abc.etüden: Sollbruchschnittstelle

Die Wunde war gut verheilt und die Funktionstests waren positiv verlaufen. Wenn man es nicht wusste, konnte man den an der rechten Schläfe gleich unter der Haut liegenden Kontakt nicht mal erkennen, geschweige denn hätte man vermutet, was sich dort verbarg. Und das war auch gut so. Sie hatte nicht die Nerven für Diskussionen, die sich damit befassten, ob mit Brainhacking die Grenze zum Ich überschritten wurde und man damit seine Individualität oder sogar die Freiheit aufgab.

Sie führte den flachen Stecker ganz nah an ihre rechte Schläfe, wo ein leichter Magnetismus dafür sorgte, dass er sein Ziel fand und die nötige Verbindung herstellte. Eine sehr sachte kurze Vibration wurde spürbar. Das Signal dafür, dass die Verbindung zu ihrem Smartphone hergestellt wurde, wo jetzt auch die App aufploppte, in der sie zwischen den unterschiedlichen Programmen wählen konnte.

Heute würde sie mit dem rechtsdrehenden Denk-Korsett starten, das maßgeschneiderte Impulse an ihre Gehirnzellen senden würde um dort Fehlstellungen zu finden, auf dem Monitor sichtbar zu machen und schließlich zu korrigieren. Das linksdrehende wäre dann beim nächsten Mal dran und schließlich wäre nur noch das beidseitig drehende für die dauerhafte Nutzung vorgesehen. Schädliche alte Denkmuster würden so nach und nach ausfindig gemacht und einfach durch hilfreiche neue ersetzt. Auch Erinnerungstrümmer der Vergangenheit konnten problemlos durch schöne Erinnerungen ersetzt werden. So versprach zumindest der Werbeflyer, der sich schon kurz nachdem sie den Start-Button betätigt hatte verflüssigte und zu dampfen begann, bevor er sich in Luft auflöste.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Korsett, rechtsdrehend, dampfen.

abc.etüden: Tryptophantasie

Manchmal waren es Kleinigkeiten, die bei ihr Assoziationen auslösten, welche sie aus der Ruhe bringen konnten. Sie war beinahe froh, wenn sie sich dies im nachhinein so erklären konnte, denn das machte alles für sie ein wenig nachvollziehbarer. Aber oft ließ sich das alles nicht so einfach trennen und sie fühlte sich ihren Gefühlen ausgeliefert.

Gerade erst war wie aus dem Nichts bedrohlich der Satz „An manchen Tagen weiß ich nicht wieviel Zeit mir noch bleibt.“ aufgetaucht und hallte in ihr nach, bis er sie ganz ausfüllte, immer intensiver wurde und sich schließlich zu einem bedrückenden schweren Stressklumpen in ihrer Magengegend manifestierte. Sie wusste, dass sie dem Gedanken an die bewusst herbeigeführte Endlichkeit des Lebens keine Energie schenken durfte, weil ihn das mächtig machen und möglicherweise in Bahnen lenken konnte, die ihr mehr als nur die Lebensenergie rauben konnten.

Vielmehr galt es abzuwarten, wann es in ihrem Kopf leise und zunächst kaum wahrnehmbar wieder Raum für Anderes gab. Sie hatte gelernt diesen Zeitpunkt zu erkennen und die Denklücke zu nutzen, anstatt sich dem Gefühl zu überlassen, das sie scheinbar willkürlich überkam und dafür sorgte, dass ein sorgloser glücklicher Tag ins genaue Gegenteil kippen konnte.

Fast schon mechanisch stellte sie die Pfanne auf den Herd um sich ihr heißgeliebtes Spiegelei zu braten. Ein wenig Tryptophan um die Serotoninproduktion zu unterstützen konnte jetzt sicherlich nicht schaden. Gleich danach würde sie zwar nicht durch die Wohnung tanzen, aber sie konnte es versuchen und mit etwas Glück würde sie sich dabei auch an die Dinge erinnern, die ihrem Leben Farbe gaben und sie feiern.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Pfanne, glücklich, trennen.

abc.etüden: Aprilgedanken 2021

Es war noch zu früh für den Sonnenhut. So oder so. Jetzt im April sah man der Staude noch nicht an, dass sie sich rüstete um Anlauf zu nehmen und irgendwann zwischen Juli und Oktober verschwenderisch zu blühen. Und um einen Sonnenschutz für seinen Kopf brauchte man sich gerade auch nicht zu kümmern. Nachdenklich zupfte sie ein wenig unerwünschtes Grünzeug weg, das sich um die Pflanze herum breitgemacht hatte. Nicht gerade eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, aber ihr tat die Bewegung an der frischen Luft gut.

Gut bekam es ihr auch, wenn es ihr gelang, den Augenblick von Zeit zu befreien. Unbeschwert sie selbst zu sein und sich durch das Ausüben geliebter Tätigkeiten völlig im Hier und Jetzt aufzulösen. Doch das war in den vergangenen Monaten immer schwieriger geworden. Sie fühlte sich gefangen in einer Warteschleife. Immer galt es die nächste Meldung abzuwarten, die schon Einfluss auf den folgenden Tag haben konnte und in der Entscheidungen der Machthaber mitgeteilt wurden, die schon innerhalb weniger Stunden wieder als haltlos entkräftigt werden konnten. Oder sie war wie paralysiert, weil der Stoff, der doch eigentlich Leben retten sollte, plötzlich selbst begann zu töten.

Hier hatten andere die Fäden für ihr Leben in der Hand und spielten das Lied vom Tod nicht unbedingt gekonnt. Wie schön wäre es, wenn sie einfach ihre Hände an die Schläfen legen und diese Gedanken wegmassieren könnte. Einfach mal darauf vertrauen, dass schon alles gut werden würde. Sich mit exzessivem Sport betäuben und in Bücherwelten flüchten. Oder vielleicht ins nächste Gartencenter, um ein wenig farbenfrohe Lebendigkeit für Zuhause nachzuladen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Sonnenhut, haltlos, massieren.

abc.etüden: Ein besonderes Geschenk

Erschrocken schlug sie die Augen auf und rappelte sich mühsam auf. Sie hörte ein kurzes Fiepsen. Dann knirschte und schmatzte etwas. Was war das nur? Sie schwang sich aus dem Bett und schlüpfte in ihre Hausschuhe. Die Geräusche kamen eindeutig aus dem Wohnzimmer. Vorsichtig schlich sie dorthin und hielt im Türrahmen erschrocken inne. Im Halbdunkel sah sie nur noch letzte Dackelfalten in dem weit geöffneten Schlund der Venusfliegenfalle verschwinden, die sie erst gestern zu ihrem Geburtstag geschenkt bekommen hatte.

Die Pflanze musste über Nacht einen enormen Wachstumsschub bekommen haben und füllte nun fast das ganze Zimmer aus. Sanft wogen ihre Blätter hin und her, während einige ihrer wie Fangeisen ausgelegten Fallen wütend um sich schnappten. Immer wieder forderten sie abwechselnd „Füttere mich!“ und blickten sie dabei grimmig an. Die Luft war erfüllt von dem fruchtigen Duft der Blüten, den nun auch ein Geruch nach Blut durchsetzte. Jetzt rülpste die Pflanze auch noch und gab dabei einen Blick auf ihren Rachen frei, in dem noch ein Dackelbeinchen zu sehen war.

Entsetzt schlug sie die Hände vors Gesicht und schrie.

Und schrie immer noch, als sie schweißgebadet von ihrem eigenen Schrei erwachte. Jetzt hörte sie ein Scheppern. Dann klirrte etwas. Was war das nur? Immer noch von ihrem Traum gefangen, schwang sich aus dem Bett und schlüpfte in ihre Hausschuhe. Die Geräusche kamen eindeutig aus dem Wohnzimmer. Vorsichtig schlich sie dorthin und hielt im Türrahmen erschrocken inne. Im Halbdunkel sah sie nur noch ihre erschreckte Katze um die Ecke flitzen. Die Venusfliegenfalle war entgegen der von ihr geträumten klein geblieben, hatte aber den Kampf gegen ihre Katze verloren, die sie vermutlich in spielerischem Übermut versehentlich von der Fensterbank gestürzt hatte.

Dem Pflänzchen würde sie morgen einen neuen Topf gönnen müssen – und unbedingt einen neuen Namen. Vielleicht Mechthild oder Mathilde, anstatt Audrey, die Zweite.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Dackelfalten, fruchtig, scheppern.

abc.etüden: Ausflug in die Kindheit

Seltsam durch die Straßen zu fahren, durch die man als Kind gegangen oder sogar ausgelassen gerannt war und die die Welt für einen bedeutet hatten. Jetzt war hier alles leer. Sie konnte sich vorstellen, dass hier normalerweise mehr los war, aber seit Corona schienen auch die Bewohner dieser kleinen Stadt den Empfehlungen zu folgen und eher zu Hause zu bleiben.

Jetzt fuhren sie langsam an ihrer alten Grundschule vorbei. Sie sah gar nicht so anders aus, als sie ihr in Erinnerung geblieben war. Nur die Verkehrsberuhigung hatte es damals sicherlich noch nicht gegeben. Sie erinnerte sich schwammig an die Schulhofspiele, die sie dort in den Pausen immer gemacht hatten und daran, dass sie unauffällig durch ihre Schulzeit gerutscht war. Nie war sie besonders gut, nie besonders schlecht, nie besonders beliebt, sondern eher schüchtern und leise gewesen. Das hatte andererseits auch den Vorteil, dass sie unbemerkt genug geblieben war, um nicht das Ziel der allseits gefürchteten Klassenkeile zu werden, die immer die gleichen erwischte. Nämlich die Schüler, die irgendwie anders waren. Die keinen Sitzplatznachbarn in der Bank neben sich hatten, die in den Pausen eher allein blieben oder oft den Unterricht störten, so dass sie in der Nachbarklasse in der Ecke stehen mussten.

Lieber erinnerte sie sich daran, wie sie mit ihrer Freundin endlos auf dem Nachhauseweg trödeln konnte und sie es nicht müde wurden, sich irgendwelche Geschichten zu erzählen. Irgendwann hatte diese Freundschaft im zweiten oder vielleicht auch dritten Schuljahr abrupt geendet, weil ihrer Freundin verboten wurde, mit ihr zu spielen. Sie erinnerte sich an die Enttäuschung, die sie damals empfunden hatte und wie es sie geschmerzt hatte, dass ihre beste Freundin sie plötzlich ignorierte und eingehakt mit einer neuen besten Freundin über den Schulhof stolzierte. Schwammig erinnerte sie sich daran, dass sie über Umwege irgendwann herausgefunden hatte, warum es zu diesem Spielverbot gekommen war. Es waren Gründe, für die sie nichts konnten, weil sie aus der Erwachsenenwelt stammten und eigentlich auch dort hätten bereinigt werden müssen. Gründe, die selbst nach mehr als 40 Jahren noch einen schalen Nachgeschmack bei ihr hinterließen und dafür sorgten, dass sie bei der Weiterfahrt durch den Ort, in dem sie groß geworden war, nicht mehr nur die Nostalgie einer unbeschwerten Kindheit begleitete, sondern auch die Traurigkeit, Einsamkeit und Hilflosigkeit eines Kindes, das nicht gelernt hatte, dass es wertvoll war und es Dinge gab, für die es sich zu kämpfen lohnte.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Klassenkeile, schwammig, trödeln.

abc.etüden: Kleine Lügen

„Wie geht es dir?“
„Danke, mir geht es gut.“
„Und dir?“
„Auch gut.“

Noch immer hallten diese Sätze in ihr nach obwohl das Telefonat längst beendet war.

Kleine Nettigkeiten, die man zu Gesprächsbeginn austauschte und die davon entbanden erzählen zu müssen, dass man damit gekämpft hatte, in der vergangenen Woche irgendwie über die Runden zu kommen.

Sätze, die wie eine alte Strickjacke immer dann hervorgekramt wurden, wenn sie zweckmäßig ihre Aufgabe erfüllen konnten. Sie mussten niemanden umgarnen und es gab auch keine Schönheit in ihnen zu entdecken.

Sätze, die es nicht wert waren, dass man sie in Erinnerung behielt. Und doch war ihre Oberflächlichkeit trügerisch.

Denn alles hatte seine Zeit und es war gerade einfach nicht der richtige Augenblick um zu jammern. Vor allem nicht sein Herz bei jemandem auszuschütten, der es gerade ebenfalls nicht leicht hatte.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Strickjacke, trügerisch, entdecken.

abc.etüden: Denkefieber

Sie kannte es schon. Immer fing es mit Appetitlosigkeit an, was unter normalen Umständen völlig untypisch für sie war, denn essen konnte sie eigentlich immer. Umso mehr freute sie sich, wenn das ausnahmsweise nicht so war. Dann verdrängte sie auch das Durstgefühl, das sich nicht einmal durch vermehrtes Trinken besänftigen ließ. Irgendwann fühlte sie sich überhitzt und ihre Haut war trocken und empfindlich. Sie brauchte längst kein Thermometer mehr um zu wissen, wenn das Fieber sie wieder einmal erwischt hatte.

Dann hieß es schnell zu reagieren. Sie musste sich aus dem Trubel des Alltagswahnsinns herausnehmen, sich Ruhe gönnen, den Geist durch Entspannungsrituale besänftigen und mit etwas Glück vielleicht sogar in die erholsame Dunkelheit eines tiefen Schlafes hinabsinken. Doch das musste unbedingt geschehen, bevor sich ihr Denken wie ein wilder Affe aufführte, der die kuriosesten Zusammenhänge herstellte und ihre Welt neu durchmischte. Ihre Empfindungen ließen sich dann nicht mehr blockieren oder gar besänftigen. Und der Schüttelfrost, der sie schließlich ergriff, wirbelte nicht nur ihre Gedankenwelt durcheinander, sondern entband sie auch von jeglicher Sinnhaftigkeit der ihr zur Verfügung stehenden Worte mitsamt der Strukturen, mit denen sie diese üblicherweise miteinander in Verbindung setzte.

In diesem Zustand der Verwirrung beschleunigte sich ihre Atemfrequenz und begleitet von heftiger Übelkeit blieb ihr keine andere Möglichkeit sich Erleichterung zu verschaffen, als dass sie seitenlanges übelstes Kauderwelsch kanalisiert über ihre Schreibhand mittels eines Kugelschreibers in ihr Notizbuch erbrach. Wellenartig verschaffte ihr dies Erleichterung, bis der Schreibfluss nach einer Weile allmählich schwächer wurde, schließlich abklang und sie erschöpft zurück ließ. Übrig blieben von alledem nur etliche vollgeschriebene Seiten und eine sanfte Schweißperle, die ihr beinahe unscheinbar von der Stirn tropfte, ein weiteres Wort ihrem Gedächtnis entriss und es für alle Zeiten unwiederbringlich mit sich nahm.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Affe, neu, blockieren.

abc.etüden: Moderne Kaffeefahrten

Sie klopfte gegen den Lautsprecher, auch wenn sie sich nicht daran erinnern konnte, dass das jemals Tonprobleme gelöst hätte. Doch so leicht ließ sie sich nicht erschüttern. Jetzt wurde das Bild des Videos unscharf. Ein Timer zählte die letzten Minuten bis zum eigentlichen Start herunter. Der dumpfe Ton der Erzählerstimme war trotz des verwaschenen Standbildes immer noch zu hören. Scheinbar musste man das in Kauf nehmen, wenn man darauf wartete, sich diese Online-Veranstaltung kostenlos anzusehen.

Im vergangenen Jahr hatte sie sich einiges von dem angeschaut, das die unterschiedlichsten Veranstalter aufgrund der Corona-Bestimmungen ins Netz verlegt und meist für die Allgemeinheit kostenlos zugänglich gemacht hatten. Sie hatte interessante, sogar wertvolle Impulse erhalten und vieles gelernt, unter anderem auch über Geschäftstaktiken und -praktiken. Jetzt grenzte es fast schon an Slapstik, wie die Speaker des soeben gestarteten Erfolgskongresses geradezu reißerisch und nach dem bewährten Schema ihre Verkaufsshow abspulten.

Brav buhlten sie mit sogenannten Geschenken um die Gunst der Zuschauer, beziehungsweise die E-Mailadressen, um ihre Seminare und Coachings oder andere Produkte noch gezielter bewerben zu können. Jetzt blinkte in aggressivem Orange auf der Website gleich rechts neben dem eingebetteten YouTube-Video außerdem ein Werbebanner. Hier hatte man sich wirklich Mühe gegeben und das Ding an ihrem eingeschalteten Werbeblocker vorbeigeschmuggelt. Eigentlich war ihr ein von vornherein verwehrter Zugang lieber, wenn sie nicht bereit war Werbung in ihrem Browser zuzulassen. Wer weiß, was diese Seite im Hintergrund noch alles veranstaltete oder in Erfahrung brachte, von dem sie keine Ahnung hatte.

Aber das war wohl der Preis, den man zu zahlen hatte, wenn man eigentlich keinen zahlen wollte. So großartig hatten sich die Zeiten nicht geändert. Nur nahm man heute nicht mehr an Kaffeefahrten teil und ließ die Verkaufsveranstaltungen für Heizdecken und Teppiche über sich ergehen, sondern es ging um Seminare und Coachings. Außerdem erledigte man alles Online – und den Kaffee kochte man sich selbst.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Lautsprecher, orange, erschüttern.

abc.etüden: Weichmutmacher

Gut ein halbes Jahr hatte sie sich informiert und alles an Wissen begierig in sich aufgesogen, von dem sie meinte, dass es wichtig für sie sein könnte. Vielleicht hatte es auch erst vor drei Monaten begonnen, so ganz genau konnte sie das inzwischen nicht mehr festmachen. Aber es gab einen Auslöser und wenn man ganz genau hinsah und noch weiter zurück blickte, dann gab es sogar Vorkommnisse und Begebenheiten in den vergangenen zwanzig Jahren, die sich nun wie Puzzleteilchen zu einem großen Ganzen zusammenfügten. Plötzlich passte alles und es schien nur eine logische Konsequenz zu sein, dass sie zum jetzigen Zeitpunkt genau das tat, wozu sie sich nach vielen Überlegungen und einer scheinbar endlosen Vorbereitungsphase entschieden hatte.

Dabei hätte sie manches Mal Zetermordio schreien können, bei dem, was ihr in all diesen Jahren geschehen war. Kaum zu glauben, dass dies zu irgendetwas gut gewesen sein soll. Denn all das hatte sie auch für das Leben zu weichmütig gemacht. Ihr fehlte die nötige Härte um den ganz normalen Wahnsinn des Alltags durchzustehen. Und so hatte sie es sich im Laufe der Zeit in ihrem Krankheitskokon gemütlich gemacht. In der geschützten Atmosphäre hatte sie ihr Auskommen gefunden und es ließ sich darin mit den Jahren immer besser leben. Aber in all ihrer Weichmütigkeit hatte sie dennoch immer auch einen Blick nach draußen gewagt um zu schauen und zu lernen, welche Zutaten andere Menschen verwendeten, um sich trotz widriger Umstände ein schmackhaftes wohlbekömmliches Leben daraus zu backen.

Es war fast schon ein Geschenk gewesen, als sie endlich erkannt und verinnerlicht hatte, dass es die in unterschiedlichsten Formen gelebte Kreativität war, die ihrem Dasein Farbe und Würze verlieh. Und nun würde sie damit nach außen dringen. Ganz behutsam und hoffnungsvoll – aber auch mit einer gewissen Entschlossenheit.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Zetermordio, weichmütig, backen.

Adventüden 2020: Verwunschpunschung

 Dichte gelbliche Nebelschwaden krochen aus der Flasche. Dieses Gebräu war sicherlich nicht mehr gut. Vorsichtig fächelte sie sich etwas von dem Nebel zu, um daran zu riechen. Der Geruch erinnerte entfernt an Mango, Katzenklo und Leberwurst. Sie schüttelte sich. Trinken würde sie das Zeug sicherlich nicht, auch wenn der Aufdruck »Wunschpunsch« einfach verlockend klang und sie sich sehr darüber gefreut hatte, als sie die kleine Flasche am Nikolausmorgen überraschend in ihrem Stiefel vor der Wohnungstür gefunden hatte.

Sie hatte sich vorgestellt, dass der gut aussehende neue Nachbar von gegenüber ihr dieses nette Geschenk gemacht hatte. Abends hatte sie sich allein auf dem Sofa in ihre Kuscheldecke eingemummelt und ein Stück ihres geliebten Käsekuchens genossen, während sie sich endlosen Träumereien eines Kennenlernens, Sichverliebens und Glücklichseins hingab.

Doch was ihr der Wunschpunsch nun offenbarte, war eher ernüchternd und verursachte bei ihr einen leichten Würgereiz. Inzwischen brodelte die Flüssigkeit leicht und der entweichende Dunst verfärbte sich ins Grünliche. Beängstigend, wie viel davon so einer kleinen Flasche entfliehen konnte. Jetzt wurde sie hektisch. Die Brühe musste so schnell wie möglich raus aus ihrer Wohnung. Wer wusste, was sie da einatmete! Sie öffnete die Balkontür, zog sich schnell ein Paar Einweghandschuhe über und trug vorsichtig die Flasche, die sich bereits leicht erwärmt hatte, hinaus auf den Balkon. Dort nahm ganz allmählich das Brodeln ab und auch der Nebel lichtete sich.

Am nächsten Tag kippte sie enttäuscht den Wunschpunsch in den Abfluss und hörte nicht, wie er leise das Lied des mit Füßen getretenen Glücks und der verpassten Gelegenheiten summte.


Verwunschpunschung“ erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von Irgendwas ist immer. Für den Text durfte ich maximal 300 Wörter verwenden und es mussten (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe vorkommen: Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel.