abc.etüden: Begehrlichkeiten

Nun wurden auch noch bunte Käsepralinen mit Wildkräutern und Blütentopping zwischendurch als Häppchen gereicht. Dazu gab es ein durch Gold gefiltertes Mineralwasser aus Kanada – wahlweise mit Apfel-, Birne-, Zitrus- oder Himbeer-Aroma. Ein Wunder, dass die Wanderwege nicht mit Juwelen gepflastert waren. Und auch wenn jedem Teilnehmer in Form des Gehstocks aus Edelstahl ein nobler Begleiter an die Seite gestellt wurde, wandern musste man die Strecke noch selbst. Belohnt würde man am Ende des Tages mit einem luxuriösen Zeltcamp, das einen in die Welt von 1000 und einer Nacht entführen würde.

Eigentlich war es eine schöne Überraschung gewesen und sie hatte sich sehr darüber gefreut. Doch nun hing sie nur ihren Erinnerungen nach und sehnte sich nach dem, was sie gerade nicht haben konnte. Ihr fehlte die Verbundenheit mit der Natur. Die Stille und die Fülle, die in der Beschränkung auf das Wesentliche liegen kann. Was war eigentlich aus der Welt geworden, als der größte Luxus die Zeit war, die man auch gerne in gemütlichem Beisammensein am Lagerfeuer teilte und dabei gelegentlich herzhaft in sein Stockbrot biss?

War diese Zeit einfach irgendwann vorbei, weil man erwachsen wurde? Weil auch die Kinder erwachsen wurden? Oder war es einfach der Lauf der Dinge, dass alles immer größer und besser werden musste, bis man den Punkt erreichte, an dem man sich die einfachen Dinge zurück wünschte?


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Praline, herzhaft, wandern.

abc.etüden: Hedera helix!

Himmel, wie eigenartig sich der Nachbar vom Balkon nebenan aufführte. Der Betonsichtschutz ließ eine etwa zehn Zentimeter große Längslücke durch die sie sehen konnte, wie er immer wieder zwischen Balkon und Wohnung hin- und hereilte. Schon oft hatte sie sich gewünscht, dass diese Lücke beim Bauen einfach mit zugemacht worden wäre, aber man hatte sich wohl für das Mehrfamilienhaus doch noch eine gewisse Luftigkeit in der Bauweise gewünscht und darauf verzichtet. Jetzt lenkte sie die Hektik von ihrem Buch ab. Anstatt zu lesen beschwor sie den Efeu, er möge in Windeseile das Gitter komplett begrünen, das sie an ihrer Seite des Balkons angebracht hatte, und das künftig als Sichtschutz dienen sollte. Sie schnippte mit dem Finger – aber nichts passierte. Das wäre ja auch zu schön gewesen.

War es denn wirklich zu verwegen, dass sie es sich bei den warmen Temperaturen in ihrem Sportbadeanzug auf dem Balkon gemütlich machte? Ein wenig Sonne tankte, um ihren Vitamin-D-Spiegel zu pushen und dabei ganz in Ruhe ein Buch zu lesen, nur unterbrochen vom gelegentlichen Blätterrauschen der nahegelegenen Bäume und vom Singen der Vögel? So war zumindest der Plan, den der hektische Nachbar nun auf seine Art vereitelte und von dem sie außerdem hörte, wie er aufgeregt einem weiteren Nachbarn berichtete, dass sie im Badeanzug auf ihrem Balkon saß.

Dabei war ihr Badeanzug nicht mal sexy geschnitten und ihre Figur längst nicht mehr atemberaubend. Es amüsierte sie, dass sie dennoch für Aufregung sorgen konnte. Sicherheitshalber nahm sie jedoch ihr Handy um zu recherchieren, ob sie vielleicht ein öffentliches Ärgernis darstellen konnte. Aber Google verriet, dass grundsätzlich sogar das nackte Sonnenbad im eigenen Garten und auf dem Balkon erlaubt war. Wenn es heiß wurde, durfte man also in der Regel die Hüllen fallen lassen. Ganz eindeutig war die Rechtslage aber nicht, denn Nachbarn müssen das nackte Sonnenbad nicht immer akzeptieren. Also war das Sonnenbad im Badeanzug wohl mehr als okay und besagter Nachbar hatte als einziger in dem Haus die Möglichkeit durch die Lücke einen Blick auf ihren Balkon zu erhaschen. Es bestand also kein Grund eine Picknickdecke anzuziehen. Aber es konnte keinesfalls schaden den Efeu regelmäßig zu gießen und auch das Düngen nicht zu vergessen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Picknickdecke, verwegen, recherchieren.

