Frisch auf dem Buchmarkt: April 2022

Es fühlt sich eigenartig an, so wenig zu lesen und sich doch auf dem Buchmarkt danach umzuschauen, was es Neues gibt. Denn so wenig wie in diesem Jahr habe ich lange nicht mehr gelesen.

Dabei genieße ich die Zeiten, in denen ich derzeit zum „Distelfink“ von Donna Tartt greife und mir das Buch beim selbst lesen auch noch gleichzeitig vorlesen lasse, weil ich es auch als Hörbuch besitze. Das ist für mich gerade ein ganz besonderer Luxus, den ich dann auch sehr genieße, weil ich den Erzählton dieser großartigen Autorin sehr schätze und das Hörbuch auch noch gut vertont wurde.

Aber das kommt halt nicht mehr täglich, sondern vielleicht ein bis zwei Mal in der Woche bei mir vor. Dementsprechend habe ich hier auf meinem Bücherblog gerade nicht allzu viel zu berichten. Selbst die Fotografie steckt in diesem Jahr zurück, denn stattdessen hat mich – wie alle Jahre mal wieder – die Freude am Stricken gepackt. Wer mag, kann sich die Ergebnisse bei Instagram anschauen (Maschenspielerei), denn dies ist vorrangig ein Bücherblog und das soll auch so bleiben.

Und genau deshalb kommen wir nun endlich zu den Neuerscheinungen, die ich im April 2022 interessant finde und von denen ich ja vielleicht doch das ein oder andere lesen werde:

07.04.2022: Hamster im hinteren Stromgebiet (Alle Toten fliegen hoch Band 5) von Joachim Meyerhoff (jetzt als TB): Der inzwischen fünfzigjährige Erzähler Joachim Meyerhoff gerät in ein Drama unerwarteter Art. Er wird als Notfall auf eine Intensivstation eingeliefert. Er, der sich immer durch körperliche Verausgabung zum Glühen brachte, liegt jählings an Apparaturen angeschlossen in einem Krankenhausbett in der Wiener Peripherie. Doch so existenziell die Situation auch sein mag, sie ist zugleich auch voller absurder Begebenheiten und Begegnungen. Der Krankenhausaufenthalt wird zu einer Zeit voller Geschichten und zu einer Zeit mit den Menschen, die dem Erzähler am nächsten stehen. Er begegnet außerdem so bedauernswerten wie gewöhnungsbedürftigen Mitpatienten, einer beeindruckenden Neurologin und sogar wilden Hamstern. Als er das Krankenhaus wieder verlassen kann, ist nichts mehr, wie es einmal war.

11.04.2022: Tage in Rebibbia: Gefängnistagebuch von Goliarda Sapienza: Das ebenso offene wie bewegende Gefängnistagebuch einer mutigen Frau, die keine Kompromisse eingehen wollte und ihren Träumen gefolgt ist. Um ihren Jahrhundertroman „Die Kunst der Freude“ zu schreiben, gibt Goliarda Sapienza alles auf: Ihre Karriere als Schauspielerin in Film und Theater und alle anderen Schreibaufträge. Vollkommen verarmt, begeht sie einen Diebstahl, um zu überleben und weiterschreiben zu können. Sie wird verurteilt und kommt in ein römisches Frauengefängnis: Rebbibbia, das ihr zur Schule des Lebens wird.

18.04.2022: Mehr Platz im Gehirn: Entspannt mit der Informationsflut und dem modernen Leben umgehen von Dr. Boris Nikolai Konrad: Unser Gehirn ist ziemlich bemerkenswert. Andauernd wird es mit den Hochleistungscomputern dieser Welt verglichen – und gewinnt! Wie kommt es dann, dass wir trotzdem das Gefühl haben, ständig Dinge zu vergessen, Terminen hinterherzurennen und einen heillos überfüllten Kopf zu haben? Boris Nikolai Konrad hilft uns, die Kontrolle über unser Gehirn zurückzugewinnen. Der Neurowissenschaftler erklärt uns Erstaunliches und Verblüffendes über die Funktionsweise unseres Gehirns und zeigt uns außerdem, wie wir es noch besser für uns nutzen können. So lernen wir, ganz ohne Yoga Entspannung zu finden, uns jeden Namen ganz einfach zu merken – und endlich das Chaos im Kopf zu beseitigen.

18.04.2022: Beinahe Alaska von Arezu Weitholz (jetzt als TB): Eine Fotografin, 45, kein Partner, keine Kinder, keine Eltern mehr, geht auf eine Kreuzfahrt von Grönland nach Alaska. Sie ist froh, dass ihr Beruf es ihr erlaubt, immer nach vorn zu sehen. Sie weiß, in der Leere der Arktis kann alles entstehen – und nichts. Natürlich melden sich unterwegs die nicht zu Ende gedachten Gedanken und offenen Fragen. Und es gibt an Bord kein Entkommen vor schrägen und nicht immer angenehmen Mitreisenden. Als das Schiff vor der vereisten Bellotstraße kehrtmachen muss, mit neuem Kurs auf Neufundland, begreift sie nach und nach, dass der Trick manchmal gerade im Beinahe-Ankommen besteht, auf Reisen wie im Leben.

26.04.2022: Das erwachte Gehirn: Warum Spiritualität in uns allen angelegt ist von Lisa Miller: Jeder von uns verfügt über die Ressourcen, um tiefen inneren Frieden zu empfinden, sich verbunden zu fühlen und ein sinnerfülltes Leben führen. Denn Spiritualität ist von Geburt an im Gehirn angelegt. Diese bahnbrechende Erkenntnis verdanken wir Lisa Miller, Neurowissenschaftlerin, Psychologin und Professorin an der Columbia University: Erstmals konnte sie wissenschaftlich nachweisen, in welchem Gehirn-Areal die Gefühle von Einssein und Erwachen lokalisiert sind und auf welche faszinierende Weise Gene und Neurotransmitter hierbei zusammenspielen. Ganz praktisch zeigt sie, wie sich dieses Areal aktivieren lässt, um unser ureigenes spirituelles Potenzial voll auszuschöpfen – für Resilienz, Zuversicht und Freude.

27.04.2022: Väter: Geschichten über den wichtigsten Mann der Welt von Martha Schoknecht und Shelagh Armit (Herausgeber): Manchmal haben sie keine Ahnung, dann wieder helfen sie aus den misslichsten Lagen. Sie bringen uns etwas fürs Leben bei oder den herrlichsten Unfug: Väter. Sie sind die besten und die schwierigsten, die meistverehrten oder -verfluchten Männer der Welt, wie die Texte von Dilek Güngör, Charles Lewinsky, Lucy Fricke, Benedict Wells und vielen anderen zeigen. Mit exklusiven Geschichten von Anja Nora Schulthess und Jan Brandt.

27.04.2022: Papyrus: Die Geschichte der Welt in Büchern von Irene Vallejo: Das Buch ist eine der schönsten Erfindungen der Menschheit. Bücher lassen Worte durch Zeit und Raum reisen und sorgen dafür, dass Ideen und Geschichten Generationen überdauern. Irene Vallejo nimmt uns mit auf eine abenteuerliche Reise durch die faszinierende Geschichte des Buches, von den Anfängen der Bibliothek von Alexandria bis zum Untergang des Römischen Reiches. Dabei treffen wir auf rebellische Nonnen, gewiefte Buchhändler, unermüdliche Geschichtenerzählerinnen und andere Menschen, die sich der Welt der Bücher verschrieben haben.

Gesichter – Tove Ditlevsen

Als ich im vergangenen Monat entdeckte, dass von Tove Ditlevsen ein neues Buch in deutsch übersetzt von Ursel Allenstein erscheinen würde, stand für mich gleich fest, dass ich es lesen werde. Ich war von der Kopenhagen-Trilogie im letzten Jahr so begeistert, dass ich nicht einmal wissen musste, worum es in ihrem neuen Buch eigentlich geht. Vermutlich hätte ich dennoch dazu gegriffen, auch wenn ich gewusst hätte, welches Thema mich erwartet. Denn inzwischen halte ich mich für psychisch so weit gefestigt, dass mich Dämonen aus meiner Vergangenheit nicht gefühlsmäßig überrollen, wenn sie mir in Büchern begegnen. Tatsächlich hatte ich jedoch an diesem Buch ziemlich zu knabbern, weil ich mich an eigene psychotische Erlebnisse erinnert fühlte.

Das liegt nicht so sehr an der Geschichte, die Tove Ditlevsen über ihre Protagonistin Lise Mundus autofiktional erzählt, sondern vielmehr an der Intensität, mit der sie dies tut. Auch wenn mir die inflationär verwendeten Vergleiche und die Bildhaftigkeit ihrer Sprache unangenehm auffielen, so führten diese jedoch genau dazu, dass ich mir lebhaft vorstellen konnte, was in Lise Mundus vorgeht und in welche Verwirrung sie ihre Wahrnehmungen stürzen. Man erlebt beim Lesen hautnah die Psychose der Protagonistin mit, die sie so sehr mitreißt, dass sie nicht mehr Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden weiß und in ihrer ganz eigenen Realität lebt.

Um sich aus ihrem vermeintlich bedrohlichem Zuhause, in dem Mann und Haushälterin sie betrügen und ihr nach dem Leben trachten, zu befreien, täuscht sie ihren Suizid vor und nimmt eine beachtliche Menge Schlaftabletten zu sich, an denen sie fast stirbt. Schließlich landet sie im Jahr 1968 in der Psychiatrie. Als aggressive Patientin, die Essen und trinken verweigert, weil sie fürchtet vergiftet zu werden, wird Lise Mundus fixiert, sie halluziniert und hört Stimmen in Wasserrohren, Heizkörpern und sogar in ihrem Kopfkissen. Ein Zustand, den man beim Lesen nachfühlt und kaum ertragen kann. Aber man erfährt auch, wie sich ihre Lage allmählich bessert und sie zu unterscheiden lernt, was ihr der Wahn beschert und was vielleicht doch real ist.

Man muss nicht die Kopenhagen-Trilogie gelesen haben, um mit diesem Buch etwas anfangen zu können. Wenn man die Bücher jedoch kennt, nimmt man „Gesichter“ als ein Buch wahr, das sich mit den stark autofiktionalen Anteilen in die Geschichte von Tove Ditlevsen einfügt und dem Gesamtbild eine Komponente hinzufügt. Keine leichte Kost und in seiner Wahnhaftigkeit doch erschreckend realitätsnah in der Darstellung einer Psychose.

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Tove Ditlevsen
Gesichter
Aus dem dänischen von Ursel Allenstein
Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
ISBN: 978-3351039387
Preis: 20,00 € [D]
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 14.02.2022

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.

Frisch auf dem Buchmarkt: März 2022

Nach meinem Bummel durch die Verlagsvorschauen bestärkt sich mein Gefühl: Ich muss dringend wieder mehr lesen. Ich möchte dringend wieder mehr lesen. Es gibt so viele wundervolle und manchmal auch wundersame Geschichten, die noch entdeckt werden wollen…

Mein Interesse wecken konnte in diesem Monat eine erfolgreiche YouTuberin, deren Tochter verschwindet; zwei Menschen, die per Anhalter zwei Jahre durch Indien reisen; Kurt Krömers Umgang mit der Depression; einen schweigsamen Einzelgänger der unter anderem nach Zypern mit seinem Faltboot paddelt; die Klinik für die Vergangenheit, die Alzheimer-Kranken eine inspirierende Behandlung anbietet; eine 15jährige, die ihren Selbstmordversuch bei TikTok ankündigt; Barbara Vorsamers Umgang mit der Depression; eine Mutter von drei Kindern, die beim Abendessen aufsteht, zum Balkon geht und sich ohne ein Wort in den Tod stürzt; eine ebenso lebendige wie persönliche Walfahrt einmal rund um die Welt und die Geschichte einer Ratte, die die Welt der Bücher für sich entdeckt.

Aber schaut selbst, vielleicht ist ja auch etwas für euch dabei:

07.03.2022: Die Kinder sind Könige von Delphine de Vigan: Mélanie war als junges Mädchen ein großer Fan von Formaten wie ›Big Brother‹. Sie hatte stets davon geträumt, gesehen und berühmt zu werden. Jahre später, als Mutter zweier Kinder, ist es ihr gelungen: Sie ist eine erfolgreiche YouTuberin mit Tausenden von Followern. Objekt ihrer Videos und Posts sind ihre Kinder, die auf Schritt und Tritt gefilmt werden. Seit Kurzem kommt ihre kleine Tochter dem Filmen jedoch immer unwilliger nach. Mélanie tut das als eine Laune ab. Denn wie könnte man die unendliche Liebe, die ihnen aus dem Netz entgegenkommt, als Last empfinden? Kurz darauf verschwindet Kimmy nach einem Versteckspiel spurlos. Wie, fragt sich die ermittelnde Polizeibeamtin Clara, soll man einen Verdächtigen ausmachen bei einem Kind, das Tausende Menschen kennen und mehrfach täglich sehen? Schnell begreift sie, dass ihre Methoden der Ermittlung in der virtuellen Welt vollkommen nutzlos sind.

10.03.2022: Götter, Gurus und Gewürze: Zwei Jahre per Anhalter durch Indien von Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma: 24 Monate, 21.206 Kilometer, 269 Mitfahrgelegenheiten – fasziniert lassen sich Rochssare und Morten auf das Abenteuer Indien ein. Sie besuchen boomende Metropolen und abgelegene Dörfer im Himalaja, heilige Stätten und rauschende Feste. Per Anhalter reisen sie im engen Kontakt mit den Einheimischen. Und mit jeder Tasse Chai tauchen sie tiefer ein in die Kulturen, Legenden und Traditionen Indiens. Dabei erleben sie zahlreiche Gegensätze. Armut und Reichtum, Gastfreundschaft und Überlebenskampf, Aberglaube und Modernität reichen sich in Indien die Hand. Rochssare und Morten erzählen von skurrilen Begegnungen am Straßenrand; dem verwirrenden Chaos von Neu-Delhi, Mumbai und Kalkutta; den unterschiedlichen Lebenswelten von Hindus, Sikhs und Moslems. Zwischen jahrtausendealter Geschichte und verblüffender Gegenwart entfaltet sich eine fesselnde Reise durch ein überwältigendes Land.

10.03.2022: Du darfst nicht alles glauben, was du denkst: Meine Depression von Kurt Krömer: Alexander Bojcan ist 47 Jahre alt, trockener Alkoholiker, alleinerziehender Vater und er war jahrelang depressiv. Auf der Bühne und im Fernsehen spielt er Kurt Krömer. Er will sich nicht länger verstecken. »Du darfst nicht alles glauben, was Du denkst« ist der schonungslos offene und gleichzeitig lustige Lebensbericht eines Künstlers, von dem die Öffentlichkeit bisher nicht viel Privates wusste. Alexander Bojcan bricht ein Tabu und das tut er nicht um des Tabubrechens willen, sondern um Menschen zu helfen, die unter Depressionen leiden oder eine ähnliche jahrelange Ärzteodyssee hinter sich haben wie er selbst. Dieses Buch wirbt für einen offenen Umgang mit psychischen Krankheiten und ist gleichzeitig kein Leidensbericht, sondern eine komische und extrem liebenswerte Liebeserklärung an das Leben und die Kunst. Ein großes, ein großartiges Buch. »Und ab dafür«, würde Kurt Krömer sagen.

14.03.2022: Der Flussregenpfeifer von Tobias Friedrich: Ulm, im Mai 1932: Mit nicht viel mehr als etwas Proviant und dem kühnen Plan, nach Zypern zu paddeln, lässt Oskar Speck sein Faltboot zu Wasser. In sechs Monaten will er zurück sein. Aber alles kommt anders. Gepackt von sportlichem Ehrgeiz, begleitet von Jazzmusik und Mark Twains weisem Witz, gejagt von den Nationalsozialisten, die aus dem Faltbootfahrer einen deutschen Helden machen wollen, fährt der schweigsame Einzelgänger von Zypern aus immer weiter in die Welt. Ohne Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Gili, die sich, wie er, den Widrigkeiten der Zeit entgegenstellen muss. Doch das Schicksal gibt Oskar eine letzte Chance. »Der Flussregenpfeifer«, Tobias Friedrichs literarisches Debüt, basiert auf der unglaublichen, aber wahren Geschichte des Hamburgers Oskar Speck, der über sieben Jahre lang mit seinem Faltboot 50.000 Kilometer zurücklegte. So erstaunlich wie dessen Reise ist auch dieser humorvolle, dramatisch wie rasant erzählte Roman um wahre Freundschaft und Freiheitsliebe, starke Frauen und den Zufall als Wegweiser des Lebens.

14.03.2022: Zeitzuflucht von Georgi Gospodinov: In Georgi Gospodinovs Roman trifft der Erzähler auf Gaustine, einen Flaneur, der durch die Zeit reist. Er liest alte Nachrichten, trägt Vintage-Kleider und erforscht die verschlungenen Pfade des 20. Jahrhunderts. In Zürich eröffnet Gaustine eine  »Klinik für die Vergangenheit«, eine Einrichtung, die Alzheimer-Kranken eine inspirierende Behandlung anbietet: Jedes Stockwerk ist einem bestimmten Jahrzehnt nachempfunden. Patienten können dort Trost finden in ihren verblassenden Erinnerungen. Aber auf einmal interessieren sich auch immer mehr gesunde Menschen dafür, in die Klinik aufgenommen zu werden, in der Hoffnung, den Schrecken der Gegenwart zu entkommen. Schließlich kommt es zu einem Referendum der europäischen Staaten, die gemeinsam darüber entscheiden, in welches Jahr des 20. Jahrhunderts sie zurückkehren wollen… Ein glänzender, politischer Roman, durchzogen von dunklem Witz, der uns eine neue Art eröffnet, unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenzudenken.

14.03.2022: Tick Tack von Julia von Lucadou: Bevor sie sich auf die U-Bahngleise legt, kündigt Mette, 15, in TikTok-Videos ihr Vorhaben an. Niemand reagiert – gerettet wird sie trotzdem. Der Selbstmordversuch verwirrt ihr privilegiertes Umfeld: Bislang hat sie professionell die Leistung des hochbegabten Kindes abgeliefert – Mettes Strategie, um unter dem Radar einer Welt zu bleiben, deren Verlogenheit sie frustriert. Dann lernt sie Jo kennen, zehn Jahre älter, brillant und voller Wut, ein Verbündeter. Als Anti-Influencer hat er sich ein Following aufgebaut und rekrutiert Mette für den Kampf gegen den Mainstream. Ein Spiel beginnt, dessen Regeln sie nicht durchschaut. Mit gleißender Klarheit und schneidendem Witz zeigt Julia von Lucadou einen Ausschnitt unserer Gegenwart, in der die digitale und reale Wirklichkeit sich komplett durchdringen.

16.03.2022: Mein schmerzhaft schönes Trotzdem: Leben mit der Depression von Barbara Vorsamer: Barbara Vorsamer weiß, wie es sich anfühlt, wenn morgens ein Elefant mitten auf ihrer Brust sitzt. Dann reicht ihre Kraft nicht einmal, um sich im Bett umzudrehen. Dann nimmt das Gefühl der Wertlosigkeit überhand und irgendwann bleibt als Ausweg nur noch die Einweisung in die geschlossene Psychiatrie. Es war ein schmerzhafter Prozess, es brauchte Therapien und Klinikaufenthalte, bis Barbara Vorsamer lernte, Gefühle nicht länger zu unterdrücken, sondern sie in ihrer Ambiguität zuzulassen. Intensiv, berührend schreibt Vorsamer über das Versinken in tiefdunkler Depression, über Schmerzen und Trauer. Es sind persönliche Fragen, die weit über das Private hinausweisen. Denn wir müssen auch als Gesellschaft mal darüber reden, wie es uns geht.

22.03.2022: Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl: Helene, Mutter von drei Kindern, steht beim Abendessen auf, geht zum Balkon und stürzt sich ohne ein Wort in den Tod. Die Familie ist im Schockzustand. Plötzlich fehlt ihnen alles, was sie bisher zusammengehalten hat: Liebe, Fürsorge, Sicherheit. Helenes beste Freundin Sarah, die ­Helene ­ihrer Familie wegen zugleich beneidet und bemitleidet hat, wird in den Strudel der ­Trauer und des Chaos gezogen. Lola, die ­älteste Tochter von Helene, sucht nach einer ­Möglichkeit, mit ihren Emotionen fertigzuwerden, und konzentriert sich auf das Gefühl, das am stärksten ist: Wut. Drei Frauen: Die eine entzieht sich dem, was das Leben einer Mutter zumutet. Die anderen beiden, die Tochter und die beste Freundin, müssen Wege finden, diese Lücke zu schließen. Ihre Schicksale verweben sich in diesem bewegenden und kämpferischen Roman darüber, was es heißt, in unserer Gesellschaft Frau zu sein.

31.03.2022: Walfahrt: Über den Wal, die Welt und das Staunen von Oliver Dirr: In seinem Buch unternimmt Oliver Dirr eine ebenso lebendige wie persönliche Walfahrt einmal rund um die Welt. Dabei geht es um mehr als die bloße Entwicklung vom Stubenhocker zum Walforscher – Walfahrt ist eine begeisterte und begeisternde Einladung, die menschliche Existenz mal ein bisschen aus dem Zentrum der Weltwahrnehmung zu rücken und sich stattdessen voller Staunen auf die kleinen und großen Wunder der Meere einzulassen.

31.03.2022: Firmin – Ein Rattenleben von Sam Savage: Boston in den 60er Jahren. Im schäbigen Keller der Buchhandlung am Scollay Square wird Rattenjunge Firmin geboren. Er ist der Kleinste im Wurf und kommt immer zu kurz. Als der Hunger eines Tages zu schlimm wird, knabbert er die in den Regalen lagernden Bücher an. Eines nach dem anderen wird gefressen, bis Firmin entdeckt, dass auf dem Papier etwas steht, was ihn sein Elend vergessen lässt: Ob Lolita oder Ford Madox Ford, ob Moby Dick oder Cervantes, die Welt der Menschen verspricht Abenteuer und Liebe, Krieg und Frieden, kurz: alles, was eine Ratte nicht hat. Voller Neugier sucht Firmin die Freundschaft zu Buchhändler Norman. Als dieser einen Giftanschlag auf ihn verübt, muss Firmin einsehen, dass er in den Augen der Menschen wohl doch nichts weiter ist als ein lästiges Tier. Wie so oft im Leben zeigt sich aber gerade in den dunkelsten Stunden ein Licht am Ende des Tunnels.

umgeSCHAUt im Februar 2022

Wie gut, dass es die Mediatheken gibt, die es ermöglichen, dass man sich noch eine ganze Zeitlang die Literatursendungen anschauen kann. Ich selbst mache da gerade eine kleine Pause, aber ich will euch die Links nicht vorenthalten – denn vielleicht ist ja für euch etwas Interessantes dabei. Viel Spaß beim Anschauen!

01.02.2022: Literaturclub: Nicola Steiner, Martin Ebel, Laura de Weck und – als Gast – die chinesisch-schweizerische Schriftstellerin und Autorin Wei Zhang diskutieren über «Vernichten» von Michel Houellebecq, «Serge» von Yasmina Reza, «Dornauszieher» von Hiromi Ito sowie über «Das Ereignis» von Annie Ernaux.

10.02.2022: lesenswert: Lutz Seiler, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, blieb im Herzen immer Lyriker. Nach elf Jahren hat er wieder einen Gedichtband vorgelegt: „schrift für blinde riesen“. Ein Grund für Denis Scheck, ihn in Wilhelmshorst bei Berlin zu besuchen. Lutz Seiler lebt dort im Peter Huchel-Haus, das im Jahr 1997 als Literaturhaus gegründet wurde und dessen Leiter er seither ist. Lutz Seiler erzählt von Peter Huchel, einem der wichtigsten Schriftsteller der Nachkriegszeit, seine Verbundenheit zu ihm, obwohl er ihn nie kennen lernte, die Geschichte des Hauses und den Peter Huchel-Preis.

17.02.2022: Fröhlich lesen: Susanne Fröhlich begrüßt Musiker Sasha, der seine Autobiografie „If You Believe“ vorstellt, und Schriftsteller und Reise-Journalist Helge Timmerberg, der sich in „Lecko mio – Siebzig werden“ mit dem Älterwerden befasst.

27.02.2022: druckfrisch: Der Historienroman von Bestseller-Autor Orhan Pamuk über Menschen in der Epidemie. Und eine Reise durch Deutschland mit den Augen des Schriftstellers Fernando Aramburu. „Druckfrisch“ schaut auf Bekanntes, aber aus neuen Blickwinkeln.

27.02.2022: lesenswert Quartett: Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“ und Literaturkritikerin ist zu Gast im „lesenswert“ Quartett mit Denis Scheck, Insa Wilke und Ijoma Mangold. Ein reger Austausch über vier Bücher, unterhaltsam, kontrovers, respektvoll und mit Niveau – das macht Lust aufs Lesen: „Yoga“ von Emmanuel Carrère, „Die Unzertrennlichen“ von Simone de Beauvoir, Karl-Markus Gauß und sein Journal „Die Jahreszeiten der Ewigkeit“ und „Die ganze Geschichte“ von Aboud Saeed.

Frisch auf dem Buchmarkt: Februar 2022

Für diesen Monat habe ich einige Neuerscheinungen gefunden, die mich gleich neugierig gemacht haben. Es geht um einen herrenlos streunenden Schäferhund, der richtig rumkommt; eine Mutter dreier Kinder, der der Alltag entgleitet; um sechs grundverschiedene Menschen, die zufällig miteinander verwandt sind; sieben Bewohner eines abgelegenen Bergdorfs, in deren Leben ein Erdbeben tiefe Spuren hinterlassen hat; um den Reiz des Brettspiels; drei Heldinnenreisen in einem Buch; um mutige junge Frauen am Golf von Bengalen; um die Geschichte eines Aufbruchs in der sibirischen Weite; um die ganz persönlichen Lieblingsorte und den reichen Reise-Erfahrungsschatz von Anthony Bourdain; um jemanden, der erfolgreich im Netz als Anonymus Verschwörungstheorien schmiedet und um vier Mädchen, die sich Ende der 1980er Jahre zusammenfinden und sich 2019 in Brüssel wieder begegnen.

Aber schaut selbst, vielleicht ist ja für euch auch ein Buch dabei, das ihr gerne lesen möchtet:

02.02.2022: Tamons Geschichte: Roman einer Reise nach Süden [Werbung] von Seishu Hase: Dieser Roman hat allein in Japan 250.000 Leserinnen und Leser verzaubert und wurde mit einem der wichtigsten japanischen Literaturpreise ausgezeichnet. Er erzählt anhand eines Hundes und seiner verschiedenen Besitzer eine unvergessliche, Hoffnung spendende Geschichte von Mensch, Tier und Natur. – Japan 2011, kurz nach dem Tōhoku-Erdbeben: Viele Existenzen sind zerstört, das Leben der Menschen nicht mehr so, wie es einmal war. Neben einem Convenience Store nahe der japanischen Alpen findet der junge Kazumasa einen herrenlos streunenden Schäferhund, der ihm nicht mehr von der Seite weicht. Er findet heraus, dass der Hund Tamon heißt. Tamon bereitet vor allem Kazumasas an Demenz erkrankter Mutter große Freude. Doch dann wird Kazumasa Opfer einer Bande und Tamon zieht es nach Süden, auf einer Reise durch atemberaubende Landschaften, in denen er einem Dieb, einer Prostituierten, einem jungen Paar und einem Jäger begegnet. Alle, die Tamon treffen, werden von dieser Begegnung verändert, während Tamon nie lange verweilt, um weiter zu reisen – bis er am Ende, tief im Süden, sein Ziel erreicht.

14.02.2022: Gesichter [Werbung] von Tove Ditlevsen: Von der gefeierten Autorin der Kopenhagener-Trilogie – ein eindringlicher Roman über eine Frau am Abgrund, geschrieben mit der Lebendigkeit und Direktheit gelebter Erfahrung. – Kopenhagen, 1968: Lise Mundus, Autorin und Mutter dreier Kinder, entgleitet ihr Alltag. Sie meint, Stimmen zu hören und Gesichter zu sehen. Sie ist überzeugt, dass ihr Mann, der extravagant untreu ist, sie betrügt und verlassen wird. Vor allem aber hat sie Angst, dass sie nie wieder schreiben wird. Als sie in die Klinik geht und sich behandeln lässt, fragt sie sich, ob der Wahnsinn wirklich etwas ist, wovor sie sich fürchten muss –  oder ob er nicht auch eine Form von Freiheit für sie bereithält. In »Gesichter« macht Tove Ditlevsen die Verschiebungen in der Wahrnehmung einer Frau, die seelisch erkrankt, mit literarischen Mitteln meisterhaft erfahrbar.

14.02.2022: Dschinns [Werbung] von Fatma Aydemir: Dreißig Jahre hat Hüseyin in Deutschland gearbeitet, nun erfüllt er sich endlich seinen Traum: eine Eigentumswohnung in Istanbul. Nur um am Tag des Einzugs an einem Herzinfarkt zu sterben. Zur Beerdigung reist ihm seine Familie aus Deutschland nach. Fatma Aydemirs großer Gesellschaftsroman erzählt von sechs grundverschiedenen Menschen, die zufällig miteinander verwandt sind. Alle haben sie ihr eigenes Gepäck dabei: Geheimnisse, Wünsche, Wunden. Was sie jedoch vereint: das Gefühl, dass sie in Hüseyins Wohnung jemand beobachtet. Voller Wucht und Schönheit fragt „Dschinns“ nach dem Gebilde Familie, den Blick tief hineingerichtet in die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte und weit voraus.

14.02.2022: Rombo [Werbung] von Esther Kinsky: Im Mai und im September 1976 erschüttern zwei schwere Erdbeben eine Landschaft und ihre Bevölkerung im nordöstlichen Italien. An die tausend Menschen sterben unter den Trümmern, Zehntausende sind ohne Obdach, viele werden ihre Heimat, das Friaul, für immer verlassen. Die Materialverschiebungen infolge der Beben sind gewaltig, sie bilden neues Gelände, an denen sich die Wucht des Eingriffs ablesen und in die Begriffe der Naturkunde fassen lässt. Doch für das menschliche Trauma, für die Erfahrung der plötzlich zersprengten Existenz, lässt sich die Sprache nicht so einfach finden. – In Esther Kinskys neuem, noch vor Erscheinen preisgekrönten Roman berichten sieben Bewohner eines abgelegenen Bergdorfs, Männer und Frauen, von ihrem Leben, in dem das Erdbeben tiefe Spuren hinterlassen hat, die sie langsam zu benennen lernen. Von der gemeinsamen Erfahrung von Angst und Verlust spleißen sich bald die Fäden individueller Erinnerung ab und werden zu eindringlichen und berührenden Erzählungen tiefer, älterer Versehrung.

17.02.2022: Spyderling [Werbung] von Sascha Macht: Was genau reizt Menschen daran, sich um ein Brett zu versammeln, nach besonderen Regeln zu interagieren und miteinander im Spiel neue Welten zu erschaffen? Auf einzigartige Weise entfesselt Sascha Macht diese Frage in seinem neuen Roman und erzeugt eine faszinierende Verbindung zwischen den Kunstformen der Literatur und des Spiels. Voller Fantasie und klug komponiert jagt ›Spyderling‹ seine Heldinnen und Helden auf eine Tour de Force der Selbst- und Welterkenntnis durch den wildesten Teil Osteuropas. Ein sensationell erhellendes Buch – und ein grandios witziger Abgesang auf die Egozentrik der westlichen Zivilisation, die alles weiß und alles nimmt, unnachgiebig, rücksichtslos.

23.02.2022: Die Heldin reist [Werbung] von Doris Dörrie: Der Held muss in die weite Welt hinaus und Abenteuer erleben, um ein Held zu werden – und eine Geschichte zu haben. Und was ist mit der Heldin? Doris Dörrie erzählt von drei Reisen – nach San Francisco, nach Japan und nach Marokko – und davon, als Frau in der Welt unterwegs zu sein. Sich dem Ungewissen, Fremden auszusetzen heißt immer auch, den eigenen Ängsten, Abhängigkeiten, Verlusten ins Auge zu sehen. Und dabei zur Heldin der eigenen Geschichte zu werden.

23.02.2022: Das Mädchen mit dem Drachen [Werbung] von Laetitia Colombani: Am Golf von Bengalen will Léna ihr Leben in Frankreich vergessen. Jeden Morgen beobachtet sie das indische Mädchen Lalita, das seinen Drachen fliegen lässt. Als Léna von einer Ozeanwelle fortgerissen wird, holt Lalita Hilfe bei Preeti, der furchtlosen Anführerin einer Selbstverteidigungsgruppe für junge Frauen. Léna überlebt und zusammen mit Preeti schmiedet sie einen Plan, der nicht nur Lalitas Leben grundlegend verändern wird. Wie schon in ihren Bestsellern »Der Zopf« und »Das Haus der Frauen« erzählt Laetitia Colombani bewegend und mitreißend von mutigen Frauen, denen das scheinbar Unmögliche gelingt. Das indische Mädchen Lalita, bekannt aus »Der Zopf«, bekommt im Roman »Das Mädchen mit dem Drachen« ihre eigene Geschichte.

