Tag 19 – umgeBUCHt Bücherregaltour

Es ist die Zeit der Adventskalender und ich habe beschlossen, in diesem Jahr auch mal einen zu machen indem ich euch zu einer Tour durch mein Bücherregal mitnehme.

Zweireihig und offensichtlich durcheinander geht es in diesem Regalfach zu. Mal schauen, ob ich hier ein wenig Ordnung reinbringen kann.

Was ich verlinken konnte, habe ich euch verlinkt, um euch zu den Leseproben und meinen Rezensionen zu führen, sofern vorhanden. Viel Spaß beim Stöbern!

Findet mich das Glück? von Peter Fischli und David Weiss: Ein Büchlein mit Fragen, ohne Antworten. Sehr inspirierend. Es wird aber woanders einen anderen Platz in meinem Bücherregal finden.

Wir Kassettenkinder – Eine Liebeserklärung an die Achtziger von Stefan Bonner und Anne Weiss (Rezension): Eine Zeitreise in die Vergangenheit, die Spaß gemacht hat. Das lese ich bestimmt irgendwann nochmal und werde es erstmal woanders einsortieren.

Mama, erzähl mal! Das Erinnerungsalbum deines Lebens: Ich wusste gar nicht mehr, dass ich das habe. Das Buch auszufüllen wäre vielleicht etwas fürs kommende Jahr. Das lege ich mir mal gut sichtbar hin, damit es nicht wieder in den Tiefen des Regals verschwindet.

Ich staune, weil ich so viele Bücher rund um das Thema „Schreiben“ habe:

Schreiben dicht am Leben – Notieren und Skizzieren von Hanns-Josef Ortheil (Rezension).

Schreiben über mich selbst – Spielformen des autobiografischen Schreibens von Hanns-Josef Ortheil (Rezension).

Deutsch für junge Profis – Wie man gut und lebendig schreibt von Wolf Schneider (Rezension): Jung war ich auch nicht mehr, als ich das Buch zum ersten Mal las. Ich weiß noch, dass ich das Buch gut fand und könnte mir gut vorstellen, es nochmal zu lesen.

20 Masterplots – Die Basis des Story-Building in Roman und Film von Ronald B. Tobias: Das wollte ich immer mal lesen, bin aber bisher noch nicht dazu gekommen.

Erst lesen. Dann schreiben – 22 Autoren und ihre Lehrmeister.

So lektorieren Sie ihre Texte – Verbessern durch Überarbeiten von Sylvia Englert.

Literarisches Schreiben – Starke Charaktere, Originelle Ideen, Überzeugende Handlung von Lajos Egri.

Über das Schreiben – Der Meisterlektor vieler erfolgreicher Schriftsteller unserer Zeit über Handwerk, Techniken und die Kunst des Schreibens von Sol Stein.

Dass ich über so einige Bücher rund ums Thema „Handarbeiten“ verfüge, war mir hingegen klar:

Der geniale Socken Workshop von Ewa Jostes und Stephanie van der Linden: Meine allerersten selbstgestrickten Socken sind dank dieses Buch entstanden.

52 Wochen Socken stricken: Das Buch hatte ich mir gekauft um das Sockenstricken zu üben. Denn ich dachte, ich müsste dringend erstmal üben, bevor ich bei Sockenstrickwettbewerben wie der Sockmadness oder Supersockworldchampionchip teilnehmen könnte. Das hätte sicherlich nicht geschadet, aber in einem Anfall von Übermut habe ich dennoch einfach bei beiden Wettbewerben teilgenommen und es hat funktioniert. Ich hatte nicht die Ambitionen zu gewinnen, sondern es ging ums Hineinschnuppern und Lernen. Und ich habe viel gelernt. Nicht nur Muster und Sockenkonstruktionen, sondern auch den Umgang mit englischen Anleitungen.

Socken aus aller Welt – Eine Weltreise mit Nadeln & Wolle von Stephanie van der Linden: Das Buch habe ich schon ewig, aber ich habe mir die anspruchsvollen Socken bislang nicht zugetraut zu stricken, auch wenn ich sie sehr schön fand. Vielleicht könnte ich das jetzt mal angehen, nachdem ich in diesem Jahr durch die Wettbewerbe so viel dazu gelernt habe.

Wilde Handschuhe & Freche Socken – 22 verrückte Strickprojekte: Ich habe aus diesem Buch seit längerem ein paar ganz reizende Katzensocken auf den Nadeln, wegen denen ich mir dieses Buch auch gekauft hatte. Aber irgendwie kommt mir immer wieder etwas dazwischen, so dass die Socken einfach nicht fertig werden. Vielleicht sollte ich ihre Priorität mal etwas höher setzen.

Think outside the Sox – 60+ Winning Designs from the Knitter’s Magazine Contest: Das Buch hatte ich mir in diesem Jahr nach den Sockenstrickwettbewerben gekauft, weil ich Blut geleckt hatte. Socken in überraschend anderen Designs findet man darin. Mal schauen, was ich davon auch tatsächlich stricken kann.

Strickmusterbibel – 260 japanische Muster stricken – Von zartem Ajour bis zu ausgefallenen Zopfmustern: Eine besondere Mustersammlung und doch hätte ich mir fast die Zähne an einem relativ einfachen Muster ausgebissen, als ich es versucht habe auf Socken zu übertragen. Ganz schön kniffelig, aber irgendwann hat es dann inklusive einiger selbst ausgetüftelter Anpassungen doch geklappt.

burda Stricklehrbuch – Lehrgänge und 200 Strickmuster: Ein Buch aus dem Jahr 1983, das ich mal auf dem Flohmarkt fand und unbedingt mitnehmen musste. Es muss wohl noch ein wenig mehr Zeit vergehen, bis die abgedruckten Strickmodelle wieder modern werden, aber die Muster sind zeitlos und sehr inspirierend.

200 Fair Isle-Muster von Mary Jane Mucklestone.

Omas Strickgeheimnisse – 200 bezaubernde Muster von Eichenseer, Grill, Krön.

Stricken mit Kaffe Fassett und Kaffe Fassett’s Pattern Library – over 190 original knitting motifs

Häkelideen mit Granny Squares – Quadratisch, kultig, kreativ von Stephanie Göhr, Melanie Sturm, Barbara Wilder und 150 Granny Squares einmal anders von Heather Lodinsky: Sie zu häkeln macht Spaß, aber in meiner Wohnung muss ich sie nicht unbedingt haben.

Glückssymbole aus aller Welt – Glück schenken mit Acrylbildern von Helga Altmayer, Claudia Guther u. a.: Ich male nicht und ich zeichne auch nicht, ich hatte eine Phase, in der ich höchst experimentell mit Leinwand und Farbe in abstrakter Weise hantiert habe und sehr viel Spaß dabei hatte. An diesem Buch hat mich die Zusammenstellung der Glückssymbole und ihre Herkunft interessiert. Beim Durchblättern habe Ideen, die Umsetzbarkeit sei erstmal dahingestellt.

Freundschaftsbänder selbst geknüpft – mit coolen Mustern und trendigen Farben von Inge Walz: Tatsächlich habe ich in meinem ganzen Leben noch keine Freundschaftsbänder geknüpft, aber allmählich fällt mir wieder ein, was ich damit vorhatte. Mal schauen.

Lana Grossa men: Darin hat mich ein Kapuzenpullover angelacht, den ich mir sowohl für mich, als auch für meinen Herzbuben vorstellen könnte, natürlich in unterschiedlichen Farben. Ich finde hier auch noch andere Strick- und Häkelzeitschriften, die zum Teil noch aus einer Zeit Anfang der 1980er Jahre stammen und mit denen ich Erinnerungen an die Zeit mit meiner längst verstorbenen Oma verbinde.

Und dann finde ich in diesem Regalfach Bücher, von denen ich nicht gedacht hätte, dass ich sie noch habe. Es handelt sich um Schullektüre, die solange durchgesprochen wurde, bis ich sie mehr gehasst als geliebt habe. Beim Durchblättern finde ich unzählige unschöne Markierungen, aber auch meinen Mädchennamen eingetragen mitsamt der Jahreszahl, in der ich das Buch las.

1984: Farm der Tiere – Ein Märchen von George Orwell, Der Hauptmann von Köpenick von Carl Zuckmayer,

1986/1987: Deutsche Kurzgeschichten 11. – 13. Schuljahr – Arbeitstexte für den Unterricht, Die schwarze Spinne von Jeremias Gotthelf

Three Men in a Boat von Jerome K. Jerome

Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang Goethe: Das habe ich mir irgendwann als Erwachsene gekauft, um eine Bildungslücke zu schließen. Das ist mir bislang jedoch nicht gelungen, weil ich das Buch nie zuende las.

Spannender fand ich hingegen Linux – Kurz und gut von Daniel J. Barrett, und darüber hinaus noch sehr hilfreich in der Zeit, in der ich mich mit diesem Betriebssystem näher auseinandergesetzt habe.

Das Nachlass-Set der Stiftung Warentest: Ebenso wie das Vorsorge-Set, dass mich bereits verlassen hat, habe ich auch dieses Set bearbeitet und in meiner Notfall-Mappe die Dinge festgehalten, die wichtig sind. Deshalb kann das Nachlass-Set jetzt auch weg. Aber ich sollte mir mal einen jährlich wiederkehrenden Termin festlegen, an dem ich überprüfe, ob noch alles den jeweils aktuellen Bestimmungen entspricht. Damit es nicht nur bei dem Vorsatz bleibt, trage ich jetzt als Termin dafür den 1. Juli 2023 ein.

Bleiben muss hingegen „Taal vital – Niederländisch für Anfänger“ und auch das Arbeitsbuch behalte ich noch. Als ich 2008 begann in den Niederlanden zu arbeiten, dachte ich, dass es nicht schaden könnte auch die Sprache zu erlernen und das, was man sowieso mitbekommt, wenn man in Grenznähe aufgewachsen ist, zu verfestigen. Leider konnte ich nur an den ersten Stunden des Niederländischkurses für Anfänger an der VHS teilnehmen, weil ich plötzlich von der Zeitarbeitsfirma zum Schichtdienst eingeteilt wurde und die Unterrichtszeiten mit meiner Arbeitszeit kollidierten. Allerdings wurde auf der Arbeit sowieso nur deutsch gesprochen und im Zweifelsfall mit Polen und Russen auch schonmal Englisch. Nichtsdestotrotz haben mir die wenigen Niederländisch-Stunden viel Spaß gemacht. Vielleicht mache ich doch irgendwann nochmal einen VHS-Kurs mit, als Frührentnerin hätte ich inzwischen ja zumindest die Zeit.

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abc.etüden: Auflösung

Die Wohnung glich jetzt einem etwas angestaubten Museum in dem Menschen umhergingen und alles begutachteten. Hier hatte sie einige Jahre gelebt und sich auch wohl gefühlt. Nun streiften dort Menschen umher, die die Dinge regelten, die noch zu regeln waren und die nach anderen Maßstäben bewerteten als sie. Die von außen ein Auge auf ihr Zuhause warfen, und es nach materiellen Gesichtspunkten in Kategorien wie brauchbar und unbrauchbar unterteilten.

Sie hatte sich mit Dingen umgeben, die für sie biografisch von Bedeutung waren, die sie an Dinge und Begebenheiten erinnern konnten, die einmal wichtig für sie waren. Die ihr ein Lächeln entlocken konnten, weil sie etwas Schönes damit verband und die ihr ein Gefühl von zu Hause angekommen sein vermittelten. Manches war auch einfach mehr als ihr halbes Leben lang da gewesen und es war unvorstellbar gewesen, etwas davon zu entbehren.

Jetzt landete immer mehr von ihrem alten Leben in blauen Müllsäcken um entsorgt zu werden. Einige wenige Stücke fanden ein neues zu Hause und wiederum andere wurden zurückgelegt und sollten ihr ins Heim folgen, um für ein wenig Behaglichkeit in ihrem Zimmer zu sorgen.

Auch wenn eigentlich niemand so genau wusste, was in ihrem Kopf vor sich ging und was die Demenz dem Verstand tatsächlich schon raubte, hofften doch alle darauf, dass sie zu benebelt war um das alles mitzubekommen und träumten für sie von wohl behüteter Betreuung in angenehmer Gesellschaft.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Museum, biografisch, erinnern.

abc.etüden: Wisch und weg

Wer hätte gedacht, dass gerade hinter dem Nachbarn, der so cool und unkonventionell wirken wollte, ein solcher Biedermeier steckte. Erst kürzlich hatte sie ihn auf dem Marktplatz gesehen, wie er bestückt mit seinen obligatorischen Kopfhörern und der schwarzen Sonnenbrille mit der geöffneten Bierflasche in der Hand auf irgendwas oder vielleicht auch irgendwen zu warten schien. Es war ihr gelungen weiter zu gehen, ohne dass der Mittfünfziger sie bemerkte und ihr zum hundertsten Mal von den Karten für das Ozzy Osbourne Konzert in Dortmund erzählen konnte, die er wohl noch hatte und bisher nicht einlösen konnte.

Doch jetzt trieb ihn ein anderes Problem um. Es ging um die leidige Treppenhausreinigung. Die Nachbarn, die sich mit ihnen die Etage teilten, ignorierten diese Verpflichtung geflissentlich. Und sie übersahen scheinbar auch, dass der Osbourne-Typ Beweise für Putz-Ignoranz sammelte, indem er niederträchtig an immer der gleichen Stelle Schmutz und Papierchen positionierte, damit für jedermann offensichtlich war, wann hier geputzt wurde und wann nicht. Sie hasste solche Spielchen, kam aber ihrer Verpflichtung ein Mal im Monat nach indem sie in knapp einer Viertelstunde durch den Flur wirbelte und das Thema für sich abhakte.

Als sie gerade wieder einmal dabei war die Treppe zu wischen, passte er sie ab und beschwerte sich bei ihr über die Nachlässigkeit der Nachbarn, die in der Putzreihenfolge immer vor ihm dran waren. Sie empfahl ihm, sich bei den entsprechenden Nachbarn zu beschweren, anstatt bei ihr und war überrascht, als er sie dazu aufforderte, dass sie das übernehmen sollte. Natürlich könnte sie das ganze positiv sehen und sich geschmeichelt fühlen, weil ihr der Prince of Darkness die nötige Durchsetzungskraft zutraute, aber sie war auch in der Lage ein freundliches „Nein.“ zu flöten und geflissentlich ihre Arbeit forzusetzen. Sie war schließlich nicht für alle Drecksarbeiten dieser Welt verantwortlich.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Biedermeier, niederträchtig, flöten.

abc.etüden: Geburtshilfe

Ihr war schwindelig. Sie musste sich hinsetzen. Das ganze kostete sie noch zu viel Energie und auch ihre Konzentration reichte nicht aus, um bis zum Schluss durchzuhalten. Auf den nächsten Versuch wollte sie sich besser vorbereiten. Wenn sie sich genau an die Anweisungen des abc.etüden-Geheimkünstlers halten würde, musste es irgendwann auch bei ihr funktionieren, da war sie sich sicher.

Der neue Tag schien geeignet für einen neuen Versuch. Die Nacht war ruhig gewesen und sie fühlte sich erfrischt und ausgeruht. Sie gönnte sich eine ausgiebige Yoga-Einheit und genoss zum Abschluss noch eine Meditation um ihren Geist zu entspannen und offen für das Kommende zu machen. Bedächtig nahm sie den Duden zur Hand, den sie schon seit ihrer frühen Jugend besaß und der ihr seinerzeit gute Dienste geleistet hatte. Inzwischen war er angegilbt und sah ein wenig schmuddelig und abgegriffen aus, aber für das was sie vorhatte, würde er sicherlich noch reichen.

Sie schlug den Duden willkürlich auf, schloss ihre Augen, wiederholte die drei vorgegebenen Begriffe eine Zeitlang wie ein Mantra und wartete darauf, was das Buch suggerieren würde. Plötzlich war es so weit. Vor ihrem inneren Auge begannen Worte aus dem Buch zu schweben und zu tanzen. Mal sperrig, mal ganz klein und fast schon unscheinbar, mal verzerrt und mal glasklar, bis sie die 300 Worte fühlen konnte, die ganz allmählich zu Bildern wurden und sich ineinander zu einer Geschichte verwoben, die als kleiner Film in ihrem Kopf ablief.

Als sie schließlich die Augen wieder öffnete, wusste sie, dass sie es geschafft hatte: Eine neue abc.etüde war geboren – sie musste sie nur noch herauslassen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Geheimkünstler, sperrig, suggerieren.

abc.etüden: Selbsterfüllende Prophezeiung

Der Oktober nahte und bald würde sich das Jahr wieder dem Ende zuneigen. Dann würden die Wahrsager wieder Hochkonjunktur haben und sich mit ihren Prophezeiungen für das neue Jahr gegenseitig überbieten oder sogar pessimistisch unterbieten. Doch ihr war das alles zu pauschal und warten wollte sie auch nicht. Sie brauchte Inspiration und wollte schon jetzt einen Blick in die Zukunft wagen. In der Schublade kramte sie nach ihren Tarot-Karten. Abgegriffen sahen sie aus. Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie oft die Karten bemüht hatte, doch das hatte irgendwann nachgelassen.

Gleich neben den Karten fand sie auch das Deutungsbuch und schon konnte es losgehen. Zunächst mischte sie anständig die Karten durch und zog ihre Tageskarte. Es handelte sich um eine Karte, die für eine Lebensphase der Fülle, für Reichtum, Sicherheit, Stabilität und Unbeschwertheit im Alltagsleben stand.

Eine durch und durch positive Karte, die ihrem Bedürfnis, sich einzuigeln und sich wieder im Bett zu verkrümeln völlig entgegen stand und darüber hinaus noch darauf hinwies, dass man die Augen nur wirklich öffnen musste, um auch den angeblich grauen Alltag in dem, was er wirklich zu bieten vermag, erleben zu können.

Es war also endlich die Zeit gekommen, dem Bedürfnis nach Rückzug zuwider zu handeln. Einfach die Gelegenheit zu nutzen und den Sonnenschein bei einem Herbstspaziergang zu genießen und danach zu sehen, was der Tag noch für sie bereit hielt. Zeit sich anzuziehen und rauszugehen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Prophezeiung, anständig, verkrümeln.

abc.etüden: Begehrlichkeiten

Nun wurden auch noch bunte Käsepralinen mit Wildkräutern und Blütentopping zwischendurch als Häppchen gereicht. Dazu gab es ein durch Gold gefiltertes Mineralwasser aus Kanada – wahlweise mit Apfel-, Birne-, Zitrus- oder Himbeer-Aroma. Ein Wunder, dass die Wanderwege nicht mit Juwelen gepflastert waren. Und auch wenn jedem Teilnehmer in Form des Gehstocks aus Edelstahl ein nobler Begleiter an die Seite gestellt wurde, wandern musste man die Strecke noch selbst. Belohnt würde man am Ende des Tages mit einem luxuriösen Zeltcamp, das einen in die Welt von 1000 und einer Nacht entführen würde.

Eigentlich war es eine schöne Überraschung gewesen und sie hatte sich sehr darüber gefreut. Doch nun hing sie nur ihren Erinnerungen nach und sehnte sich nach dem, was sie gerade nicht haben konnte. Ihr fehlte die Verbundenheit mit der Natur. Die Stille und die Fülle, die in der Beschränkung auf das Wesentliche liegen kann. Was war eigentlich aus der Welt geworden, als der größte Luxus die Zeit war, die man auch gerne in gemütlichem Beisammensein am Lagerfeuer teilte und dabei gelegentlich herzhaft in sein Stockbrot biss?

War diese Zeit einfach irgendwann vorbei, weil man erwachsen wurde? Weil auch die Kinder erwachsen wurden? Oder war es einfach der Lauf der Dinge, dass alles immer größer und besser werden musste, bis man den Punkt erreichte, an dem man sich die einfachen Dinge zurück wünschte?


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Praline, herzhaft, wandern.

abc.etüden: Hedera helix!

Himmel, wie eigenartig sich der Nachbar vom Balkon nebenan aufführte. Der Betonsichtschutz ließ eine etwa zehn Zentimeter große Längslücke durch die sie sehen konnte, wie er immer wieder zwischen Balkon und Wohnung hin- und hereilte. Schon oft hatte sie sich gewünscht, dass diese Lücke beim Bauen einfach mit zugemacht worden wäre, aber man hatte sich wohl für das Mehrfamilienhaus doch noch eine gewisse Luftigkeit in der Bauweise gewünscht und darauf verzichtet. Jetzt lenkte sie die Hektik von ihrem Buch ab. Anstatt zu lesen beschwor sie den Efeu, er möge in Windeseile das Gitter komplett begrünen, das sie an ihrer Seite des Balkons angebracht hatte, und das künftig als Sichtschutz dienen sollte. Sie schnippte mit dem Finger – aber nichts passierte. Das wäre ja auch zu schön gewesen.

War es denn wirklich zu verwegen, dass sie es sich bei den warmen Temperaturen in ihrem Sportbadeanzug auf dem Balkon gemütlich machte? Ein wenig Sonne tankte, um ihren Vitamin-D-Spiegel zu pushen und dabei ganz in Ruhe ein Buch zu lesen, nur unterbrochen vom gelegentlichen Blätterrauschen der nahegelegenen Bäume und vom Singen der Vögel? So war zumindest der Plan, den der hektische Nachbar nun auf seine Art vereitelte und von dem sie außerdem hörte, wie er aufgeregt einem weiteren Nachbarn berichtete, dass sie im Badeanzug auf ihrem Balkon saß.

Dabei war ihr Badeanzug nicht mal sexy geschnitten und ihre Figur längst nicht mehr atemberaubend. Es amüsierte sie, dass sie dennoch für Aufregung sorgen konnte. Sicherheitshalber nahm sie jedoch ihr Handy um zu recherchieren, ob sie vielleicht ein öffentliches Ärgernis darstellen konnte. Aber Google verriet, dass grundsätzlich sogar das nackte Sonnenbad im eigenen Garten und auf dem Balkon erlaubt war. Wenn es heiß wurde, durfte man also in der Regel die Hüllen fallen lassen. Ganz eindeutig war die Rechtslage aber nicht, denn Nachbarn müssen das nackte Sonnenbad nicht immer akzeptieren. Also war das Sonnenbad im Badeanzug wohl mehr als okay und besagter Nachbar hatte als einziger in dem Haus die Möglichkeit durch die Lücke einen Blick auf ihren Balkon zu erhaschen. Es bestand also kein Grund eine Picknickdecke anzuziehen. Aber es konnte keinesfalls schaden den Efeu regelmäßig zu gießen und auch das Düngen nicht zu vergessen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Picknickdecke, verwegen, recherchieren.

abc.etüden: Ideenmangelerscheinung

Der Cursor blinkte auf dem hellen Hintergrund ihres Schreibprogramms, aber ihr wollte einfach nichts einfallen, über das sie schreiben konnte. Vermutlich lag das an dem schönen Wetter, das mit seinem lauen Lüftchen und dem strahlenden Sonnenschein eher dazu einlud draußen aktiv zu sein, anstatt in der Wohnung vor dem Monitor zu hocken. Immer wieder schwirrten ihr die für die Extraetüden vorgegebenen Worte durch den Kopf. Wenn sie sich ein wenig beeilte, konnte sie es sich vielleicht gleich, nach getaner Arbeit, noch auf dem Balkon gemütlich machen um die Seele ein wenig baumeln zu lassen. Sie nahm etwas Schwung und brachte es auf ihrem Drehstuhl zu einer kompletten Umdrehung. Jetzt nochmal in die andere Richtung – vielleicht funktionierte es ja rechtsdrehend besser.

Doch als ihr Blickfeld wieder bei dem Bildschirm auskam, blinkte der Cursor immer noch fordernd und wartete auf eine Eingabe. Wenn sich nicht bald etwas tat, würde er verdampfen und sich in Luft auflösen. Angespannt machte sie Fingerübungen auf dem Schreibtisch. Warum flossen einem an manchen Tagen Worte, Sätze und sogar ganze Texte wie nichts aus dem Kopf über die Finger schnurstracks in die Tastatur und an anderen Tagen nichts? Überhaupt nichts! Sie fühlte sich wie in ein Korsett eingezwängt, das ihr kaum Luft zum Atmen geschweige denn für kreativen sprachlichen Ausdruck ließ. So hatte das alles keinen Zweck!

Sie stand auf, nahm ihre Jacke und verließ das Haus. Ein Spaziergang durch die Natur würde sicherlich befreiend wirken. Und manchmal konnte einem mit etwas Glück dabei sogar eine Geschichte widerfahren, über die es sich zu schreiben lohnte.


