#WritingFriday : Geliebtes Balkonien

Geliebtes_Balkonien

Schaute man sich den Grundriss meiner Wohnung an, könnte man ihn für ein kleines Anhängsel halten, das der Architekt noch nachträglich hinzugefügt hat, fast als hätte er es ursprünglich vergessen. Aber auch von außen betrachtet ist er wirklich nicht schön. Wie ein Betongeschwür hängt er schmutzig grau am Haus und es ist fast schon ein Geschenk für die Nachbarschaft, wenn die Bäume im Frühling endlich wieder Blätter tragen und die Sicht von der Straße auf meinen und die anderen Balkone dieses Mietshauses versperren.

Genau dann wird mein Balkon für mich zu einem der wunderbarsten Rückzugsorte der Welt. Das ihn umgebende Grün macht ihn zu einer kleinen geschützten Oase, die sich schnell und unkompliziert gleich durch das Öffnen der Balkontür erreichen lässt. Doch neben dem Grün erwartet einen hier standardmäßig eine in hellem steingrau gestrichene Betonwelt, der ich in den vergangenen Jahren den Kampf angesagt habe. Dazu habe ich den mittig fest eingelassenen Betonkasten noch an beiden Seiten um jeweils einen Blumenkasten ergänzt und dafür gesorgt, dass es hier grünt und blüht und duftet. Denn neben Lavendel und einigen Kräutern, sind auch Blumen, Gräser und eine japanische Lavendelheide dort zu finden, so dass ich an der Bepflanzung das ganze Jahr über Freude haben kann. An der offenen Seite des Balkons habe ich ein Rankgitter angebracht und beobachte freudig, wie der Efeu ganz allmählich für einen immer besseren Sichtschutz sorgt und den betongrauen meines Nachbarn verdeckt.

Perfekt wird das ganze noch dadurch, dass auch die Vögel mein kleines Paradies zu schätzen wissen und ich an der Vogelfutterstation und der kleinen Tränke schon zahlreiche Feld- und Haussperlinge, Meisen, Amseln, Buch- und Grünfinken, Tauben, Rotkehlchen, und sogar Krähen durchs Fenster beobachten konnte. Ich genieße das und freue mich über die Besucher, auch wenn ich dafür in Kauf nehmen muss, dass sie dort manchmal Dinge hinterlassen, auf die ich eigentlich gut verzichten könnte. Doch die Freude, die ich beim Beobachten der Tiere empfinde, wiegt das zusätzliche Putzen auf.

Aber auch ich selbst halte mich gern auf dem Balkon auf. Da ich eine Vorliebe für Gartenmöbel aus Holz habe, lenkt das rotbraun vom Beton ab und macht bestenfalls gemeinsam mit den Holzfliesen auf dem Boden alles gleich ein wenig wohnlicher. Letztere musste ich leider gerade erst entfernen, weil ihnen die Witterung in den vergangenen Jahren zu sehr zugesetzt hatte. Nun blitzt mich wieder der gerade erst frisch gestrichene hellgraue Betonboden an. Ordentlich sieht er aus und besser begehbar ist er auch, aber gefallen will mir diese eiskalte Optik dennoch nicht. Es findet sich bestimmt noch eine anmutigere Lösung, aber hierzu muss erst noch so mancher Gedanke reifen und vielleicht auch der ein oder andere Euro seinen Platz auf der hohen Kante finden.

Dennoch gibt es kaum etwas Schöneres, als den Sommertag mit einem Frühstück auf dem Balkon zu beginnen und dabei dem Gezwitscher der Vögel zu lauschen, die sich manchmal lautstark darüber zu beschweren scheinen, dass ich ihnen IHREN Balkon abspenstig mache. Aber ich kann eben auch ignorant sein und hätte ich dort ein wenig mehr Platz, würde ich mir noch den Luxus einer Holzliege gönnen oder einen ausladenen Liegestuhl aufstellen. Doch für ein bis zwei Gartenstühle mit einer gemütlichen Auflage, einen kleinen Klapptisch, ein gutes Buch und eine leckere Tasse Tee oder Kaffee mitsamt zwei diese Umgebung genießenden Personen ist immer Platz auf meinem Balkon vorhanden. Das weiß ich sehr zu schätzen und halte mich dort auf, wann immer Lust und Laune und natürlich auch das Wetter es zulassen. Das sind kleine wertvolle Auszeiten, Ferien im Hier und Jetzt, die einladen sich zu entspannen und sich auf den Roadtrip zu freuen, der schon seit einigen Jahren für 2021 geplant ist – so Corona will.


Beim #WritingFriday im August wird aus den vorgegebenen Schreibthemen jeweils eines ausgewählt und Freitags veröffentlicht. Dieses Mal: „Sommerferien in der Heimat – erzähle von deinem Lieblings Sommerplatz in der Heimat.“

Etüdensommerpausenintermezzo II-2020: Geruhsame Verortung

Sie wohnte in einem der Wohngebiete, wie sie jede kleine Stadt kannte. Hier und da gab es eine Reihenhaussiedlung und das ein oder andere Mehrfamilienhaus inmitten schmucker und teils auch in die Jahre gekommener Einfamilienhäuser. Die Bewohner widmeten sich der Pflege ihres Vorgartens entweder so liebevoll, dass es nahezu verschwenderisch grünte und blühte und summte und zwitscherte, oder aber sie vergaßen ihn und überließen ihn sich selbst, vielleicht auch um einen peniblen Nachbarn zu ärgern, der sich nicht zurückhalten und zu allem seinen Kommentar abgeben musste. Manch einer wollte seinen Vorgarten aber auch einfach nur vergessen und versteinerte ihn, damit ihm das irgendwie gelang.

Nur wenige Straßen entfernt begann jedoch die Natur. Immer wieder war das ihr eigentliches Ziel um strammen Schrittes an Stoppelfeldern, Bäumen, Sträuchern und Wiesen entlang zu laufen, um irgendwann ihren Weg entlang eines kleinen Bachs durch den Wald fortzusetzen. Längst absolvierte sie ihre Spaziergänge nicht mehr nur um ein Bewegungspensum zu erfüllen, das infolge eines temporären Diätwahns für ein Kaloriendefizit sorgen sollte. Es war ihr vielmehr zu einem inneren Bedürfnis geworden, sich den frischen Wind um die Nase wehen zu lassen und die vorbeiziehenden Sahnewölkchen am Himmel zu beobachten.  Sie genoss die Zeit, die ganz allein ihr gehörte und in der sie ihren Gedanken freien Lauf lassen konnte. Immer kehrte sie von diesen Spaziergängen erholt und erfrischt zurück und empfand es fast schon als ein Geschenk, dass sie seinerzeit nicht von diesem Ort weggezogen war, als Trennung und Herzschmerz ihr eigentlich den Antrieb zur Flucht gegeben hatten.

Denn dieser Ort verfügte trotz ländlicher Lage über alles, was sie sich wünschte. Es gab neben Ärzten und Einkaufsmöglichkeiten sogar einige kleine Lokale. Vor allem aber fand sie hier die geliebte Ruhe in der Natur zu Land und zu Wasser. Zwar konnte man nicht mit einer Windjammer segeln, doch immerhin bot die Niers gleich zwei Anlegestellen, von denen man ablegen und mit dem Kanu auf dem Wasser unterwegs sein konnte. Aber man konnte diesen Ort natürlich auch mit dem Fahrrad oder dank Bahnverbindung verlassen und der Flughafen brachte einen zumindest in den Sommermonaten zu einigen europäischen Reisezielen. Er war einer dieser kleinen Orte, die selbstbewusst genug waren, ihre Bewohner nicht an sich zu ketten sofern sie kein Auto besaßen und der mit seinen Zwischentönen genug Farbigkeit und Abwechslung zu bieten hatte, dass einem dort nicht langweilig werden musste, wenn man nicht dazu neigte. Es hatte lange gedauert, aber nachdem sie gelernt hatte, in sich selbst ein Zuhause zu finden, wusste sie diesen Ort, der ihr in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren zur Heimat geworden war, zu schätzen. Sie war angekommen. Endlich.


Beim Etüdensommerpausenintermezzo II-2020 geht es darum, 7 von 12 vorgegebenen Worten (Blaupause, Diätwahn, Herzschmerz, Kantine, Kommentar, Ohrenkneifer, Sahnewölkchen, Stoppelfeld, Strandkorb, Vulkan, Windjammer, Zwischentöne) in einer Geschichte beliebiger Länge unterzubringen, die an einem Ort spielt den man gut kennt und den man wiedererkennen kann.

abc.etüden: Konsistenzübergreifend

Wochenlang zermarterte sie sich den Kopf darüber, womit sie ihm eine Freude zum Geburtstag machen könnte. Dieses Mal kein Buch! Und kein Abendessen im Lieblingsrestaurant! Auch ein Gutschein kam nicht in Frage. Kreativ sollte das Geschenk sein, ihn überraschen, ihn mitreißen und zu neuen ungewöhnlichen Aktivitäten verleiten. Es sollte ihn die Zeit vergessen lassen, ihn bestenfalls sogar in einen Flow versetzen. Und es musste etwas mit dem Kochen zu tun haben, seiner größten Leidenschaft.

Als er schließlich sein Geschenk auspackte, sah sie, dass ihr die Überraschung gelungen war. Er freute sich wirklich und erzählte sofort euphorisch von dem, was er bereits zu dem Thema in Erfahrung gebracht, bisher aber noch nicht ausprobiert hatte. Schnell suchte er einige Videos heraus, um ihr zu zeigen, welche Welt sie ihm mit ihrem Geschenk geöffnet hatte. Eine sehr futuristische Welt, in der nichts so heiß gegessen wurde, wie es gekocht wurde, wenn es denn überhaupt gekocht wurde und in der die Nahrungsmittelzubereitung eher an ein Chemielabor erinnerte.

Immerhin war zwar kein Reagenzglas in dem Starterset für die Molekularküche, das sie ihm geschenkt hatte, aber einige Silikonformen, Messlöffel und Substanzen mit Bezeichnungen wie Calcium Lactate, Sodium Alignate, Soy Lecithin und Agar-Agar. Damit sollte laut Anleitung spherifiert, emulgiert und geliert werden. Die Rezepte für Joghurtkugeln, die im Mund explodieren, einen leichten Schaum mit dem Namen Speckwolke und einen weichen Kaviar aus Balsamico-Essig waren ebenfalls beigefügt. Aber der Zauber der Freiheit steckte ja bekanntlich in jeder Kunstform. Das konnte spannend werden, und doch wurde in ihr die Angst vor dem übermächtig,  was er künftig in ihrer Küche anstellen würde. Dass ihr Geschenk ausschlaggebend dafür war, dass er später in die Geschichte der Haute Cuisine eingehen würde, weil es ihm gelungen war Tofu zu einer ausgefeilten kulinarischen Raffinesse weiter zu entwickeln, konnte sie zu dem Zeitpunkt nicht wissen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Reagenzglas, übermächtig, vergessen.

 

abc.etüden: Annahmen

Es war Wochenende und das Wetter war herrlich. Ideale Voraussetzungen für eine Einweihungsparty. Die Gelegenheit hatten die neuen Nachbarn von nebenan wohl genutzt und man hörte sie laut mit Helene Pischers Geplärr im Garten feiern. Da musste Ronja jetzt wohl oder übel durch, obwohl sie die Wohngegend eigentlich genau deshalb so sehr mochte, weil es dort meist ruhig zuging.

Gerade als sie die Harke zurück in den Geräteschuppen stellen wollte, tauchte am Zaun eine Frau auf, deren Haare kupferfarben in der Abendsonne leuchteten. Freundlich stellte sie sich als Ulrike vor und lud sie ein, auf ein Kennenlernschnäpschen rüberzukommen. Dankend lehnte Ronja ab, murmelte etwas von einem Grillabend, zu dem sie später noch wollte. Doch so leicht ließ sich die Kupferfrau nicht abwimmeln. Immer wieder fielen ihr neue Dinge ein, die sie zu erzählen hatte. Und weil Ronja ahnte, dass es diese schwatzhafte Frau interessieren würde und es gerade thematisch passte, ließ sie wie beiläufig fallen, dass sie nur eine schmale Rente habe, mit der sie gerade so zurecht komme. Das war nur ehrlich und erklärte auch gleich, dass sie keiner geregelten Arbeit nachging, nur für den Fall, dass die Kupferfrau das irgendwann bemerken würde. Denn auch nach mehr als sechs Jahren Erwerbsminderungsrente und anerkannter Schwerbehinderung fühlte sie sich immer noch, als sei sie anderen Rechenschaft schuldig. Dabei hatte sie ja bis zuletzt arbeiten gewollt, es aber irgendwann einfach nicht mehr gekonnt.

„Ich hab‘ auch Krebs.“ entgegnete die Kupferfrau daraufhin leichtzüngig. „Und einen Stand. Und Adipositas.“ Sie erwartete keine Antwort darauf, sondern redete ungebremst immer weiter.

Irgendwann war der Zeitpunkt verpasst, an dem noch Korrekturen möglich gewesen wären. Sie wünschten sich gegenseitig einen schönen Abend und gingen getrennte Wege. Die eine feierte ihren Einzug und die andere war froh, dass sie keinen Krebs hatte, sondern nur eine psychische Krankheit, mit der sie gelernt hatte zu leben. Aber sie hatte auch gelernt, dass mit dieser Information nur wenige Menschen umgehen konnten.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Geräteschuppen, kupferfarben, feiern.

abc.etüden: Schwarzseher

Dienstag, 02.06.2020

Sie scrollte und scrollte und scrollte. Aber nein, beim Smartphone hieß es ja wischen, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass fast jedes zweite Bild bei Instagram schwarz blieb. Erst glaubte sie noch an einen technischen Fehler, der ihre farbenfrohe Instawelt kaputt machte, aber bei genauerem Hinsehen konnte sie feststellen, dass etwas Anderes dahinter steckte.

Alle Beiträge waren mit dem englischen Hashtag schwarzer Dienstag oder sogar Black Out Dienstag versehen und manch einer verkündete zusätzlich noch, dass schwarze Leben zählen. Darum ging es also. Vor etwa einer Woche war der unbewaffnete Schwarze George Floyd von einem weißen Polizisten mit dem Knie auf den Boden gedrückt worden, obwohl er immer wieder gesagt hatte, dass er nicht atmen könne. Das brachte ihn laut Autopsiebericht um. In den USA hat dies zu Protesten und Ausschreitungen geführt und auch in Deutschland fanden Demonstrationen statt. Mit einem schwarzen Bild solidarisierten sich nun zahlreiche Social-Media-Userinnen und User mit den Opfern von Rassismus und Polizeigewalt.

Sie wischte weiter und wischte und wischte. Die schwarzen Bilder nahmen kein Ende. Fast schon fühlte sie sich gedrängt der Schwarmintelligenz zu folgen und ebenfalls ein schwarzes Bild bei Instagram zu posten. Aber was brachte das? Natürlich fand sie nicht gut, was George Floyd passiert war. Gewalt war niemals gut, egal wen sie traf. Wer sie kannte, wusste dass sie so dachte. Musste sie das mit einem schwarzen Bild öffentlich kund tun? Weil man das gerade so machte? Eine zeit lang waren alle Charlie – darüber sprach heute auch niemand mehr. Neue Themen kamen und gingen, rangen um Aufmerksamkeit und verpufften irgendwann in der Bedeutungslosigkeit.

So ein schwarzes Bildchen, versehen mit einem einzelnen Hashtag war schnell gepostet und brachte auch keinen eng getakteten Zeitplan durcheinander. Das war einfacher, als auf die Straße zu gehen, um gegen Missstände aufzubegehren oder mit dem Katamaran den Atlantik zu überqueren, um Aufmerksamkeit für eine gute Sache zu erregen. Nur ein Bild, das war nicht schlimm, tat niemandem weh und man konnte dabei auch nicht herunterfallen und ertrinken. Im Gegenteil, man landete sanft in einer Menge, brauchte sich keine weiteren Gedanken darüber zu machen wo Rassismus anfing oder aufhörte, ob es da vielleicht etwas gab, wofür man sich schämen konnte und das man lieber totschweigen sollte, weil die Andersartigkeit nur dann spannend und bunt war, wenn sie einem nicht zu nah kam.

