abc.etüden: Weichmutmacher

Gut ein halbes Jahr hatte sie sich informiert und alles an Wissen begierig in sich aufgesogen, von dem sie meinte, dass es wichtig für sie sein könnte. Vielleicht hatte es auch erst vor drei Monaten begonnen, so ganz genau konnte sie das inzwischen nicht mehr festmachen. Aber es gab einen Auslöser und wenn man ganz genau hinsah und noch weiter zurück blickte, dann gab es sogar Vorkommnisse und Begebenheiten in den vergangenen zwanzig Jahren, die sich nun wie Puzzleteilchen zu einem großen Ganzen zusammenfügten. Plötzlich passte alles und es schien nur eine logische Konsequenz zu sein, dass sie zum jetzigen Zeitpunkt genau das tat, wozu sie sich nach vielen Überlegungen und einer scheinbar endlosen Vorbereitungsphase entschieden hatte.

Dabei hätte sie manches Mal Zetermordio schreien können, bei dem, was ihr in all diesen Jahren geschehen war. Kaum zu glauben, dass dies zu irgendetwas gut gewesen sein soll. Denn all das hatte sie auch für das Leben zu weichmütig gemacht. Ihr fehlte die nötige Härte um den ganz normalen Wahnsinn des Alltags durchzustehen. Und so hatte sie es sich im Laufe der Zeit in ihrem Krankheitskokon gemütlich gemacht. In der geschützten Atmosphäre hatte sie ihr Auskommen gefunden und es ließ sich darin mit den Jahren immer besser leben. Aber in all ihrer Weichmütigkeit hatte sie dennoch immer auch einen Blick nach draußen gewagt um zu schauen und zu lernen, welche Zutaten andere Menschen verwendeten, um sich trotz widriger Umstände ein schmackhaftes wohlbekömmliches Leben daraus zu backen.

Es war fast schon ein Geschenk gewesen, als sie endlich erkannt und verinnerlicht hatte, dass es die in unterschiedlichsten Formen gelebte Kreativität war, die ihrem Dasein Farbe und Würze verlieh. Und nun würde sie damit nach außen dringen. Ganz behutsam und hoffnungsvoll – aber auch mit einer gewissen Entschlossenheit.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Zetermordio, weichmütig, backen.

Adventüden 2020: Verwunschpunschung

 Dichte gelbliche Nebelschwaden krochen aus der Flasche. Dieses Gebräu war sicherlich nicht mehr gut. Vorsichtig fächelte sie sich etwas von dem Nebel zu, um daran zu riechen. Der Geruch erinnerte entfernt an Mango, Katzenklo und Leberwurst. Sie schüttelte sich. Trinken würde sie das Zeug sicherlich nicht, auch wenn der Aufdruck »Wunschpunsch« einfach verlockend klang und sie sich sehr darüber gefreut hatte, als sie die kleine Flasche am Nikolausmorgen überraschend in ihrem Stiefel vor der Wohnungstür gefunden hatte.

Sie hatte sich vorgestellt, dass der gut aussehende neue Nachbar von gegenüber ihr dieses nette Geschenk gemacht hatte. Abends hatte sie sich allein auf dem Sofa in ihre Kuscheldecke eingemummelt und ein Stück ihres geliebten Käsekuchens genossen, während sie sich endlosen Träumereien eines Kennenlernens, Sichverliebens und Glücklichseins hingab.

Doch was ihr der Wunschpunsch nun offenbarte, war eher ernüchternd und verursachte bei ihr einen leichten Würgereiz. Inzwischen brodelte die Flüssigkeit leicht und der entweichende Dunst verfärbte sich ins Grünliche. Beängstigend, wie viel davon so einer kleinen Flasche entfliehen konnte. Jetzt wurde sie hektisch. Die Brühe musste so schnell wie möglich raus aus ihrer Wohnung. Wer wusste, was sie da einatmete! Sie öffnete die Balkontür, zog sich schnell ein Paar Einweghandschuhe über und trug vorsichtig die Flasche, die sich bereits leicht erwärmt hatte, hinaus auf den Balkon. Dort nahm ganz allmählich das Brodeln ab und auch der Nebel lichtete sich.

Am nächsten Tag kippte sie enttäuscht den Wunschpunsch in den Abfluss und hörte nicht, wie er leise das Lied des mit Füßen getretenen Glücks und der verpassten Gelegenheiten summte.


Verwunschpunschung“ erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von Irgendwas ist immer. Für den Text durfte ich maximal 300 Wörter verwenden und es mussten (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe vorkommen: Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel.

NaNoWriMo 2020 (Tag 6 bis 15)

Wie es mir mit dem NaNoWriMo 2020 bisher erging, könnt ihr dort nachlesen: Tag 1 bis 5.

✍️ Tag 6:
7:30 Uhr. Es hat gut getan, so lange zu schlafen. Heute nehme ich an einer der offiziellen Writing-Sessions vom WTB-Club mit Zoom teil. Wir sind um die 90 Schreiwillige, die den Ton ausgeschaltet haben und eifrig eine Stunde lang geschäftig vor sich hinschreiben. Als Ziel habe ich mir für diese Zeit 700 Wörter gesetzt, schaffe aber tatsächlich 1.100. Ich bin begeistert. Am Ende teilt Julia noch mit, dass sie zwei Videoräume in der privaten Facebook-Gruppe eröffnet hat. In dem einen kann man sich zum Quatschen und in dem anderen zum Schreiben treffen. Die Videoräume wurden bereits von einigen Schreiberlingen getestet und für gut befunden. Wenn ich mein Tonproblem gelöst habe, möchte ich das auch gerne ausprobieren. Aber erstmal heißt es für mich noch weiter schreiben und um kurz nach 9 habe ich dann auch mein Schreibziel für heute geschafft.

✍️ Tag 7:
Heute habe ich einen Schreibtermin nur mit mir selbst. Aufwachen, ohne vom Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden, ist herrlich. Es zeigt sich, dass dieser höchst persönliche und unendlich variable Termin um 6:30 Uhr stattfinden wird. Pünktlich starte ich die Soundtrack-Playliste von Spotify und schreibe, bis ich gegen 8:15 Uhr das Tagesziel erreicht habe. Ganz unspektakulär, aber nicht weniger effektiv.

✍️ Tag 8:
Sonntagmorgen. Irgendwann um kurz nach 6 bin ich wach geworden. Gemütlich stehe ich auf, versorge mich mit Tee und fange schließlich tiefenentspannt und ganz ohne Zeitdruck um 7:15 Uhr an zu schreiben – bis 9:00 Uhr. Auch wenn ich heute alles gemütlich angehen lasse, fühle ich mich erschöpft. Ich muss einen Gang zurück schalten und sage meinem Schreibbuddy ab. Obwohl mir diese frühen 5:15 Uhr Termine gefielen. Sie brachten nicht meine ursprüngliche Tagesstruktur durcheinander und ich konnte mit ihnen gleich zu Beginn des Tages meine große Schreibaufgabe hinter mich bringen – frei nach dem Motto „Eat that frog[Werbung] das Schwierigste gleich zu Beginn des Tages schaffen. Allerdings hat mich dieser Frosch, beziehungsweise das frühe Schreiben doch auch mehr Kraft gekostet, als ich anfangs gedacht hätte. Ich kehre also bewusst zurück zu meiner alten Tagesstruktur, bei der der reguläre Tag um 9:00 Uhr beginnt und wenn ich früher aufwache, dann ist das einfach nur Freizeit, die ich mit freiwilligen leisen Inhalten fülle, die meinen Herzbuben nicht wecken, sofern es mit dem Schlafen bei mir nicht funktioniert. Ich weiß, dass es gerade für mich ganz wichtig ist, auf einen ausgewogenen Schlafrhythmus zu achten, um meine Krankheit im Zaum zu halten. Noch habe ich alles im Griff, aber einiges ist doch auch durch den Stress, den ich mir selbst durch den NaNoWriMo mache, durcheinander geraten und will im Auge behalten werden.

✍️ Tag 9:
Noch nicht einmal 4:00 Uhr, ich bin hellwach. Kein Grund zur Sorge, zumal ich gestern Abend schon um kurz nach neun ausgebrannt ins Bett gefallen bin. Ich hätte den Termin um 5:15 Uhr also doch wahrnehmen können. Ich ärgere mich ein wenig über mich selbst, verdaddle sinnlos Zeit und lege mich später völlig erschöpft nochmal hin. Um 10:30 Uhr beginne ich dann doch noch meine Schreibsession, aber es kostet mich Überwindung. Um 12:00 Uhr habe ich mein Tagespensum geschafft. Feierabend für heute – zumindest mit dem Schreiben. Ich muss dringend einen Gang runterschalten und mich den Dingen widmen, die mich wieder in die Spur bringen.

✍️ Tag 10:
Ich schlafe bis 7:00 Uhr und fühle mich erholt. Ich will etwas von dem Druck aus diesem NaNoWriMo herausnehmen und widme mich heute bewusst vorrangig anderen Dingen. Erst nachmittags beginne ich zu schreiben. Mein Tagespensum schaffe ich zum ersten Mal nicht. Konzentrationsstörungen, Wortfindungsstörungen…Schreibstörungen. Aber um 18:00 Uhr nehme ich dennoch an der Zoom-Fragerunde von Julia K. Stein teil. Es beruhigt mich ein wenig, dass auch bei anderen nicht alles rund läuft und sie ähnliche Gedanken rund um ihr Buch haben. Es tut gut, einige Ängste von einer Autorin zerstreut oder bestätigt zu wissen, die selbst bereits einige Bücher (auch bei Verlagen) veröffentlicht hat. Nebenbei erfahre ich von Sensitivity Reading, dass manch einer sich mit 4-Minuten-Meditationen aufs Schreiben einstimmt, es sich bei Coffeeshop-Geräuschen von YouTube vielleicht gut schreiben lässt und dass man sich auch bei Discord zu Schreib-Sprints treffen kann.

Das Programm iVCam, mit dem ich mein Smartphone über den Computer als Webcam laufen lasse, teilt mir hingegen mit, dass die Trial-Version nun abgelaufen ist und mein Video nur noch „in klein“ dargestellt wird. Das ist schätzungsweise kein Problem für die Zoom-Sessions mit Julia, insgesamt muss aber nun eine andere Lösung her, zumal ja auch mein Ton mit der Ansage „Trial Version“ überblendet ist. Ich wäge Vor- und Nachteile ab und entscheide mich dagegen, die Software-Lösung im Abo-Modell zu erstehen oder einen einmaligen Kaufpreis in einer Höhe zu leisten, in der es bereits für einen geringen zusätzlichen Aufpreis günstige Webcams gibt. Es wird also in Kürze eine Webcam bei mir einziehen, die unabhängig vom Ladestand des Handy-Akkus jederzeit einsatzbereit ist und bei Bedarf auch an den Rechner meines Herzbuben angeschlossen werden kann. Als Nicht-Dauer-Webcam-Nutzer haben wir auf diese Art wenigstens beide etwas davon.

✍️ Tag 11:
Ich habe ein ernsthaftes Problem mit dem Schlaf, komme aber immerhin um 3:30 Uhr dazu, den aktuellen NaNoWriMo-Newsletter zu lesen. Darin entdecke ich auch, dass unter anderem auf dem YouTube-Kanal WordNerds sogenannte „Write-In leds“ live angeboten werden. Gar nicht schlecht. Dort kann man sich im Chat austauschen oder später die Aufzeichnung ansehen, um beim sogenannten „word sprint“ dabei zu sein und selbst mitschreiben. Kellie’s getippe fällt mir allerdings etwas auf die Nerven, aber der Ton lässt sich ja glücklicherweise regulieren, bis sich alle beim Schreiben selbst stumm schalten. Um 5:30 Uhr beginne ich endlich selbst zu schreiben und höre mir dabei Entspannungsmusik mit Klavier-, Cello- und Gitarrenklängen von YouTube an. Zunächst ist die Musik wunderbar, aber ich muss feststellen, dass ich meinen Plot gesprengt habe. Glücklicherweise kann ich das für mich aber ausblenden und schreibe einfach erstmal weiter, bis es mir gelingt, den Faden wieder aufzunehmen. Nach einer Stunde langweilt mich die Musik. Ich brauche etwas Rockiges – und schließlich auch eine Pause von der anstrengenden Thematik. Nachmittags geht es dann nochmal ans Werk und es gelingt mir den Rückstand vom Vortag aufzuholen.

✍️ Tag 12:
7:00 Uhr und ich schreibe immer noch nicht. Meine Schreiblust hält sich in Grenzen, stattdessen verfasse ich Blogbeiträge und lasse den Tag gemütlich angehen. Am späten Nachmittag starte ich doch noch Scrivener und schreibe mein Tagespensum herunter. Wenn der NaNoWriMo vorüber ist, werde ich nur noch eine Stunde pro Tag schreiben oder überarbeiten oder beides. Zwei Stunden sind mir insgesamt zu viel. Julia hat ein Video über Virtuelles Co-Working (und wie du dadurch effektiver arbeitest) herausgebracht. Ich finde es auch einfacher, wenn man feste Termine macht, brauche es andererseits aber auch, mal keine Termine zu haben, damit der Druck mich nicht auffrisst. Schön wäre es, wenn sich das Schreiben und spätere Überarbeiten in meine Tagesstruktur einfügen ließe, aber davon bin ich noch weit entfernt. Ich blute beim Schreiben immer ein wenig aus, aber es hat auf der anderen Seite auch einen heilenden und stellenweise erhellenden Effekt.

✍️ Tag 13:
Wieder so ein Tag, an dem es mich zu unchristlicher Zeit aus dem Bett treibt. Einen festen Schreibtermin habe ich nicht, möchte mir aber im Laufe des Vormittags die Zeit dafür nehmen. Um 8:30 Uhr bekomme ich endlich die Webcam [Werbung] und schließe sie gleich an. Schön, wie einfach das geht. Am Monitor anklemmen, USB-Kabel einstecken, Rechner neu starten, fertig. Ich beschließe, sie gleich um 10 Uhr bei Julia’s Zoom-Writing-Session auszuprobieren. Scheint zu funktionieren, aber das Bild, das meine Kamera überträgt, flackert und mein Ton brummt beim Testen nervtötend. Ich schalte während der Zoom-Session die Übertragung meines Videos aus, damit ich andere mit dem Geflacker nicht zu sehr störe, das Micro ist beim Schreiben sowieso stummgeschaltet. Vorgenommen hatte ich mir 700 Wörter, tatsächlich schaffe ich es aber, trotz der Ablenkung, mehr als 1000 Wörter in der gemeinsamen Zeit mit rund 100 Teilnehmern zu schreiben. Danach widme ich mich etwas intensiver der Technik und stelle fest, dass mein Monitor die Webcam-Übertragung stört, wenn sie oben drangeklemmt ist. Er ist halt nicht mehr der Jüngste und für mich ein Thema, mit dem ich mich erst im kommenden Jahr näher beschäftigen möchte. Ich probiere aus, wie es ist, wenn ich die Kamera auf dem kleinen Mini-Stativ befestige, das ich noch in einer meiner Technik-Rummel-Kisten finde, etwa so eines wie dieses hier [Werbung]. Die kleine Konstruktion stelle ich neben den Monitor und tatsächlich sind Bild und Ton plötzlich einwandfrei. Problem gelöst. Nachmittags nehme ich mir nochmal etwas mehr als eine halbe Stunde Zeit und schreibe die restlichen Wörter herunter bis mein Tagespensum überschritten ist.

✍️ Tag 14:
Mein Tag beginnt etwa gegen 6 Uhr, alles in Ordnung. Aber dieser Herbst ist einfach unglaublich schön und bei dem Sonnenschein treibt es uns aus dem Haus. Fotografieren hat Vorrang. Und alles, was nichts mit Schreiben zu tun hat. Nachmittags raffe ich mich aber doch noch auf und schreibe gute eineinhalb Stunden lang mit progressive Rock und Postrock im Ohr. Geht doch. Tagespensum geschafft.

✍️ Tag 15:
Tatsächlich werde ich heute erst durch den Wecker um 5:45 Uhr geweckt. Wir wollen den Sonnenaufgang in einem Naturschutzgebiet genießen, in dem neben vielen Wildvögeln derzeit auch wieder Scharen von Wildgänsen unterwegs sind. Unsere Erwartungen werden nicht enttäuscht. Es ist traumhaft schön. Auf dem Nachhauseweg nehmen wir noch Brötchen fürs Frühstück mit und sichten dann bei einem Kakao erste Bilder und Videos. Aber im Hintergrund ruft der NaNoWriMo und will, dass ich pünktlich zur Halbzeit die 25.000er Wortmarke knacke. Widerwillig und tränenreich schreibe ich, weil der autobiografische Anteil dieses Mystery-Drama-Romans mit mitnimmt. Trotz allem habe ich gegen sechs Uhr abends endlich die magische Wortzahl geschafft. Scrivener meint, das entspricht 72 Taschenbuchseiten. Ich bin stolz auf mich.

✍️ Fortsetzung folgt…

NaNoWriMo 2020 (Tag 1 bis 5)

In diesem Jahr bin ich zum ersten Mal dem Ruf des National Novel Writing Month (NaNoWriMo) gefolgt und habe den preptober genutzt um der Idee, die seit Jahren in meinem Kopf herumspukt ein wenig Struktur zu verleihen. Abgesehen von kurzen oder noch kürzeren Texten oder Blogbeiträgen habe ich bislang nichts geschrieben und dachte mir, dass ich vielleicht etwas Hilfe gebrauchen könnte. Die fand ich in dem Onlinekurs „In 30 Tagen zum Romanentwurf“ von Annika Bühnemann. Die Investition im Wert etwa eines Hardcovers hat sich für mich wirklich gelohnt und es war eine interessante Erfahrung zu sehen, wie aus der groben Idee ganz allmählich eine immer greifbarere Geschichte erwächst. Für mich als Neuling wirklich beeindruckend. Nochmal den Wert etwa eines Hardcovers habe ich dann noch in Julia K. Steins „Write that Book Club“ investiert, weil mich das gemeinsame schreiben neugierig gemacht hat und ich mich beim NaNoWriMo sehr fremd und allein gefühlt habe. Aber ich wollte das Ding mit dem Buch endlich angehen, frei nach dem Motto „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Und weil ich über das Schreibprogramm „Scrivener“ schon öfter gestolpert bin und es mich anspricht, wie man dort alles rund um sein Schreibprojekt organisieren und bequeme automatische Backups für Dropbox einrichten kann, habe ich die 30-Tage-Testversion auf meinem Computer installiert. Dass ich nicht offen für Neues bin, kann mir jedenfalls keiner vorwerfen 😄

✍️ Tag 1:
Ich habe mich dem „Write that book Club“ (WTB) angeschlossen und erlebe mit rund 100 anderen Schreibwütigen meine erste Zoom-Writing-Session um 8:00 Uhr. Eigenartig, sich zum Schreiben zu verabreden, aber vielleicht eine gute Möglichkeit der Verschieberitis Einhalt zu gebieten – dafür ist es zumindest gedacht. Ebenfalls neu ist für mich, den Text möglichst wertungsfrei einfach herunterzuschreiben. Die Überarbeitung folgt dann später. Kleine Fehler überarbeite ich natürlich sobald ich sie entdecke (mein innerer Monk will es so), aber am Text gefeilt wird halt noch nicht. Später schreibe ich noch weiter, bis ich mein Tagespensum von 1.667 Wörtern geschafft habe. Insgesamt benötige ich dafür mehr Zeit, als ich anfangs gedacht hatte und bin erstmal erschöpft. In der WTB-Facebook-Gruppe findet sich später dann auch ein Schreib-Buddy für mich. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen.

✍️ Tag 2:
Man könnte von seniler Bettflucht sprechen, aber vielleicht habe ich auch nur um kurz nach 4:00 Uhr den Schlaf einfach aus. Es hat dennoch ganz gut gepasst und so bin ich mehr als bereit, als um 5:15 Uhr die einstündige Zoom-Writing-Session mit meinem Schreibbuddy startet. Ein kurzes „Hallo und Guten Morgen!“ und dann geht es auch schon los. Ich schreibe hochkonzentriert und merke kaum, dass ich nebenbei einen Liter Tee trinke. Das Fenster in der linken oberen Bildschirmecke stört nicht und doch schaue ich gelegentlich dort hin und sehe eine junge sympathische Frau, die ebenso konzentriert mit ihrer Schreibarbeit beschäftigt ist, wie ich selbst. Die Stunde vergeht wie im Flug. Es folgt noch eine ganz kurze Bestandsaufnahme und wir einigen uns darauf, uns am nächsten Tag um die gleiche Zeit zu treffen. Dann wollen wir jedoch Skype statt Zoom zu verwenden, weil sie technische Probleme hat. Nach einer kurzen Pause schreibe ich auch schon weiter, bis ich mein Tagespensum geschafft habe. Dabei stelle ich fest, dass mir ansprechende Namen für meine Protagonisten fehlen. Ich entdecke den Real Name Creator – ein wirklich hilfreiches Tool, aber es ist doch eigenartig, wenn plötzlich diese fremden Namen in meiner Geschichte auftauchen. Daran muss ich mich erst gewöhnen. Gegen 8:00 Uhr mache ich Schluss und richte noch schnell für den nächsten Tag Skype auf meinem Rechner ein. Dann ist es endlich Zeit für den ersten Kaffee des Tages.

✍️ Tag 3:
5:15 Uhr. Mein Schreibbuddy ist ebenso pünktlich wie ich. Wie schön. Wir widmen uns kurz der Technik, aber nach kaum 10 Minuten wird die Verbindung getrennt. Ihre Internetverbindung ist schlecht. Wir benachrichtigen uns über Facebook und beschließen ohne Technikschnickschnack weiter zu schreiben. Auch kein Problem. Eigentlich sogar eher im Gegenteil, denn ich mache mir Musik zum Schreiben an und genieße es ungemein. Gegen 8:00 Uhr habe ich mein Tagespensum erreicht. Ich merke, wie mich dieses Ziel an täglich zu schreibenden Worten antreibt. Hätte ich dies nicht vor Augen, hätte ich schon früher aufgehört zu schreiben. Vielleicht wäre es insgesamt aber dennoch für mich sinnvoller, mir 3 Stunden als Schreibziel zu setzen. Denn eigentlich finde ich dieses Worte zählen irgendwie blödsinnig, auch wenn ich verstehe, dass für so etwas wie den NaNoWriMo Vergleichsgrößen gebraucht werden. Mit meinem Schreibbuddy tausche ich später über den Facebook-Messenger-Nachrichten aus. Wir planen, wie wir am nächsten Tag vorgehen wollen. Mit Skype wollen wir es nochmal probieren und finden es beide hilfreich, morgens diesen festen Termin zum Schreiben zu haben. Außerdem gefällt mir die Testversion des Schreibprogramms Scrivener wirklich gut. Ich habe mir das Programm heute gekauft – natürlich abzüglich des NaNoWriMo-Rabatts in Höhe von 20 Prozent.

✍️ Tag 4:
5:15 Uhr. Skype hatte ich auf dem Handy installiert und heute auch nur dort laufen gelassen. Die Tonübertragung meines Schreibbuddies ist aber aufgrund ihrer Internetverbindung dennoch ein wenig hakelig. Wir schalten zügig auf „stumm“ und dann geht es mit dem Schreiben auch schon los. Über meine Kopfhörer höre ich leise Musik dabei. Der Schreibflow lässt nicht lange auf sich warten. Das Wortziel habe ich heute bereits um 7:30 Uhr erreicht und beende mein schreiben. Gerne würde ich mir einen Wortpuffer für eine Zeit schaffen, in der es vielleicht nicht so gut läuft, aber ich habe nach 1.667 Wörtern eigentlich auch immer erstmal genug vom Schreiben und brauche eine längere Pause. Mein Schreibbuddy verlegt aus unterschiedlichen Gründen seine Schreibzeit in den nächsten Tagen. Unser nächster gemeinsamer 5:15-Uhr-Termin ist erst wieder am Montag. Für mich passt dieser frühe Termin so gut, dass ich beschließe ihn beizubehalten, ob mit oder ohne Schreibbuddy. Vielleicht probiere ich mal Focusmate aus – denke ich mir so. Und schwupps, ist der Termin dort auch schon gebucht.

Nebenbei mache ich mir Gedanken darüber, in welche Kategorien sich meine Geschichte einordnen lässt. Auf der NaNoWriMo-Projektseite entscheide ich mich für Mystery, Personal, Literary und Drama. Eine spezielle Richtung muss sich daraus erst noch beim Schreiben, vielleicht auch erst beim Überarbeiten, entwickeln. Da meine Mystery-Geschichte viel Autobiografisches enthält, von dem ich mir nicht sicher bin, inwieweit ich es jemals preisgeben möchte, hat sich mein Schreiben gerade eher in eine therapeutische Richtung entwickelt, die mir sehr gut tut. Ich schreibe also ungefiltert nur für mich das geplottete Mystery-Thema herunter, halte mir aber die Option offen, zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht durch Überarbeitung noch etwas daraus zu machen, was ich auch bereit wäre mit anderen zu teilen. Diese Einstellung bekommt mir richtig gut und die Worte fließen. Außerdem habe ich einige Ideen im Kopf, von denen ich noch nicht weiß, ob es mir gelingen wird sie einzubinden. Ich genieße die Freiheit, gerade nur an einem Entwurf zu schreiben. Nichts ist in Stein gemeißelt. Pures Pixelwerk, das nicht einmal ausgedruckt werden wird und das außer mir in dieser Form niemand jemals lesen wird. Und auch wenn ich denke, dass mein Geschriebenes vielleicht später in einer virtuellen Schublade versauern könnte, weil ich es dort nicht rauslasse, genieße ich es gerade ungemein, so zu tun, als könnte ich tatsächlich ein Buch schreiben.

✍️ Tag 5:
5:15 Uhr. Mein erstes Mal mit Focusmate. Ich bin etwas nervös, weil ich zwar beinahe täglich irgendetwas auf Englisch anhöre, aber selbst seit dem letzten Urlaub in Südafrika vor 5 Jahren nicht mehr Englisch gesprochen habe. Diesen Focusmate-Termin hatte ich mit jemandem namens Angela gebucht, aber tatsächlich steht jetzt Dan in meinem Terminplan. Er ist pünktlich, genau wie ich. Das gefällt mir schonmal. Wir unterhalten uns kurz über das, was wir machen. Dan programmiert an einer App für einen Kunden und ich habe geplant für den NaNoWriMo 500 Wörter in der Zeit von 5:15 Uhr bis 6:05 Uhr zu schreiben. Leider hört auch er in regelmäßigen Abständen die Durchsage „Trial Version“, wenn ich den Ton anhabe. Davon hatte mir auch mein Schreibbuddy schon berichtet. Es muss von dem Programm kommen, das ich benutze um mein Smartphone als Webcam mit meinem Rechner zu verbinden (iVCam). Das Problem wäre nun zumindest schonmal lokalisiert. Ich entschuldige mich für die Unanehmlichkeiten. Wir schalten beide das Mikro aus und arbeiten konzentriert an unseren Projekten. Es läuft für mich nicht ganz so flüssig, aber das kann auch an dem Thema liegen, das ich gerade ausformuliere. Als die Zeit um ist, habe ich immerhin 889 Wörter geschrieben. Das ist besser, als ich dachte. Dan ist mit seiner App nicht fertig geworden, aber das hat er auch nicht erwartet. Er gibt mir den Tipp bei Focusmate ein anderes als das iVCam-Mikrophon auszuwählen, aber die Option steht mir nicht zur Verfügung. Schließlich verabschieden wir uns freundlich und ich verspreche, mich um mein technisches Problem zu kümmern. Dennoch hat es insgesamt besser funktioniert, als ich gedacht habe. Mein Englisch ist zwar etwas eingerostet und sicherlich nicht immer die Krönung der Grammatikschöpfung, aber es gelingt mir dennoch mich relativ flüssig auszudrücken. Das hat mir gefallen und ich weiß, dass ich heute um diese Zeit nicht geschrieben hätte, wenn ich diesen Termin nicht gehabt hätte. Drei mal pro Woche kann ich Focusmate kostenlos nutzen und beschließe es wieder zu tun, wenn es mir gelingt die „Trial Version“-Ansage aus meiner Tonübertragung zu entfernen. Heute werde ich noch eine weitere Schreibetappe zu einem späteren Zeitpunkt einlegen müssen, weil der Wetterbericht Nebel vorausgesagt hat und mein Herzbube gleich nach Ende der Schreibsession mit frisch gekochtem Kaffee vor mir steht. Morgensonne, Herbst und Nebel sind eine traumhafte Kombination zum Fotografieren. Das ist erstmal wichtiger und nach dem Kaffee geht es gleich los. Den Rest fürs Tagesziel schreibe ich ausnahmsweise nachmittags, ganz für mich allein und mit einer Soundtrack-Playliste von Spotify im Ohr. Auch schön.

✍️ Fortsetzung folgt…

abc.etüden: Übersinnlichkeit

Als sie morgens verschlafen vor dem Badezimmerspiegel ihre Zähne putzte, war noch alles in Ordnung gewesen. Abschließend hatte sie wie gewohnt ihre Zähne gebleckt und danach ihre Haare zu einem Zopf zusammengebunden, bevor sie sich auf den Weg zur Arbeit machte. Auch der Vormittag im Büro war noch ganz normal und ohne große Vorkommnisse abgelaufen – etwas stressig zwar, aber das gehörte zum Arbeitsleben halt manchmal dazu.

Sicherheitshalber hatte sie sich gleich nach der Arbeit auf den Weg in den Wald gemacht um etwas Entspannung bei einem Spaziergang zu finden. Doch als sie allmählich zur Ruhe kam, merkte sie, dass etwas anders war. Sie nahm die Farben um sich herum verändert wahr. Das Grün der Bäume war greller als sonst und die Fliegenpilze am Wegesrand schienen fast schon zu leuchten. Alles um sie herum war kontrastreicher als sonst. Helles erschien heller und Dunkles noch dunkler. Die geliebten Gerüche des Waldes waren intensiver, zwar nicht zu intensiv, aber doch ein wenig zu stark, um wirklich angenehm zu sein. Selbst die Stimmen der Vögel glichen keinem Gesang mehr, sondern hallten leise, aber vehement in ihrem Kopf wider.

Sie wunderte sich über ihre Wahrnehmung, aber sie machte ihr keine Angst mehr. Traurig erinnerte sie sich an ihre Tabletten, die sie pünktlich und wie gewohnt genommen hatte, aber gegen stressige Situationen auf der Arbeit oder gegen die normalen Unplanbarkeiten des Lebens konnten auch sie nicht schützen. Jetzt hieß es einfach die Ruhe zu bewahren, tief durchzuatmen und erstmal alles hinter sich zu lassen. Das Hier und Jetzt würde sie schon bald begrüßen und ihr die gewohnte Sinneswelt zurückgeben. Darauf konnte sie vertrauen, auch wenn die Pfütze vor ihr gerade einen Himmel zeigte, der am Boden war und in dem sie versinken würde, wenn sie nicht auf sich aufpasste.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Pilze, traurig, schlafen.

abc.etüden: Waldbaden

Vergessen war die vergangene Nacht, in der sie sich von einer auf die andere Seite gewälzt hatte und sie auch das langweilige Buch dem schlafen nicht näher gebracht hatte. Als endlich die Morgendämmerung hereingebrochen war, ging sie leise durch den allmählich erwachenden Wald. Nicht dass sie zu den Waldbesuchern gehörte, die sonst herumlärmte, aber heute war sie für die Ruhe besonders empfänglich und lauschte intensiv dem gelegentlichen Zwitschern der Vögel und dem Rauschen der Blätter, das der Wind erzeugte, wenn er in kleinen unregelmäßigen Böen durch die Bäume strich. Erste Blätter rieselten bereits zu Boden und kündeten davon, dass der Herbst nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.

Konzentriert setzte sie einen Schritt nach dem anderen und saugte tief die harzig-erdige Luft in sich ein. Ihre Sinne waren geschärft und empfänglich für alles, was das Hier und Jetzt ihrem übernächtigten Geist zu bieten hatte. Der Wald nahm sie mit offenen Armen auf und schenkte ihr Kraft. Sie wünschte sich, dass sie ähnlich wie die Pilze eine Symbiose mit den Bäumen eingehen könnte. Mit ihnen fast schon verschmelzen zu können um sich mit sich und der Welt als eins zu fühlen. Ein Geben und Nehmen. Ein Gedanke, so schön und traurig zugleich. Denn derzeit konnte sie dem Wald nicht mehr zurückgeben, als dass sie ihn von dem Müll befreite, den andere ihm achtlos aufgebürdet hatten.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Pilze, traurig, schlafen.

abc.etüden: Gedankenwälzer

Es gab da diese Idee, die sie fast schon engelhaft immer wieder von Zeit zu Zeit umgarnte und doch nicht viel mehr war als ein Gedanke, den sie sich nicht traute weiter zu denken. Denn immer dann, wenn er ihr in den Sinn kam und weiter gesponnen werden wollte, blockte sie ihn ab. Zu laut hallten in ihrem Kopf Sätze wider, die von ihrer Unfähigkeit sprachen. Immer ging es um mangelndes Durchhaltevermögen und fehlendes Talent. Unbestätigt zwar, aber dennoch. Wenn man ein wenig genauer hinhörte, schwang darin eigentlich die tiefsitzende Angst vor Ablehnung und Versagen mit. Die Quintessenz ihres Lebens. Niederschmetternd und grausam.

Wohl auch ein Grund, sich zu vergraben und in dem auszuharren, was sie bislang erreicht hatte. Aber durfte man tatsächlich dabei von erreichen sprechen? Hatte sie irgendwelche Anstrengungen dafür unternommen oder waren es nicht vielmehr Dinge, die sich auf die ein oder andere Art ergeben hatten oder in die die Umstände und manchmal auch einfach die Wirren des Lebens sie getrieben hatten? Wie in einem Spiel, in dem jemand Anderes für sie würfelte und setzte. Wann hatte sie die Würfel aus der Hand gegeben? Wann hatte sie aufgehört zu träumen und nach den Sternen zu greifen? Etwas zu wagen, den Unkenrufen in ihrem Kopf zum Trotz? Und wann, wenn nicht jetzt war die Zeit gekommen, so manchen Gedanken einfach weiter zu denken und zu schauen ob er für die Realität taugte?


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Idee, engelhaft, vergraben.

erLESENer August 2020

Im Lesemonat August überdachte ich meine Blog- und Instagramaktivitäten, wurde Veganerin, fand meinen Text in einem Buch wieder, ließ mich lächelnd mobben, bewunderte Edward Snowden und übte mich im autobiografischen Schreiben.

Bücherwelten – inspirierend und zuweilen beängstigend.

Hashtag Authentisch von Sara Tasker [4 von 5 Sternen]: Für mich war es ein sehr interessanter Ausflug in die Insta-Welt, der mir dabei geholfen hat meine eigene Blog- und Instagramgestaltung zu überdenken, ohne dabei sklavischen Regeln zu folgen. Ein sehr harmonisches schönes Buch der sympathischen Autorin. 

Die Vegetarierin von Han Kang [4 von 5 Sternen]: Eine tragische sozialkritische Geschichte mit hypnotischer Wirkung, in der eine junge Koreanerin Veganerin wird und so verzweifelt ein Stück Selbstkontrolle zurückzuerlangen versucht. Empfehlenswert!

Anthologie Projekt*txt von Katharina Peham [3 von 5 Sternen]: Die Geschichten der Autoren und Autorinnen aus dem Projekt*txt übersteigen weit die Beitragsworte, die sie in den Jahren von 2015 bis 2019 als Inspiration erhalten haben. Eine intensive gelungene Mischung unterschiedlicher Texte, und mittendrin auch meiner.

Mit Stauen und Zittern von Amélie Nothomb [3 von 5 Sternen]: Eine autobiografisch angehauchte Geschichte der Autorin, in der es um Mobbing in einer japanischen Firma geht, wobei man einiges über die kulturellen Zwänge dieses Landes erfährt.

Permanent Record . Meine Geschichte von Edward Snowden [5 von 5 Sternen]: Die beeindruckende Geschichte des Whistleblowers, in der man über seine Hintergründe und Beweggründe erfährt und warum er nur so handeln konnte, wie er es letztlich tat. Beeindruckend!

Schreiben über mich selbst von Hanns-Josef Ortheil [3 von 5 Sternen]: Enthalten sind in diesem Buch Ausführungen zum autobiografischen Schreiben neben zahlreichen Herangehensweisen, Beispielen und Schreibübungen. Teilweise etwas trocken, aber nichtsdestotrotz sehr inspirierend.

#WritingFriday: Geisterjäger

Es war ruhig in der Wohnung, das heißt, noch war es ruhig, denn auch wenn seine Menschen noch schliefen, war es doch genau die richtige Zeit für den ersten Frühsport. Trix blinzelte noch etwas verschlafen, legte kurz seine spitzen Ohren an und streckte sich genüsslich. Das war gar nicht so einfach für den dreibeinigen rotgetigerten Kater, aber er hatte von klein auf gelernt seinen Körper genau so auszubalancieren, dass er die wohltuende Streckung erreichte. Dann sprintete er auch schon los, hechtete durch alle Räume und kippte voller Überschwang auch schon mal um. Aber immer rappelte er sich wieder auf. Er musste die bösen Geister vertreiben, die seine Menschen im Schlaf beschlichen und versuchten, ihnen die Kraft für den bevorstehenden Tag zu rauben. Natürlich wichen die Geister Trix aus, aber er gab nicht auf und warf gelegentlich sogar mit seinen Fellmäusen nach ihnen. Das ergab meist ein fröhliches Glöckchengeklingel, wenn sie ihr Ziel durchquerten und anschließend auf dem Boden oder gegen irgendwelchen Schränken landeten.

