erLESENer November

Im Lesemonat November war ich in Gilead unterwegs, wanderte mit vielen Japanerinnen nach Amerika aus, durchschlug einen echten Rothko mit meiner Faust, erfuhr, was im Bösland wirklich geschah und entjungferte mit Sascha Felix.

Bücherwelten – bieten Ablenkung, wenn man es gerade braucht…

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Die Zeuginnen von Margaret Atwood
Die ebenfalls großartige Fortsetzung von „Der Report der Magd“. Hervorragend!

Wovon wir träumten von Julie Otsuka
Ein intensives und berührendes Buch, das auf eine besondere Weise auf geschichtliche Ereignisse rund um die japanstämmigen Amerikaner blickt. Ein Buch, das nachwirkt und zum weiter informieren anregt. Empfehlenswert!

Duell von Joost Zwagerman
Es ist Ausflug in die Welt der Kunst und dabei voller Witz, Action, kluger Gedanken, interessanter Einblicke und einer gehörigen Portion Slapstick. Unterhaltsam!

Bösland von Bernhard Aichner
Ein relativ vorhersehbarer Thriller, der jedoch sehr gut als Hörbuch vertont ist und der von den gut ausgearbeiteten Charakteren lebt. Gar nicht schlecht!

Scherbenpark von Alina Bronsky
Ein gefühlvoller, aber nicht gefühlsduseliger Roman über eine starke siebzehnjährige Protagonistin, die in Deutschland in einem russischen Hochhaus-Ghetto aufwächst. Empfehlenswert!

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#bücherschrankschatz – Dezember 2019

#bücherschrankschatzViele öffentliche Bücherschränke werden ja bereits liebevoll bestückt und gepflegt, aber andere können ein wenig Unterstützung brauchen und da soll die Mitmachaktion #bücherschrankschatz einfach ein wenig helfen. -> Mach doch auch mit!



Dieses Mal ging es für mich mit leichter Verspätung zum öffentlichen Bücherschrank unseres kleinen Städtchens. Ordentlich sieht es hier aus und auf Anhieb fallen mir dieses Mal viele Thriller ins Auge, die ich noch nicht kenne. Bücher, mit denen beim Lesen gut umgegangen wurde und die noch nicht allzu viele Hände durchlaufen haben können. Mir macht es Spaß hier zu stöbern und ich bin fast ein wenig stolz, dass ich kein Buch für mich mitnehme, sondern nur einen Platz für mein mitgebrachtes finde. Im November habe ich einige von den Büchern gelesen, die sich zum Teil schon sehr lange auf meinem SuB (Stapel ungelesener Bücher) tummelten und mich darüber gefreut, wie viel Gutes sich darunter befand. Dort will ich erstmal weiterstöbern und halte mich am Bücherschrank zurück.

Mitgebracht habe ich dieses Mal ein Buch, das Teil einer Reihe ist und mich seinerzeit sehr begeistern konnte. Ich wollte immer mal weiterlesen, habe aber tatsächlich nie zu dem zweiten Buch gegriffen, das sich seit Jahrzehnten auf meinem SuB befindet. Der Verfilmung durch die Serie „Outlander“ konnte ich hingegen nicht widerstehen, obwohl mich Schnulziges normalerweise nicht so leicht packen kann. Aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel 😉

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Diana Gabaldons opulenter historischer Roman um das Liebespaar Claire Randall und Jamie Fraser, der in den USA bereits für Furore gesorgt hatte, wurde auch in Deutschland zum Überraschungsbestseller des Jahres 1995. Mit unglaublichem geschichtlichen Wissensschatz, weiblichem Einfühlungsvermögen und herzerfrischendem Humor erweckte die Autorin das wilde schottische Hochland des 18. Jahrhunderts zu neuem, farbenprächtigem Leben.

Man schreibt das Jahr 1945. Claire Beauchamp Randall, die bis vor kurzem als Krankenschwester an der Front gearbeitet hat, verbringt die zweiten Flitterwochen mit ihrem Mann Frank in den schottischen Highlands. Als sie bei einem Spaziergang nichtsahnend einen magischen Steinkreis berührt, verliert sie das Bewusstsein – und erwacht mitten im Schlachtgetümmel schottischer Rebellen, im Jahr 1743.

Das Schottland dieser Epoche unterscheidet sich beträchtlich von dem friedlichen Ort, den Claire soeben mysteriöserweise verlassen hat: Die schottischen Clans kämpfen erbittert gegen die englische Besatzung; die Highlander sind geprägt von Rebellion und Verrat, von Aufklärung, Aberglaube und Hexenwahn. Und mitten unter ihnen Claire – eine Frau des zwanzigsten Jahrhunderts, eine beargwöhnte Fremde, die die Menschen durch ihr seltsames Auftreten, ihre ungewöhnliche Sprache und ihre eigenartigen Kenntnisse in Aufruhr versetzt.

Da begegnet sie James Fraser, dem mutigen Clanführer, der ihr mehr als einmal in lebensbedrohlichen Situationen zu Hilfe eilt. Immer wieder kreuzen sich ihre Wege, und bald schon spürt Claire, dass dieser Mann über ihr Schicksal entscheidend mitbestimmen wird, dass sie an seiner Seite Liebe und Leidenschaft, Rebellion und tödliche Gefahr erleben wird. Claire muss schließlich die Entscheidung ihres Lebens treffen: zwischen der Zukunft und der Vergangenheit, zwischen ihrem Mann Frank und dem rothaarigen Rebellen James Fraser.
Eine Lektion hat sie inmitten dieses Abenteuers jedoch bereits gelernt – dass der Instinkt eines Mannes, die Frau zu beschützen, die er liebt, so alt ist wie die Zeit…

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Diana Gabaldon
Outlander – Feuer und Stein
Übersetzt von: Barbara Schnell
Taschenbuch, 1136 Seiten
ISBN: 978-3-426-51802-1
Preis: € 18,00[D] inkl. MwSt.
Verlag: Droemer Knaur
Erschienen am 04.05.2015 (Erstveröffentlichung 1991 unter dem englischen Titel „Outlander“ in New York)

Wie sieht der öffentliche Bücherschrank bei euch aus? Kennt oder unterstützt ihr bereits einen öffentlichen Bücherschrank und wenn ja, welches gute Buch stellt ihr im Dezember dort unter?

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Scherbenpark – Alina Bronsky

„Scherbenpark“ war in der Sparte „Jugendbuch“ (Kritikerjury) zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2009 sowie für den Aspekte-Literaturpreis nominiert. Der Roman erschien als Theaterstück und wurde bereits mit Jasna Fritzi Bauer in der Hauptrolle verfilmt. Doch eigentlich wollte ich das Buch unbedingt lesen, weil sich Christine Westermann lobend darüber äußerte und mich bereits „Baba Dunjas letzte Liebe“ beeindrucken konnte. Als erst in diesem Jahr ein neues Buch von Alina Bronsky erschien, erinnerte ich mich wieder daran, dass sich immer noch ihr Debütroman „Scherbenpark“ unter meinen ungelesenen eBooks befand und es endlich mal Zeit wurde, dieses Buch zu lesen.

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Die Autorin selbst ist auf der asiatischen Seite des Uralgebirges sowie in Marburg und Darmstadt aufgewachsen. Ihr Vater ist jüdischer Abstammung und wanderte mit der Familie Anfang der 1990er Jahre als Kontingentflüchtling nach Deutschland aus. In „Scherbenpark“ nimmt Alina Bronsky den Leser mit in diese Welt und zeigt anhand der siebzehnjährigen Sascha wie es laufen kann, wenn es nicht gut läuft. Sascha ist aus Moskau nach Deutschland gekommen und lebt mit ihren zwei jüngeren Geschwistern im Scherbenpark – einem Hochhaus-Ghetto, in dem eigene Gesetze herrschen. Aber sie besucht auch das katholische Elite-Gymnasium, das Sascha wegen ihrer Hochbegabung und ihrer prekären Lebenssituation angenommen hat, mitsamt den behüteten und ausstaffierten Mitschülerinnen, die keinen Schimmer von Algebra haben, aber ein volles Freizeit­programm. Sascha ist eine Pendlerin zwischen zwei Welten und in keiner davon zu Hause.