Nachdenklich legte sie ihr Handy weg. So einfach, wie sie es sich gedacht hatte, war die Sache mit den schwarzen Bildchen vielleicht doch nicht.


Bei den abc.etüden (Extra) geht es darum, 5 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 500 Wörter umfasst. Dieses Mal: Katamaran, totschweigen, Zeitplan, schlimm, fallen.

abc.etüden: Fraglich

„Und? Wird das wieder?“ hatte er gefragt. Was für eine Frage? Konnte man das wirklich so frei heraus fragen, wenn die Chancen, dass es gut gehen konnte, alles andere als gut standen? Wenn einem jemand eröffnete, dass er an etwas erkrankt war, was von so ernstem Ausmaß war, durfte man darauf tatsächlich locker lässig nach Heilungschancen fragen, als handle es sich dabei um eine harmlose Sportverletzung? Wenn man doch wusste, dass jährlich ein nicht geringer Prozentsatz daran starb?

Seitdem sie die Diagnose bekommen hatte, fühlte sie sich wie betäubt. „Und? Wird das wieder?“ hallte in ihr nach. Woher sollte sie das wissen? Andere würden nun über sie bestimmen. Ihr Leben würde künftig nach einem streng geregelten Zeitplan ablaufen, in dem sie die bis dato bekannten Behandlungsmethoden durchlaufen würde. Es war etwas in ihr, das sie kaum bemerkt hatte, leise und heimtückisch. Das wieder auszumerzen würde schlimm werden. Körperlich und seelisch. Und sie, die immer ein Fels in der Brandung gewesen war, würde nun anderen zur Last fallen, wenn ihre Kräfte dahinschwanden, und das würden sie, zumindest zeitweise.

Aber dann, dann wird das schon wieder. Man musste nur daran glauben, dessen war sie sich sicher und umarmte schweigend ihren ältesten und besten Freund.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Zeitplan, schlimm, fallen.

abc.etüden: Tollheit

Der Job war nicht schlecht und wurde sogar verhältnismäßig anständig bezahlt, aber das eigentlich Besondere daran war ihr Weg zur Arbeit. Es war immer wieder kurios, wenn sie jemand fragte, wie sie täglich dort hin kam. „Mit dem Katamaran.“ antwortete sie dann meist großspurig und ließ ihrem Gegenüber ausreichend Zeit, sie sich im Bikini mit sonnengebräunter Haut und wehendem Haar auf einer kleinen abenteuerlichen Version dieses Wassergefährts in karibischen Gefilden vorzustellen.

Doch die Realität sah anders aus und ihre finanziellen Verhältnisse waren eher etwas zum totschweigen. Erst seit Montag war zwar die Bodenseeschifffahrt mit dem Katamaran zwischen Friedrichshafen und Konstanz wieder möglich, aber das hatte mit Urlaubsidylle recht wenig zu tun. Adrett und korrekt gekleidet würde sie in ihrem Business-Dress zwar die Überfahrt zu ihrem Arbeitsort machen, sich dort jedoch weder mit dem Chef oder ihren Arbeitskollegen treffen und sich den Bikini höchstens als Mund-/Nasenschutz vors Gesicht basteln. Denn ebenso wie in Bus und Bahn herrschte auch dort Maskenpflicht. Sicherlich würde diese Art von Mundschutz ihrem hohen kreativen Potential Rechnung tragen, dabei jedoch eher das Augenmerk auf den Wahnsinn legen, als auf ihre genialen Züge, die ihr dabei geholfen hatten den Impfstoff gegen das Virus zu entwickeln, dem die Wissenschaftler später den Namen COVID-19 gegeben hatten.

Doch jetzt war die Zeit gekommen, statt Kreativität vermeintliche Seriösität zu verkörpern und knallharten Geschäftssinn zu zeigen. Das Virus hatte sich wie geplant verbreitet – die Verhandlungen konnten beginnen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Katamaran, großspurig, totschweigen.