abc.etüden: Ideenmangelerscheinung

Der Cursor blinkte auf dem hellen Hintergrund ihres Schreibprogramms, aber ihr wollte einfach nichts einfallen, über das sie schreiben konnte. Vermutlich lag das an dem schönen Wetter, das mit seinem lauen Lüftchen und dem strahlenden Sonnenschein eher dazu einlud draußen aktiv zu sein, anstatt in der Wohnung vor dem Monitor zu hocken. Immer wieder schwirrten ihr die für die Extraetüden vorgegebenen Worte durch den Kopf. Wenn sie sich ein wenig beeilte, konnte sie es sich vielleicht gleich, nach getaner Arbeit, noch auf dem Balkon gemütlich machen um die Seele ein wenig baumeln zu lassen. Sie nahm etwas Schwung und brachte es auf ihrem Drehstuhl zu einer kompletten Umdrehung. Jetzt nochmal in die andere Richtung – vielleicht funktionierte es ja rechtsdrehend besser.

Doch als ihr Blickfeld wieder bei dem Bildschirm auskam, blinkte der Cursor immer noch fordernd und wartete auf eine Eingabe. Wenn sich nicht bald etwas tat, würde er verdampfen und sich in Luft auflösen. Angespannt machte sie Fingerübungen auf dem Schreibtisch. Warum flossen einem an manchen Tagen Worte, Sätze und sogar ganze Texte wie nichts aus dem Kopf über die Finger schnurstracks in die Tastatur und an anderen Tagen nichts? Überhaupt nichts! Sie fühlte sich wie in ein Korsett eingezwängt, das ihr kaum Luft zum Atmen geschweige denn für kreativen sprachlichen Ausdruck ließ. So hatte das alles keinen Zweck!

Sie stand auf, nahm ihre Jacke und verließ das Haus. Ein Spaziergang durch die Natur würde sicherlich befreiend wirken. Und manchmal konnte einem mit etwas Glück dabei sogar eine Geschichte widerfahren, über die es sich zu schreiben lohnte.


Bei den abc.etüden (Extraetüden) geht es darum, 5 von 6 vorgegebenen Wörtern in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 500 Wörter umfasst. Dieses Mal: Korsett, rechtsdrehend, dampfen, Baracke, lau, widerfahren.

abc.etüden: Die zweite Natur

Der Wagen fand einen unauffälligen Parkplatz. Hier standen bereits zwei andere Autos. Vereinzelt waren Spaziergänger unterwegs. Und doch war nicht so viel los, dass sie ihr Vorhaben für gescheitert hätten erklären müssen. Sie schlenderten gelöst und nach außen hin völlig entspannt den Waldweg entlang. Immer wieder ließen sie dabei auch ihren Blick zu dem schweifen, was sich an und hinter dem hohen Maschendrahtzaun befand, der sich über die gesamte linke Seite des Waldweges erstreckte und scheinbar kein Ende nehmen wollte. Sie genossen den Spaziergang und waren voller gespannter Vorfreude auf das, was sich ihnen hinter diesem Zaun bieten würde. Nun musste sich nur noch eine Möglichkeit finden, auf dieses Gelände zu gelangen. Irgendwo musste es einen Zugang geben, den andere vor ihnen bereits genutzt hatten und für den sie nichts beschädigen mussten.

Begeistert machte sie Fotos von einigen Bäumen, die in all den Jahren, die man sie nun bereits in Ruhe ließ, mit dem Zaun verwachsen waren, als Jo sie einige Meter weiter leise zu sich rief. Er hatte die Stelle gefunden, an der der Zaun so weit niedergedrückt war, dass sie problemlos drüberklettern konnten. Ihr kleines Abenteuer konnte beginnen. Gleich mit dem Überwinden des Zauns betraten sie eine andere Welt. Der Wind wehte lau und der Wald rauschte für sie anders. Hier konnte einem alles widerfahren, was die Fantasie zuließ. Je weiter sie sich vom Zaun entfernten, umso mehr ließen sie die Zeit hinter sich. Hier gab es Betonwege, die einst von Militärfahrzeugen befahren worden sein mussten und aus deren Anschlussstellen neben Moos inzwischen auch hohe Pflanzen wuchsen. Es gab grüne Baracken und hohe Hügel, denen Betonhauben aufgesetzt waren und zu denen bemooste Treppen führten. Daneben befanden sich eigenartige verrostete Messwerkzeuge. Beschriftungen zeugten davon, dass hier einst Diesel und Kerosin ein großes Thema gewesen sein mussten. Lange bevor die britischen Streitkräfte abgerückt waren und dieses rund einen Quadratkilometer große Areal sich selbst überlassen hatten. So etwas bekam man als Normalsterblicher kaum zu sehen. Es sei denn, man überwand unerlaubter Weise eine vorhandene Lücke im Zaun um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, was militärischen Anlagen widerfahren konnte, wenn man der Natur wieder das Ruder überließ.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Baracke, lau, widerfahren.

abc.etüden: Sollbruchschnittstelle

Die Wunde war gut verheilt und die Funktionstests waren positiv verlaufen. Wenn man es nicht wusste, konnte man den an der rechten Schläfe gleich unter der Haut liegenden Kontakt nicht mal erkennen, geschweige denn hätte man vermutet, was sich dort verbarg. Und das war auch gut so. Sie hatte nicht die Nerven für Diskussionen, die sich damit befassten, ob mit Brainhacking die Grenze zum Ich überschritten wurde und man damit seine Individualität oder sogar die Freiheit aufgab.

Sie führte den flachen Stecker ganz nah an ihre rechte Schläfe, wo ein leichter Magnetismus dafür sorgte, dass er sein Ziel fand und die nötige Verbindung herstellte. Eine sehr sachte kurze Vibration wurde spürbar. Das Signal dafür, dass die Verbindung zu ihrem Smartphone hergestellt wurde, wo jetzt auch die App aufploppte, in der sie zwischen den unterschiedlichen Programmen wählen konnte.

Heute würde sie mit dem rechtsdrehenden Denk-Korsett starten, das maßgeschneiderte Impulse an ihre Gehirnzellen senden würde um dort Fehlstellungen zu finden, auf dem Monitor sichtbar zu machen und schließlich zu korrigieren. Das linksdrehende wäre dann beim nächsten Mal dran und schließlich wäre nur noch das beidseitig drehende für die dauerhafte Nutzung vorgesehen. Schädliche alte Denkmuster würden so nach und nach ausfindig gemacht und einfach durch hilfreiche neue ersetzt. Auch Erinnerungstrümmer der Vergangenheit konnten problemlos durch schöne Erinnerungen ersetzt werden. So versprach zumindest der Werbeflyer, der sich schon kurz nachdem sie den Start-Button betätigt hatte verflüssigte und zu dampfen begann, bevor er sich in Luft auflöste.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Korsett, rechtsdrehend, dampfen.

abc.etüden: Tryptophantasie

Manchmal waren es Kleinigkeiten, die bei ihr Assoziationen auslösten, welche sie aus der Ruhe bringen konnten. Sie war beinahe froh, wenn sie sich dies im nachhinein so erklären konnte, denn das machte alles für sie ein wenig nachvollziehbarer. Aber oft ließ sich das alles nicht so einfach trennen und sie fühlte sich ihren Gefühlen ausgeliefert.

Gerade erst war wie aus dem Nichts bedrohlich der Satz „An manchen Tagen weiß ich nicht wieviel Zeit mir noch bleibt.“ aufgetaucht und hallte in ihr nach, bis er sie ganz ausfüllte, immer intensiver wurde und sich schließlich zu einem bedrückenden schweren Stressklumpen in ihrer Magengegend manifestierte. Sie wusste, dass sie dem Gedanken an die bewusst herbeigeführte Endlichkeit des Lebens keine Energie schenken durfte, weil ihn das mächtig machen und möglicherweise in Bahnen lenken konnte, die ihr mehr als nur die Lebensenergie rauben konnten.

Vielmehr galt es abzuwarten, wann es in ihrem Kopf leise und zunächst kaum wahrnehmbar wieder Raum für Anderes gab. Sie hatte gelernt diesen Zeitpunkt zu erkennen und die Denklücke zu nutzen, anstatt sich dem Gefühl zu überlassen, das sie scheinbar willkürlich überkam und dafür sorgte, dass ein sorgloser glücklicher Tag ins genaue Gegenteil kippen konnte.

Fast schon mechanisch stellte sie die Pfanne auf den Herd um sich ihr heißgeliebtes Spiegelei zu braten. Ein wenig Tryptophan um die Serotoninproduktion zu unterstützen konnte jetzt sicherlich nicht schaden. Gleich danach würde sie zwar nicht durch die Wohnung tanzen, aber sie konnte es versuchen und mit etwas Glück würde sie sich dabei auch an die Dinge erinnern, die ihrem Leben Farbe gaben und sie feiern.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Pfanne, glücklich, trennen.

abc.etüden: Aprilgedanken 2021

Es war noch zu früh für den Sonnenhut. So oder so. Jetzt im April sah man der Staude noch nicht an, dass sie sich rüstete um Anlauf zu nehmen und irgendwann zwischen Juli und Oktober verschwenderisch zu blühen. Und um einen Sonnenschutz für seinen Kopf brauchte man sich gerade auch nicht zu kümmern. Nachdenklich zupfte sie ein wenig unerwünschtes Grünzeug weg, das sich um die Pflanze herum breitgemacht hatte. Nicht gerade eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, aber ihr tat die Bewegung an der frischen Luft gut.

Gut bekam es ihr auch, wenn es ihr gelang, den Augenblick von Zeit zu befreien. Unbeschwert sie selbst zu sein und sich durch das Ausüben geliebter Tätigkeiten völlig im Hier und Jetzt aufzulösen. Doch das war in den vergangenen Monaten immer schwieriger geworden. Sie fühlte sich gefangen in einer Warteschleife. Immer galt es die nächste Meldung abzuwarten, die schon Einfluss auf den folgenden Tag haben konnte und in der Entscheidungen der Machthaber mitgeteilt wurden, die schon innerhalb weniger Stunden wieder als haltlos entkräftigt werden konnten. Oder sie war wie paralysiert, weil der Stoff, der doch eigentlich Leben retten sollte, plötzlich selbst begann zu töten.

Hier hatten andere die Fäden für ihr Leben in der Hand und spielten das Lied vom Tod nicht unbedingt gekonnt. Wie schön wäre es, wenn sie einfach ihre Hände an die Schläfen legen und diese Gedanken wegmassieren könnte. Einfach mal darauf vertrauen, dass schon alles gut werden würde. Sich mit exzessivem Sport betäuben und in Bücherwelten flüchten. Oder vielleicht ins nächste Gartencenter, um ein wenig farbenfrohe Lebendigkeit für Zuhause nachzuladen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Sonnenhut, haltlos, massieren.

erLESENer März 2021

Im Lesemonat März lernte ich die norwegische Wanderlust kennen, ließ mich durch Wunderbares verzaubern, nahm eine Einladung zum Schreiben an, dachte über Lebensweisheiten nach und lernte einen homosexuellen und unter Schizophrenie leidenden Schriftsteller kennen.

Bücherwelten – jenseits und diesseits von Fantasie und Wirklichkeit.

Frei. Luft. Hölle. von Are Kalvø: Ein amüsanter Ausflug des Comedian nicht nur ins norwegische Outdoor-Leben. Stimmungsaufhellend und trotzdem Wanderlustfördernd.

Du kannst Wunder vollbringen von Jan Becker: Ein überraschend bodenständiger, empathischer und wissbegieriger Autor, der den gesunden Menschenverstand zu nutzen weiß und neben wissenschaftlichen Betrachtungsweisen, aber auch dem (noch) Unerklärbaren Raum gibt. Dass dennoch mit ein wenig Hokuspokus gewürzt wird, muss man vertragen können.

Einladung zum Schreiben von Doris Dörrie: Ein hübsches Notizbuch mit ansprechenden Schreibinspirationen in der Art, wie man sie bereits aus ihrem Buch „Leben, schreiben, atmen“ kennt. Ein tolles Arbeitsbuch zum Weiterschreiben.

Eine leise Ahnung von etwas Neuem vom Markus Mirwald: Der vierte Band mit Aphorismen aus seiner Reihe „Wesentliches in wenigen Worten“. Trifft genau meinen Nerv.

Die Germanistin von Patricia Duncker: Ein Roman rund um einen französischen Romancier und politischen Quergeist, der sich als homosexueller und unter Schizophrenie leidender Schriftsteller herausstellt, der Verbindungen zu Michel Foucault hat. Auf seine Art ein besonderes Buch, aber vermutlich doch eher etwas für Kenner der Philosophie Foucaults.

abc.etüden: Ein besonderes Geschenk

Erschrocken schlug sie die Augen auf und rappelte sich mühsam auf. Sie hörte ein kurzes Fiepsen. Dann knirschte und schmatzte etwas. Was war das nur? Sie schwang sich aus dem Bett und schlüpfte in ihre Hausschuhe. Die Geräusche kamen eindeutig aus dem Wohnzimmer. Vorsichtig schlich sie dorthin und hielt im Türrahmen erschrocken inne. Im Halbdunkel sah sie nur noch letzte Dackelfalten in dem weit geöffneten Schlund der Venusfliegenfalle verschwinden, die sie erst gestern zu ihrem Geburtstag geschenkt bekommen hatte.

Die Pflanze musste über Nacht einen enormen Wachstumsschub bekommen haben und füllte nun fast das ganze Zimmer aus. Sanft wogen ihre Blätter hin und her, während einige ihrer wie Fangeisen ausgelegten Fallen wütend um sich schnappten. Immer wieder forderten sie abwechselnd „Füttere mich!“ und blickten sie dabei grimmig an. Die Luft war erfüllt von dem fruchtigen Duft der Blüten, den nun auch ein Geruch nach Blut durchsetzte. Jetzt rülpste die Pflanze auch noch und gab dabei einen Blick auf ihren Rachen frei, in dem noch ein Dackelbeinchen zu sehen war.

Entsetzt schlug sie die Hände vors Gesicht und schrie.

Und schrie immer noch, als sie schweißgebadet von ihrem eigenen Schrei erwachte. Jetzt hörte sie ein Scheppern. Dann klirrte etwas. Was war das nur? Immer noch von ihrem Traum gefangen, schwang sich aus dem Bett und schlüpfte in ihre Hausschuhe. Die Geräusche kamen eindeutig aus dem Wohnzimmer. Vorsichtig schlich sie dorthin und hielt im Türrahmen erschrocken inne. Im Halbdunkel sah sie nur noch ihre erschreckte Katze um die Ecke flitzen. Die Venusfliegenfalle war entgegen der von ihr geträumten klein geblieben, hatte aber den Kampf gegen ihre Katze verloren, die sie vermutlich in spielerischem Übermut versehentlich von der Fensterbank gestürzt hatte.

Dem Pflänzchen würde sie morgen einen neuen Topf gönnen müssen – und unbedingt einen neuen Namen. Vielleicht Mechthild oder Mathilde, anstatt Audrey, die Zweite.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Dackelfalten, fruchtig, scheppern.

Einladung zum Schreiben – Doris Dörrie

Eine Einladung zum Schreiben kann ich kaum ausschlagen, erst recht nicht, wenn sie von Doris Dörrie stammt. Doris Dörrie studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Sie lebt in München, unterrichtet dort an der Filmhochschule „creative writing“ und gibt Schreibworkshops. Bereits 2019 lud sie mit „Leben, schreiben, atmen“ auf inspirierende Weise dazu ein, den Schreibmuskel durch autobiografisches Schreiben zu trainieren.

Gerne bin ich damals ihrer Einladung gefolgt und habe seitdem immer mal wieder zu Themen dieses Buches im privaten Rahmen geschrieben. Es sind kleine Zeitreisen zurück in die Vergangenheit, die mal schön und herzerwärmend sein können, manchmal aber auch ein wenig melancholisch sind, vielleicht auch traurig machen, weil eben nicht immer alles in der eigenen Biografie rosig war. So mancher Rückblick hat jedoch etwas Unterhaltsames und manchmal sogar etwas Erhellendes, weil sich mit zeitlichem Abstand eine andere Sicht auf die Dinge ergeben kann oder man inzwischen auch vieles dazu oder anderes kennengelernt hat. So ist Doris Dörries Einladung zum Schreiben für mich weit über das kreative Schreiben hinaus zu etwas geworden, was ich zu wertschätzen weiß und als bereichernd empfinde. Weitere Schreibanregungen lieferte mir später ihr Buch „Die Welt auf dem Teller“ und auch auf ihrem Instagram-Account finden sich viele Impulse um über Dies und Das schreibend zu sinnieren. Tatsächlich kann ich davon nicht genug bekommen und war umso gespannter, als ich nun ihr gerade erst erschienenes Arbeitsbuch „Einladung zum Schreiben“ in Händen hielt.

Ein hübsches kleines Büchlein, das einen hochwertigen ersten Eindruck hinterlässt, denn der halbe Schutzumschlag gewährt gleich einen Blick auf den roten Leineneinband und auch das dunkelblaue Lesebändchen bleibt nicht lange unbemerkt. Ein Inhaltsverzeichnis bietet einen Überblick über die 50 Stichworte, die die Autorin dem Leser an die Hand gibt. Beim ersten Überfliegen fallen mir banale Begriffe auf, die auf eher unverfängliche Weise vielleicht sogar humorvolle Erinnerungen herauskitzeln können, aber auch einige ernstere sind dabei – insgesamt eine interessante Mischung.

In einem kurzen Vorwort erläutert Doris Dörrie unter anderem, noch einmal die Regeln, um die es geht: „Zehn Minuten am Stück schreiben. Ohne Unterbrechung. Mit der Hand. Nicht nachdenken. Nicht kontrollieren. Nicht bewerten. Blödsinn zulassen. Es geht darum, aufmerksam und vorurteilsfrei dem eigenen Gehirn zuzuschauen und zuzuhören und das, was dort wild aufflackert, aufzuschreiben.“

Und dann geht es auch schon mit den Schreibinspirationen los. Jedem Stichwort folgt in wenigen Sätzen eine Erläuterung und dann ist auf drei linierten Seiten Platz vorgegeben, damit der Leser sein Schreiben ausleben kann. Ich verliebe mich gleich in dieses besondere Notizbuch und fühle mich von den kurzen Beschreibungen sofort angesprochen. So habe ich sie bereits als Arbeitsanweisungen in „Leben, schreiben, atmen“ kennengelernt, das man jedoch nicht unbedingt kennen muss, um an diesem Journal seine Freude zu haben. Aber ich habe es halt gelesen und fühle mich gleich zu Hause, auch wenn ich noch unschlüssig bin, ob ich mich kreuz und quer durch dieses Journal arbeiten werde oder hintereinanderweg zu den Stichworten schreibe.

Beim Durchblättern stoße ich schließlich auch auf das Nachwort und lese es ausnahmsweise gleich nach dem Vorwort. Es ist ein schönes Plädoyer dafür, das Schreiben als Geschenk anzunehmen, ihm auf den tiefen Grund zu gehen und dranzubleiben. Jeden Tag nur zehn Minuten zu schreiben um den Schreibmuskel zu trainieren. „Weiterschreiben. Weitermachen. Niemand auf der ganzen Welt kann so über dich und dein Leben schreiben wie du selbst.“ Eine Aufforderung, die ich gerne annehme. Und ein Buch, das ich gerne an liebe Menschen weiterverschenken werde, von denen ich mir vorstellen könnte, dass ihnen ein wenig Schreibzeit mit Momentaufnahmen der eigenen Vergangenheit Freude machen könnte.

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Doris Dörrie
Einladung zum Schreiben
Gebundene Ausgabe, 224 Seiten
ISBN: 978-3257071108
Preis: 16,00 € [D]
Verlag: Diogenes
Erschienen: 24.03.2021

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.