Eine anstrengende und erschöpfende Aufgabe, die der kleine rote Wächter über die Geisterwelt sich auferlegt hatte und der er in jeder Nacht nachkam, so gut er konnte. Und jede Nacht gönnte er sich nur kleine Pausen und war froh, wenn die Morgendämmerung hereinbrach, weil seine Menschen allmählich erwachten. Dann war auch die Zeit für sein Frühstück gekommen, das er immer lautstark einforderte, auch wenn er sich sicher sein konnte, dass seine Menschen es ihm gerne mit freundlichen Worten und einem Lächeln im Gesicht servierten, weil sie ihm für seine nächtliche Arbeit dankbar waren. Sie zeigten ihm dies auch mit zahlreichen Streicheleinheiten, die er während des Tages bekam und die er meist mit einem wohligen Schnurren quittierte. Einfach weil er es mochte, wenn seine Menschen dann einen ganz zärtlichen Gesichtsausdruck bekamen und ihre Augen liebevoll glänzten.

Doch auch im Kampf gegen die Geister des Tages war Trix eine wirkungsvolle Wunderwaffe. Der kleine Kater bemerkte immer sofort, wenn sie von seinen Menschen Besitz ergriffen. Meist waren diese dann angespannter als sonst oder aber so erschöpft, dass sie sämtlicher Lebensenergie beraubt schienen. Dann legte er sich auf seine Menschen, schloss die Augen und meditierte. Er selbst kam dabei wieder zur Ruhe und konnte viel von der beinahe unerschöpflichen Kraft weitergeben, die ihn dann durchströmte. Das genoss er so sehr, dass er manchmal ein wenig dabei sabberte. Seine Menschen brachte das meist zum Lachen. Für ihn ein untrügliches Zeichen dafür, dass seine Bemühungen wieder einmal erfolgreich gewesen waren.

Irgendwann hatten seine Menschen überlegt, Trix durch eine Prothese sein fehlendes Beinchen zurückzugeben. Aber das hätte dieses perfekte kleine Katzenwesen verstümmelt.


Beim #WritingFriday im August wird aus den vorgegebenen Schreibthemen jeweils eines ausgewählt und Freitags veröffentlicht. Dieses Mal: „Berichte aus dem Alltag von Trix, einer dreibeinigen roten Katze mit einem verblüffenden Talent.“

Schreiben über mich selbst – Hanns-Josef Ortheil

Mein ganz persönliches Thema ist immer noch das autobiografische Schreiben, das mir dabei hilft mich zu erinnern und meine ganz subjektiven Erinnerungen in Dateien zu konservieren, um mich von der Sorge des Verblassens von Erinnerungen oder womöglich des Vergessens zu befreien. Was als eine Form der Trauerarbeit begann, hat sich zu etwas Schönem weiter entwickelt. Zu dem Schwelgen in Erinnerungen und der Erkenntnis, dass ich doch mehr erlebt und zu erzählen habe, als ich manchmal meine. Es ist ein kleines Archiv von ganz privaten Lebenstexten entstanden, die nur für mich bestimmt sind und von denen ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich sie später einmal vererben oder doch lieber verschlüsselt dem Nirwana übergeben möchte.

Nachdem ich bereits „Schreiben dicht am Leben“ von Hanns-Josef Ortheil gelesen hatte, wollte ich mehr Schreibinspirationen von diesem Autor zum autobiografischen Schreiben erhalten und kaufte mir auch „Schreiben über mich selbst“ aus der Duden-Reihe „Kreatives Schreiben“. Der Klappentext meint über dieses Buch: „Ein Schreibverführer neuen Typs: die literarische Schreibwerkstatt als Meisterkurs. Kein Lehrbuch mit Geboten und Regeln, sondern ein breites Spektrum kreativer Ansätze zum Ausprobieren! Dieser Band verführt zum Schreiben über sich selbst. Es gilt, Kindheitserinnerungen, Selbstbeobachtungen, prägende Erlebnisse und Lebensabschnitte bis hin zu längeren autobiografischen Texten über Herkunft und Familie niederzuschreiben.“

Enthalten sind in diesem Buch Ausführungen zum autobiografischen Schreiben neben zahlreichen Herangehensweisen, Beispielen und Schreibübungen. Sie erreichen mich, sind inspirierend und machen Lust darauf, sie gleich auszuprobieren. Gleichzeitig bemerke ich inzwischen an mir eine zunehmende Offenheit, Bereitschaft und Freude daran, nebenbei auch fiktive Texte zu verfassen. Es ist fast so, als hätte ich mich erst ein wenig frei schreiben müssen, um fantasieren zu können. Ein gutes Gefühl.

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Hanns-Josef Ortheil
Schreiben über mich selbst
Spielformen des autobiografischen Schreibens
Gebunden mit Lesebändchen, 160 Seiten
ISBN: 978-3-411-75437-3
Preis: € (D) 14,95
Verlag: Duden
Erschienen: 07.10.2013