Frei. Luft. Hölle – Are Kalvø

Untertitelt ist dieses Buch mit „Mein Selbstversuch, den Outdoor-Wahnsinn lieben zu lernen“ und genau das interessierte mich auch daran, abgesehen davon, dass ich Lust darauf hatte, meine BUCHweltreise nach Norwegen führen zu lassen. Mein Herzbube braucht nicht viel Überredungskunst, um mich immer öfter aus den geliebten vier Wänden in die Natur heraus zu zerren. Dabei mag ich ausgedehnte Spaziergänge, stehe aber so manchem, das ich hier pauschal unter dem Oberbegriff „Outdoor-Trend“ zusammenfassen möchte, punktuell doch ein wenig skeptisch gegenüber. Dementsprechend war ich neugierig zu erfahren, was der norwegische Comedian Are Kalvø unter Outdoor-Wahnsinn versteht.

Dieser geht in die Natur, zu Fuß, auf Skiern und im Auto um seine Freunde und seine Freude in der norwegischen Natur zu finden. Denn ihm kommt es so vor als habe er etwas verpasst, weil die Freunde des 1969 geborenen Autors inzwischen lieber in die Berge zum Wandern gehen, Bilder von Skispuren posten, Kleidung mit zu vielen Taschen tragen und humorfreie Sätze wie „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“ sagen, anstatt mit ihm in den Pub zu gehen und Unsinn zu reden. Sein erster Versuch mehr über diese ihm unbekannte Welt zu erfahren, führt ihn gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, die er fortan nur noch als Dokubeauftragte bezeichnet und die über einen ähnlich trockenen Humor wie er selbst verfügt, nach Jotunheimen – um bekehrt zu werden.

„Der amerikanische Schriftsteller John Irving schreibt in einem seiner etwas zu langen Romane über das unheimlichste Geräusch, das es gibt: das Geräusch von jemandem, der versucht, kein Geräusch zu machen. Genau das macht die Natur ständig. Es ist völlig still hier, aber gleichzeitig hörst du ständig winzig kleine Geräusche. Die vielleicht keine Geräusche sind. Es kann sich um Einbildung handeln. Aber es können auch Regentropfen sein. Oder ein Ast im Wind. Oder ein Verrückter mit Universalschlüssel.“

(S. 94/95)

Erfrischend schreibt er und nicht nur die Dialoge lassen einen schmunzeln. Die Erfahrungen der beiden während der Vorbereitungszeit und der siebentägigen Tour sind humorvoll, aber mit viel Biss geschildert. Hier werden natürlich Wanderbegeisterte auf die Schippe genommen, aber zugleich auch Fakten eingestreut, so dass man einiges über die norwegische Wanderbewegung erfährt. Außerdem werden fein beobachtete Stimmungen und Menschen beschrieben, die man gleich bildlich vor Augen hat. Da der Autor auch nachdenkliche Gedankengänge pflegt, verkommt dieses Buch trotz teilweise überspitzter Darstellungen glücklicherweise nicht zu einer Lachnummer.

„Es ist heutzutage leichter denn je, sich nach dem Ursprünglichen zu sehnen. Denn es ist leichter, das bäuerliche Leben zu romantisieren, wenn du nicht Bauer sein musst. Es ist leichter, das kalte, aber gemütliche und sozialdemokratische Skandinavien cool zu finden, wenn du nicht hier leben musst. Und es ist leichter, der Sehnsucht nach der Natur zu frönen, wenn du dich nicht im täglichen Leben zu ihr verhalten musst.“

(S. 140)

Fünf Monate nach der ersten Tour geht es dann mit einem befreundeten Pärchen zur Hardangervidda – um Leute zu treffen. Im Gegensatz zur ersten Tour wird nun persönlichen Präferenzen ein höherer Stellenwert eingeräumt, so dass sich die Wanderung, dieses Mal auf Ski durch den Schnee, erheblich von der ersten unterscheidet. Ich werde nicht verraten, ob der Autor seine Leidenschaft für die Natur entdeckt, aber auch diese Tour ist amüsant und locker beschrieben.

Gelegentlich fällt mir der Autor allerdings auch ein wenig auf die Nerven, wenn er das sprichwörtliche Haar in der Suppe sucht, während ich mich beim Lesen bei denen einreihen mag, die das Wandern in der norwegischen Natur genießen mögen und versuchen aus allem das Beste zu machen. Aber bei dieser Herangehensweise hätte das Lesen dieses Buches vermutlich auch nur halb so viel Spaß gemacht und die Vehemenz, mit der Menschen sich überall auf der Welt in ihre Hobbys stürzen und von unterschiedlichsten Motiven leiten lassen können, wäre nur halb so komisch gewesen. Mir macht dieser humorvolle Miesmacher tatsächlich Lust darauf, seinen Spuren zu folgen und selbst Wandererfahrungen in Norwegen zu sammeln. Allerdings bin ich mir nicht sicher ob das nicht vielleicht meinem fortschreitenden Corona-Wahnsinn geschuldet ist 😉

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Are Kalvø
Frei. Luft. Hölle. – Mein Selbstversuch, den Outdoor-Wahnsinn lieben zu lernen
Klappenbroschur, 360 Seiten
ISBN: 978-3770166893
Preis: 14,95 € [D]
Verlag: Dumont Reiseverlag
Erschienen: 31.08.2019

Fräulein Draußen – Kathrin Heckmann

Als ich auf dieses Buch stieß, kannte ich Kathrin Heckmann alias Fräulein Draußen noch gar nicht, freute mich aber darüber, dass ich laut Klappentext nun die Möglichkeit hatte Deutschlands bekannteste wandernde Bloggerin zu entdecken. Ihre Leidenschaft fürs Draußensein wurde eines Tages so groß, dass sie ihren Job als Marketing-Managerin aufgab und beschloss, das Wandern und Reisen zu ihrem Beruf und Alltag zu machen. Ich lese gern von Menschen, die ihre Berufung finden und sich trauen, neue Wege zu gehen um zu ihrem ganz eigenen glücklicheren Leben zu finden. Oft springt bei solchen Büchern die Leidenschaft und Lebensfreude dieser Menschen auf mich über und inspiriert mich zwar nicht unbedingt dazu, es diesen oftmals modernen Abenteurern in gleicher Weise nachzutun, aber ich ziehe daraus Energie und Lebensmut, der mich zu eigenen Aktivitäten anstachelt oder auch einfach zu einer Rückbesinnung auf das Wesentliche veranlasst. „Fräulein Draußen“ ist eher ein Buch für Letzteres.

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Kathrin Heckmann erzählt von ihrem Weg in die Wanderschuhe und damit nicht nur zu sich selbst, sondern vor allem auch zur Natur. Sie erzählt Geschichten von ihren Fernwanderungen in vielen unterschiedlichen Ländern, aber auch davon, wie ihr Interesse für die heimische deutsche Vogelwelt bei einer Wanderung erwacht ist. Sie berichtet von der Faszination des Wanderns, des langsamen Unterwegsseins in der Natur und davon, was passiert, wenn man beginnt, genauer hinzusehen. Hauptdarstellerin in diesem Buch ist die Natur selbst, für die die Autorin Beschreibungen für ihre Wahrnehmung findet und um sachliche Hintergrundinformationen ergänzt. Es sind die leisen Töne, die die Autorin hier anschlägt und obwohl ich selbst die Natur sehr liebe, langweilen mich die Beschreibungen schon nach kurzer Zeit, weil sie beliebig sind und ich zu „Fräulein Draußen“ keinen Zugang finde. Sie schildert zwar in Worten ihre Begeisterung, schreibt davon, dass es Herausforderungen und Hindernisse auf ihren Reisen gab, aber ich kann das beim Lesen nicht spüren. Vielmehr spüre ich, dass es da sicherlich das ein oder andere gab, aber das blendet die Autorin aus und lässt mich als Leserin etwas unbefriedigt zurück. Denn eigentlich möchte ich erfahren, wie Kathrin Heckmann als Fräulein Draußen vielleicht auch mal zweifelt und Probleme löst, damit ich beim Lesen mit ihr wachsen kann. Aber zu oft geht es um das große Ganze, für das pauschale Formulierungen gefunden werden, anstatt ein wenig mehr in Details zu gehen oder Beispiele zu zeigen. Gelegentlich lässt sie den Leser dann jedoch etwas näher an sich herankommen, was diese Texte etwas auflockert.

„In meiner eigenen kleinen Welt fühlte ich mich aufgenommen in die Riege der Abenteurer und Entdecker, der Draußenschläfer und Wegloswanderer. Und dafür hatte es nichts weiter gebraucht als ein Zelt und einen kleinen Hügel irgendwo im Nirgendwo der schottischen Highlands, zusammen mit ein bisschen Mut und mehr noch dem Willen, einen Herzenswunsch in die Tat umzusetzen, auch wenn ich auf dem Weg dorthin den Grund für diesen Wunsch manchmal vergessen hatte.“ (S. 36)

Dann möchte man selbst aufbrechen und auf der Stelle hinaus in die Welt um die Natur zu entdecken. Darauf macht auch der Bildteil und die am Ende des Buches befindlichen Beschreibungen einiger Langstreckenwanderungen inklusive Tipps richtig Lust. Die Informationen sind lebendig und interessant geschrieben. Neben dem Epilog gefällt mir dieser Teil tatsächlich am besten. Hier wird die Begeisterung und Leidenschaft deutlich, mit der sie in die Natur zieht und sich Gedanken über die Welt macht.

„[…]das ich gern noch viel öfter tun würde, das wir vielleicht alle viel öfter tun sollten, zumindest ab und zu: dorthin gehen, wo unser Herz uns hinführt. Dorthin, wo wir einfach nur sein wollen, egal wie viel oder wie wenig Sinn das auch ergeben mag. Nicht fürs Fotoalbum, nicht für Instagram, nicht um anderen davon zu erzählen. Sondern für uns selbst.“ (S. 143)

Gute Idee! Ich muss los – wohin verrate ich nicht…

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Kathrin Heckmann
Fräulein Draußen – Wie ich unterwegs das Große in kleinen Dingen fand
Klappenbroschur, 256 Seiten
ISBN:  9783864931055
Preis: € 14,99 [D] € 15,50 [A]
Verlag: Ullstein
Erschienen: 15.06.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Laufen. Essen. Schlafen. – Christine Thürmer

Ich lese gern Bücher von und über Menschen, die reisen und die Welt auf ihre ganz eigene Weise entdecken. Moderne Abenteurer, die so voller Leidenschaft für ihre Sache brennen, dass sie ihre Freiheit suchen, sie finden und sie sich nehmen, wenn sie sie brauchen – und manchmal sogar ihr altes Leben komplett hinter sich lassen.

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Christine Thürmer ist so jemand. Sie wurde 1967 in Forchheim geboren und in ihrer Jugend deutet nichts darauf hin, dass sie einmal zu den meistgewanderten Menschen weltweit gehören würde. Sie ist eher unsportlich und mit 39 Jahren Geschäftsführerin eines mittelständischen Betriebes. Doch seit sie mit 36 bei einem Trekking-Urlaub im Yosemite National Park zum ersten Mal auf auf Thruhiker traf, lässt sie der Gedanke ans Langstreckenwandern nicht mehr los.

„Dabei frage ich mich die ganze Zeit, was mich denn nun genau am Thema thruhike so fasziniert. Die Freiheit auf dem Trail? Die Radikalität des reduzierten Lebensstils? Die große Energie, die die Wanderer so offensichtlich aus ihrem Outdoorleben ziehen? Mein spannender und lukrativer Job in der Unternehmenssanierung erscheint mir plötzlich im Vergleich fade und langweilig.“ (S. 20)

Als ihr 2004 eine unfreiwillige berufliche Pause beschert wird, ergreift sie die Gelegenheit: Zwischen 2004 und 2008 läuft sie dreimal von Mexiko nach Kanada – auf dem Pacific Crest Trail (4.277 km), dem Continental Divide Trail (4.900 km) und dem Appalachian Trail (3.508 km). Für diese Leistung wird sie mit dem Triple Crown Award ausgezeichnet, den nur bekommt, wer alle drei Trails bewältigt hat.

In „Laufen. Essen. Schlafen“ sind Karten vorhanden, auf denen die Wanderrouten nachvollzogen werden können und ein vierundzwanzigseitiger Foto-Mittelteil bietet eine schöne Ergänzung zum Text. In diesem erzählt Christine Thürmer von ihren Abenteuern auf den drei großen Hiking Trails der USA, den damit verbundenen Traditionen, von landschaftlichen Eindrücken, der Trail-Community, von den Begegnungen und Begebenheiten drumherum. Aber sie erzählt auch davon, wie es ist als Frau allein unterwegs zu sein und wie sie sich allmählich von ihrem bisherigen Leben befreit um 2007 gänzlich zum „Outdoor-Junkie“ – wie sie sich selbst nennt – zu werden.

Christine Thürmer schafft es mich mitzureißen und für das Thema zu interessieren. Mir macht es Spaß, sie lesend zu begleiten und auch den Podcast bei WELTWACH [Werbung], wo sie mit Eric Lorenz über ihre Erfahrungen spricht, kann ich empfehlen. Man spürt einfach die Begeisterung und Lebensfreude der sympathischen Langstreckenwandererin. Und selbst wenn mein Wanderradius eher begrenzt ist und vermutlich auch bleibt (ich finde schon den Megamarsch [Werbung] mehr als imposant) so weckt die Autorin doch die Sehnsucht danach, sich selbst mal wieder herauszufordern und die eigenen Grenzen auszuloten – in welchem Bereich auch immer. Ein motivierendes Buch einer ungewöhnlichen Frau!

Doch nach dem Triple Crown war für Christine Thürmer noch nicht Schluss, denn auch in Europa gibt es fantastische Outdoor-Möglichkeiten. In „Wandern. Radeln. Paddeln“ (erschienen 2018) schildert Christine Thürmer drei faszinierende große Touren: zu Fuß von Koblenz am Rhein nach Tarifa, zum südlichsten Punkt Europas; mit dem Rad die Ostseeküste entlang, von Berlin über Polen und das Baltikum bis nach Finnland; und mit dem Kajak quer durch Schweden. Dieses Buch möchte ich auch noch lesen, denn was sie darüber im WELTWACH-Podcast Nr. 76 [Werbung] zu berichten weiß, ist ebenfalls beeindruckend.

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Christine Thürmer
Laufen. Essen. Schlafen
Eine Frau, drei Trails und 12700 Kilometer Wildnis
Klappenbroschur, 288 Seiten
ISBN: 978-3-89029-471-1
Preis: € 16,99 [D], € 17,50 [A]
Verlag: Malik
Erschienen:  01. April 2016