Gesichter – Tove Ditlevsen

Als ich im vergangenen Monat entdeckte, dass von Tove Ditlevsen ein neues Buch in deutsch übersetzt von Ursel Allenstein erscheinen würde, stand für mich gleich fest, dass ich es lesen werde. Ich war von der Kopenhagen-Trilogie im letzten Jahr so begeistert, dass ich nicht einmal wissen musste, worum es in ihrem neuen Buch eigentlich geht. Vermutlich hätte ich dennoch dazu gegriffen, auch wenn ich gewusst hätte, welches Thema mich erwartet. Denn inzwischen halte ich mich für psychisch so weit gefestigt, dass mich Dämonen aus meiner Vergangenheit nicht gefühlsmäßig überrollen, wenn sie mir in Büchern begegnen. Tatsächlich hatte ich jedoch an diesem Buch ziemlich zu knabbern, weil ich mich an eigene psychotische Erlebnisse erinnert fühlte.

Das liegt nicht so sehr an der Geschichte, die Tove Ditlevsen über ihre Protagonistin Lise Mundus autofiktional erzählt, sondern vielmehr an der Intensität, mit der sie dies tut. Auch wenn mir die inflationär verwendeten Vergleiche und die Bildhaftigkeit ihrer Sprache unangenehm auffielen, so führten diese jedoch genau dazu, dass ich mir lebhaft vorstellen konnte, was in Lise Mundus vorgeht und in welche Verwirrung sie ihre Wahrnehmungen stürzen. Man erlebt beim Lesen hautnah die Psychose der Protagonistin mit, die sie so sehr mitreißt, dass sie nicht mehr Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden weiß und in ihrer ganz eigenen Realität lebt.

Um sich aus ihrem vermeintlich bedrohlichem Zuhause, in dem Mann und Haushälterin sie betrügen und ihr nach dem Leben trachten, zu befreien, täuscht sie ihren Suizid vor und nimmt eine beachtliche Menge Schlaftabletten zu sich, an denen sie fast stirbt. Schließlich landet sie im Jahr 1968 in der Psychiatrie. Als aggressive Patientin, die Essen und trinken verweigert, weil sie fürchtet vergiftet zu werden, wird Lise Mundus fixiert, sie halluziniert und hört Stimmen in Wasserrohren, Heizkörpern und sogar in ihrem Kopfkissen. Ein Zustand, den man beim Lesen nachfühlt und kaum ertragen kann. Aber man erfährt auch, wie sich ihre Lage allmählich bessert und sie zu unterscheiden lernt, was ihr der Wahn beschert und was vielleicht doch real ist.

Man muss nicht die Kopenhagen-Trilogie gelesen haben, um mit diesem Buch etwas anfangen zu können. Wenn man die Bücher jedoch kennt, nimmt man „Gesichter“ als ein Buch wahr, das sich mit den stark autofiktionalen Anteilen in die Geschichte von Tove Ditlevsen einfügt und dem Gesamtbild eine Komponente hinzufügt. Keine leichte Kost und in seiner Wahnhaftigkeit doch erschreckend realitätsnah in der Darstellung einer Psychose.

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Tove Ditlevsen
Gesichter
Aus dem dänischen von Ursel Allenstein
Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
ISBN: 978-3351039387
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 14.02.2022

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Das weite Herz des Landes – Richard Wagamese

Meine BUCHweltreise führte mich dieses Mal in die Weiten Kanadas, um eine Vater-Sohn-Geschichte der besonderen Art zu erleben. Der sechzehnjährige Frank kennt seinen Vater Eldon kaum und empfindet nur Verachtung für den alkoholkranken Mann. Aufgewachsen ist er bei „dem Alten“, der ihm versucht hat indigene Wurzeln zu geben, obwohl er selbst nicht indigener Herkunft ist. Und so hat Frank gelernt in der Natur zu sein, mit ihr zu leben, sie zu schützen und zu achten, während sein Vater ein völlig anderes Leben führte und ihm eigentlich fremd ist. Trotzdem will er ihm seinen letzten Wunsch erfüllen.

Frank verspricht seinem sterbenden Vater, ihn zu einem im Herzen des Landes gelegenen Berg zu bringen, wo Eldon nach der Art der indianischen Krieger begraben werden will. Die beiden brechen zu Fuß und zu Pferd zu einer abenteuerlichen Reise in die Wildnis Kanadas auf – eine Reise, die Frank zu seinen Ursprüngen führt, weil Eldon allmählich immer mehr von seiner Vergangenheit preisgibt und Frank endlich auch etwas über seine Mutter erfährt. Und so bekommen beim Lesen auch die anfangs etwas blassen Charaktere immer mehr Substanz, so dass man manches Verhalten vielleicht nicht entschuldigen, aber in gewisser Weise doch nachvollziehen kann. Die leicht sperrige Geschichte mündet schließlich in einem runden Ende ohne dabei jemals flach zu wirken.

Außerdem nimmt uns Richard Wagamese durch seine bildhaften Beschreibungen mit in die Wildnis der kanadischen Wälder und Berge und erzählt von dem Halt den der junge Frank in der Natur und in „dem Alten“ findet und die ihn so zu prägen vermögen, dass es ihm möglich ist diese schwierige Vater-Sohn-Geschichte gut durchzustehen.

Diese Reise wird in einer wunderbaren Sprache geschildert, die die Landschaft erlebbar und das Lesen zu einem Genuss macht, auch wenn der Inhalt teilweise recht traurig ist. Ein empfehlenswerter Roman über Verlust und Trauer, Wurzeln und Entwurzelung, Einsicht und Mitgefühl und über die heilende Kraft der Natur und des Geschichtenerzählens.

Der Autor Richard Wagamese, geboren 1955 im Nordwesten Ontarios, gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern Kanadas und indigenen Stimmen der First Nations. Als Kind von seinen Eltern getrennt, aufgewachsen in Heimen und bei Pflegefamilien, die ihm eine Beziehung zu seinen indigenen Wurzeln verboten, wurde Wagamese erst im Alter von 23 Jahren wieder mit seiner Familie vereint. Er ließ sich in Kamloops, British Columbia, nieder, wo ihm später von der Thompson Rivers University die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. Richard Wagamese verstarb im Jahr 2017.

Von diesem Autor werde ich mehr lesen.

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Richard Wagamese
Das weite Herz des Landes
Aus dem kanadischen Englisch von Ingo Herzke
Gebundene Ausgabe, 288 Seiten
ISBN: 978-3896676665
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: Karl Blessing Verlag
Erschienen: 14.09.2020

erLESENer November 2021

Im Lesemonat November griff ich seltener zum Buch und tat stattdessen andere schöne Dinge. Aber zum Monatsende bekam ich fast so etwas wie Entzugserscheinungen nach dem gedruckten Wort und machte es mir allmählich wieder öfter im Lesesessel gemütlich. Mir fehlt doch etwas, wenn ich nicht regelmäßig lese.

Und das sind die beiden Bücher, die ich im letzten Monat gelesen, beziehungsweise gehört habe:

Every von Dave Eggers: Ein Roman der zeigt was passieren kann, wenn Facebook, Google und Amazon zu einer Firma verschmelzen. Phantasievolle Zukunftsvisionen von App- und Gesellschaftsentwicklungen, die beängstigend nah an der Gegenwart gesponnen sind, aber insgesamt dennoch eine eher blasse Geschichte.

Die Totentänzerin von Max Bentow: Der Autor hat sich wieder einmal allerhand Schauriges einfallen lassen, um ungewöhnliche Tatorte zu kreiren und einige spannende Geschehnisse in die Handlung einzubauen. Aber diesen Thriller fand ich nicht so stark, wie die Vorgänger.

Every – Dave Eggers

Vor einigen Jahren las ich begeistert den Roman „Der Circle“ von Dave Eggers, der davon handelt, welche Auswüchse es haben kann, wenn der größte Suchmaschinenkonzern und die am weitest verbreitete Social-Media-Plattform in einer Firma vereint sind. Es war schon beängstigend, aber auch kurios, zu lesen was übergroße Transparenz und Überwachung, aber auch der Druck von Social Media aus Menschen machen kann. In seinem neuen Roman „Every“ geht Dave Eggers noch einen Schritt weiter. Der Circle fusioniert mit dem weltweit größten Online-Versandhaus und wird zu Every, dem reichsten und gefährlichsten Monopol aller Zeiten.

Delany Wells ist die Neue bei Every und hat als unerschütterliche Technikskeptikerin nur ein Ziel vor Augen: Sie will die Schwachstellen der Firma herausfinden, um sie von innen heraus zu zerschlagen. Sie versorgt Every mit ‚vergifteten‘ Ideen für Apps, bewirkt aber tatsächlich das Gegenteil von dem, was ihr eigentlich vorschwebt. Denn niemand regt sich auf, die Gesetzgeber bleiben stumm, Aufsichtsbehörden unsichtbar, und die Verkaufszahlen gehen durch die Decke.

Wie schon bei „Der Circle“ weiß Dave Eggers unsere Wirklichkeit so konsequent weiterzudenken, dass einem der Atem stockt beim Lesen. Man erkennt Technologien und manche Herangehensweisen der Firma und der Apps wieder und ist als technikbegeisterter Mensch einigermaßen angetan von den Ideen, die der Autor hier ausbrütet und unter die Leute seines Romans bringt. Beim Lesen dachte ich oft daran, wie viel Spaß es Dave Eggers gemacht haben muss, sich die vielen Weiterentwicklungen von Apps, Geschäftspraktiken und Gesellschaftsstrukturen auszudenken und auch ich hatte Freude daran, darüber zu lesen.

„Wir eliminieren so viel vom Chaos des Lebens, so viel Anstrengendes, so viel Überflüssiges, die ganze Rumrennerei, das Autofahren, Shoppen, Auswählen, Wegwerfen, die Geldverschwendung, den Überkonsum – und all das geht Hand in Hand mit einer nachhaltigeren Lebensweise.“

(S. 404)

Aber das alles ist sehr nah an unserer Wirklichkeit entwickelt und die Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, sind nicht unbekannt. Das sorgt auch dafür, dass man beim Lesen nicht zu großen Spaß empfindet. Denn hier werden Lösungen für Probleme gefunden, die sich bei genauerer Betrachtung keiner wünschen kann. Denn wo Licht ist, ist auch Schatten was bei Dave Eggers mit dem Verlust der Freiheit und Bevormundung durch den Monopolisten einher geht.

So sehr mich die Rahmenbedingungen dieser Dystopie begeistern konnten, so schwach fand ich jedoch die eigentliche Geschichte der Protagonistin und ihrer Vorgehensweise. Die Handlung plätschert eher vor sich hin. Etwa ab der Hälfte des Buches nimmt die Geschichte ein wenig an Fahrt auf, aber es ist eher die Frage danach, ob es der Protagonistin gelingen wird Every zu zerschlagen, die einen beim Lesen bei der Stange hält. Das Ganze mündet schließlich in einem Ende, das ich so nicht erwartet habe, das ich jedoch stimmig fand. Insgesamt ein gruseliges Zukunftsszenario, das beim Lesen nachdenklich macht.

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Dave Eggers
Every
Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
Gebundene Ausgabe, 592 Seiten
ISBN: 978-3462001129
Preis: 25,00 € [D]
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 07.10.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

erLESENer Oktober 2021

Im Lesemonat Oktober verwüstete ich mit Herrn Schmidt die Küche um für Barbara zu kochen, aß mich dumm und dusselig, versuchte in Nordkorea zu überleben und floh mit Morrigan nach Nevermoor.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Realität und Phantasie.

Barbara stirbt nicht von Alina Bronsky: Die bitterböse und doch warmherzige Geschichte eines Rentners, dessen Frau von einem auf den anderen Tag nicht mehr ‚funktioniert‘. Empfehlenswert!

Dumm gegessen! von Hans-Ulrich Grimm: Ein Buch, das die Probleme unmissverständlich vor Augen führt, welche durch die eigens konstruierte ultraverarbeitete Nahrung der Lebensmittelkonzerne entsteht. Erschreckend!

Denunziation von Bandi: Atmosphärisch und eindringlich erzählt Bandi vom Alltag der Menschen in Nordkorea, davon, wie ihr Leben bestimmt wird von den strengen Regeln der Diktatur und von den grausamen Folgen, die Verstöße nach sich ziehen. Erschütternd!

Fluch und Wunder . Nevermoor 1 . von Jessica Townsend: Morrigan ist ein verfluchtes Kind und soll deshalb in der Nacht zu ihrem elften Geburtstag sterben. Doch glücklicherweise kommt alles ganz anders. Bezaubernd!

Barbara stirbt nicht – Alina Bronsky

Alina Bronsky wurde 1978 in Jekaterinburg/Russland geboren und lebt seit den Neunzigerjahren in Deutschland. Ihren Debütroman „Scherbenpark“ mochte ich sehr und fand auch „Baba Dunjas letzte Liebe“ großartig. Deshalb griff ich gespannt zu ihrem neusten Buch „Barbara stirbt nicht“ und wurde auch dieses Mal nicht enttäuscht.

Auf knapp 256 Seiten dreht sich alles um Herrn Schmidt. Der Rentner wacht eines morgens auf und vermisst den Duft frisch aufgebrühten Kaffees. Verwirrt steht er auf und findet seine Frau Barbara im Bad liegend vor. Er hilft ihr zurück ins Bett und muss sich fortan in völlig neuen Lebensumständen zurechtfinden. Denn Barbara funktioniert nicht mehr und er ist ab sofort für alles im Haushalt verantwortlich. Herr Schmidt, der nie auch nur den kleinen Finger krumm gemacht hat, steht plötzlich vor Problemen, wie z. B. wie man Kaffee kocht oder was der Hund zu fressen bekommt. Und nicht zuletzt, was und wie er für sich und Barbara kochen soll, damit sie wieder auf die Beine kommt.

Es sei nur verraten, dass Herr Schmidt auf seine grantig schrullige Art Mittel und Wege findet mit seinen neuen Aufgaben irgendwie zurecht zu kommen. Dabei geht er sogar voller Abneigung in den Austausch zu seinen Mitmenschen und als Leser kann man kaum umhin zu erkennen, dass der alte Miesepeter doch über ein Herz verfügt. Doch das ist bei aller Grummeligkeit nur ganz leise und bei genauem Hinschauen in seinen Taten und keinesfalls in seinen Worten zu erkennen.

Da der personale Erzählstil aus der Sichtweise von Herrn Schmidt geführt wird, muss man mit seiner unangenehmen egoistischen Denkweise zurechtkommen, auch wenn er eigentlich zu der Sorte Mensch gehört, mit der man lieber nichts zu tun haben möchte. Und doch ist es Alina Bronsky gelungen hier einen Charakter zu erschaffen, den man letztlich doch mag, weil er in seiner Ruppigkeit und nach all den Ehejahren endlich erkennt, dass Barbara die perfekte Frau für ihn war. Und zumindest insgeheim wird er in manchen Punkten einsichtig, zeigt sich sogar menschlich und beginnt über sich hinaus zu denken.

„Barbara stirbt nicht“ ist ein bitterböse und dennoch warmherziges Buch, das ganz abrupt endet. Es lässt einen zunächst etwas ratlos zurück, weil das doch unmöglich der Schluss sein kann und man so gerne noch weitergelesen hätte. Aber das Ende erschließt sich dem Leser auch so und erzählt sich nach dem letzten Satz im Kopf weiter. Hoffnungsvoll und doch traurig. Ein wundervolles Buch.

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Alina Bronsky
Barbara stirbt nicht
Gebundene Ausgabe, 256 Seiten
ISBN: 978-3462000726
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 09.09.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Kleine Feuer überall – Celeste Ng

Nachdem ich vor kurzem „Was ich euch nicht erzählte“ von Celeste Ng mit Begeisterung gelesen hatte, war ich gespannt darauf, was die Autorin sonst noch geschrieben hat. Dabei wurde ich auf „Kleine Feuer überall“ aufmerksam, das Mitte der 1990er Jahre in Shaker Heights, einem Vorort von Cleveland spielt. In der vermeindlichen Idylle des Ortes ist alles auf einander abgestimmt und gut strukturiert damit sich die gut situierten Familien dort wohl fühlen können. Wer da wohnt, hat es geschafft und die Überzeugung verinnerlicht, dass man sich durch Umsicht, Ordnungssinn und Liebe vom Chaos dieser Welt abschotten kann.

Dort leben auch die Richardsons. Elaina arbeitet für eine Lokalzeitung, ihr Mann ist ein vielbeschäftigter Anwalt und sie haben 4 Kinder. Man hat die richtigen Freunde, die McCulloughs zum Beispiel, die einen ausgesetzten chinesischen Säugling bei sich aufnehmen – nicht wissend, dass sie die leibliche Mutter bald vor Gericht wiedersehen werden. Und weil Elaina ein gutes Herz hat, nimmt sie die alleinerziehende Fotokünstlerin Mia Warren als Mieterin auf und behandelt deren Tochter Pearl auch sofort, als wäre sie ihr eigenes Kind. Um Mia zu unterstützen bietet Elaina ihr eine Stelle als Haushaltshilfe an. Dabei lernen sich alle besser kennen. Anfangs läuft alles sehr gut, doch dann kommen nach und nach Geheimnisse aus der Vergangenheit heraus. Das hat letzten Endes Folgen für alle Beteiligten.

In diesem Buch geht es hauptsächlich um Mutter-Tochter-Beziehungen, aber auch um unterschiedliche Lebensentwürfe, die durch gesellschaftliche und finanzielle Unterschiede miteinander kollidieren. Daneben ist der spannungsreiche Roman mit Intrigen, Falschinformationen, Rassismus und üblen Nachreden gespickt und lädt dazu ein mitzufühlen, mitzudenken und eigene Einstellungen und Ansichten bei sich selbst zu hinterfragen. Die Geschichte ist mustergültig geplottet und bis zur letzten Seite mitreißend geschrieben. In positivstem Sinne ein Schmöker, den ich immer wieder gern zur Hand genommen habe, um in die Geschichte abzutauchen.

Doch obwohl ich diesen Roman wirklich gern gelesen habe, fehlt ihm das Unverwechselbare und Einzigartige, mit dem die Autorin in ihrem Debütroman „Was ich euch nicht erzählte“ geglänzt hat. Nichtsdestotrotz ist Celeste Ng eine Autorin, von der ich gerne mehr lesen möchte und auf deren nächstes Buch ich gespannt bin.

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Celeste Ng
Kleine Feuer überall
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Original: Little Fires Everywhere
Taschenbuch, 384 Seiten
ISBN: 978-3423147231
Preis: 11,90 € [D]
Verlag: dtv
Erschienen: 23.08.2019

erLESENer August 2021

Im Lesemonat August sprang ich vom Hochhaus, fristete mein Leben in einem palästinensischen Flüchtlingslager, stand meiner Freundin in den letzten Wochen ihres Lebens bei, versuchte meine Ehe zu retten, pflegte einen Briefkontakt zu einem mir völlig Fremden, erfuhr was es heißen kann ein Wirtschaftsflüchtling zu sein und spürte chinesische Zerrissenheit.

Bücherwelten – lesen über alle Grenzen hinweg.

Der Sprung von Simone Lappert: Ein Sammelsurium von Figuren unterschiedlichen Alters und verschiedener Gesellschaftsschichten, die allesamt mit ihren eigenen Herausforderungen des Lebens beschäftigt sind und mit der jungen Frau, die vom Hochhaus springen will, direkt oder indirekt in Verbindung stehen. Großartig!

Während die Welt schlief von Susan Abulhawa: BUCHweltreise Palästina: Ein Roman mit schönem sprachlichen Klang, durchsetzt von arabischen Worten und Ausdrucksformen, die zu Herzen gehen und berühren. Aber es ist vor allem auch ein Roman voller Brutalität rund um den Nahost-Konflikt. Empfehlenswert! 

Was fehlt dir von Sigrid Nunez: Weil der Tod trotz Chemotherapie unausweichlich ist, beschließt sie den Zeitpunkt ihres Todes mit Hilfe von Tabletten selbst bestimmen zu wollen und bittet die Ich-Erzählerin ihr in den letzten Wochen oder Monaten ihres Lebens zur Seite zu stehen. Ein recht spezielles, aber doch gelungenes Buch, das viele Denkanstöße mitbringt.

Der Brand von Daniela Krien: Momentaufnahme einer altgewordenen kriselnden Ehe und anderen Konflikten. Gute Schreibweise, aber es werden viele Themen aufgemacht und dann nur oberflächlich abgefrühstückt. Insgesamt doch eher enttäuschend.

I get a bird von Anne von Canal und Heikko Deutschmann: Als Jana plötzlich ihre vor drei Jahren verlorene Agenda plötzlich zugeschickt bekommt, entspinnt sich zwischen ihr und dem Finder eine immer intensiver werdende Korrespondenz. Ein humorvoller und berührender Briefroman.

Nastjas Tränen von Natascha Wodin: BUCHweltreise Ukraine: Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer ukrainischen Putzfrau, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im wirtschaftlichen Chaos der sich rasant entwickelnden Oligarchie in der ehemaligen Teilrepublik der UdSSR nicht mehr genug zum überleben hat und mit einem Touristenvisum in Berlin landet, um dort den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie zu verdienen. Berührend und empfehlenswert!

Ist es nicht schön hier von Te-Ping Chen: BUCHweltreise China: Hellwach und mit genauem Blick für komische Momente zeichnet die Autorin in 10 Kurzgeschichten Figuren zwischen Tradition und Hypermoderne nach, die nach Halt und einem Zuhause suchen. Macht Lust auf mehr!

Nastjas Tränen – Natascha Wodin

Aufmerksam wurde ich auf Natascha Wodin durch ihr Buch „Sie kam aus Mariupol“ für das sie mit dem Buchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde und in dem sie die Lebensgeschichte ihrer Mutter rekonstruierte, die von den Nazis als Zwangsarbeiterin aus der Sowjetunion deportiert wurde und sich 1956 in der Bundesrepublik Deutschland das Leben nahm. Natascha Wodin selbst wurde 1945 in einem Lager für Displaced Persons in Fürth geboren und erzählt von ihrer Jugend und ihrem Vater in „Nirgendwo in diesem Dunkel“. Und auch in ihrem neuen Roman „Nastjas Tränen“ verarbeitet sie wiederum eigene Erlebnisse literarisch.

Im Mittelpunkt steht Nastja, eine 1942 im Westen der Ukraine geborene Tiefbauingenieurin, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im wirtschaftlichen Chaos der sich rasant entwickelnden Oligarchie in der ehemaligen Teilrepublik der UdSSR nicht mehr genug zum überleben hat. Ihr letztes Gehalt bekommt sie in Form eines Säckchens Reis ausgezahlt – zu wenig, um sie und ihren Enkelsohn zu ernähren. Sie kratzt das Geld für ein Touristenvisum und eine Zugfahrt nach Berlin zusammen, schlüpft bei ihrer Schwester unter, verdient sich fortan ihren kleinen sparsamen Lebensunterhalt als Putzfrau und unterstützt mit dem übrigen Geld ihre Familie in der Ukraine.

Als Natascha Wodin 1992 aus der Südpfalz nach Berlin zieht, sucht sie jemanden, der ihr beim Putzen hilft. Sie gibt eine Annonce auf, und am Ende fällt die Wahl auf Nastja aus der Ukraine, dem Land, aus dem Natascha Wodins Eltern stammten, die im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt wurden.

„Die Treppe herauf kam eine sehr schmale, schüchtern wirkende Frau, die etwa fünfzig Jahre alt sein mochte, aber aussah wie ein Mädchen. Sie trug Jeans und einen Rucksack auf den Schultern, auf den ersten Blick hätte man sie für eine typische Erscheinung der Prenzlauer-Berg-Szene halten können, doch bei näherem Hinsehen verrieten das altmodische, verwaschene Blüschen und die manierliche Haarspange die Herkunft aus einem anderen Teil der Welt.“

(S. 9)

Doch kaum ist Nastjas Visum abgelaufen, schlittert sie in das Leben einer Illegalen, wird Teil der riesigen Dunkelziffer an Untergetauchten im Dickicht der neuen, noch wildwüchsigen deutschen Hauptstadt. Für Natascha Wodin ist es, als würde sie von ihrem Schicksal erneut eingeholt. Im Heimweh dieser Ukrainerin, mit der sie mehr und mehr eine Freundschaft verbindet, erkennt sie das Heimweh ihrer Mutter wieder, die daran früh zerbrochen ist. Sie fühlt sich der Frau verbunden und versucht ihr dabei zu helfen, in Deutschland Fuß zu fassen. Doch ein Teil ihrer Hilfsaktionen führt zu grotesken Situationen und absurden Wendungen in Nastjas Leben. Zwar bekommt sie die deutsche Staatsangehörigkeit, aber nur über eine üble Heirat und muss dafür auch ihren ukrainischen Pass abgeben. Doch es ist nicht jedem möglich in der östlichen und westlichen Welt gleichzeitig zu leben und als Nastja dann irgendwann doch in die Ukraine zurückkehren will, muss sie feststellen, dass ihr jetzt nur noch ein befristetes Touristenvisum für ihre Heimat zusteht.

Eine sehr berührende Geschichte, auch aufgrund ihres authentischen Charakters. Denn Nastja ist keine rein fiktive Romanfigur, sondern hat ein reales Vorbild, das einen gleichzeitig den Schrecken von stalinistischen Terror, nationalsozialistische Verbrechen, sowjetische Diktatur und den Zusammenbruch des Sozialismus erahnen lässt. Das macht jedoch auch das Verhalten und die Ängste Nastjas begreifbar und nachvollziehbar, ihre Zerrissenheit und ihr ausgeliefert und ergeben Sein in Situationen und Begebenheiten, die eigentlich kaum zu ertragen sind.

Natascha Wodins Sprache ist dabei eher nüchtern und doch gelingt es ihr, bei der Geschichte einen Sog zu entwickeln, der nicht mehr los lässt. Es ist ein wenig so, als nähme man gegenüber der Autorin Platz und ließe sich von ihr in aller Ruhe diese besondere Geschichte rund um ihre Putzfrau erzählen. Eine Geschichte von Unsicherheiten, Ungerechtigkeiten, aber auch von dem leisen Kampf ums Überleben, von Heimat, dem Verlust derselben und den doch immer bleibenden Wurzeln. Empfehlenswert!

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Natascha Wodin
Nastjas Tränen
Hardcover, 192 Seiten
ISBN:  978-3498002602
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: Rowohlt
Erschienen: 17.08.2021

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I get a bird – Anne von Canal, Heikko Deutschmann

Briefromane mag ich gern, von Anne von Canal wollte ich immer mal etwas lesen und dass dieser Roman im mare Verlag erschienen ist, einem von mir hochgeschätzten Verlag, von dem mich bislang noch kein Buch enttäuschte, gab wohl den entscheidenden Ausschlag dafür, dass ich mich für dieses Buch interessierte. Kein Fehlgriff, denn ich habe bis zum Schluss immer wieder gern zu „I get a bird“ gegriffen, um die Protagonisten besser kennenzulernen und zu erfahren, was es mit ihrer Geschichte auf sich hat.

Eines Tages erhält Jana (Jahrgang 1971), eine als Fahrradkurier jobbende Zukunftsforscherin aus Freiburg, ein Paket von einem ihr unbekannten Mann. Der in einer Tagesklinik behandelte Busfahrer Johan (Jahrgang 1972) schickt ihr einen Kalender zurück, den sie vor drei Jahren in einer Telefonzelle in Neumünster vergessen hat. Es entspinnt sich eine immer intensiver werdende Korrespondenz zweier Fremder.

„Ich erzähle Ihnen von meinem Alltag, weil ich hoffe, dass es Sie aus dem Konzept bringt, von etwas zu lesen, das weder mit Ihnen noch mit diesem Päckchen zu tun hat. Ich will einen Raum schaffen für die fällige Entschuldigung. Einen tatsächlichen Raum. Ich möchte, dass Sie sie hören, sie wahrnehmen.“

(S. 13)

Während Johan der verlorene Kontakt zu seiner Tochter aus der Bahn geworfen hat, reißt sein Paket bei Jana ebenfalls alte Wunden auf. Bald finden die Schreibenden heraus, dass ihre Biografien nicht nur ungeahnte Parallelen haben, sondern auch eine ganz konkrete Überschneidung in der Vergangenheit. Allmählich werden ihre Gedanken klarer, sie reagieren immer mehr auf einander und lernen sich immer besser durch den Briefkontakt kennen.

„Alles, was ich erzähle, beinhaltet gleichzeitig auch alles, was ich nicht erzähle. Alles, was ich beschreibe, ist bereits eine Interpretation, selbst wenn ich eisern auf Kommentare verzichte. Egal, was und wie ich es am Ende formuliere – es ist doch meine Geschichte, meine Auswahl, meine Sicht. Subjektiv verzerrt.“

(S. 177)

Doch sie philosophieren nicht nur über die Begebenheiten in ihrem kleinen Mikrokosmos am Rande der Gesellschaft, sondern erreichen durch das Schreiben einander und finden wieder den Kontakt zu ihren eigenen Lebensgeschichten, die auch für den Leser dieses Briefromans nach und nach begreifbar werden.

Abgebildet werden 5 Monate Briefwechsel der Protagonisten, tatsächlich schrieben sich die beiden Autoren jedoch zwei Jahre lang für diesen Briefroman, ohne je etwas anderes abzusprechen als den Anfang. Alles Weitere überließen sie den Figuren und der Zeit. Entstanden ist ein wendungsreicher, gelegentlich humorvoller, vor allem aber berührender Briefwechsel.

Anne von Canal, geboren 1973, ist Autorin und Übersetzerin. Ihre schriftstellerische Arbeit wurde mit einem Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds und zahlreichen internationalen Aufenthaltsstipendien ausgezeichnet. Bei mare erschienen ihre Romane „Der Grund“ (2014) und „Whiteout“ (2017) sowie der Inselband „Mein Gotland“ (2020).

Heikko Deutschmann lebt als Schauspieler, Autor und Filmemacher in Berlin. Seiner Leidenschaft fürs Lesen und Vorlesen verdanken sich zahlreiche preisgekrönte Hörbücher. „I get a bird“ ist das erste Buch, das er unter eigenem Namen veröffentlicht.

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Anne von Canal, Heikko Deutschmann
I get a bird
Hardcover, 272 Seiten
ISBN: 978-3866486829
Preis: 22,00 € [D]
Verlag: mare
Erschienen: 24.08.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.