erLESENer September 2020

Im Lesemonat September verschanzte ich mich vor dem Virus, holte mir die Welt auf den Teller und ernährte ich mich vorbildlich, hasste den Englischlehrer und ließ mich gänzlich von dem schönen Schein der Literatur einlullen.

Bücherwelten – manchmal steckt mehr dahinter, als es auf den ersten Blick scheint.

Wuhan Diary . Tagebuch aus einer gesperrten Stadt von Fang Fang: Eine andere Sichtweise und ein anderes Erleben im Umgang mit dem Virus – in dem Land, wo alles anfing. Fang Fang gibt ihrer Wut und Trauer Raum in ihren Beiträgen.

Der Ernährungskompass von Bas Kast: Gerade wenn ich zu ausgedehnt im Genussmodus bin, ist ein Buch wie der Ernährungskompass hilfreich bei der Kurskorrektur. Ein Buch zum immer mal wieder reinschauen.

Meine dunkle Vanessa von Kate Elizabeth Russel: Die Geschichte eines Missbrauchs einer 15jährigen von ihrem 30 Jahre älteren Lehrer. Keine leichte Kost, aber lesenswert.

Die rechtschaffenen Mörder von Ingo Schulze: Das Wie diese Geschichte erzählt wird und sich dem Leser erschließt, ist beeindruckender, als die erzählte Geschichte selbst. Dennoch war dies eine besondere Lese-, beziehungsweise Hörerfahrung für mich.

Die Welt auf dem Teller . Inspirationen aus der Küche von Doris Dörrie: Das Buch schafft oft eine Wohlfühlatmosphäre aufgrund der schönen Erinnerungen, in die es einen versetzt, aber manches hätte ich gern ausführlicher gelesen.

Die rechtschaffenen Mörder – Ingo Schulze

Es ist nun schon eine Weile her, dass ich mir „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze als ungekürztes Hörbuch bei Spotify anhörte, aber immer noch habe ich Schwierigkeiten die richtigen Worte für diesen ungewöhnlichen Roman zu finden. Denn er ist in drei Teile gegliedert und jeder Teil hat mich aus der Welt des vorherigen herausgerissen und vor völlig neue Tatsachen gestellt, mit denen ich beim Lesen so nicht gerechnet habe. Die Form, wie sich dieser Roman dem Leser erschließt fühlte sich für mich überraschend und neu an, war aber auch sperrig und ließ mich am Ende etwas ratlos zurück. Und doch macht dies das Buch zu etwas Besonderem, weil es mit einer unzuverlässigen Erzählweise konfrontiert, die eine gewisse Spannung beim Lesen erzeugt.

Im ersten Teil lernen wir den Antiquar Norbert Paulini kennen – und lieben. Norbert Paulini ist ein hoch geachteter Dresdner Antiquar, bei ihm finden Bücherliebhaber Schätze und Gleichgesinnte. Auch in den neuen Zeiten, nach der Wende, als die Kunden ausbleiben, versucht er, seine Position zu behaupten. Als bücherbegeisterter Leser lässt man sich von dieser Person, die für die Literatur lebt, vollends begeistern und ist durch die angenehme Erzählweise gänzlich in einer Geschichte, die einen mitnimmt und umgarnt und immer weiter erfahren möchte. Es ist eine (fast) schöne heile Welt des Lesens, der Bücher und des völligen Aufgehens in der Literatur. Ein gefundenes Fressen für jeden leidenschaftlichen Leser.

Im zweiten Teil lernen wir hingegen den Antiquar aus einer anderen Perspektive erzählt und von einer völlig anderen Seite kennen. Und der dritte Teil wird aus einer weiteren Perspektive präsentiert und offenbart dem Leser neue ‚Wahrheiten‘ und Sichtweisen auf das bisher gelesene und erfahrene. Ich mag an dieser Stelle nicht mehr verraten, um nicht die Überraschung zu verderben, die durch diese Erzähler entsteht. Es sei hier nur ausgeplaudert, dass diese Wendungen dazu anregen, sich Gedanken über das Geschichten erzählen, beziehungsweise schreiben zu machen und dabei den Wahrheitsgehalt, die Ausschmückung und die jeweilige Erzählperspektive auf den Prüfstand stellen. Die Geschichte Norbert Paulinis entblättert sich hier ganz allmählich auf unterschiedliche Weisen und konfrontiert den Leser mit literarischem Wunschdenken bis hin zu kalter ungeschönter Realität, deren Glaubwürdigkeit allerdings wiederum angezweifelt werden darf, weil man als Leser irgendwann in diesem Roman gelernt hat, dass sich alles Gelesene in subjektiver Einfärbung präsentiert.

Eingesprochen wurden die ersten beiden Teile des Hörbuchs von Sylvester Groth und der dritte Teil leider von Victoria Trauttmannsdorff. Dabei ist es mir erstmals so ergangen, dass mir in eine Sprecherstimme, beziehungsweise in diesem Fall die Stimme der Sprecherin derart unangenehm war, dass ich aufgrund dessen Probleme hatte der Geschichte zu folgen. Auch das kann dazu beigetragen haben, dass ich das Buch zum Ende hin als immer schwächer werdend empfunden habe. Daher würde ich in diesem Fall doch eher dazu raten diesen Roman selbst zu lesen oder sich vorab mit den Stimmen der beiden Sprecher vertraut zu machen.

Insgesamt ist es aber bei diesem Buch eher das Wie diese Geschichte erzählt wird und sich dem Leser erschließt, das mich überraschen und beeindrucken konnte, als die erzählte Geschichte selbst. Dennoch war dies eine besondere Lese-, beziehungsweise Hörerfahrung für mich.

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Ingo Schulze
Die rechtschaffenen Mörder
Sprecher: Sylvester Groth, Victoria Trauttmansdorff
Spieldauer: 7 Stunden 55 Minuten
Ungekürzte Lesung
ISBN 978-3-8398-1780-3
Preis: 24,95 €
Erscheinungsdatum: 04.03.2020
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Verlag

erLESENer Juli

Im Lesemonat Juli füllte ich Notizbücher, beobachtete die Liebesgeschichte von Paul und Susan aus sicherer Entfernung, philosophierte übers Fotografieren und landete im Gulag.

Bücherwelten – eben noch verträumt oder mit dem Hobby beschäftigt und dann auch schon inmitten einem der großen Verbrechen in der Weltgeschichte.

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Schreiben dicht am Leben von Hanns-Josef Ortheil
Es geht ums Notieren und um Notate, um darum, was sie können und wozu sie literarisch werden können. Eine nette inspirierende Lektüre zu meiner momentanen Notierlaune.

Die einzige Geschichte von Julian Barnes
Eine Liebesgeschichte zwischen einem 19jährigen und einer 48jährigen, die in den 1960erJahren beginnt und bis zum Ende erzählt wird. Beeindruckend und nahe gehend durch die intensive und lebenskluge Erzählsweise mit Ausflügen ins Philosophische.

Über Fotografie von Susan Sontag
Essays, die sich mit meinem Hobby „Fotografie“ beschäftigen und mir neue Sichtweisen auf dieses Thema eröffnen konnten. Insgesamt ein interessanter Ausflug in die Geschichte und die Philosophie der Fotografie.

Klara vergessen von Isabelle Autissier
Ein Generationenroman, der einen in die Zeit Stalins mitnimmt, als Menschen willkürlich inhaftiert und in Gulags verschleppt wurden. Erschütternd und doch durch die Naturbeschreibungen und das Zwischenmenschliche wunderbar und mit Wohlfühlmomenten erzählt.

Die einzige Geschichte – Julian Barnes

Beim Stöbern auf Spotify stieß ich auf „Die einzige Geschichte“ von Julian Barnes. Von der Handlung war mir zwar nichts bekannt, aber ich hatte über den Autor schon Lobendes gehört. Der angenehme Erzählton dieses Buches und die hervorragend dazu passende Stimme von Frank Arnold brachten mich dazu, anstatt ‚einfach mal reinzuhören‘ bis zum Schluss an diesem Hörbuch dran zubleiben. Das liegt nicht daran, dass diese Geschichte besonders spannend ist, sondern vielmehr an der feinen Beobachtungsgabe und dem Gespür, das der Autor bei der Schilderung dieser Liebesgeschichte an den Tag legt. Es geht um eine Liebe gegen alle Konventionen, die irgendwann in den 1960er Jahren beginnt und die man als Leser bis in die Gegenwart verfolgt.

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Julian Barnes lässt seinen Protagonisten aus großer Distanz, vom anderen Ende seines Lebens her erzählen, wie er mit 19 Jahren, die verheiratete Susan kennen und lieben lernt. Obwohl Susan fast 30 Jahre älter ist, beschreibt er aber keine Affäre, sondern versucht der Einzigartigkeit dieser Beziehung, einer ebenso blauäugigen wie absoluten Liebe, gerecht zu werden.

Die erste Liebe hat lebenslange Konsequenzen, aber davon hat Paul im Alter von 19 Jahren noch keine Ahnung. Mit 19 ist er stolz, dass seine Liebe zur verheirateten, wesentlich älteren Susan den gesellschaftlichen Konventionen ins Gesicht spuckt. Er ist sich ganz sicher, in Susan die Frau fürs Leben gefunden zu haben, alles andere ist nebensächlich. Erst mit zunehmendem Alter wird Paul klar, dass die Anforderungen, die die Liebe an ihn stellt, größer sind, als er es jemals für möglich gehalten hätte.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, in denen Paul im ersten Teil als Ich-Erzähler auftritt, im zweiten zum Du wechselt um im dritten aus der distanzierten dritten Person zu erzählen. Durch diese wechselnde Erzählerperspektive wird die zunehmende Entfremdung von Susan noch greifbarer.

Die Mischung aus Alltagsgeschichten und Beleuchtung des spießigen Bürgertums mit Ausflügen in philosophische Gedankenwelten sind es, die diesen Roman zu etwas Besonderem machen.

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“

Es handelt sich hierbei nicht um eine verklärte Schönwetter-Liebesgeschichte, sondern eine der Liebesgeschichten, die zum Nachdenken und Reflektieren anregen. Die nach und nach enthüllende Leere zwischen dem Paar lässt keine Hoffnung keimen. Am Ende erfahren wir eine resignierte Weltsicht, nüchtern und ohne Zukunftsvision oder Hoffnung. Und doch ist es nicht die Desillusionierung, die als Nachgeschmack dieses Buches zurück bleibt. Als Leser wird man Zeuge einer nicht einfachen Liebes- und Lebensgeschichte für die die Protagonisten zwar ihren Preis zahlen, vielleicht einen zu hohen, aber der es dennoch letztlich wert war, weil die Intensität ihres gleichen sucht.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass hier ein Autor wirklich viel vom Leben und von seinen Höhen und Tiefen versteht und dieses Wissen dem Leser zu vermitteln weiß. Mich hat dieses Hörbuch angenehm überrascht, da mich Liebesgeschichten in Romanen oftmals langweilen oder sogar nerven. Von Julian Barnes möchte ich künftig hingegen gern noch mehr lesen. Auch könnte ich mir bei diesem Buch vorstellen, dass es noch besser ist, wenn man es selbst liest anstatt es sich anzuhören. Denn dieses Buch bietet viele Gelegenheiten, die sich zum Innehalten und Nachdenken, zum Erinnern und Sätze auf der Zunge zergehen lassen anbieten. Darüber hinaus kann ich „Die einzige Geschichte“ Lesern empfehlen, die schon über eine gewisse Lebenserfahrung verfügen – also eher Menschen in Susans als in Pauls Altersgruppe.

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Julian Barnes
Die einzige Geschichte
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Sprecher: Frank Arnold
Spieldauer: 8 Stunden 48 Minuten
Ungekürztes Hörbuch
978-3-8398-1700-1
Preis: 24,95 € 
Erscheinungsdatum: 27.02.2019
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Verlag

erLESENer Mai 2020

Im Lesemonat Mai roch meine ganze Wohnung nach Hund, besann ich mich während meines Gedankenstroms auf meine Laufatmung, zwang mich aus der Gefangenschaft und zerfetzte im Streit meinen Badeanzug zu einem Bikini.

 Bücherwelten – irgendwo zwischen Tod und Leben.

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Der Freund von Sigrid Nunez
Die Geschichte einer Frau, die in einem kleinen Appartment wohnt und nach dem Tod eines Freundes eine 80 kg schwere Dogge erbt. Skurril, gespickt mit wohldosiertem trockenen Humor und vielen Gedanken und Zitaten übers Schreiben und Lesen. Schon als Hörbuch ein Highlight, das ich mir jedoch auch als Buch zugelegt habe und derzeit erneut ganz in Ruhe genussvoll lese.

Laufen von Isabel Bogdan
Ein Roman über eine Frau, die sich nach dem Selbstmord ihres Lebensgefährten zurück ins Leben läuft. Ein Plädoyer fürs Leben – ganz ohne Kitsch und gute Ratschläge. Für mich ein weiteres Highlight in diesem Monat!

Die Gefangenen von Debra Jo Immergut
Eine blasse konstruierte Geschichte, die mit unguter bildhafter Sprache künstlich aufgebläht ist. Leider ein Flop.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer von Ernest van der Kwast
Eine schöne Liebesgeschichte, die bis ins hohe Alter reicht und zum Abtauchen in bildhafte Beschreibungen mediteraner Sinnlichkeit mit italienischem Temperament gewürzt ist. Überraschend gut, aber leider etwas zu kurz.

Laufen – Isabel Bogdan

Die Zeit, in der ich mich früh morgens in meine Sportklamotten schwang um durch den Wald zu laufen, wird mir immer als wertvoll in Erinnerung bleiben. Aber es war für mich auch eine schwierige Zeit. Ich suchte im Laufen Linderung und Befreiung von der krankhaften überschüssigen Energie, die von mir Besitz ergriffen hatte und die ich irgendwie loswerden wollte. Leider so verzweifelt und krampfhaft, dass neben den positiven Erfahrungen, die mir das Laufen brachte, durch die dauerhafte Überbelastung bleibende Knieprobleme zurück blieben. Nichtsdestotrotz trauere ich der Zeit des regelmäßigen Laufens hinterher, habe im Walken, Nordic Walking, Wandern und nicht zuletzt bei meinem Crosstrainer versucht einen Ersatz dafür zu finden, aber es ist und bleibt einfach nicht das gleiche.

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Als ich erst kürzlich auf der Suche nach einem neuen Hörbuch war, stieß ich bei Spotify auf „Laufen“ von Isabel Bogdan und wollte mich von ihr ein Stück mitnehmen lassen, ohne zu wissen, worauf ich mich eigentlich dabei einließ. Und das war gut so, denn die Protagonistin läuft sich nach einem schweren Schicksalsschlag zurück ins Leben und man folgt dabei ihrem Gedankenstrom voller Assoziationen und Rückblicke. Hätte ich das im Vorfeld gewusst, hätte ich mich vielleicht vor endlos mäandernden Gedanken mit vielen Kommas und kaum vorhandenen Punkten gefürchtet, so konnte ich mich jedoch von dem Einfühlungsvermögen der Autorin gänzlich unvoreingenommen gefangen nehmen lassen und ihre Protagonistin als eine Frau erleben, die nach langer Zeit der Trauer wieder Mut fasst und ihren Lebenshunger und Humor zurückgewinnt. Ein echtes Highlight!

Erst schafft sie nur kleine Strecken, doch nach und nach werden Laufen und Leben wieder selbstverständlicher. Ich fühlte mich bei den authentischen Beschreibungen zurückversetzt in die Zeit, als ich selbst mit dem Laufen anfing. Dennoch ist dies kein Ratgeber, der einen zum Laufen bekehren möchte. Vielmehr lässt einen die Ich-Erzählerin an den Höhen und Tiefen teilhaben, die sie während dieses Sports erlebt. Schnell wird klar, dass es nicht nur um ein gesünderes oder gar leichteres Leben geht. Schritt für Schritt erobert sich die Erzählerin die Souveränität über ihr Leben zurück. Denn ihr Lebenspartner ist vor einem Jahr gestorben und sie weiß nicht wohin mit ihrer Trauer. Sie läuft sich die Grübelei weg. Ihre Gedanken beim Laufen sind sprunghaft. Es geht ums Seitenstechen, ums Wetter, die schrecklichen Schwiegereltern und immer auch um den Partner, den sie im Roman mit „Du“ anspricht und ihr Leben, das sie ohne ihn neu organisieren muss.

Je länger sie läuft, desto genauer wird das Bild dieser Frau und ihres Lebens. Sie ist Musikerin, ihr Partner war Automechaniker und kämpfte seit Jahren gegen Depressionen. Sein Tod war ein Selbstmord. Sie bleibt zurück und muss mit ihrem Wust an Gefühlen zurecht kommen. Da sind viel Trauer, Wut, Verständnislosigkeit, Selbstvorwürfe aber auch Lebensfreude, Liebevolles und Humor, ganz wunderbar auch stimmlich eingefangen und betont von Johanna Wokalek, die das Hörbuch eingesprochen und der Protagonistin die richtige Klangfarbe verliehen hat. Isabel Bogdan schenkt ihrer Protagonistin den Lauf zurück ins Leben. Und den Lesern und Hörern einen Roman darüber, wie es ist als Angehöriger mit einem depressiven Menschen zusammen zu leben und nach dessen Suizid voller Schmerz und Fassungslosigkeit zurück zu bleiben.

Aber trotz ernster Thematik ist „Laufen“ kein deprimierender Roman, sondern eher ein Plädoyer fürs Leben – ganz ohne Kitsch oder gute Ratschläge. Dafür aber mit herzlicher Ruppigkeit. Sehr empfehlenswert!

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Isabel Bogdan
Laufen
Sprecher: Johanna Wokalek
Spieldauer: 4 Stunden 48 Minuten
Ungekürztes Hörbuch
Preis: 19,95(4 CDs im Digifile)
Erscheinungsdatum: 12.09.2019
Sprache: Deutsch
Anbieter: Argon Hörbuch

Der Freund – Sigrid Nunez

Aufgefallen war mir das Buch bereits mehrfach auf Instagram und weil es ebenfalls lobend in einigen Literatursendungen erwähnt wurde. Als ich „Der Freund“ dann kürzlich bei Spotify als Hörbuch entdeckte, wollte ich eigentlich aus Neugier ’nur mal kurz reinhören‘ – außerdem war ich gerade in der Laune für eine ‚Tiergeschichte‘, denn dafür hielt ich dieses Werk von Sigrid Nunez eigentlich. Doch dann kam ich so schnell nicht mehr davon los, denn dieser Roman begeisterte mich auf mehreren Ebenen.

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Erwartet hatte ich eine unterhaltsame leicht skurrile Geschichte rund um eine Frau, die ein kleines Apartment in der Stadt bewohnt, wo Hundehaltung verboten ist und die nach dem Selbstmord ihres besten Freundes seine 80 kg schwere Dogge erbt. Aber dieser Roman enthält so vieles mehr. Denn geschrieben ist er aus der Sicht der Ich-Erzählerin, die ihren verstorbenen Freund immer wieder in der Du-Form anspricht und so auf ihre ganz eigene Art Trauerarbeit zu leisten scheint. Sie teilt ihm ihr Denken übers Leben und Sterben, über Hunde und Menschen und über Klatsch und Tratsch aus Literaturbetrieb mit, aus dem die beiden Autoren und Dozenten von Creative-Writing-Kursen stammten.

Es ist ein Buch, das für den Leser eine besondere Überraschung bereit hält, aber es ist auch bestimmt von Trauer und Verlust. Es hat etwas Rührendes, dass die um den Freund trauernde Frau mit dem ebenfalls trauernden Hund zusammen kommt. Aber es wird nicht zu rührselig, sondern auf zurückhaltende Weise amüsant, da die Ich-Erzählerin eine recht pragmatische Art im Umgang mit dem Tier hat und über einen leisen trockenen Humor verfügt. Auch ist es unterhaltsam ihren Gedanken und Ausführungen übers Lesen und übers Schreiben zu folgen. Dabei ist das Buch mit so vielen Literaturzitaten gespickt, dass es mir fast ein wenig zu viel wurde. Aber nur fast, denn eigentlich habe ich an dieser Stelle deutlich das große Manko gespürt, das das Hören gegenüber dem Lesen von Büchern hat. Dieser Roman zeigt sicherlich seine ganze Stärke, wenn man ihn in seinem eigenen Tempo liest und sich dabei so manchen Satz oder so manches Zitat genüsslich auf der Zunge zergehen lassen und überdenken kann. Denn das hat mir tatsächlich gefehlt, auch wenn dieses Hörbuch nicht nur stimmlich gut passend, sondern auch ansonsten hervorragend von Vera Teltz eingesprochen wurde.

Und so kann ich nicht umhin mir diesen Roman nun doch als Buch zuzulegen, um dann in Kürze den gedankenreichen Ausführungen der Autorin noch einmal ganz in Ruhe folgen zu können. Für mich schon jetzt ein Highlight!

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Der Freund
Sigrid Nunez
Aus dem Englischen von Anette Grube
Original: The Friend
Sprecher: Vera Telz
Spieldauer: 5 Stunden 22 Minuten
Ungekürztes Hörbuch
Preis: 14,99
Erscheinungsdatum: 07.04.2020
Sprache: Deutsch
Anbieter: Aufbau Audio

The One . Finde dein perfektes Match – John Marrs

In der nahen Zukunft ist der Traum von der großen Liebe Wirklichkeit geworden – und um so vieles einfacher. Dank der revolutionären Entschlüsselung eines bis dahin verborgenen genetischen Codes können die Menschen durch einen simplen Gentest ihren perfekten Partner finden. Dabei ist das Einreichen der DNA-Probe kostenlos, das Ergebnis wird einfach in die riesige Datenbank eingespeist. Findet sich dazu eine passende DNA in der Datenbank, bekommen beide eine Nachricht und erst die Herausgabe der Kontaktdaten ist kostenpflichtig. Das beschert der Welt Millionen glücklicher Paare und dem Online-Portal MatchyourDNA.com Milliarden auf dem Konto.

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Aber was macht es mit der Gesellschaft und mit den Paaren, wenn die DNA bestimmt, wer zu einem passt und wer nicht? Können Paare auch glücklich miteinander sein und bleiben, obwohl sie nicht die perfekte Genkonstellation besitzen? Und was ist, wenn der passende Partner das gleiche Geschlecht hat, wie man selbst, obwohl man doch heterosexuell ist? Oder was, wenn das perfekte Match ein Serienmörder ist?

Kritische, aber auch unterhaltsame Aspekte dieser Art von Partnersuche zeigt John Marrs in seinem Roman „The One“ anhand der Kennenlerngeschichten von 5 Personen auf. Dabei geht es verzwickt, spannend, humorvoll und zuweilen auch romantisch zu. Thematisiert werden Freundschaft, Familie, Liebe, Gesellschaft und Soziales – aber auch Hinterlist und Betrug sind vertreten und für Nervenkitzel ist gesorgt. Die kurzen jeweils im gleichen Wechsel der Personen erzählten Kapitel sorgen mit Cliffhangern dafür, dass man dranbleiben und immer weiter hören möchte, denn das Hörbuch ist wundervoll gesprochen von Charles Rettinghaus. Die Charaktere und Geschichten sind dabei unterschiedlich genug gezeichnet, dass ich der Handlung auch mit dem Hörbuch gut folgen konnte und nichts durcheinander brachte. Manches ist dabei vorhersehbar, allerdings nicht in einem Maße, dass es störend wäre. Aber es gibt auch Wendungen, mit denen ich nicht gerechnet hätte. Die 5 Geschichten lösen sich schließlich jede in ihrem ganz persönlichen Ende schlüssig, aber doch Besonders auf und zusätzlich wird dem Ganzen noch ein Sahnehäubchen obendrauf gesetzt.

„The One“ ist eines dieser Bücher, das einen nach dem Beenden mit der Frage zurücklässt, wie man sich selbst wohl in dieser Szenerie einordnen und zurechtfinden würde. Hat man vielleicht unbewusst und durch schicksalhafte oder zufällige Fügung sein passendes Match bereits gefunden und vertraut darauf oder müsste man das Partnerglück durch ein wissenschaftliches Ergebnis bestätigt wissen? Oder würde man vielleicht sogar dem Drang, wenn nicht sogar Zwang unterliegen, sich auf die Suche nach dem genetisch passenden Gegenstück machen zu müssen um dem nicht enden wollenden Streben nach Perfektion zu genügen? Ein Roman, der stellenweise ein echter Pageturner ist, beziehungsweise einen beim Hören nicht so leicht loslässt und dabei auf unterhaltsame Weise Fragen aufwirft.

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The One
Finde dein perfektes Match
John Marrs
Aus dem Englischen von Felix Mayer
Original: The One (Del Rey, 2019)
Sprecher: Charles Rettinghaus
Spieldauer: 12 Std. und 31 Min.
Ungekürztes Hörbuch
Audible-Abo-Preis: 9,95 € oder 1 Guthaben [Werbung]
Erscheinungsdatum: 21.10.2019
Sprache: Deutsch
Anbieter: Random House Audio, Deutschland

Die ewigen Toten – Simon Beckett

Bei diesem Buch handelt es sich um den 6. Fall des forensischen Anthropologen Dr. David Hunter. Mehr brauche ich eigentlich nicht, um zu wissen, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss. Denn diese Thrillerreihe begeistert mich von Anfang an, so seltsam und makaber sie auch manchmal ist. Denn Dr. Hunter verbringt mehr Zeit mit den Toten als mit den Lebenden und untersucht Verwesung und Zerfall, um menschliche Überreste zu identifizieren. Und obwohl es widerlich und manchmal auch erschreckend sein kann, was auf ganz natürliche Weise mit dem menschlichen Körper nach dem Tod passiert, so interessant ist es gleichzeitig, dass ich die Bücher kaum aus der Hand legen kann, wenn ich sie erst begonnen habe. So erging es mir auch mit „Die ewigen Toten“.

Ob man dieses Buch auch lesen kann, wenn man die vorherigen Bücher nicht kennt? Ich denke schon. Leider ist mein Gedächtnis nicht das Beste und ich tauche mit jedem Buch beinahe gänzlich neu in die Geschichte David Hunters ein. Das ärgert mich zwar, aber der Autor greift die Vorgeschichte seines Protagonisten zumindest so grob auf, dass man den Anschluss finden kann. Allerdings beginnt die Geschichte um Dr. Hunters ‚Dämonen‘ natürlich bereits in den vorher erschienen Büchern der Reihe. Wer sich also nicht spoilern möchte, liest die Bücher dann doch besser der Folge ihres Erscheinens nach.

14_Die ewigen Toten

Dieses Mal ermittelt David Hunter in einem verlassenen Krankenhaus mit schrecklicher Vergangenheit. Das St. Jude, das Krankenhaus im Norden Londons, soll in Kürze abgerissen werden. Nur noch Fledermäuse verirren sich seit langem dorthin, doch dann wird auf dem staubigen Dachboden eine teilweise mumifizierte Leiche gefunden, die in eine Plastikhülle eingewickelt ist. Als beim Versuch, die Leiche zu bergen, der Boden des baufälligen Gebäudes einbricht, entdeckt der forensische Anthropologe ein fensterloses Krankenzimmer, das nicht auf den Plänen verzeichnet ist. Warum wusste niemand von der Existenz dieses Raumes? Und warum wurde der Eingang zugemauert, obwohl dort nach wie vor Krankenbetten stehen? Betten, in denen noch jemand liegt. Ein harter Fall für David Hunter, der zusätzlich noch mit den Schatten seiner Vergangenheit zu kämpfen hat. Je tiefer Hunter in die Vergangenheit des Krankenhauses eindringt, desto mehr düstere Geheimnisse kommen ans Licht. Und bald ist klar, dass das St. Jude noch lange nicht sein letztes Opfer gefordert hat.

Einen wirklich schaurigen Handlungsort hat sich der Autor dieses Mal ausgesucht, der wohl jeden Freund der sogenannten Lost Places erfreuen dürfte. Die atmosphärische Szenerie des alten baufälligen Krankenhauses kann man sich bildlich gut vorstellen und ist gleich darin gefangen. Der Dachbodenfund lässt einen gruseln, aber auch das, was den anderen Toten widerfahren sein muss, lässt einen beim lesen nicht kalt. Das Thrillerelement sorgt für den gewünschten thrill und treibt einen durch die Handlung, durchsetzt mit der aufschlussreichen Ermittlungsarbeit, die Dr. Hunter leistet und dem wissensdurstigen Leser auf interessante Weise erklärt. Kurzum: Ein Thriller dieser Reihe, wie ich ihn mag und wie ich ihn mir von Simon Beckett wünsche. Dass manches in der Geschichte für meinen Geschmack aber dennoch etwas zu konstruiert ist, kann ich verschmerzen. Denn das Gesamtpaket dieses Thrillers, den ich mir zum Teil auch ungekürzt und hervorragend von Johannes Steck vertont bei Spotify angehört habe, ist für einen Fan wie mich dennoch großartig.

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Simon Beckett
Die ewigen Toten (David Hunter 6)
Aus dem Englischen von Karen Witthuhn und Sabine Längsfeld
Gebunden, 480 Seiten
ISBN: 978-3-8052-5002-3
Preis: 22,95 € (D)
Verlag: Wunderlich
Erschienen: 12.02.2019

erLESENer März 2020

Im Lesemonat März malte ich zur Orientierung rote Kreuze an die Türen meiner Nachbarn, floh vor Boko Haram, konnte von einem auf den anderen Tag nicht mehr alleine zurecht kommen, kämpfte verbissen gegen meinen eigenen Körper und verriet niemandem meinen wirklichen Namen.

Bücherwelten, in diesem Monat bestimmt von Verwirrung und innerer Zerrissenheit.

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Rote Kreuze von Sasha Filipenko
Eine Geschichte gegen das Vergessen der unter Stalin verübten Gräueltaten. Eine berührende Thematik mit durchwachsener Umsetzung.

Das Mädchen von Edna O’Brien
Ein verstörendes Buch, das von Gewalt, Terror, Angst und Traditionen handelt und nebenbei Einblicke in das nigerianische Frauenbild gibt. Erschütternd, aber auch lesenswert.

Dankbarkeiten von Delphine de Vigan
Die Geschichte einer alten Frau, die ihre Unabhängigkeit und allmählich auch ihre Sprache verliert. Trotz ernster Thematik zeichnet sich das Buch einerseits durch leise humorvolle französische Leichtigkeit aus, enthält gleichzeitig jedoch viel Stoff zum Nachdenken und Erinnern.

Jägerin und Sammlerin von Lana Lux
Ein Buch über eine junge Frau, die unter Bulimie leidet – und ihrer Mutter. Eine intensive Geschichte voller psychischer Fehlleitungen, die beim Lesen schmerzen und nahe gehen.

Schweige still von Michael Robotham
Ein gelungener Psychothriller mit interessanten Charakteren und ein vielversprechender Start in eine neue Reihe des Autors.