Bei den abc.etüden (Extraetüden) geht es darum, 5 von 6 vorgegebenen Wörtern in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 500 Wörter umfasst. Dieses Mal: Korsett, rechtsdrehend, dampfen, Baracke, lau, widerfahren.

abc.etüden: Die zweite Natur

Der Wagen fand einen unauffälligen Parkplatz. Hier standen bereits zwei andere Autos. Vereinzelt waren Spaziergänger unterwegs. Und doch war nicht so viel los, dass sie ihr Vorhaben für gescheitert hätten erklären müssen. Sie schlenderten gelöst und nach außen hin völlig entspannt den Waldweg entlang. Immer wieder ließen sie dabei auch ihren Blick zu dem schweifen, was sich an und hinter dem hohen Maschendrahtzaun befand, der sich über die gesamte linke Seite des Waldweges erstreckte und scheinbar kein Ende nehmen wollte. Sie genossen den Spaziergang und waren voller gespannter Vorfreude auf das, was sich ihnen hinter diesem Zaun bieten würde. Nun musste sich nur noch eine Möglichkeit finden, auf dieses Gelände zu gelangen. Irgendwo musste es einen Zugang geben, den andere vor ihnen bereits genutzt hatten und für den sie nichts beschädigen mussten.

Begeistert machte sie Fotos von einigen Bäumen, die in all den Jahren, die man sie nun bereits in Ruhe ließ, mit dem Zaun verwachsen waren, als Jo sie einige Meter weiter leise zu sich rief. Er hatte die Stelle gefunden, an der der Zaun so weit niedergedrückt war, dass sie problemlos drüberklettern konnten. Ihr kleines Abenteuer konnte beginnen. Gleich mit dem Überwinden des Zauns betraten sie eine andere Welt. Der Wind wehte lau und der Wald rauschte für sie anders. Hier konnte einem alles widerfahren, was die Fantasie zuließ. Je weiter sie sich vom Zaun entfernten, umso mehr ließen sie die Zeit hinter sich. Hier gab es Betonwege, die einst von Militärfahrzeugen befahren worden sein mussten und aus deren Anschlussstellen neben Moos inzwischen auch hohe Pflanzen wuchsen. Es gab grüne Baracken und hohe Hügel, denen Betonhauben aufgesetzt waren und zu denen bemooste Treppen führten. Daneben befanden sich eigenartige verrostete Messwerkzeuge. Beschriftungen zeugten davon, dass hier einst Diesel und Kerosin ein großes Thema gewesen sein mussten. Lange bevor die britischen Streitkräfte abgerückt waren und dieses rund einen Quadratkilometer große Areal sich selbst überlassen hatten. So etwas bekam man als Normalsterblicher kaum zu sehen. Es sei denn, man überwand unerlaubter Weise eine vorhandene Lücke im Zaun um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, was militärischen Anlagen widerfahren konnte, wenn man der Natur wieder das Ruder überließ.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Baracke, lau, widerfahren.

abc.etüden: Sollbruchschnittstelle

Die Wunde war gut verheilt und die Funktionstests waren positiv verlaufen. Wenn man es nicht wusste, konnte man den an der rechten Schläfe gleich unter der Haut liegenden Kontakt nicht mal erkennen, geschweige denn hätte man vermutet, was sich dort verbarg. Und das war auch gut so. Sie hatte nicht die Nerven für Diskussionen, die sich damit befassten, ob mit Brainhacking die Grenze zum Ich überschritten wurde und man damit seine Individualität oder sogar die Freiheit aufgab.

Sie führte den flachen Stecker ganz nah an ihre rechte Schläfe, wo ein leichter Magnetismus dafür sorgte, dass er sein Ziel fand und die nötige Verbindung herstellte. Eine sehr sachte kurze Vibration wurde spürbar. Das Signal dafür, dass die Verbindung zu ihrem Smartphone hergestellt wurde, wo jetzt auch die App aufploppte, in der sie zwischen den unterschiedlichen Programmen wählen konnte.

Heute würde sie mit dem rechtsdrehenden Denk-Korsett starten, das maßgeschneiderte Impulse an ihre Gehirnzellen senden würde um dort Fehlstellungen zu finden, auf dem Monitor sichtbar zu machen und schließlich zu korrigieren. Das linksdrehende wäre dann beim nächsten Mal dran und schließlich wäre nur noch das beidseitig drehende für die dauerhafte Nutzung vorgesehen. Schädliche alte Denkmuster würden so nach und nach ausfindig gemacht und einfach durch hilfreiche neue ersetzt. Auch Erinnerungstrümmer der Vergangenheit konnten problemlos durch schöne Erinnerungen ersetzt werden. So versprach zumindest der Werbeflyer, der sich schon kurz nachdem sie den Start-Button betätigt hatte verflüssigte und zu dampfen begann, bevor er sich in Luft auflöste.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Korsett, rechtsdrehend, dampfen.