Ihre Geschichte beginnt Sascha mit zwei Vorsätzen: Sie will ihrer Mutter ein Buch schreiben, und sie will Vadim töten. Ganz allmählich erfährt der Leser, was sie zu diesen Vorhaben gebracht hat. Selbstbewusst und geradeheraus, beiläufig und trocken kommentiert sie ihre Umgebung, das verzweifelte Streben nach Glück, Freiheit und Wohlstand, das Scheitern ringsum und das eigene Aufbegehren. Was es mit Vadim auf sich hat, warum Sascha ohne Mutter, aber mit ihrer Großtante lebt, wie die Familie  durch ein Verbrechen erschüttert und zugleich berühmt wurde, und was es bedeutet, in ein Dreiecksverhältnis mit einem Journalisten und seinem sechzehnjährigen Sohn zu geraten – all das erzählt sie mit Herz, Witz und einer Energie, die mitreißt. Gleichzeitig spürt man die grenzenlose Wut, die neben einer gewissen Trotzigkeit auch die verzweifelte Suche nach einem Umgang mit den Geschehnissen zeigt.

Ein gefühlvoller, aber nicht gefühlsduseliger Roman über eine starke Protagonistin. Empfehlenswert!

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Alina Bronsky
Scherbenpark
Taschenbuch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-462-04150-7
Preis: 9,99 € | Österreich: 10,30 €
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 24.09.2009

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Bösland – Bernhard Aichner

Eigentlich mag ich ja keine halben Sachen, aber als ich kürzlich bei Audible ein halbes Guthaben für einen Thriller ausgab, stöberte ich weiter in dem Genre und stieß auf Bösland von Bernhard Aichner – ein Autor, von dem ich bislang noch nichts gelesen hatte und den ich längst mal für mich entdecken wollte. Nach der Hörprobe stand für mich recht schnell fest, dass ich die andere Hälfte des Guthabens hierfür verwenden wollte, weil mich die Geschichte gleich fesseln konnte und ich neugierig darauf war, was es mit dem Bösland auf sich hatte.

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Ben hat einen Vater, der ihn schlägt und sich umbringt, als Ben zehn Jahre alt ist. Das prägt ihn, so dass er für seine Umwelt immer ein wenig seltsam erscheint. Als Ben mit seinem Freund Kux und Mathilda, dem Mädchen in das er heimlich verliebt ist, im Bösland spielt, wird Mathilda erschlagen. Daraufhin wird Ben, der am Tatort blutverschmiert gefunden wird und sein Gedächtnis bezüglich der Geschehnisse verloren hat, verhaftet. Er muss mit 13 Jahren in eine psychiatrische Klinik, wo er er jahrelang betreut wird und sich später ein unscheinbares Leben als Fotolaborant aufbaut. Knapp 30 Jahre nach den Ereignissen im Bösland entwickelt er ein Foto, auf dem er seinen alten Freund Kux wieder erkennt. Seine Therapeutin rät ihm, seinen Heimatort aufzusuchen und Kontakt mit Kux aufzunehmen. Ben folgt ihrem Rat und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse.

Die Sprecher haben gute Arbeit geleistet und den Charakteren Lebendigkeit und Authentizät eingehaucht. In kurzen Kapiteln jagt man regelrecht durch dieses Hörbuch und ein ums andere Mal wurde mein Badewasser kalt, weil ich beim Hören (und baden) kein Ende finden konnte, wenn ich gebannt der Geschichte lauschte. Ich fühlte mich gut unterhalten und wollte immer wissen wie es weiter geht.

Allzu überraschend ist die Handlung allerdings nicht und verläuft unerwartet oft genau so, wie ich es im Vorfeld vermutet hatte. Und doch nimmt man es diesem Thriller nicht allzu übel, weil er gut umgesetzt ist, die Charaktere gut ausgearbeitet und mit den richtigen Sprechern besetzt sind. Für besondere Spannung sorgt in dieser Geschichte auch der Psychokrieg, der zwischen zwei Personen entbrennt – ein ungleicher Kampf, bei dem man sich nicht sicher ist, wer ihn gewinnen kann. So bleibt doch immer ein wenig Unvorhersehbares übrig, das einen mitfiebern lässt.

