Der Geschmack der Sehnsucht – Kim Thúy

„Vor dem Schlafengehen legte Mama das Buch wieder in seine Metalldose und vergrub es in einem Versteck. Es war das größte aller Geheimnisse, denn ausländische Bücher waren verbannt, vor allem Romane, genauer gesagt, die Frivolität der Fiktion.“

(S. 42)

Im Rahmen meiner BUCHweltreise ging es dieses Mal für mich nach Vietnam. Kim Thúy verbrachte ihre ersten zehn Lebensjahre in Vietnam, bevor sie 1978 mit ihren Eltern und zwei Brüdern als boat people nach Kanada floh und sich in Montreal in der Provinz Québec niederließ. Später arbeitete sie als Übersetzerin und Rechtsanwältin und war Gastronomin und Gastrokritikerin für Radio und Fernsehen. Ihr erstes Buch „Der Klang der Fremde“ war ein internationaler Erfolg und brachte ihr zahlreiche Preise ein. 2013 erschien Thúys Buch „Der Geschmack der Sehnsucht“.

Es ist die autobiografisch gespeiste Liebesgeschichte einer Frau, die als Kriegswaise nach dem Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südvietnam weitergereicht wird und erst bei der dritten ‚Mutter‘ ein zu Hause findet. Bei ihr lernt Mãn die vietnamesische Kultur kennen und wird auch mit ihrer Küche vertraut gemacht.

„Leise, flüsternd lehrten die Mütter ihre Töchter kochen, damit nicht Nachbarinnen die Rezepte stahlen und womöglich mit den gleichen Gerichten deren Männer verführten. Kulinarische Traditionen wurden heimlich weitergegeben, wie Zaubertricks vom Meister an den Lehrling, immer nur eine einzelne Fertigkeit im Rhythmus der alltäglichen Verrichtungen.“

(S. 10)

Doch um ihre Zukunft zu sichern, entscheidet sich auch die neue Mutter, sie in die Ferne zu schicken: in eine arrangierte Ehe mit einem älteren Mann, der nach Kanada ausgewandert ist. Zuerst nimmt die junge Frau die neue Heimat nur durch die Luke der kleinen Suppenküche wahr, die dem ungleichen Paar den Lebensunterhalt sichert.

Erinnerungen an Vietnam und an Erlebnisse verbindet Mãn immer mit Geschmackserlebnissen und kocht nun alte Rezepte nach. Durch das Probieren mit Gewürzen und Zutaten aus der Heimat wird sie bald zu einer kleinen Berühmtheit in Bezug auf ihre Kochkunst. Sie versteht sich auf die Sprache der Gewürze, die zugleich die der Sehnsucht ist und in der jedes Kraut, jede Zutat eine besondere Bedeutung hat, eine Geschichte erzählt. Alle Emotionen und ihre ganze Sinnlichkeit steckt in ihren Gerichten. Mit dem Erfolg entdeckt sie auch sich selbst, findet eine neue Sprache, in der auch Wünsche und Sehnsüchte zu Wort kommen dürfen.

Dieses Buch entführt in eine fremde Welt mit den Gerichten, Gewürzen und Zutaten der vietnamesischen Küche. Es macht Appetit und beim Lesen scheint es köstlich aus dem Buch zu duften. Aber die Seiten gewähren durch die kurzen episodenhaften Einblicke in das Leben Mãns gleichzeitig auch Einblicke in die vietnamesische Kultur, Sprache und Geschichte. Der Schmerz der durch die Wirren der Politik und des Krieges verursachten Vergangenheit wird ebenso schmerzlich erfahrbar, wie die dennoch vorhandene Sehnsucht nach der Heimat, die trotz eines guten Lebens im Exil noch vorhanden ist. Ein berührendes leises Leseerlebnis der besonderen Art.

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Kim Thúy
Der Geschmack der Sehnsucht
Gebundene Ausgabe, 143 Seiten
ISBN: 978-3888979286
Preis: 16,95 € [D]
Verlag: Kunstmann
Erschienen: 26.02.2014

Was ich euch nicht erzählte – Celeste Ng

„Lydia ist tot. Aber das wissen sie noch nicht. Am 3. Mai 1977 um halb sieben Uhr morgens weiß niemand etwas außer der harmlosen Tatsache: Lydia kommt zu spät zum Frühstück.“

(S. 4)

So beginnt der Roman und nimmt einen mit in einen Familienalltag in einer Kleinstadt in Ohio, wo doch eigentlich alles in Ordnung zu sein scheint. Doch mit jeder gelesenen Seite bekommt das Bild dieser vermeintlich glücklichen Familie immer mehr Risse. Es hat beinahe etwas Brutales als Leser über den Wissensvorsprung gegenüber der Familie zu verfügen. Gleichzeitig macht es jedoch auch neugierig und man möchte wissen wie es dazu kam, dass dieses sechzehnjährige Mädchen vermisst wird. Der Junge, der es wohl zuletzt sah, schweigt. Das Mädchen heißt Lydia Lee, entstammt einer amerikanisch-chinesischen Familie: drei Kinder; der Vater Einwanderer der zweiten Generation, Wissenschaftler, Universitätsdozent; die Mutter, Amerikanerin, einst angehende Medizinerin. hat sich für die Familie und gegen den Beruf entschieden. Lydia ist das Lieblingskind ihrer Eltern, ernsthaft, freundlich, verantwortungsbewusst, eine gute Schülerin. Als sie eines Morgens nicht am Frühstückstisch erscheint, weist zunächst nichts hin auf schwelende Konflikte oder gar auf eine Tragödie.

Celeste Ng interessiert jedoch gerade dieses Nichts: das Ungesagte in einer augenscheinlich intakten Familie, das Verborgene, das einen unhörbaren Grundton erzeugt. Die Autorin legt innere Wirklichkeiten frei und entfaltet eine Geschichte, in der es weniger darum geht, was geschehen ist – warum es geschehen ist, das ist die Frage. Dabei springt sie in der Zeit und beleuchtet jedes Familienmitglied einzeln. Es geht um den Vater und seine chinesischen Wurzeln, die ihm in der amerikanischen Gesellschaft eine Außenseiterposition verschaffen, es geht um die Mutter, die unter mangelnder Selbstverwirklichung leidet und um die gemeinsame Familiengeschichte mit allen unausgesprochenen Problematiken und Hoffnungen, die unterschwellig vor sich hingären und in komplizierten Beziehungen zwischen Eltern und Geschwisterkindern auf ungesunde Weise immer mehr hochkochen.

Ein fesselndes, eindringliches und doch ganz unaufgeregt erzähltes Familiendrama, das zeigt, wie Mütter und Töchter, Väter und Söhne, Frauen und Männer immer wieder darum ringen, einander zu verstehen. Und wie häufig sie daran scheitern. Die Autorin schafft es dabei die Charaktere und die Beziehungsstrukturen so fein zu zeichnen, dass sie berührend ineinander greifen ohne in plumpe Klischees abzudriften. So sind die Träume, enttäuschten Erwartungen und verpassten Chancen nachvollziehbar und verweben sich zu dieser emotional bewegenden Geschichte, in der man zwar versucht ist Schuldige zu suchen, letztlich aber doch nur Opfer findet. Mitreißend, bewegend – und empfehlenswert!

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Celeste Ng
Was ich euch nicht erzählte
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Original: Everything I Never Told You
Taschenbuch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-423-14599-2
Preis: 10,90 € [D]
Verlag: dtv
Erschienen: 13.10.2017

erLESENer Juni 2021

Im Lesemonat Juni durchlebte ich unterschiedliche Formen des Liebens und Nichtliebens, pendelte zwischen Deutschland und Rumänien, konnte unter Wasser atmen, ließ mich beim Suizid begleiten und war fasziniert von Helen und Mabel.

Bücherwelten – Gefühle zwischen Buchdeckeln…

Klopf an dein Herz von Amélie Nothomb: Ein Roman über ein Zuviel und Zuwenig von Liebe. Amélie Nothomb in Bestform.

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff: Eine in Kurzgeschichten erzählte Familiengeschichte, die ihre Wurzeln in Rumänien hat. Lieber selber lesen, anstatt zum Hörbuch zu greifen!

Aus schwarzem Wasser von Anne Freytag: Ein Genre-Mix aus Polit-Thriller mit Fantasy/Science-Fiction-Elementen, der mich leider nicht überzeugen konnte.

Unzertrennlich . Über den Tod und das Leben von Irvin D. und Marilyn Yalom: Als fest stand, dass Marilyns Krankheit zum Tode führen würde, begannen die Eheleute ein Buch zu schreiben – das am Ende Irvin D. Yalom alleine fertigstellen musste. Von tiefer Ehrlichkeit und steter Reflektion gekennzeichnet. Berührend!

H wie Habicht von Helen Macdonald: Ein Buch, in dem die Autorin über ihre Trauerbewältigung durch die Zähmung eines Habichts beschreibt. Unglaublich beeindruckend! Ein Highlight!

Klopf an dein Herz – Amélie Nothomb

Für ein kurzes Buch von Amélie Nothomb ist ja immer Zeit. Umso mehr freute ich mich auf ihren gerade erst als Taschenbuch erschienenen Roman „Klopf an dein Herz“. Die knapp 150 Seiten sind schnell gelesen, aber lesetechnisch deshalb noch lange kein Fast Food.

Der Klappentext verrät: Diane hat es als Kind nicht leicht, denn ihre Mutter lehnt sie ab. Die Schwester hingegen ist Mutters Liebling. Trotzdem entwickelt sich Diane zu einer starken Persönlichkeit. Sie wird Kardiologin und kümmert sich um kranke Herzen, ganz im Sinne des Dichters Alfred de Musset, der sagte: ‚Klopf an dein Herz, denn da sitzt dein Genie.‘ Doch damit entfesselt sie zerstörerische Kräfte.

Im Mittelpunkt stehen einerseits Eifersucht, Neid und Verachtung, aber es ist auch ein Roman über die Liebe in ihren unterschiedlichen Ausprägungen: Die übersteigerte Selbstliebe bis hin zum Narzissmus, das Krankmachende der fehlenden, aber auch der überdosierten Mutterliebe, das herzerwärmende der Freundschaft bis hin zur Liebe an den Menschen allgemein. Was hier vielleicht ein wenig schmalzig klingen mag, versteht die Autorin auf ihre unvergleichlich lakonische, manchmal auch bösartige Art, unterhaltsam in Szene zu setzen.

Der Erzählton ist gelegentlich ein wenig märchenhaft und doch hat man beim Lesen den Eindruck, dass diese schöne, aber zuweilen auch recht traurige Geschichte durchaus der Realität entspringen könnte. Die Charaktere sind überwiegend sympathisch und selbst für die ungeliebten Personen entwickelt sich meist ein gewisses Verständnis, das dafür sorgt, dass man ihr Handeln zwar nicht gut heißt, es jedoch im Großen und Ganzen nachvollziehen kann.

Insgesamt ist Amélie Nothomb mit „Klopf an dein Herz“ trotz schwierigem Thema ein weiterer amüsanter Roman gelungen, der mit in die dunklen Bereiche der Psyche nimmt und den ich Fans der Autorin durchaus empfehlen kann.

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Amélie Nothomb
Klopf an dein Herz
Aus dem Französischen von Brigitte Große
Original: Frappe-toi le coeur, 2017 by Èditions Albin Michel, Paris
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3257245868
Preis: 11,00 € [D]
Verlag: Diogenes
Erschienen: 23.06.2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Die Unschärfe der Welt – Iris Wolff

Es war schon allein der schöne Titel, der mich auf dieses Buch aufmerksam machte und wohl auch nicht mehr los ließ. Als dann kürzlich bei Audible bei der Hörbuch-Aktion ‚2 Hörbücher zum Preis für ein Guthaben‘ dieses Buch wieder auftauchte, entschied ich mich dafür, dass es mich im Rahmen meiner BUCHweltreise nach Rumänien führen sollte. Im nachhinein wünschte ich mir jedoch, ich hätte es lieber selbst gelesen. Denn ich gehe davon aus, dass es mir als Buch wirklich gut gefallen hätte.

Der Klappentext verrät: Hätten Florentine und Hannes den beiden jungen Reisenden auch dann ihre Tür geöffnet, wenn sie geahnt hätten, welche Rolle der Besuch aus der DDR im Leben der Banater Familie noch spielen wird? Hätte Samuel seinem besten Freund Oz auch dann rückhaltlos beigestanden, wenn er das Ausmaß seiner Entscheidung überblickt hätte? In Die Unschärfe der Welt verbinden sich die Lebenswege von sieben Personen, sieben Wahlverwandten, die sich trotz Schicksalsschlägen und räumlichen Distanzen unaufhörlich aufeinander zubewegen. So entsteht vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein großer Roman über Freundschaft und das, was wir bereit sind, für das Glück eines anderen aufzugeben. Kunstvoll und höchst präzise lotet Iris Wolff die Möglichkeiten und Grenzen von Sprache und Erinnerung aus – und von jenen Bildern, die sich andere von uns machen.

Gelesen wird dieses Hörbuch von Eva Gosciejewicz, die eine angenehme Stimme hat, diese jedoch bei den männlichen Protagonisten unschön verändert, unnötigerweise selbst bei indirekter Rede. Das fiel für mich irgendwann so unangenehm ins Gewicht, dass es mir die Freude an dem Hörbuch nahm. Auch hätte ich mir Sprechpausen bei den Übergängen zu neuen Kapiteln gewünscht. Denn es war für mich anfangs etwas verwirrend, dass Iris Wolff diese Familiengeschichte in in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten erzählt, die nicht unbedingt in einer logischen zeitlichen Reihenfolge angeordnet sind.

In jeder Kurzgeschichte steht eines der Familienmitglieder im Fokus, die jede auf ihre Weise versuchen der Geschichte zu entkommen. Wir befinden uns dabei im sozialistischen Rumänien, erleben politische Umbrüche, erleben eine Flucht und landen irgendwann auch in Deutschland. Iris Wolff erzählt die berührende Geschichte der Menschen aus dem Banat in klarer, aber dennoch zarter Sprache. Gelegentlich ist die Wortwahl auch poetisch und lädt zum Innehalten und Verweilen ein. Für mich ist „Die Unschärfe der Welt“ daher unbedingt ein Buch zum selber lesen.

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Iris Wolff
Die Unschärfe der Welt
Ungekürztes Hörbuch
Sprecherin: Eva Gosciejewicz
Spieldauer: 6 Std. und 16 Min.
Erscheinungsdatum: 24.08.2020
Anbieter: Audible Studios

erLESENer Mai 2021

Im Lesemonat Mai wachte ich nach einem schweren Motorradunfall im Krankenhaus auf, übernahm in Lusaka eine Hühnerfarm, ging als 17jährige zum ersten Mal zur Schule, half Liss auf ihrem Bauernhof und bei der Ernte, pimpte mein Gehirn, übte mit Elias täglich 6 Stunden lang Gitarrenriffs und versuchte den Geheimnissen der Biografiearbeit auf die Schliche zu kommen.

Bücherwelten – irgendwo zwischen Fiktion und Realität…

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells: Obwohl es in diesem Buch um Verlust, Tod und Krankheit geht, hatte ich doch den Eindruck, ein Wohlfühlbuch zu genießen, in das man sich entspannt hineinfallen lassen und in dem man stundenlang schmökern kann. Ausgezeichnet!

Das Auge des Leoparden von Henning Mankell: Fein beobachtet schildert der Autor das Dilemma der Kolonialisierung und der späteren Ent-Kolonialisierung von Sambia. Hervorragend!

Befreit von Tara Westover: Ein großartiges Buch über eine bemerkenswerte Frau, die es durch harte Arbeit und Durchhaltevermögen geschafft hat, sich durch Bildung ein neues Leben aufzubauen. Beeindruckend!

Alte Sorten von Ewald Arenz: Eine schöne Geschichte irgendwo zwischen wuchtig und ganz zart – mit leisem Humor, Wut, Traurigkeit und Tiefgang. Eine umfangreiche Gefühlspalette zum mittendrin sein und mitfühlen, aber auch mit Wohlfühlmomenten. Wunderbar!

Mein Kopf gehört mir von Miriam Meckel: Eine Mischung aus erschreckend und faszinierend, was da am Gehirn erforscht und schon herausgefunden wurde. Wahnsinnig interessant!

Die goldene Ananas von Dennis Kornblum: Sprachlich sehr einfach, aber nichtsdestotrotz ein interessant und authentisch gehaltener Einblick in Leben und Wahrnehmung eines unter Asperger-Syndrom leidenden 26jährigen Gitarristen.

Biografiearbeit – Die innere Schatzsuche von Anja Mannhard: Ein kurzes Buch mit vielen Übungen und Fragen, um die eigene Lebensgeschichte unter die Lupe zu nehmen. Für mich zu bastellastig und zu wenig Erklärungen. Wohl eher an Fachleute gerichtet.

Die goldene Ananas – Dennis Kornblum

Als der 1980 geborene Autor Dennis Kornblum (denniskornblum.com) mich anschrieb und fragte, ob ich mir denken könnte, seinen Roman zu lesen und vorzustellen, war ich gleich interessiert. Denn der Roman handelt von dem 26jährigen Gitarristen Elias, der unter dem Asperger-Syndrom leidet und setzt zu dem Zeitpunkt ein, an dem dieser nach fünfeinhalb Jahren in Wohnheimen für gemeindenahe Psychiatrie in seine erste eigene Wohnung zieht. Dort steht er bald vor ganz neuen Herausforderungen, mit denen er umzugehen lernen muss. Da Dennis Kornblum selbst von dem Asperger-Syndrom betroffen ist, hat er in dem Roman Autobiografisches mit Fiktionalem vermengt, um einen authentischen Einblick in diese ungewöhnliche Welt zu gewähren. Und das ist ihm wirklich gelungen.

Sein Protagonist Elias steht jeglichen Veränderungen ängstlich und grundsätzlich ablehnend gegenüber. Daher erfüllt es ihn eher mit Widerwillen, dass er nun in eine eigene Wohnung ziehen soll, in das Dachgeschoss eines Fünfparteienhauses. Hier geht es ihm anfänglich nur darum, möglichst seine Ruhe zu haben und seinen streng strukturierten Tagesablauf einzuhalten, der aus einer sechsstündigen E-Gitarren-Einheit, dem Konsum von Death-Metal-Alben, dem Schauen von Filmen und genau getimten Mahlzeiten, Kaffee- und Zigarettenpausen besteht. Nach und nach werden jedoch die übrigen Hausbewohner auf ihn aufmerksam, und er kommt immer mehr in Kontakt, vor allem mit dem extrovertierten Endfünfziger Willi. Und plötzlich steht er vor ganz neuen Herausforderungen: Soll er es wagen, einer richtigen Band vorzuspielen? Und dann gibt es da noch die hübsche Kellnerin vom Café Auberge, die ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf geht…

Obwohl dieser Roman in der personalen Erzählweise verfasst ist, kommt man Elias beim Lesen sehr nah. Und doch bleibt eine Distanz bestehen, die nur ganz allmählich überwunden wird, weil man in seine Welt und Art der Wahrnehmung langsam hineinwächst. Die Gründe für seine teilweise recht eigenartige Handlungsweise werden nachvollziehbar, wenngleich es auch manchmal zu kuriosen Situationen kommt. Die Sprache ist sehr einfach und schnörkellos, was die Geschichte überaus authentisch und stimmig sein lässt. Elias ist dabei ein Charakter mit Ecken und Kanten, der einem mit der Zeit immer sympathischer wird und dessen positive Entwicklungsgeschichte man gerne weiter liest.

Doch dorthin ist auch ein weiter Weg. Denn dem Protagonisten hilft eine streng durchgetaktete Tagesstruktur, die man auch als Leser durchläuft. So notwendig dies ist, um ein Verständnis für die dahinter liegende Problematik zu entwickeln, so ermüdend wird dies jedoch irgendwann beim Lesen. Allerdings bezweifle ich, ob eine komprimiertere Darstellungsweise dem Roman wirklich gut getan hätte. Doch schließlich ist bei Elias ein Punkt erreicht, an dem er für sich wichtige Erkenntnisse gewinnt und Bewegung in sein Leben kommt. Eine Entwicklung, die man zwar kommen sieht, aber eine, die man dem Protagonisten gönnt und über die man sich mit ihm freuen kann.

Insgesamt war dies für mich ein aufschlussreicher Ausflug in die Welt eines jungen Menschen mit Asperger-Syndrom, den ich Lesern empfehlen kann, die sich auf unterhaltsame Weise mit der Thematik beschäftigen möchten.

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Dennis Kornblum
Die goldene Ananas
Taschenbuch, 580 Seiten
ISBN: 978-3-347-12210-9
Preis: 17,99 € [D]
Verlag: tredition
Erschienen: 08.12.2020

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Autor für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Alte Sorten – Ewald Arenz

Als es kürzlich bei Audible eine Aktion gab, bei der aus einer Auswahl bestimmter Hörbücher 2 für 1 Guthaben gekauft werden konnten, stieß ich unter anderem auf „Alte Sorten“ von Ewald Arenz. An diesem Buch kam man vor einiger kaum vorbei, weil viele Lesende so voll des Lobes darüber waren. Längst hatte mich das neugierig gemacht und bei dem Schnäppchenangebot war ich ja eigentlich schon fast gezwungen zuzugreifen. Mal gut, denn dieses Hörbuch wurde für mich zu einem weiteren Highlight in diesem Jahr.

Eingesprochen wurde „Alte Sorten“ von Sabine Arnhold, die in dem ungekürzten knapp 7-stündigen Hörbuch die beiden Protagonistinnen Sally und Liss mit ihrer Stimme zu unverwechselbaren Charakteren macht, deren Stimmungen und Gefühlsregungen man nicht nur hören, sondern sogar spüren kann. Das liegt nicht zuletzt auch an dem Einfühlungsvermögen, mit dem Ewald Arenz die gemeinsame Geschichte dieser beiden Frauen zeichnet, die erstmals an einem Weinberg in der Nähe eines kleinen Dorfes aufeinander treffen.

Liss ist eine starke verschlossene Frau, hat dort einen Bauernhof und lebt recht isoliert von der Dorfgemeinschaft. Als sie auf die siebzehnjährige Sally trifft, die offensichtlich durchgebrannt ist, nimmt sie diese ohne Fragen zu stellen bei sich auf. Für Sally ist die etwa 30 Jahre ältere Frau ein Rätsel. Aber Liss ist zu dem Zeitpunkt genau die Person, die Sally braucht, weil sie die Ruhe hat, Sally so sein zu lassen, wie sie ist und weil es ihr gut tut Liss bei der Arbeit auf dem Hof und in der Natur zur Hand zu gehen. Allmählich entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine Freundschaft. Und als Leser erfährt man nach und nach, was sie bewegt und was ihnen in ihrem Leben widerfahren ist.

Obwohl aus Sally oft auch viel Wut herausplatzt, ist „Alte Sorten“ eher ein Buch der leisen Töne. Es geht um den Rückzug und darum, miteinander auch mal schweigen zu können. Es geht um Freundschaft, Anerkennung und Akzeptanz. Aber auch um die Rückbesinnung auf die Natur und das Wahrnehmen der zwischenmenschlichen Töne, die nur hörbar sind, wenn das Laute in den Hintergrund tritt. Man versteht beide Frauen, die jede ihr eigenes Schicksal durchlitten hat und fühlt mit ihnen.

Gleichzeitig nimmt einen Ewald Arenz beim Lesen selbst mit in die Natur und sorgt durch seine sinnlichen Beschreibungen dafür, dass man selbst etwas über die Imkerei und die Weinlese lernt, beim Schnapsbrennen und bei der Kartoffelernte dabei ist, alte Sorten kennen lernt und sogar meint, den Geschmack dieser fast vergessenen Birnensorten selbst auf der Zunge zu haben.

Eine schöne Geschichte irgendwo zwischen wuchtig und ganz zart – mit leisem Humor, Wut, Traurigkeit und Tiefgang. Eine umfangreiche Gefühlspalette zum mittendrin sein und mitfühlen, aber auch mit Wohlfühlmomenten, die richtig Lust aufs Landleben machen. Einfach wunderbar!

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Ewald Arenz
Alte Sorten
Ungekürztes Hörbuch
Sprecherin: Sabine Arnhold
Spieldauer: 7 Std. und 14 Min.
Erscheinungsdatum: 21.11.2019
Anbieter: Audible Studios

Das Auge des Leoparden – Henning Mankell

Und wieder konnte ich einen echten Schatz inmitten meines Stapels ungelesener Bücher entdecken. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie dieses Buch vor vielen Jahren zu mir gelangte. Die Stadtbibliothek veranstaltete damals einen ihrer regelmäßigen sogenannten „Bücherbummel“, wo man ausrangierte und gespendete Bücher für ganz kleines Geld erwerben konnte. Dort war ich gemeinsam mit meiner Mutter unterwegs, die dieses Buch aus dem riesigen Bücherangebot fischte und mir wärmstens ans Herz legte. Tatsächlich nahm ich es mit leichtem Widerwillen mit, denn Henning Mankell war meines Wissens nach ein Krimi-Autor und Krimis lese ich einfach nicht so gerne. Aber mit dem Hinweis, dass „Das Auge des Leoparden“ eines seiner hervorragenden Afrika-Bücher und keineswegs ein Krimi sei, hatte sie mich doch noch überzeugen können. Allerdings war es das dann auch erstmal, denn das Buch wurde bestimmt 10 Jahre gut in meinem Bücherregal abgelagert, bevor ich es wieder zur Hand nahm – als einen Kandidaten für meine BUCHweltreise, der mich nach Sambia führen sollte.

Doch zunächst nimmt dieser Roman mit nach Schweden zu Hans Olofson, der 1969 eigentlich nur eine kurze Reise nach Afrika machen wollte, dann aber neunzehn Jahre dort blieb. Statt in Uppsala sein Jurastudium zu beenden, übernimmt er in Lusaka die Hühnerfarm einer weißen Engländerin, deren Mann im Busch verschollen ist. Dabei verfolgt er ehrgeizige Reformpläne: Er will neue Häuser für die Schwarzen bauen, ihnen höhere Löhne bezahlen und ihren Kindern eine Schule einrichten. Doch bald mehren sich die Zeichen, dass sich die Zustände wohl nicht so rasch in seinem Sinne ändern lassen. Seine weißen Nachbarn werden massakriert, sein Schäferhund brutal getötet. Und der Mann, den er für seinen einzigen schwarzen Freund hält, rät ihm, für immer wegzugehen.

Schon als Kind träumte Henning Mankell davon, den Afrikanischen Kontinent zu bereisen, 1972 erfüllte er sich erstmals diesen Wunsch und fand in Afrika seine wahre Heimat. Ab­wech­selnd lebte er in seinem Heimatland Schweden und seiner Wahlheimat Afrika. Erstmals erschien dieser Roman 1990 in Schweden und es ist 1988 als der Protagonist dabei ist, Sambia wieder zu verlassen. Viel Zeit ist seit dem vergangen und doch hatte ich beim Lesen nicht den Eindruck, ein in die Jahre gekommenes Buch in Händen zu halten. Gelegentlich fragte ich mich beim Lesen überrascht und wohl auch ein wenig schockiert, ob manches nicht vielleicht zu rassistisch geschildert und vielleicht sogar diskriminierend sein könnte.

Doch tatsächlich bin ich es einfach nicht gewöhnt, manches in dieser Deutlichkeit ausformuliert zu lesen. Mit fortschreitendem Lesen habe ich jedoch immer mehr die feine Beobachtungsgabe des Autors schätzen gelernt, dem es gelingt das Dilemma der Kolonialisierung und der späteren Ent-Kolonialisierung – Sambia wurde 1964 vom Vereinigten Königreich unabhängig – zu schildern. Die Denkweise der Schwarzen und der Weißen wird nicht als gut oder schlecht, besser oder schlechter beurteilt. Doch die Andersartigkeit und in manchen Punkten auch die Unvereinbarkeit in diesem Land wird deutlich, unabhängig davon, ob Gutes oder Schlechtes im Schilde geführt wird und welche Beweggründe hinter dem Handeln auch stecken mögen.

„Aber der schwarze Kontinent als Ganzes wird immer ungreifbarer, je mehr er zu verstehen glaubt. Er spürt, dass Afrika im Grunde kein Ganzes ist, jedenfalls nichts, was er mit seinen angestammten Vorstellungen begreifen oder sich zu eigen machen könnte. Hier gibt es keine einfachen Losungsworte. Hier sprechen hölzerne Götter und Ahnen ebenso deutlich wie die Lebenden. Die Wahrheit der Europäer verliert in der Savanne ihre Gültigkeit.“

(S. 185)

Insgesamt ein großartiger Roman, der viel Stoff zum Nachdenken bietet und auch den ein oder anderen Denkanstoß für unsere heutige Zeit mitbringt. Mit der auktorialen Erzählweise konnte ich mich anfangs nicht so recht anfreunden und auch der Protagonist ist niemand, der einem auf Anhieb sympathisch ist. Dennoch schafft es Mankell, dass man mit der verkorksten Figur mit fiebert und dessen Angst und Einsamkeit, aber auch Ziel- und Haltlosigkeit beim Lesen eindringlich spüren kann. „Das Auge des Leoparden“ ist mein erstes, wird aber sicherlich nicht das letzte Afrika-Buch bleiben, das ich von diesem Autor gelesen habe.

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Henning Mankell
Das Auge des Leoparden
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Original: Leopardens Öga, Ordfront Förlag in Stockholm
Gebunden mit Schutzumschlag, 384 Seiten
ISBN: 978-3552052963
Preis: 21,50 € [D]
Verlag: Paul Zsolnay Verlag
Erschienen: 10.02.2004

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Vor einiger Zeit kam man an diesem Buch einfach nicht vorbei. Überall wurde es hoch gelobt und führte lange die Bestsellerlisten an. Und doch zog mich damals nichts zu der Geschichte hin, obwohl ich von Benedict Wells bereits „Spinner“ gelesen hatte und auch mochte. Als ich neulich bei Spotify auf der Suche nach einem neuen Hörbuch war, fiel mir erneut „Vom Ende der Einsamkeit“ ins Auge. Ich wollte eigentlich nur mal kurz reinhören, aber daraus wurde schnell mehr. Inzwischen kann ich den Hype nachvollziehen, denn es war auch für mich ein echtes Highlight.

Der Roman beginnt, als Jules mit Mitte vierzig nach einem schweren Motorradunfall im Krankenhaus aufwacht. Mühevoll und langsam erinnert er sich an seine Vergangenheit. Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Obwohl sie auf dasselbe Internat kommen, geht jeder seinen eigenen Weg. Während Liz sich in Drogen- und Sexabenteuer stürzt und Marty sich in seiner Computerwelt verkriecht, zieht sich der einst so selbstbewusste Ich-Erzähler Jules immer mehr in seine Traumwelten zurück. Nur mit der geheimnisvollen Alva schließt er Freundschaft, doch erst Jahre später wird er begreifen, was sie ihm bedeutet. „Vom Ende der Einsamkeit“ ist eine tragische Liebesgeschichte, aber auch eine berührende Familiengeschichte über den Umgang mit Verlust und Einsamkeit, über Protagonisten, die ihren Weg im Leben suchen.

“Das Gegengift zu Einsamkeit ist nicht das wahllose Zusammensein mit irgendwelchen Leuten. Das Gegengift zu Einsamkeit ist Geborgenheit.”

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Obwohl es in diesem Buch um Verlust, Tod und Krankheit geht, hatte ich doch den Eindruck, ein Wohlfühlbuch zu genießen, in das man sich entspannt hineinfallen lassen und stundenlang darin schmökern kann. Denn Benedict Wells gelingt es sofort, mich beim Hören in den Bann zu ziehen. Doch immer, wenn es gut läuft und man sich mit den Protagonisten in trügerischer Sicherheit wiegt, schlägt das Schicksal wieder zu. Dennoch bleibt die Geschichte überraschenderweise unterhaltsam und leicht zu lesen, weil es dem Autor auf einfühlsame Weise gelingt, seine Figuren trotz trauriger Thematik mit leisem Optimismus und menschlicher Wärme zu zeichnen.

Gelesen wird dieses Hörbuch von Robert Stadlober, dessen Stimme hervorragend zu dem Ich-Erzähler passt. Außerdem versteht er sich auf die Kunst, mit Betonung, der Klangfarbe seiner Stimme und gut verständlichem Dialekt wohl dosierte Akzente zu setzen, die dem Hörbuch Lebendigkeit verleihen. Wenn man nicht unbedingt Wert darauf legt das Buch selbst zu lesen und dabei bemerkenswerte Sätze markieren möchte, von denen es in „Am Ende der Einsamkeit“ einige zu entdecken gibt, dem kann ich das Hörbuch wärmstens empfehlen.

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Benedict Wells
Vom Ende der Einsamkeit
Ungekürztes Hörbuch
Sprecher: Robert Stadlober
Spieldauer: 7 Std. und 32 Min.
Erscheinungsdatum: 12.10.2018
Verlag: Diogenes