofür schämen wir uns? Wir schämen uns, dass wir uns anmaßen, über uns selbst zu schreiben, wir schämen uns für unser kleines Leben, für unsere Unzulänglichkeiten, unsere Lügen, unsere enttäuschten Erwartungen an das Leben und an uns selbst. Dieser Scham entkommt man nur, indem man nicht nachdenkt, sondern weiterschreibt…“

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Doris Dörrie studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm „Kirschblüten und Dämonen“) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Sie lebt in München, unterrichtet dort an der Filmhochschule „creative writing“ und gibt immer wieder Schreibworkshops.

Mit „Leben, schreiben, atmen“ lädt sie zum autobiographischen Schreiben ein. Sie gibt Tipps und kreative Anleitungen und macht gleichzeitig vor, wozu sie den Leser ihres Buches auffordert. Zu Beginn jedes Kapitels gibt sie ein Stichwort vor, zu dem sie auf überaus sympathische Weise über ihr Leben plaudert. Manchmal kommt Doris Dörrie dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber das ist durchaus gewollt und wohl auch ein natürlicher Effekt, wenn man frei von der Leber weg schreibt. Sie macht dem Leser vor, wie es geht und gibt am Kapitelende knappgehaltene Erklärungen und Tipps. Und weil sie Lockerheit beim Schreiben in ihren autobiographischen Texten vormacht und ihre Ratschläge nicht dogmatisch daherkommen, fühlt man sich tatsächlich auch in der Lage dazu, ihren anschließenden Aufforderungen zum Schreiben nachzukommen.

So musste ich mich zurückhalten um nicht gleich loszulegen, weil ich das Buch so motivierend empfand. Doch wollte ich es erst zuende lesen, denn „Leben, Schreiben, Atmen“ ist kein Schreibratgeber im eigentlichen Sinne. Das Buch liest sich flüssig und die Autorin versteht es, Dinge aus ihrem Leben zu formulieren und so zu beschreiben, dass sie anschaulich sind und berühren. So erfährt man nach jedem Stichwort immer ein wenig mehr aus ihrem Leben, so dass sich am Ende ein ehrliches und authentisches Gesamtbild ergibt, auch wenn die Fragmente nicht in einer zeitlichen Reihenfolge und recht sprunghaft erzählt sind. Gleichzeitig erinnert man sich an Vergangenes und füllt die Stichworte bereits gedanklich mit eigenen leichtgewichtigen oder schwermütigen Inhalten, selbst wenn man es nicht gleich nach Abschluss des jeweiligen Kapitels niederschreibt.

„Der Schreibmuskel ist ein Muskel, der verkümmert, wenn man ihn nicht trainiert“, so Doris Dörrie. „Leben, Schreiben, Atmen“ ist inspirierend und macht Lust darauf, gleich mit dem Training zu beginnen.

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Doris Dörrie
Leben, schreiben, atmen – Eine Einladung zum Schreiben
Hardcover Leinen, 288 Seiten
ISBN: 978-3-257-07069-9
Preis: € (D) 18.00 / sFr 24.00* / € (A) 18.50 * unverb. Preisempfehlung
Verlag: Diogenes
Erschienen: 1. September 2019

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Deutsch für junge Profis – Wolf Schneider

Ich bin weder jung noch ein Profi, aber wie man gut und lebendig schreibt interessiert mich und das möchte ich gerne können. Wohl aus genau diesem Grund ist irgendwann dieses Buch bei mir eingezogen und doch erstmal auf dem Stapel ungelesener Bücher gelandet – für eine lange Zeit. Immerhin war ja der gute Wille da. Dabei verspricht der Klappentext eine lehrreiche, anschauliche und durchaus unterhaltsame Lektüre. Als ich das Buch kürzlich eher zufällig wieder zur Hand nahm und ein wenig darin herumblätterte, las ich mich gleich fest.

„Mit perfekter Grammatik lassen sich die scheußlichsten Sätze zimmern – in akademischen, bürokratischen und vielen journalistischen Texten täglich nachzulesen. Auf der Basis der korrekten Grammatik muss ich eine Kunst erlernen, die in der Schule ignoriert worden ist: wie man für Leser schreibt.“ (S. 9)

28_Deutsch für junge Profis

In 32 Kapiteln will Wolf Schneider, Deutschlands renommiertester Stilkritiker und Ausbilder an mehreren Journalistenschulen, den Leser dazu bringen, dass er die „Heerschar der Einfach-drauflos-Schreiber ebenso hinter sich lässt wie die verkorksten Germanisten“. Seine Lektionen sind unterhaltsam und führen so manchen weitverbreiteten Sprachgebrauch ad absurdum. Er möchte den Leser, beziehungsweise den Schreiber, zum klaren, verständlichen Deutsch anhalten und zeigt, wie man mit Kommas und anderen Satzzeichen „Musik“ macht.

Erschienen ist das Buch zwar bereits 2011, aber was ein guter starker Satz ist – das hat sich in tausend Jahren nicht geändert. Es gilt für die Bibel und den Blog, den Zeitungsartikel wie für den Geschäftsbericht. So können die ersten zwei Drittel dieses Buches von den Regeln und Erfahrungssätzen profitieren, die schon Luther beherzigt hat. Denn eines ändert sich nie: Wer schreibt, möchte auch verstanden werden.

Wolf Schneider führt den Leser mit vielen guten und unterhaltsamen Beispielen durch seine Lektionen. Als Bloggerin und bekennende unprofessionelle Einfach-drauflos-Schreiberin fühle ich mich stellenweise ertappt, erkenne aber auch einige Fallstricke, in denen ich mich immer wieder verheddere. So wirkt auch manches eben erst Gelesene bei mir noch nach, will umgesetzt oder aber einfach zugunsten der Unbeschwertheit beim Schreiben oder gar der Lust am Fabulieren verworfen werden. Eine Freiheit, die ich als Nicht-Profi habe – mit allen Konsequenzen.

„Wo aber der Stilwille der Lesbarkeit in die Quere kommt – da muss der Schreiber sich entscheiden: Will ich Gebrauchsprosa liefern oder Literatur? Und wenn diese: Muss das in eigenwilliger, hochgestochener Sprache geschehen – einer anderen also als der von Kafka, Brecht und überhaupt der Mehrzahl aller großen Schreiber deutscher Sprache?“ (S. 178)

Insgesamt hat mir „Deutsch für junge Profis“ von Wolf Schneider großen Spaß gemacht. Es ist ein unterhaltsames und inspirierendes Buch, an dem auch die Leser von Bastian Sicks „Der Dativ ist der Genitiv sein Tod“ Freude haben könnten.

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Wolf Schneider
Deutsch für junge Profis – Wie man gut und lebendig schreibt
Taschenbuch, 192 Seiten
ISBN: 978-3499626296
€ (D) 10.00
Verlag: Rowohlt
Erschienen:  02. Mai 2011

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