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Bösland
Autor: Bernhard Aichner
Sprecher:  Hans Sigl, Johannes Steck, Martin Gruber, Beate Himmelstoß, Jule Ronstedt
Spieldauer: 6 Std. und 49 Min.
Ungekürztes Hörbuch
Erscheinungsdatum: 01.10.2018
Sprache: Deutsch
Anbieter:  Der Hörverlag

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Duell – Joost Zwagerman

In die Niederlande sollte es im Rahmen meiner BUCHweltreise gehen. Das führte mich zu der Novelle „Duell“, die 2010 publiziert und im Rahmen der alljährlichen Niederländischen Buchwoche als „Boekenweekgeschenk“ (Bücherwochengeschenk) kostenlos in allen Buchhandlungen verteilt wurde. Die Auflage lag bei über 950.000 Exemplaren. Im Mittelpunkt dieses Buches steht die größte anzunehmende Katastrophe für den Museumsdirektor Jelmer Verhooff: Seine Faust durchschlägt ein Gemälde im Wert von 30 Millionen Euro.

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Jelmer Verhooff ist der junge Direktor des „Hollands Museum“ in Amsterdam, ein hipper Aufsteiger innerhalb der Kunstwelt. Nun aber muss sein Museum wegen Brandschutzmängeln geschlossen werden. Als letzte Ausstellung vor der Schließung hat er sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Junge holländische Künstler sollen sich mit Meisterwerken der Sammlung auseinandersetzen. Der Titel der Schau: „Duel. Dutch Artists Challenged by Modern Masters“. Besonders angetan ist er von einer jungen Malerin, die sich darauf spezialisiert hat, bedeutende Gemälde detailgenau zu kopieren. Diese wählt ein Schlüsselwerk von Mark Rothko und schafft ein verblüffend originalgetreues Abbild.

„Ein Kritiker zog, wie Emma selbst, den Vergleich mit einem reproduzierenden Künstler: ‚So wie die Wundergeigerin Hilary Hahn beim Spielen von Bachs Chaconne mit scheinbarer Leichtigkeit den Eindruck erweckt, in die Seele des Komponisten hinabsteigen zu können, so gelangt Emma Duiker in das Innere des so gequälten Mark Rothko, dessen Werk sie nicht fälscht sondern aufführt.'“ (S. 24)

Nach dem Ende der Ausstellung stellt dann allerdings der Restaurator des Museums fest, dass nun die Kopie in der Sammlung ist. Das Original wurde von der Malerin gestohlen. Und Jelmer Verhooff stellt seinerseits fest, dass Emma Duiker nicht nur Gemälde kopiert, sondern eine Konzeptkünstlerin ist, deren eigentliches Werk darin besteht, Rothkos Gemälde ohne jeden Hinweis auf dessen Wert und Bedeutung an alltäglichen Orten auf einfache Menschen wirken zu lassen.  Verhooff macht sich sofort daran zu recherchieren, wo sich das Original befindet.

Joost Zwagerman, geboren 1963, war einer der bedeutendsten niederländischen Autoren seiner Zeit – er litt unter starken Depressionen und nahm sich 2015 das Leben. Gedichte, Essays, Erzählungen sowie Romane schrieb er und war in den Niederlanden auch als Kolumnist und Kunstkritiker bekannt. Die Beschäftigung mit der Kunst findet ihren Niederschlag auch in dieser Novelle, in der Zwagerman überaus subtil Realität und Fiktion vermischt. Dabei nimmt er die Ende 2003 aus bautechnischen Gründen von der Feuerwehr verfügte Schließung des Stedelijk Museums in Amsterdam zum Ausganspunkt für eine beinahe schon groteske, sich um ein fiktives Gemälde von Mark Rothko drehende Vertauschungsgeschichte. Mit feiner Ironie schildert er die Kunst- und Museumswelt und beleuchtet erzählend grundlegende Probleme der modernen Kunst. Zentral steht dabei gewiss die Frage nach dem Stellenwert eines Originals, doch auch die Frage nach dem Verhältnis von Marktwert und ästhetischem Wert von Kunst sowie der Anspruch und die Erwartung, dass Kunst immer wieder Grenzen verschieben muss, werden angesprochen, ohne dass das Buch jemals theorielastig ist. Es ist eine Geschichte voller Witz, Action, kluger Gedanken, interessanter Einblicke in die Welt der Kunst und einer gehörigen Portion Slapstick.

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Joost Zwagerman
Duell
Aus dem Niederländischen und mit einem Nachwort von Gregor Seferens
Original: Duel
fadengeheftete Broschur, 160 Seiten
ISBN: 978-3-938803-81-3
Preis: € 17,00
Verlag: Weidle Verlag
Erschienen: Juli 2016

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Wovon wir träumten – Julie Otsuka

Dieses Buch wanderte bereits vor einigen Jahren auf meine Wunschliste und von dort relativ zügig als eBook auf meinem virtuellen Stapel ungelesener Bücher. Und das war es dann erstmal. Als ich es nun kürzlich auf meinen eReader lud, um im Urlaub eine große Auswahl an Lesbarem zu haben, wusste ich längst nicht mehr, wovon dieses Buch handelt. Umso überraschter war ich von diesem kleinen Schatz, der sich mir nach und nach offenbarte.

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Mit leiser Wehmut, vielen Fragen und großen Hoffnungen im Gepäck überqueren sie den Ozean: junge Japanerinnen, die in den 1920er Jahren ihre Heimat verlassen, um in Kalifornien japanische Einwanderer zu heiraten.

„Einige von uns kamen aus Hokkaido, wo es verschneit und kalt war, und träumten noch jahrelang von dieser weißen Landschaft. Einige von uns kamen aus Hiroshima, das später in die Luft fliegen sollte, und hatten Glück, überhaupt auf dem Schiff gelandet zu sein, auch wenn sie es damals natürlich noch nicht wussten.“ (S. 9)

Bis zu ihrer Ankunft kennen die Frauen ihre zukünftigen Männer nur von den strahlenden Fotos der Heiratsvermittler, und auch sonst haben sie äußerst vage Vorstellungen von Amerika. Die Überfahrt wird zu einer seltsamen, oft traumartigen Passage zwischen zwei Welten – und die Ankunft in Amerika zu einem abrupten Erwachen in der Fremde, in der kaum etwas so ist wie erwartet.

„Denn wenn uns unsere Männer in ihren Briefen die Wahrheit gesagt hätten – dass sie keine Seidenhändler waren, sondern Obstpflücker, dass sie nicht in großen Häusern mit vielen Zimmern wohnten, sondern in Zelten und Scheunen und draußen im Freien, auf den Feldern, unter der Sonne und den Sternen -, wären wir nie nach Amerika gekommen, um die Arbeit zu machen, die im Leben kein Amerikaner machen würde, der etwas auf sich hält.“ (S. 24)

Der Roman schildert ihre Lebenserfahrungen in der neuen Heimat, bis rund ein Vierteljahrhundert später der japanische Angriff auf Pearl Harbor zur Internierung japanischstämmiger Amerikaner führt.

Als Leser erfährt man die Geschehnisse aus der Wir-Perspektive der Japanerinnen. Es gibt keine stringent erzählte Geschichte, der man folgen und keinen Protagonisten, mit dem man sich identifizieren könnte. Aber die aufzählende Erzählweise beleuchtet das differenzierte Erleben und Wirken der Japanerinnen dennoch eingehend und bewegend, da sich hierdurch eine Vielzahl von Perspektiven und Möglichkeiten eröffnet. Das sorgt wohl auch für die dichte Atmosphäre, durch die sich ein Sog entwickelt, dem man sich beim Lesen kaum entziehen kann.  Man erlebt die anfänglichen Ängste vor dem neuen Land und den unbekannten Männern, erfährt von Hoffnungen und Enttäuschungen, vom Einleben und Nicht-Einleben in dem fremden Land und den Konsequenzen. Hier werden feine Nuancen gezeichnet und Problematiken deutlich, die beim Lesen innehalten lassen und zum nachdenken anregen. Der Roman schließt mit einem drastischen Perspektivwechsel: Aus der Sicht ihrer weißen Nachbarn wird geschildert, wie die internierten japanischstämmigen Amerikaner plötzlich nicht mehr da sind.

Knapp 160 Seiten, die intensiv und berührend sind und trotz der Kürze zugleich eine erweiterte, wenn auch knappe schwammige Sichtweise auf geschichtliche Ereignisse werfen. Ein Buch, das nachwirkt und zum weiter informieren anregt. Empfehlenswert!

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Julie Otsuka
Wovon wir träumten
Aus dem Englischen von Katja Scholtz
Original: The Buddha in the Attic, Verlag: Knopf
Taschenbuch, Broschur, 160 Seiten
ISBN: 978-3-442-47968-9
Preis: € 8,99 [D] inkl. MwSt. | € 9,30 [A] | CHF 12,90 * (* empf. VK-Preis)
Verlag: Goldmann
Erschienen am 17. März 2014

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Frisch auf dem Buchmarkt – November 2019

Auch im November gab es in den Verlagsvorschauen wieder einige Neuerscheinungen, die mein Interesse wecken konnten. Es ist etwas Spannendes dabei, ein Buch eines modernen Abenteurers, eines, das vielleicht hilft zu verstehen, warum Menschen sich fundamentalistischen christlichen Sekten anschließen, eines, in dem die Autorin die Privatsphäre eines anderen überschreitet und so wohl auch den Voyeurismus des Lesers füttert, eines, das vom Rassismus in Südafrika handelt und eines, das sich vielleicht gut verschenken lässt und seinem Titel alle Ehre macht, indem es dem Beschenkten tatsächlich ein Lächeln ins Gesicht zaubert:

produkt-1000573604.11.2019: Bis ans Ende der Welt und zu mir selbst [Werbung] von Robby Clemens: Zu Fuß vom Nordpol Richtung Südpol: Ein Traum wird wahr: 23000 Kilometer, 611 Tage, 15 Länder. Der passionierte Läufer Robby Clemens bricht im April 2017 bei minus 45 Grad vom Nordpol Richtung Südpol auf. Seine Route führt ihn durch die Wildnis Kanadas über die Wüsten Mexikos und das peruanische Hochland bis nach Patagonien. Und am Tor zur Antarktis muss er sich entscheiden, ob er sein Ziel um jeden Preis erreichen will … Denn nicht die Jagd nach Rekorden, sondern die Begegnungen mit den Menschen treiben ihn an. Er möchte ihnen zeigen, warum Laufen die beste Art der Fortbewegung ist – und davon berichten, wie es ihn gerettet hat, als er alkoholabhängig und völlig bankrott am Abgrund stand. Ein hoch emotionales Abenteuer, das zeigt, wie Laufen das Leben verändern kann.

produkt-1000525004.11.2019: Blumentod [Werbung] von Maria Langner: In „Blumentod“ liefert Maria Langner einen beklemmenden Psychospannungs-Roman um Lügen, Manipulation und Verrat. Raffiniert und abgründig verbinden sich drei Geschichten: die Ermordung von acht weiblichen Mitgliedern einer mysteriösen Sekte in der Eifel, das Schicksal einer unauffälligen Frau mit dem falschen Namen Amy Maiwald und das Leben eines einfachen Friedhofsgärtners, der eine Reihe von Blumenzeichnungen hütet wie einen Schatz. Amaryllis, Rose, Veilchen – hinter diesen poetischen Namen verbergen sich in Maria Langners Psychodrama beklemmende Schicksale. So entfaltet sich in „Blumentod“ eine außergewöhnlich fesselnde Romanhandlung um Machthunger und die Sehnsucht nach Liebe, um Gier, Flucht und Angst.

Erloest von Rebecca Stott04.11.2019: Erlöst [Werbung] – Mein Weg aus der Sekte von Rebecca Stott: Als Rebecca Stotts Vater im Sterben liegt, bittet er seine Tochter darum, ihm beim Verfassen seiner Erinnerungen zu helfen: schon seit Jahren kämpft er damit, die Geschichte seiner Familie festzuhalten, die seit Generationen Mitglied einer fundamentalistischen christlichen Sekte ist. Doch zu schmerzhaft sind die Erinnerungen. In diesem beeindruckenden Memoir versucht die Autorin zu ergründen, warum intelligente leidenschaftliche Menschen in den Sog einer fundamentalistischen Religion geraten können, und welche schwerwiegenden Folgen dies hat. Ihre eigene Kindheit im Brighton der 60er und 70er Jahre war geprägt durch das eiserne Korsett der Regeln ihrer Gemeinde und so weit entfernt vom liberalen Geist dieser Zeit, wie nur irgend möglich. Stotts Familie ist es dennoch gelungen, mit der Sekte zu brechen.

2251011.11.2019: Das Adressbuch [Werbung] von Sophie Calle: Sophie Calle findet ein Adressbuch und kopiert die Seiten daraus, bevor sie es anonym an den Besitzer, einen gewissen Pierre D., zurückgibt. Dann beginnt sie, zu denen, die in dem Buch verzeichnet sind, Kontakt aufzunehmen, sie trifft sich mit D.s Familie, Freunden, Bekannten, Affären. Mit jeder Begegnung wird Pierre D. plastischer und zugleich undurchdringlicher, Calles Recherche verkompliziert sich zusehends, während sie versucht, die schiere Vielzahl von Details – scheinbar Triviales wie potentiell Aufschlussreiches – zu dem bündigen Porträt eines Unbekannten zu fügen. Und im Lauf ihrer Nachforschungen hat Sophie Calle auch die eigenen Motive, Obsessionen und Ängste zu hinterfragen. Sophie Calle hat diese Begegnungen mit den Menschen aus D.s Adressbuch in Text und Bild dokumentiert, 1983 erschienen diese Dokumentationen einen Monat lang als Serie in der französischen Tageszeitung Libération. Und lösten einen handfesten Skandal aus, der bis heute nachhallt. – Was interessiert uns an anderen? Und was verbirgt sich hinter unserem Interesse? Charakterstudie, Bekenntnis, Essay, Konzeptkunst – Sophie Calle unternimmt eine voyeuristische Abenteuerreise durch das Adressbuch eines Fremden und erfindet eine Form, in der Leben und Kunst, Rolle und Identität, Vertrautes und Unbekanntes ineinander zu oszillieren beginnen.

Wie man Gott zum Lachen bringt von Bianca Marais11.11.2019: Wie man Gott zum Lachen bringt [Werbung] von Bianca Marais: Am 10. Mai 1994 bricht mit Nelson Mandelas Antrittsrede eine neue Zeitrechnung für Südafrika an. Am selben Tag wird auf einer Farm in einer Weißensiedlung bei Magaliesburg ein schwarzes Neugeborenes gefunden. Die beiden Schwestern Ruth und Delilah nehmen den Säugling bei sich auf und erleben, wie über Generationen verfestigte Ansichten über Rasse und Identität ins Wanken geraten. Doch sie müssen sich auch gegen den militanten Rassismus ihrer Nachbarn zur Wehr setzen. Währenddessen macht sich nicht weit von Magaliesburg entfernt die siebzehnjährige Zodwa auf die Suche nach ihrem Baby, das am Tag seiner Geburt spurlos verschwand …

9783550081811_cover19.11.2019: Draussen [Werbung] von Volker Klüpfel und Michael Kobr: Ein Leben draußen im Wald, kein Zuhause, immer auf der Flucht: Das ist alles, was Cayenne und ihr Bruder Joshua kennen. Nur ihr Anführer Stephan weiß, warum sie hier sind und welche Gefahr ihnen droht. Er lebt mit ihnen außerhalb der Gesellschaft, drillt sie mit aller Härte und duldet keinen Kontakt zu anderen. Cayenne sehnt sich nach einem normalen Alltag als Teenager. Doch sie ahnt nicht, dass sie alles, was Stephan ihr beigebracht hat, bald brauchen wird. Denn der Kampf ums Überleben hat schon begonnen. Und plötzlich steht er vor ihr: der Mann, der sie töten will.

u1_978-3-596-90721-227.11.2019: Ich schenk dir ein Lächeln [Werbung] herausgegeben von Julia Gommel-Baharov:  Heitere Geschichten und Gedichte unter anderem von Joachim Ringelnatz, Joseph von Eichendorff, Christian Friedrich Daniel Schubart, Matthias Claudius, Franz Grillparzer, Friedrich Hölderlin, Ludwig Heinrich Christoph Hölty, Wilhelm Busch, Kurt Tucholsky, Heinrich Heine, Herrmann Löns, uvm.

 

War für euch bei meiner Auflistung etwas dabei? Welches Buch gehört eurer Meinung nach unbedingt noch mit auf diese Liste?

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