Der Geschmack der Sehnsucht – Kim Thúy

„Vor dem Schlafengehen legte Mama das Buch wieder in seine Metalldose und vergrub es in einem Versteck. Es war das größte aller Geheimnisse, denn ausländische Bücher waren verbannt, vor allem Romane, genauer gesagt, die Frivolität der Fiktion.“

(S. 42)

Im Rahmen meiner BUCHweltreise ging es dieses Mal für mich nach Vietnam. Kim Thúy verbrachte ihre ersten zehn Lebensjahre in Vietnam, bevor sie 1978 mit ihren Eltern und zwei Brüdern als boat people nach Kanada floh und sich in Montreal in der Provinz Québec niederließ. Später arbeitete sie als Übersetzerin und Rechtsanwältin und war Gastronomin und Gastrokritikerin für Radio und Fernsehen. Ihr erstes Buch „Der Klang der Fremde“ war ein internationaler Erfolg und brachte ihr zahlreiche Preise ein. 2013 erschien Thúys Buch „Der Geschmack der Sehnsucht“.

Es ist die autobiografisch gespeiste Liebesgeschichte einer Frau, die als Kriegswaise nach dem Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südvietnam weitergereicht wird und erst bei der dritten ‚Mutter‘ ein zu Hause findet. Bei ihr lernt Mãn die vietnamesische Kultur kennen und wird auch mit ihrer Küche vertraut gemacht.

„Leise, flüsternd lehrten die Mütter ihre Töchter kochen, damit nicht Nachbarinnen die Rezepte stahlen und womöglich mit den gleichen Gerichten deren Männer verführten. Kulinarische Traditionen wurden heimlich weitergegeben, wie Zaubertricks vom Meister an den Lehrling, immer nur eine einzelne Fertigkeit im Rhythmus der alltäglichen Verrichtungen.“

(S. 10)

Doch um ihre Zukunft zu sichern, entscheidet sich auch die neue Mutter, sie in die Ferne zu schicken: in eine arrangierte Ehe mit einem älteren Mann, der nach Kanada ausgewandert ist. Zuerst nimmt die junge Frau die neue Heimat nur durch die Luke der kleinen Suppenküche wahr, die dem ungleichen Paar den Lebensunterhalt sichert.

Erinnerungen an Vietnam und an Erlebnisse verbindet Mãn immer mit Geschmackserlebnissen und kocht nun alte Rezepte nach. Durch das Probieren mit Gewürzen und Zutaten aus der Heimat wird sie bald zu einer kleinen Berühmtheit in Bezug auf ihre Kochkunst. Sie versteht sich auf die Sprache der Gewürze, die zugleich die der Sehnsucht ist und in der jedes Kraut, jede Zutat eine besondere Bedeutung hat, eine Geschichte erzählt. Alle Emotionen und ihre ganze Sinnlichkeit steckt in ihren Gerichten. Mit dem Erfolg entdeckt sie auch sich selbst, findet eine neue Sprache, in der auch Wünsche und Sehnsüchte zu Wort kommen dürfen.

Dieses Buch entführt in eine fremde Welt mit den Gerichten, Gewürzen und Zutaten der vietnamesischen Küche. Es macht Appetit und beim Lesen scheint es köstlich aus dem Buch zu duften. Aber die Seiten gewähren durch die kurzen episodenhaften Einblicke in das Leben Mãns gleichzeitig auch Einblicke in die vietnamesische Kultur, Sprache und Geschichte. Der Schmerz der durch die Wirren der Politik und des Krieges verursachten Vergangenheit wird ebenso schmerzlich erfahrbar, wie die dennoch vorhandene Sehnsucht nach der Heimat, die trotz eines guten Lebens im Exil noch vorhanden ist. Ein berührendes leises Leseerlebnis der besonderen Art.

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Kim Thúy
Der Geschmack der Sehnsucht
Gebundene Ausgabe, 143 Seiten
ISBN: 978-3888979286
Preis: 16,95 € [D]
Verlag: Kunstmann
Erschienen: 26.02.2014

Kulinarische Weltreise: Vietnam

Die vietnamesische Küche ist historisch bedingt stark von der chinesischen Küche beeinflusst und weist im Süden Vietnams auch Einflüsse der Thai, der Khmer sowie der indischen Küche auf. Darüber hinaus hat der Buddhismus zu einer reichhaltigen Vielfalt vegetarischer Gerichte beigetragen. Als Grundnahrungsmittel werden in Vietnam Reis und Reisnudeln und eine große Anzahl verschiedener Gemüse gegessen. Fisch und Fleisch spielen in der Massenernährung zwar eine untergeordnete Rolle, aber es gibt eine Vielzahl möglicher Fleischgerichte, die fast alle genießbaren Tiere und einige Insektenarten einschließt. Und so war ich einfach froh und dankbar, dass auch dieses Mal eine Vegetarierin mit am Tisch saß – wir sind insgesamt 4 Personen – und uns ein fleischloser (und vor allem krabbelfreier) geschmacklicher Eindruck von Vietnam bevorstand 😉

Bekannt ist Vietnam für Frühlingsrollen, die normalerweise in geselliger Runde von jedem Gast selbst mit den auf dem Tisch bereitgestellten Zutaten in Reisteigblätter eingerollt werden. IMG_2469_kleinUnsere Vietnamesischen Sommerrollen wurden zwar vom Herzbuben und der Vegetarierin zu zweit in der Küche gerollt, waren aber sicherlich nicht weniger lecker. Dafür wurden 50 g gehackte Erdnüsse, 1 in feine Streifen geschnittene Möhre, etwa eine handvoll in feine Streifen geschnittene Salatgurke, etwa eine handvoll Mungo-Bohnen-Keimlinge, etwa eine handvoll Reisnudeln (nach Packungsanweisung zubereitet), 2 fein geschnittene Frühlingszwiebeln, je einen Viertel Bund fein gehackten Koriander und Basilikum, eine fein gehackte Chilischote, Sojoasauce, Zitronensaft, Salz und Pfeffer vermengt. 12 runde Blätter Reispapier mussten kurz in kaltem Wasser einweichen. Danach wurde je ein Blatt im unteren Drittel mit etwas Füllung belegt und der untere Teil des Reispapiers eingeschlagen, anschließend die Seiten darüberklappen und einrollen. Genossen werden die Rollen mit einer Saté-Sauce aus 100 g Sweet-Chili-Sauce, 150 g Kokosmilch, einem halben Glas stückiger Erdnussbutter und einem Schuss Soja-Sauce. Bei Bedarf wird das Ganze noch mit etwas Wasser verdünnt und kurz aufgekocht.

Danach gab es Dau Hu Sot Ca – also Tofu in Tomaten-Pfeffer-SauceIMG_2471_kleinDazu wird zunächst 800 g in etwa 1 cm große Würfel geschnittener Tofu, ein 1 cm großes fein gehacktes Stück Ingwer, 4 gehackte Knoblauchzehen, eine rote fein gehackte Chili, ein kräftiger Schuss Soja-Sauce vermengt und etwa eine halbe Stunde ziehen gelassen. Danach in heißem Öl gut anbraten und herausnehmen. In der Pfanne eine in dünne Streifen geschnittene Zwiebel anbraten, 2 Dosen stückige Tomaten, 3 grob gewürfelte Roma-Tomaten, 1 TL grober schwarzer (oder bunter Pfeffer), 2 TL Soja-Sauce, nach Geschmack ein wenig Salz zugeben und etwa 10 bis 15 Minuten köcheln lassen, bis die Sauce sich eindickt. Den gebratenen Tofu und 5 fein geschnittene Frühlingszwiebeln zufügen. Nachmal kurz aufkochen und mit Jasmin-Reis servieren.

Als Dessert gönnten wir uns Bánh chuối (Bananenpfannkuchen). IMG_2476_kleinDazu wird aus 250 g Mehl, 2 EL Zucker, einer halben Packung Backpulver und etwas Wasser ein dickflüssiger Teig hergestellt. Eine Süßkartoffel schälen, reiben und untermengen. Zwei reife Bananen (keine Kochbananen!) in etwa 1cm dicke Scheiben schneiden. Für jedes Pfannküchlein eine Bananenscheibe in den Teig tauchen, so dass sie mit Süßkartoffelstreifen und Teig umhüllt ist. Dann beidseitig in einer tiefen Pfanne mit reichlich Öl bei mittlerer Hitze goldgelb ausbacken.

Fazit: Ich bin nicht gerade eine Tofu-Liebhaberin, aber Dau Hu Sot Ca hat mich eines besseren belehrt – das würde ich sofort wieder und gerne noch öfter essen. Dass ich Saté-Sauce mag, war für mich hingegen keine Überraschung, aber diese hier ist göttlich ❤