erLESENer Januar 2021

Im Lesemonat Januar begab ich mich an die ruppig raue aber nichtsdestotrotz wunderschöne englische Küste, verliebte mich erneut ins Kreativsein, irrte durch Wayward Pines, schaute Schriftstellerinnen bei ihrer Arbeit über die Schulter und dachte ein wenig über Corona nach.

Bücherwelten – manchmal mittendrin und manchmal nur dabei.

Offene See von Benjamin Myers: Ein eher ruhiger Roman mit lyrischen Elementen, der mit seiner blumigen poetischen Sprache mitnimmt in eine Welt voller Natur und Landschaftsbeschreibungen. Angenehm zu lesen.

Kreativität von Melanie Raabe: Ein lebendiges, unterhaltsames und unglaublich motivierendes Sachbuch, bei dem man noch beim Lesen das Bedürfnis verspürt sich unbedingt sofort auf seine ganz eigene Art und Weise kreativ austoben zu müssen.  

Psychose von Blake Crouch: Ein Thriller, dessen Verwirrspiel mir zu lange gedauert hat und dessen Ausgang mich überhaupt nicht begeistern konnte.

Schreibtisch mit Aussicht von Ilka Piepgras: 24 bedeutende Schriftstellerinnen erzählen von ihrem Schreiben auf ihre sehr persönliche Weise. Empfehlenswert!

Trotzdem von Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge: Die Autoren unterhalten sich darüber, was das Corona-Virus gesellschaftlich und politisch verursacht hat, noch bewirkt und wohl auf lange Sicht noch hervorbringen könnte. Interessant, aber kein Muss.

Schreibtisch mit Aussicht – Ilka Piepgras

Schreiben kann Spaß machen und erfüllend sein, aber es ist auch harte Arbeit und es ist Synonym für allerhöchste Konzentration – unabhängig vom Geschlecht. Bislang sind jedoch Werkstattberichte von schreibenden Frauen rar. Dieses Buch versammelt nun erstmals Beiträge über die Schnittstelle von Leben und Kunst. Es feiert die Vielfalt und Größe schreibender Frauen. Was bringt Schriftstellerinnen dazu, zu schreiben? Womit kämpfen sie im Alltag, was beflügelt sie, was lässt sie dranbleiben? Es geht um das Glück des Schreibens und um dessen Preis, es geht um Routine und Rituale, um Vorbilder und Verzicht. 24 bedeutende Schriftstellerinnen erzählen davon auf ihre sehr persönliche Weise. Als ich vor kurzem auf dieses Buch stieß, war mir gleich klar, dass ich es unbedingt lesen wollte.

Zum einen interessierte mich, was die Schriftstellerinnen über ihren Beruf, beziehungsweise ihre Berufung, zu erzählen haben und zum anderen wollte ich dadurch kleine Kostproben ihres Schreibens und Denkens erhalten, die mir vielleicht sogar Lust auf ihre Bücher machen sollten. Denn tatsächlich las ich bisher erst Bücher von Elfriede Jelinek, Katharina Hagena und Hilary Mantel. Anne Tyler, Eva Menasse, Elif Shafak, Mariana Leky, Siri Hustvedt, Joan Didion, Antonia Baum, Kathryn Chetkovich, Terézia Mora, Deborah Levy, Nicole Krauss, Zadie Smith, Leila Slimani, Elke Schmitter, Sibylle Berg, Olivia Sudjic, Elizabeth Strout, Jennifer Egan, Meg Wolizer und Sheila Heti waren mir zum Teil zwar namentlich ein Begriff, aber ansonsten konnte ich sie hier gänzlich neu für mich entdecken. Und genau das mochte ich sehr.

„Doch ist das Thema letztlich egal, ein gutes Buch ist ein gutes Buch, es spricht auf eine universelle Art zu uns, es verwickelt uns, lässt uns zweifeln und nachdenken, es macht uns hungrig und glücklich, niemals satt. Wenn es jemand anderer geschrieben hat, erkennen wir das ganz genau. Aber wie zum Teufel macht man es selbst?“

(S.33, Eva Menasse)

Als begeisterte Leserin und jemand, der hobbymäßig schon mal ein wenig geschrieben hat, war es für mich spannend zu erfahren, wie die Autorinnen zum Teil um die Entstehung ihrer Bücher kämpfen, mit sich hadern oder völlig darin aufgehen.

„Seitdem wird jeder meiner Romane von einer professionellen Übersetzerin ins Türkische übersetzt, wonach ich mir das Manuskript vornehme und es mit meinem eigenen Wortschatz und Rhythmusgefühl umschreibe. Falls der Umweg verrückt klingt, dann, weil er es ist. Ich brauchte fast doppelt so viel Zeit, um über Redewendungen, Sätze und Wörter nachzudenken, die nicht übersetzbar sind. Also pendle ich zwischen Englisch und Türkisch, zwei Sprachen, die so unterschiedlich sind wie Rotwein und Kefir. Eine Sprachnomadin zu sein ist zwar eine Herausforderung, aber es hilft mir, mich als Geschichtenerzählerin zu behaupten, und gibt mir zusätzliche geistige Flexibilität, Freiheit der Rede und ein Gefühl der Vernetzung, das nicht von nationalen Grenzen eingeschränkt wird.“

(S. 47,  Elif Shafak)

Aber auch wie sie diesen Prozess entzaubern, indem sie von einem Alltagsleben berichten, in dem das Schreiben zwar ein unentbehrlicher Bestandteil des Lebens ist, der aber an manchen Tagen vor allem dadurch glänzt, dass er für ein Einkommen sorgt. Und so schwanken die einzelnen Erzählungen zwischen Verzauberung fürs Schreiben, in denen man sich als Büchernarr und Hobbyschreiberling verlieren kann und kaum hinterher kommt, die Stellen, die einen in irgendeiner Form berühren oder einem gefallen, weil sie gut und treffend formuliert sind, zu markieren. Aber andererseits entmystifizieren sie auch die Schriftstellerinnen als Menschen, die mit dem ganz normalen Alltag zurecht kommen müssen und schreibend „die zarten Schmetterlinge ihrer persönlichen Erfahrungen bewahren, aufspießen und der ewigen Wertschätzung darbieten lassen“, wenn sie nicht „die Praxis des Schreibens immer vor allem als Flucht aus dem Ich sehen, nicht als Weg es zu erforschen“ (S. 188,  Zadie Smith).

Ebenso unterschiedlich wie die Schriftstellerinnen, sind natürlich auch die Texte, die in diesem Buch von ihnen zu lesen sind. Von Ausufernd bis kurz und knapp ist vieles zu finden. So erhält man kleine und große Einblicke, die mal mehr und manchmal auch etwas weniger begeistern. Insgesamt ist dies jedoch ein Buch, in dem Schriftstellerinnen über ihr Leben schreiben, das zu lesen ich sehr genossen habe und denjenigen, die sich für die Thematik interessieren, sehr empfehlen kann.

-> Zur Leseprobe [Werbung]


Ilka Piepgras (Hrsg)
Schreibtisch mit Aussicht: Schriftstellerinnen über ihr Schreiben
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 288 Seiten
ISBN: 978-3036958262
Preis: 23,00 € [D]
Verlag: Kein & Aber
Erschienen: 03.11.2020