23.02.2022: Zukunftsmusik [Werbung] von Katerina Poladjan: Die Geschichte eines Aufbruchs: In der sibirischen Weite, tausende Werst östlich von Moskau, leben in einer Kommunalka auf engstem Raum Großmutter, Mutter, Tochter und Enkelin unter dem bröckelnden Putz einer vergangenen Zeit. Es ist der 11. März 1985, Beginn einer Zeitenwende, von der noch niemand etwas ahnt. Alle gehen ihrem Alltag nach. Der Ingenieur von nebenan versucht, sein Leben in Kästchen zu sortieren, Warwara hilft einem Kind auf die Welt, Maria träumt von der Liebe, Janka will am Abend in der Küche singen.

24.02.2022: World Travel: Ein gnadenlos subjektiver Reiseführer [Werbung] von Anthony Bourdain: Anthony Bourdain war Zeit seines Lebens ein wahrer Globetrotter und hat mehr von der Welt gesehen als sonst jemand. Seine Reisen führten den Spitzenkoch und Gourmet von seiner Heimatstadt New York in die aufregendsten und entlegensten Winkel dieser Erde: nach Borneo in ein Holz-Langhaus mit traditioneller Stammes-Bemalung, in die betörenden Feucht- und Trockensavannnen Tansanias, in die Einsamkeit von Omans „Leerem Viertel“, dem größten Sandmeer der Welt – und vielen weiteren Traumorten und pulsierenden Metropolen. In diesem postum veröffentlichten Werk versammelt Anthony Bourdain seinen mehr als reichen Reise-Erfahrungsschatz und liefert eine gleichermaßen geistreiche wie praktische Gebrauchsanweisung für die ganz persönlichen Lieblingsorte des Küchenchefs. Ein faszinierender und inspirierender Reiseführer, inklusive kulinarischer Empfehlungen!

24.02.2022: Fake Accounts [Werbung] von Lauren Oyler: Eine junge Frau entdeckt, dass ihr Freund höchst erfolgreich als Anonymus im Netz Verschwörungstheorien schmiedet und verbreitet. Sie will sich von ihm trennen, aber während sie noch mit dem Wie ringt, erreicht sie die Nachricht von seinem Tod. Wie trauert man um jemanden, den man vielleicht sogar gemocht, aber eindeutig nicht gekannt hat? Wer war dieser Mann? Und wer ist sie selbst? Ob in Brooklyn oder Berlin ― die Heldin dieses gefeierten Debüts muss sich offensichtlich zunächst einmal selbst (er)finden. Von der New York Times zum Editor’s Choice gekürt, wurde der Roman in den USA über Nacht zum Bestseller und Liebling der Independent Bookstores.

25.02.2022: Das mangelnde Licht [Werbung] von Nino Haratischwili: Nach der lang ersehnten Unabhängigkeit vom ins Taumeln geratenen Riesen stürzt der junge georgische Staat ins Chaos. Zwischen den feuchten Wänden und verwunschenen Holzbalkonen der Tbilisser Altstadt finden Ende der 1980er Jahre vier Mädchen zusammen: die freiheitshungrige Dina, die kluge Außenseiterin Ira, die romantische Nene, Nichte des mächtigsten Kriminellen der Stadt, und die sensible Qeto. Die erste große Liebe, die nur im Verborgenen blühen darf, die aufbrandende Gewalt in den Straßen, die Stromausfälle, das ins Land gespülte Heroin und die Gespaltenheit einer jungen Demokratie im Bürgerkrieg – allem trotzt ihre Freundschaft, bis ein unverzeihlicher Verrat und ein tragischer Tod sie schließlich doch auseinandersprengt. Erst 2019 in Brüssel, anlässlich einer großen Retrospektive mit Fotografien ihrer toten Freundin, kommt es zu einer Wiederbegegnung. Die Bilder zeigen ihre Geschichte, die zugleich die Geschichte ihres Landes ist, eine intime Rückschau, die sie zwingt, den Vorhang über der Vergangenheit zu heben und eine Vergebung scheint möglich.

umgeSCHAUt im Dezember 2021

📚 Ich habe die Literatursendungen geschaut, habe zugehört und es war kurzweilige Unterhaltung beim Stricken. Doch so richtig packen und mich für es interessieren konnte mich letztlich keines der vorgestellten Bücher. Einzig bei „Die Gewalt der Hunde“ wurde ich hellhörig, denn ich entdeckte die Verfilmung mit Benedict Cumberbatch bereits bei Netflix und möchte sie mir demnächst anschauen.

Das sind die Links zu den Sendungen, die noch eine ganze Zeit lang in den Mediatheken verfügbar sind:

02.12.2021: Fröhlich lesen: Susanne Fröhlich begrüßt diesmal Autorin Anne Gesthuysen mit „Wir sind schließlich wer“ sowie Autor Jens Söring und Ex-Häftling mit „Rückkehr ins Leben“.

03.12.2021: Das Literarische Quartett: In der Weihnachtsausgabe lädt Thea Dorn zum munteren Disput mit Jakob Augstein, Adam Soboczynski und Vea Kaiser. Mit aktuellen Büchern im Gepäck.

09.12.2021: lesenswert: Denis Scheck hat sich in Potsdam mit Antje Rávik Strubel getroffen, die für ihren Roman „Blaue Frau“ den Deutschen Buchpreis 2021 erhalten hat. Sie beschreibt darin die Flucht einer jungen Frau vor den Erinnerungen an ihre Vergewaltigung. Das Reitgespräch mit Juli Zeh dreht sich um die Post-Trump-Ära in dem Essay „Die letzte beste Hoffnung“ des amerikanischen Journalisten George Packer.

12.12.2021: Buchzeit im Winter 2021: Weihnachtszeit ist Lesezeit. Die Buchzeit in 3sat empfiehlt dazu passende Bücher. Gert Scobel diskutiert mit den Literaturexpertinnen Barbara Vinken, Sandra Kegel und Katrin Schumacher über ausgewählte neue Romane.

12.12.2021: Druckfrisch: Auf dem Domplatz zu Worms präsentiert eine Schauspieltruppe das Nibelungenlied als Theateraufführung. Dieses Grundgeschehen wird von Felicitas Hoppe zum Lustspiel über Zitat, Ironie und die zersetzende Kraft der Literatur.

16.12.2021: lesenswert Quartett: Denis Scheck spricht im lesenswert Quartett mit Insa Wilke, Ijoma Mangold und dem Leiter des Literaturhauses Hamburg, Rainer Moritz, als Gast über diese Bücher: Emine Sevgi Özdamar: Ein von Schatten begrenzter Raum, Sally Rooney: Schöne Welt, wo bist du, Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden, Marieke Lucas Rijneveld: Mein kleines Prachttier.

21.12.2021: Literaturclub: Nicola Steiner, Milo Rau, Raoul Schrott und – als Gast – die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen diskutieren über «Arsène Lupin» von Maurice Leblanc, «Das verlorene Paradies» von Abdulrazak Gurnah, «Die Gewalt der Hunde» von Thomas Savage sowie «Seitenwechsel» von Nella Larsen.

umgeSCHAUt im November 2021

📚 Spannend zu sehen, wie Hanns-Josef Ortheil täglich akribisch seine Chroniken und Notizbücher führt.

📚 Sven Regner mag ich als Typ, vielleicht sollte ich doch mal eines seiner Bücher lesen.

📚 Julia Francks Geschichte interessiert mich – Welten auseinander möchte ich gern lesen.

📚 „Der schräge Vogel fängt mehr als den Wurm!“ finde ich als Titel nicht so gelungen, aber über die Neuanfänge ungewöhnlicher Menschen zu lesen ist bestimmt stimmungsaufhellend und mutmachend.

📚 Helen Macdonalds „Abendflüge“ klingen wunderbar, ich war von „H wie Habicht“ so begeistert und würde gern mehr von ihr lesen.

📚 Die Lyrik-Lesenswert-Sendung macht Freude, auch wenn ich mich seit einiger Zeit nicht mehr lesend auf Lyrik einlassen kann.

Das sind die Links zu den Sendungen, die noch eine ganze Zeit lang in den Mediatheken verfügbar sind:

04.11.2021: lesenswert: Besuch bei Hanns-Josef Ortheil im Westerwald. Hier lernte er schreiben in einer Familie, die vom Krieg tief traumatisiert war. Das Schreiben wurde zur täglichen Übung. 70 Bücher hat er veröffentlicht. Bis er schwer krank wurde.

07.11.2021: lesenswert: Denis Scheck trifft in Berlin zwei alte Bekannte: Die Schriftstellerin Julia Franck erzählt in ihrem neuen Roman „Welten auseinander“ von Julia, die, in Ostberlin geboren, ihre Jugend im geteilten Deutschland verbrachte und ihr Leben mit 13 Jahren selbst in die Hand nahm. – Der Musiker und Bestsellerautor Sven Regener hat einen neuen Roman geschrieben: „Glitterschnitter“ heißt eine Band, die berühmt werden und die Musik neu erfinden will. Voller Situationskomik und berührender Momente.

11.11.2021: Fröhlich lesen: Susanne Fröhlich begrüßt diesmal Gisela Steinhauer , Autorin von „Der schräge Vogel fängt mehr als den Wurm!“ und Daniel Schreiber mit seinem Buch übers Single-Dasein „Allein“.

16.11.2021: Literaturclub: Nicola Steiner, Thomas Strässle, Daniela Strigl und – als Gast – der Schweizer Sportreporter Beni Thurnheer diskutieren über «Allein» von Daniel Schreiber, «Das Flüstern der Feigenbäume» von Elif Shafak, «Abendflüge» von Helen Macdonald sowie «Blaue Frau» von Antje Rávik Strubel.

18.11.2021: lesenswert: Die vielfach mit Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin und Regisseurin Jenny Erpenbeck trifft sich mit Denis Scheck in Berlin. Ihr neuer Roman „Kairos“ erzählt eine Amour fou in Ost-Berlin Ende der 1980er Jahre: Als sich die 19-jährige Katharina und der 34 Jahre ältere verheiratete Schriftsteller Hans treffen, fühlen sich beide magisch voneinander angezogen. – Beim Ausritt mit Juli Zeh in Brandenburg geht es um den neuen Essayband „Sensibel“ der Philosophin Svenja Flaßpöhler: darin befasst sie sich mit der Rolle der Sensibilität, die vom Progressiven ins Regressive zu kippen droht.Mehr anzeigen.

21.11.2021: Druckfrisch: Ein über zweieinhalb Kilo schwerer Fotoband über die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel und ein verstörender Roman der französischen Autorin Marie NDiaye beschäftigen Denis Scheck in der November-Ausgabe von „Druckfrisch“.

25.11.2021: lesenswert: Anja Kampmann stellt ihren neuen Gedichtband „Der Hund ist immer hungrig“ vor. Mit „Etymologischer Gossip“ erkundet Uljana Wolf in essayistischer Form, was es bedeutet, in verschiedenen Sprachen zu dichten. Und Sabine Scho stellt mit „Haus für einen Boxer“ eine überraschende Verbindung her: Was haben Lyrik, Architektur und Boxen gemeinsam?

Couchsurfing im Iran – Stephan Orth

Nachdem ich schon von „Couchsurfing in Russland“ so begeistert war, hatte ich ähnlich hohe Erwartungen an „Couchsurfing im Iran“ und wurde nicht enttäuscht. 62 Tage verbringt Stephan Orth im Iran und wird dabei von 22 Gastgebern beherbergt. Dabei erlebt er Abenteuer, die kein Reiseveranstalter jemals in seinen Katalog schreiben würde. Als Couchsurfer tauscht er Hotel gegen Privatquartier und lernt das Land so von seiner ganz privaten Seite kennen. Denn hinter verschlossenen Türen und verhangenen Fenstern fällt nicht nur der Schleier, sondern es schwindet auch die Angst vor den Sittenwächtern.

Ob beim Rotwein-Besäufnis mit einem persischen Prinzen oder bei einem Wohnzimmer-Date mit versammelter Großfamilie, im stinkenden Schmugglerbus oder im rasenden Kleinwagen: Jede neue Begegnung fügt sich als Puzzleteil ein in das Gesamtbild eines Landes, dessen Realität komplett anders ist, als die Klischees vermuten lassen. Und schließlich werden noch zwei der letzten Geheimnisse aufgedeckt: wie die Einheimischen es anstellen, in einer Apotheke Wodka zu kaufen – und warum sie die unsägliche Popgruppe ‚Modern Talking‘ so lieben.

„Ich bin auf der Suche nach den kleinen und großen Freiheiten der Iraner. Ich will dem Land seine Geheimnisse entlocken und herausfinden, was hinter blinden Fenstern und verschlossenen Türen passiert. Meine Eintrittskarten dafür habe ich im Internet gelöst, auf Onlineportalen wie Couchsurfing, Hospitaly Club oder BeWelcome, wo Menschen Schlafplätze für Reisende anbieten. Schon mehr als 10.000 Mitglieder gibt es im Iran, Tendenz stark steigend. Und das, obwohl Ärger mit der Polizei droht, wenn man Ausländer beherbergt.“

(S. 17)

9000 Kilometer reist Stephan Orth als Couchsurfer durch den Iran und erlebt dabei irrwitzige Abenteuer – und ein Land, das so gar nicht zum Bild des Schurkenstaates passt. Er ist so überwältigt von Land und Leuten, dass seine Euphorie beim Lesen überspringt. Man ertappt sich plötzlich dabei, über eine Iran-Reise nachzudenken – und das als Frau. Aber er erzählt auch davon, dass es sich mit der Zeit auf das gesamte Denken überträgt, wenn in einem Land so strenge Regeln herrschen und er ständig überlegen musste, ob etwas, das er tat, falsch oder sogar gefährlich sein konnte.

Auch ist sich der Autor bewusst, dass seine Reise nicht repräsentativ ist und er beim Couchsurfing auf eine Gruppe trifft, die gebildet ist, gut Englisch kann und sehr modern und internetbegeistert ist. Eine Gruppe, die sich für Reisen und für das Leben im Westen interessiert und nach mehr Freiheiten strebt. Eine Gruppe, die eine bemerkenswerte Routine darin entwickelt hat, Gesetze zu brechen, obwohl drakonische Strafen drohen. Ihre soziale Revolution spielt sich hinter verschlossenen Türen und in der digitalen Welt ab, weil das Internet mehr Freiheiten erlaubt, als die Realität.

Um die beschriebenen Personen nicht zu gefährden, wurde ein Großteil der Namen geändert und auf Nachnamen verzichtet. Aber es gibt im Innenteil des Buches auch Farbbilder der Reise und von manchen Personen, sowie zahlreiche im Text enthaltene schwarzweiß Bilder, die anschaulich die Reiseerlebnisse untermalen.

Es macht Freude Stephan Orth bei seiner Reise zu begleiten und mit ihm festzustellen,

„…dass es dem Iran großen Spaß macht, Erwartungen zu verdrehen und zerknüllen und mit Schwung in einen riesigen Müllcontainer zu schmeißen, der mit ‚Vorurteile, öffentliche Wahrnehmung und Gottesstaat‘ beschriftet ist.“

(S. 199)

Ein mitreißend erzähltes Buch über die kleinen Freiheiten und großen Sehnsüchte der Iraner. Empfehlenswert!

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Stephan Orth
Couchsurfing im Iran – Meine Reise hinter verschlossene Türen
Taschenbuch, 256 Seiten
ISBN: 978-3492310833
Preis: 11,00 € [D]
Verlag: Piper
Erschienen: 02.10.2017

erLESENer November 2021

Im Lesemonat November griff ich seltener zum Buch und tat stattdessen andere schöne Dinge. Aber zum Monatsende bekam ich fast so etwas wie Entzugserscheinungen nach dem gedruckten Wort und machte es mir allmählich wieder öfter im Lesesessel gemütlich. Mir fehlt doch etwas, wenn ich nicht regelmäßig lese.

Und das sind die beiden Bücher, die ich im letzten Monat gelesen, beziehungsweise gehört habe:

Every von Dave Eggers: Ein Roman der zeigt was passieren kann, wenn Facebook, Google und Amazon zu einer Firma verschmelzen. Phantasievolle Zukunftsvisionen von App- und Gesellschaftsentwicklungen, die beängstigend nah an der Gegenwart gesponnen sind, aber insgesamt dennoch eine eher blasse Geschichte.

Die Totentänzerin von Max Bentow: Der Autor hat sich wieder einmal allerhand Schauriges einfallen lassen, um ungewöhnliche Tatorte zu kreiren und einige spannende Geschehnisse in die Handlung einzubauen. Aber diesen Thriller fand ich nicht so stark, wie die Vorgänger.

Every – Dave Eggers

Vor einigen Jahren las ich begeistert den Roman „Der Circle“ von Dave Eggers, der davon handelt, welche Auswüchse es haben kann, wenn der größte Suchmaschinenkonzern und die am weitest verbreitete Social-Media-Plattform in einer Firma vereint sind. Es war schon beängstigend, aber auch kurios, zu lesen was übergroße Transparenz und Überwachung, aber auch der Druck von Social Media aus Menschen machen kann. In seinem neuen Roman „Every“ geht Dave Eggers noch einen Schritt weiter. Der Circle fusioniert mit dem weltweit größten Online-Versandhaus und wird zu Every, dem reichsten und gefährlichsten Monopol aller Zeiten.

Delany Wells ist die Neue bei Every und hat als unerschütterliche Technikskeptikerin nur ein Ziel vor Augen: Sie will die Schwachstellen der Firma herausfinden, um sie von innen heraus zu zerschlagen. Sie versorgt Every mit ‚vergifteten‘ Ideen für Apps, bewirkt aber tatsächlich das Gegenteil von dem, was ihr eigentlich vorschwebt. Denn niemand regt sich auf, die Gesetzgeber bleiben stumm, Aufsichtsbehörden unsichtbar, und die Verkaufszahlen gehen durch die Decke.

Wie schon bei „Der Circle“ weiß Dave Eggers unsere Wirklichkeit so konsequent weiterzudenken, dass einem der Atem stockt beim Lesen. Man erkennt Technologien und manche Herangehensweisen der Firma und der Apps wieder und ist als technikbegeisterter Mensch einigermaßen angetan von den Ideen, die der Autor hier ausbrütet und unter die Leute seines Romans bringt. Beim Lesen dachte ich oft daran, wie viel Spaß es Dave Eggers gemacht haben muss, sich die vielen Weiterentwicklungen von Apps, Geschäftspraktiken und Gesellschaftsstrukturen auszudenken und auch ich hatte Freude daran, darüber zu lesen.

„Wir eliminieren so viel vom Chaos des Lebens, so viel Anstrengendes, so viel Überflüssiges, die ganze Rumrennerei, das Autofahren, Shoppen, Auswählen, Wegwerfen, die Geldverschwendung, den Überkonsum – und all das geht Hand in Hand mit einer nachhaltigeren Lebensweise.“

(S. 404)

Aber das alles ist sehr nah an unserer Wirklichkeit entwickelt und die Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, sind nicht unbekannt. Das sorgt auch dafür, dass man beim Lesen nicht zu großen Spaß empfindet. Denn hier werden Lösungen für Probleme gefunden, die sich bei genauerer Betrachtung keiner wünschen kann. Denn wo Licht ist, ist auch Schatten was bei Dave Eggers mit dem Verlust der Freiheit und Bevormundung durch den Monopolisten einher geht.

So sehr mich die Rahmenbedingungen dieser Dystopie begeistern konnten, so schwach fand ich jedoch die eigentliche Geschichte der Protagonistin und ihrer Vorgehensweise. Die Handlung plätschert eher vor sich hin. Etwa ab der Hälfte des Buches nimmt die Geschichte ein wenig an Fahrt auf, aber es ist eher die Frage danach, ob es der Protagonistin gelingen wird Every zu zerschlagen, die einen beim Lesen bei der Stange hält. Das Ganze mündet schließlich in einem Ende, das ich so nicht erwartet habe, das ich jedoch stimmig fand. Insgesamt ein gruseliges Zukunftsszenario, das beim Lesen nachdenklich macht.

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Dave Eggers
Every
Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
Gebundene Ausgabe, 592 Seiten
ISBN: 978-3462001129
Preis: 25,00 € [D]
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 07.10.2021

Das eBook wurde mir freundlicherweise vom Verlag kostenlos für Rezensionszwecke zur Verfügung gestellt, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke.