abc.etüden: Übersinnlichkeit

Als sie morgens verschlafen vor dem Badezimmerspiegel ihre Zähne putzte, war noch alles in Ordnung gewesen. Abschließend hatte sie wie gewohnt ihre Zähne gebleckt und danach ihre Haare zu einem Zopf zusammengebunden, bevor sie sich auf den Weg zur Arbeit machte. Auch der Vormittag im Büro war noch ganz normal und ohne große Vorkommnisse abgelaufen – etwas stressig zwar, aber das gehörte zum Arbeitsleben halt manchmal dazu.

Sicherheitshalber hatte sie sich gleich nach der Arbeit auf den Weg in den Wald gemacht um etwas Entspannung bei einem Spaziergang zu finden. Doch als sie allmählich zur Ruhe kam, merkte sie, dass etwas anders war. Sie nahm die Farben um sich herum verändert wahr. Das Grün der Bäume war greller als sonst und die Fliegenpilze am Wegesrand schienen fast schon zu leuchten. Alles um sie herum war kontrastreicher als sonst. Helles erschien heller und Dunkles noch dunkler. Die geliebten Gerüche des Waldes waren intensiver, zwar nicht zu intensiv, aber doch ein wenig zu stark, um wirklich angenehm zu sein. Selbst die Stimmen der Vögel glichen keinem Gesang mehr, sondern hallten leise, aber vehement in ihrem Kopf wider.

Sie wunderte sich über ihre Wahrnehmung, aber sie machte ihr keine Angst mehr. Traurig erinnerte sie sich an ihre Tabletten, die sie pünktlich und wie gewohnt genommen hatte, aber gegen stressige Situationen auf der Arbeit oder gegen die normalen Unplanbarkeiten des Lebens konnten auch sie nicht schützen. Jetzt hieß es einfach die Ruhe zu bewahren, tief durchzuatmen und erstmal alles hinter sich zu lassen. Das Hier und Jetzt würde sie schon bald begrüßen und ihr die gewohnte Sinneswelt zurückgeben. Darauf konnte sie vertrauen, auch wenn die Pfütze vor ihr gerade einen Himmel zeigte, der am Boden war und in dem sie versinken würde, wenn sie nicht auf sich aufpasste.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Pilze, traurig, schlafen.

abc.etüden: Waldbaden

Vergessen war die vergangene Nacht, in der sie sich von einer auf die andere Seite gewälzt hatte und sie auch das langweilige Buch dem schlafen nicht näher gebracht hatte. Als endlich die Morgendämmerung hereingebrochen war, ging sie leise durch den allmählich erwachenden Wald. Nicht dass sie zu den Waldbesuchern gehörte, die sonst herumlärmte, aber heute war sie für die Ruhe besonders empfänglich und lauschte intensiv dem gelegentlichen Zwitschern der Vögel und dem Rauschen der Blätter, das der Wind erzeugte, wenn er in kleinen unregelmäßigen Böen durch die Bäume strich. Erste Blätter rieselten bereits zu Boden und kündeten davon, dass der Herbst nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.

Konzentriert setzte sie einen Schritt nach dem anderen und saugte tief die harzig-erdige Luft in sich ein. Ihre Sinne waren geschärft und empfänglich für alles, was das Hier und Jetzt ihrem übernächtigten Geist zu bieten hatte. Der Wald nahm sie mit offenen Armen auf und schenkte ihr Kraft. Sie wünschte sich, dass sie ähnlich wie die Pilze eine Symbiose mit den Bäumen eingehen könnte. Mit ihnen fast schon verschmelzen zu können um sich mit sich und der Welt als eins zu fühlen. Ein Geben und Nehmen. Ein Gedanke, so schön und traurig zugleich. Denn derzeit konnte sie dem Wald nicht mehr zurückgeben, als dass sie ihn von dem Müll befreite, den andere ihm achtlos aufgebürdet hatten.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Pilze, traurig, schlafen.

abc.etüden: Gedankenwälzer

Es gab da diese Idee, die sie fast schon engelhaft immer wieder von Zeit zu Zeit umgarnte und doch nicht viel mehr war als ein Gedanke, den sie sich nicht traute weiter zu denken. Denn immer dann, wenn er ihr in den Sinn kam und weiter gesponnen werden wollte, blockte sie ihn ab. Zu laut hallten in ihrem Kopf Sätze wider, die von ihrer Unfähigkeit sprachen. Immer ging es um mangelndes Durchhaltevermögen und fehlendes Talent. Unbestätigt zwar, aber dennoch. Wenn man ein wenig genauer hinhörte, schwang darin eigentlich die tiefsitzende Angst vor Ablehnung und Versagen mit. Die Quintessenz ihres Lebens. Niederschmetternd und grausam.

Wohl auch ein Grund, sich zu vergraben und in dem auszuharren, was sie bislang erreicht hatte. Aber durfte man tatsächlich dabei von erreichen sprechen? Hatte sie irgendwelche Anstrengungen dafür unternommen oder waren es nicht vielmehr Dinge, die sich auf die ein oder andere Art ergeben hatten oder in die die Umstände und manchmal auch einfach die Wirren des Lebens sie getrieben hatten? Wie in einem Spiel, in dem jemand Anderes für sie würfelte und setzte. Wann hatte sie die Würfel aus der Hand gegeben? Wann hatte sie aufgehört zu träumen und nach den Sternen zu greifen? Etwas zu wagen, den Unkenrufen in ihrem Kopf zum Trotz? Und wann, wenn nicht jetzt war die Zeit gekommen, so manchen Gedanken einfach weiter zu denken und zu schauen ob er für die Realität taugte?


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Idee, engelhaft, vergraben.

Etüdensommerpausenintermezzo III/2020: Fotografie

Geknipst habe ich seit meiner Kindheit, nämlich immer dann, wenn etwas Besonderes anstand. So hatte ich es gelernt. Zu Feierlichkeiten, bei Ausflügen, im Urlaub. Es musste einfach eine Kamera dabei sein. Ein Blick, ein Klick und schon war der Zeitpunkt im Bild eingefroren und auf die Filmrolle gebannt. Diese musste später noch weggebracht und entwickelt werden, damit auch tatsächlich ein Foto daraus entstehen konnte, das es vielleicht sogar ins Fotoalbum schaffte. Ich habe mir im nachhinein gern diese Bilder angeschaut, die eigentlich wie eine Gedächtnisstütze sind und mich oft gedanklich in die Situation und Zeit zurückversetzen können, in der sie entstanden sind.

Die gestellten Familienfotos sind in meiner Erinnerung allerdings noch gestellter und unnatürlicher, weil mir auch heute noch die harschen Kommandos im Ohr klingen, mit denen die Personen ins Bild gequetscht wurden oder eine Nähe zur Schau gestellt werden sollte, die es so eigentlich nicht gab. Dafür liebe ich die Schnappschüsse umso mehr. Sie zeigen zwar die abgelichteten Menschen nicht unbedingt von ihrer Schokoladenseite, aber sie bleiben lebendig in Erinnerung, nämlich so, wie man sie erlebt und geliebt hat. Mitsamt dem schelmischen Blick zu dem verschmitzten Lächeln, der Grimasse oder bestenfalls in einer Situation, die einen noch heute zum Lächeln bringt, einfach weil man diesen Menschen so sehr mag und sich darüber freut, zur Erinnerung wenigstens noch über das ein oder andere Bild zu verfügen.

Und dann gibt es bei mir noch Zeiten, die ich für mich als die grauen Jahre bezeichne, obwohl es von ihnen Bilder in Farbe gibt, die bezeugen, dass ich sogar in den Urlaub gefahren sein muss. Doch meine Erinnerungen an diese Zeit sind verwaschen und gefühlsneutral, weil eine Krankheit mich sämtlicher Lebensfarben beraubt hatte. Doch genau diese Krankheit sorgte auch dafür, dass ich einige Zeit später über Umwege die Fotografie neu und völlig anders für mich als Hobby entdeckte. Allmählich bekam ich durch sie eine neue Sicht auf die Welt um mich herum. Das manuelle Scharfstellen, beziehungsweise „Schönes Sehen“ oder das „Ungewöhnliche Sehen“ funktionierte anfangs noch nicht, aber glücklicherweise stellte sich der Autofokus als hilfreich heraus. Während ich noch benommen bemüht darum war meine Umwelt wieder bewusster wahrzunehmen, hatte meine Canon EOS 1000D, eine Spiegelreflexkamera für Einsteiger, die ich mir 2011 geleistet hatte, bereits alles klar im Blick.

Von vornherein entschied ich mich gegen das Format JPG um im RAW-Modus zu fotografieren. Deshalb lernte ich parallel zur Handhabung der Kamera auch gleich noch den zur Entwicklung der Fotos nötigen Umgang mit dem Programm Lightroom. Gar nicht so einfach, wenn man unter Konzentrations- und Gedächtnisstörungen leidet. Zuerst fotografierte ich nur mit den Halbautomatiken und entschied mich meist für die Blendenvorwahl, später traute ich mich auch an die Zeitvorwahl heran, überließ jedoch den Weißabgleich der Kameraautomatik,  auch deshalb, weil ich die Einstellung auch später noch beim Entwickeln in Lightroom vornehmen konnte. Mit dem ISO-Wert konnte ich hingegen lange Zeit nichts anfangen, lernte es aber später bei der Nachtfotografie zu schätzen, dass ich mit diesem Wert Einfluss auf die Lichtempfindlichkeit des Sensors (nicht nur bei Dunkelheit) nehmen konnte.

Ich hatte so unglaublich viel Neues zu lernen und ließ mich von allem begeistern, was irgendwie mit Fotografie zu tun hatte. Ich kaufte mir ein Handbuch zur Kamera und sah mir etliche YouTube-Videos an, um auch im Umgang mit Lightroom immer sicherer zu werden. Blende und Verschlusszeit waren irgendwann für mich keine Fremdworte mehr und ich traute mich sogar daran, gelegentlich auf die Kameraautomatiken zu verzichten um alles manuell einzustellen. Das war allerdings auch notwendig, denn ich hatte im Internet schon früh Projekte von Fotobegeisterten entdeckt, die die Teilnehmenden wöchentlich vor neue Themen und Herausforderungen im Umgang mit der Technik und Bildgestaltung stellten. Erst dadurch lernte ich das Fotografieren wirklich. Ich sah, wie unterschiedlich die Themen interpretiert und umgesetzt wurden. Auch Plattformen wie Facebook und Instagram zeigten mir Bilder von denen ich lernen konnte. Das regt einerseits zum Nachahmen dessen an, was man an den Bildern anderer gerne mag und zeigt andererseits auch im Vergleich, welche Techniken oder Gestaltungsmöglichkeiten man noch lernen könnte, welche man bereits beherrscht oder welche man vielleicht sogar besser kann, als der Urheber des betrachteten Fotos. Bei anderem erkenne ich im nachhinein, was ich verbessern könnte und finde Grenzen, die manchmal auch einfach darin begründet liegen, dass meine Finanzen recht überschaubar sind und ich meist in der näheren Umgebung fotografiere. Es gibt einfach Orte auf dieser Welt, wo man nur den Auslöser betätigen muss, um ein traumhaftes Einzelbild zu fotografieren. Der Niederrhein ist zwar schön, aber fotografisch macht er es einem nicht immer so einfach. Doch mit etwas Experimentierfreude, dramatischem Wetter, etwas Glück und dem Mut auch mal dem Gegenlicht ins Auge zu blicken, kommen dennoch ansehnliche Ergebnisse dabei heraus.

Doch die Kamera allein und das Kit-Objektiv machen auf Dauer nicht glücklich. Und so gesellten sich im Laufe der Jahre erst ein Telezoom-Objektiv, danach noch ein Makro-Objektiv und zum Schluss das Ultra-Weitwinkelobjektiv dazu. Denn genau diese Möglichkeiten, die einem die Objektive eröffnen, machen die Fotografie erst so richtig abwechslungsreich, aber auch herausfordernd. Denn gelegentlich nervt es doch ein wenig, zwischen ihnen hin und her wechseln zu müssen. Aber beim späteren Entwickeln sehe ich, dass es sich gelohnt hat und ich das bildlich umsetzen und einfangen konnte, was ich mir im Vorfeld vorgestellt hatte. Dem Smartphone sind da doch gewisse Grenzen gesetzt, obwohl ich manchmal darüber staune, welche Fotos mit meinem Mittelklasse-Smartphone doch möglich sind. Denn wie heißt es so schön: „Die beste Kamera ist die, die man dabei hat.“ Und wenn mich unterwegs ein Motiv anspringt, ich die Kamera jedoch nicht dabei habe, mache ich halt Fotos mit meinem Handy. Aber da macht es eben auch einen Unterschied, ob ich mir über die Bildgestaltung Gedanken mache und statt im JPG- im RAW-Modus fotografiere, den ich in der Lightroom-App auswählen kann um den vollen Umfang an Entwicklungsmöglichkeiten für das Bild zur Verfügung zu haben. Denn auch das die Fotografie unvorhersehbar und spontan sein kann, macht sie zu einem besonderen Erlebnis und die spätere Bildentwicklung am Computer macht mir nochmal beinahe genauso viel Freude, wie das Unterwegs Sein und Fotografieren selbst.

In den letzten Jahren wurde jedoch ganz allmählich der Wunsch nach einer neuen Kamera größer und in gefühltem Zeitlupentempo wuchsen schließlich auch meine Ersparnisse dafür heran. Etwa neun Jahre habe ich mit meiner Einsteigerkamera fotografiert. Sie hat mir wertvolle Dienste geleistet und mich niemals im Stich gelassen, auch wenn ich mit den Jahren so manche Funktion an ihr vermisste. Als treue Wegbegleiterin hat sie mir Woche für Woche zur Seite gestanden, wenn ich für diverse Fotoprojekte oder unsere kleinen Fototouren Bilder gemacht habe. Ich habe viel gelernt und bin dankbar für dieses Hobby, das mich immer wieder in die Natur treibt um genau, genauer und manchmal auch ganz genau hinzusehen. Jetzt habe ich seit wenigen Wochen meine neue – die Canon EOS 80D. Sie liegt unglaublich gut in der Hand und ich staune, was sie alles kann. Ein Quantensprung, auch wenn ich immer noch nicht weiß, was die X-Synchronzeit ist. So habe ich auch weiterhin noch viel zu lernen, Neues zu entdecken und Anderes wieder zu finden; kann dabei weiterhin meinen Fotografischen Blick schulen, Gestaltungsregeln anwenden oder bewusst ignorieren und nach Herzenslust experimentieren und ausprobieren. Ich liebe es und freue mich über das neue Kapitel in meinem Foto-Tagebuch.

Foto-Tagebuch


Beim Etüdensommerpausenintermezzo III-2020 geht es darum, zu einem frei wählbaren Oberthema je einen passenden Begriff zu den Buchstaben des Alphabets zu finden und daraus einen Text zu formen. In meinem Fall: „Fotografie“ – Autofokus, Bild, Canon, Dunkelheit, Erinnerung, Fotoalbum, Gestaltungsregeln, Handbuch, ISO-Wert, JPG, Kamera, Lightroom, Makro-Objektiv, Nachtfotografie, Objektiv, Projekt, Quantensprung, RAW-Modus, Spiegelreflexkamera, Telezoom-Objektiv, Ultra-Weitwinkelobjektiv, Verschlusszeit, Weißabgleich, X-Synchronzeit, YouTube-Videos, Zeitvorwahl)

 

Etüdensommerpausenintermezzo II-2020: Geruhsame Verortung

Sie wohnte in einem der Wohngebiete, wie sie jede kleine Stadt kannte. Hier und da gab es eine Reihenhaussiedlung und das ein oder andere Mehrfamilienhaus inmitten schmucker und teils auch in die Jahre gekommener Einfamilienhäuser. Die Bewohner widmeten sich der Pflege ihres Vorgartens entweder so liebevoll, dass es nahezu verschwenderisch grünte und blühte und summte und zwitscherte, oder aber sie vergaßen ihn und überließen ihn sich selbst, vielleicht auch um einen peniblen Nachbarn zu ärgern, der sich nicht zurückhalten und zu allem seinen Kommentar abgeben musste. Manch einer wollte seinen Vorgarten aber auch einfach nur vergessen und versteinerte ihn, damit ihm das irgendwie gelang.

Nur wenige Straßen entfernt begann jedoch die Natur. Immer wieder war das ihr eigentliches Ziel um strammen Schrittes an Stoppelfeldern, Bäumen, Sträuchern und Wiesen entlang zu laufen, um irgendwann ihren Weg entlang eines kleinen Bachs durch den Wald fortzusetzen. Längst absolvierte sie ihre Spaziergänge nicht mehr nur um ein Bewegungspensum zu erfüllen, das infolge eines temporären Diätwahns für ein Kaloriendefizit sorgen sollte. Es war ihr vielmehr zu einem inneren Bedürfnis geworden, sich den frischen Wind um die Nase wehen zu lassen und die vorbeiziehenden Sahnewölkchen am Himmel zu beobachten.  Sie genoss die Zeit, die ganz allein ihr gehörte und in der sie ihren Gedanken freien Lauf lassen konnte. Immer kehrte sie von diesen Spaziergängen erholt und erfrischt zurück und empfand es fast schon als ein Geschenk, dass sie seinerzeit nicht von diesem Ort weggezogen war, als Trennung und Herzschmerz ihr eigentlich den Antrieb zur Flucht gegeben hatten.

Denn dieser Ort verfügte trotz ländlicher Lage über alles, was sie sich wünschte. Es gab neben Ärzten und Einkaufsmöglichkeiten sogar einige kleine Lokale. Vor allem aber fand sie hier die geliebte Ruhe in der Natur zu Land und zu Wasser. Zwar konnte man nicht mit einer Windjammer segeln, doch immerhin bot die Niers gleich zwei Anlegestellen, von denen man ablegen und mit dem Kanu auf dem Wasser unterwegs sein konnte. Aber man konnte diesen Ort natürlich auch mit dem Fahrrad oder dank Bahnverbindung verlassen und der Flughafen brachte einen zumindest in den Sommermonaten zu einigen europäischen Reisezielen. Er war einer dieser kleinen Orte, die selbstbewusst genug waren, ihre Bewohner nicht an sich zu ketten sofern sie kein Auto besaßen und der mit seinen Zwischentönen genug Farbigkeit und Abwechslung zu bieten hatte, dass einem dort nicht langweilig werden musste, wenn man nicht dazu neigte. Es hatte lange gedauert, aber nachdem sie gelernt hatte, in sich selbst ein Zuhause zu finden, wusste sie diesen Ort, der ihr in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren zur Heimat geworden war, zu schätzen. Sie war angekommen. Endlich.


Beim Etüdensommerpausenintermezzo II-2020 geht es darum, 7 von 12 vorgegebenen Worten (Blaupause, Diätwahn, Herzschmerz, Kantine, Kommentar, Ohrenkneifer, Sahnewölkchen, Stoppelfeld, Strandkorb, Vulkan, Windjammer, Zwischentöne) in einer Geschichte beliebiger Länge unterzubringen, die an einem Ort spielt den man gut kennt und den man wiedererkennen kann.

abc.etüden: Konsistenzübergreifend

Wochenlang zermarterte sie sich den Kopf darüber, womit sie ihm eine Freude zum Geburtstag machen könnte. Dieses Mal kein Buch! Und kein Abendessen im Lieblingsrestaurant! Auch ein Gutschein kam nicht in Frage. Kreativ sollte das Geschenk sein, ihn überraschen, ihn mitreißen und zu neuen ungewöhnlichen Aktivitäten verleiten. Es sollte ihn die Zeit vergessen lassen, ihn bestenfalls sogar in einen Flow versetzen. Und es musste etwas mit dem Kochen zu tun haben, seiner größten Leidenschaft.

Als er schließlich sein Geschenk auspackte, sah sie, dass ihr die Überraschung gelungen war. Er freute sich wirklich und erzählte sofort euphorisch von dem, was er bereits zu dem Thema in Erfahrung gebracht, bisher aber noch nicht ausprobiert hatte. Schnell suchte er einige Videos heraus, um ihr zu zeigen, welche Welt sie ihm mit ihrem Geschenk geöffnet hatte. Eine sehr futuristische Welt, in der nichts so heiß gegessen wurde, wie es gekocht wurde, wenn es denn überhaupt gekocht wurde und in der die Nahrungsmittelzubereitung eher an ein Chemielabor erinnerte.

Immerhin war zwar kein Reagenzglas in dem Starterset für die Molekularküche, das sie ihm geschenkt hatte, aber einige Silikonformen, Messlöffel und Substanzen mit Bezeichnungen wie Calcium Lactate, Sodium Alignate, Soy Lecithin und Agar-Agar. Damit sollte laut Anleitung spherifiert, emulgiert und geliert werden. Die Rezepte für Joghurtkugeln, die im Mund explodieren, einen leichten Schaum mit dem Namen Speckwolke und einen weichen Kaviar aus Balsamico-Essig waren ebenfalls beigefügt. Aber der Zauber der Freiheit steckte ja bekanntlich in jeder Kunstform. Das konnte spannend werden, und doch wurde in ihr die Angst vor dem übermächtig,  was er künftig in ihrer Küche anstellen würde. Dass ihr Geschenk ausschlaggebend dafür war, dass er später in die Geschichte der Haute Cuisine eingehen würde, weil es ihm gelungen war Tofu zu einer ausgefeilten kulinarischen Raffinesse weiter zu entwickeln, konnte sie zu dem Zeitpunkt nicht wissen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Reagenzglas, übermächtig, vergessen.

 

abc.etüden: Annahmen

Es war Wochenende und das Wetter war herrlich. Ideale Voraussetzungen für eine Einweihungsparty. Die Gelegenheit hatten die neuen Nachbarn von nebenan wohl genutzt und man hörte sie laut mit Helene Pischers Geplärr im Garten feiern. Da musste Ronja jetzt wohl oder übel durch, obwohl sie die Wohngegend eigentlich genau deshalb so sehr mochte, weil es dort meist ruhig zuging.

Gerade als sie die Harke zurück in den Geräteschuppen stellen wollte, tauchte am Zaun eine Frau auf, deren Haare kupferfarben in der Abendsonne leuchteten. Freundlich stellte sie sich als Ulrike vor und lud sie ein, auf ein Kennenlernschnäpschen rüberzukommen. Dankend lehnte Ronja ab, murmelte etwas von einem Grillabend, zu dem sie später noch wollte. Doch so leicht ließ sich die Kupferfrau nicht abwimmeln. Immer wieder fielen ihr neue Dinge ein, die sie zu erzählen hatte. Und weil Ronja ahnte, dass es diese schwatzhafte Frau interessieren würde und es gerade thematisch passte, ließ sie wie beiläufig fallen, dass sie nur eine schmale Rente habe, mit der sie gerade so zurecht komme. Das war nur ehrlich und erklärte auch gleich, dass sie keiner geregelten Arbeit nachging, nur für den Fall, dass die Kupferfrau das irgendwann bemerken würde. Denn auch nach mehr als sechs Jahren Erwerbsminderungsrente und anerkannter Schwerbehinderung fühlte sie sich immer noch, als sei sie anderen Rechenschaft schuldig. Dabei hatte sie ja bis zuletzt arbeiten gewollt, es aber irgendwann einfach nicht mehr gekonnt.

„Ich hab‘ auch Krebs.“ entgegnete die Kupferfrau daraufhin leichtzüngig. „Und einen Stand. Und Adipositas.“ Sie erwartete keine Antwort darauf, sondern redete ungebremst immer weiter.

Irgendwann war der Zeitpunkt verpasst, an dem noch Korrekturen möglich gewesen wären. Sie wünschten sich gegenseitig einen schönen Abend und gingen getrennte Wege. Die eine feierte ihren Einzug und die andere war froh, dass sie keinen Krebs hatte, sondern nur eine psychische Krankheit, mit der sie gelernt hatte zu leben. Aber sie hatte auch gelernt, dass mit dieser Information nur wenige Menschen umgehen konnten.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Geräteschuppen, kupferfarben, feiern.

abc.etüden: Schwarzseher

Dienstag, 02.06.2020

Sie scrollte und scrollte und scrollte. Aber nein, beim Smartphone hieß es ja wischen, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass fast jedes zweite Bild bei Instagram schwarz blieb. Erst glaubte sie noch an einen technischen Fehler, der ihre farbenfrohe Instawelt kaputt machte, aber bei genauerem Hinsehen konnte sie feststellen, dass etwas Anderes dahinter steckte.

Alle Beiträge waren mit dem englischen Hashtag schwarzer Dienstag oder sogar Black Out Dienstag versehen und manch einer verkündete zusätzlich noch, dass schwarze Leben zählen. Darum ging es also. Vor etwa einer Woche war der unbewaffnete Schwarze George Floyd von einem weißen Polizisten mit dem Knie auf den Boden gedrückt worden, obwohl er immer wieder gesagt hatte, dass er nicht atmen könne. Das brachte ihn laut Autopsiebericht um. In den USA hat dies zu Protesten und Ausschreitungen geführt und auch in Deutschland fanden Demonstrationen statt. Mit einem schwarzen Bild solidarisierten sich nun zahlreiche Social-Media-Userinnen und User mit den Opfern von Rassismus und Polizeigewalt.

Sie wischte weiter und wischte und wischte. Die schwarzen Bilder nahmen kein Ende. Fast schon fühlte sie sich gedrängt der Schwarmintelligenz zu folgen und ebenfalls ein schwarzes Bild bei Instagram zu posten. Aber was brachte das? Natürlich fand sie nicht gut, was George Floyd passiert war. Gewalt war niemals gut, egal wen sie traf. Wer sie kannte, wusste dass sie so dachte. Musste sie das mit einem schwarzen Bild öffentlich kund tun? Weil man das gerade so machte? Eine zeit lang waren alle Charlie – darüber sprach heute auch niemand mehr. Neue Themen kamen und gingen, rangen um Aufmerksamkeit und verpufften irgendwann in der Bedeutungslosigkeit.

So ein schwarzes Bildchen, versehen mit einem einzelnen Hashtag war schnell gepostet und brachte auch keinen eng getakteten Zeitplan durcheinander. Das war einfacher, als auf die Straße zu gehen, um gegen Missstände aufzubegehren oder mit dem Katamaran den Atlantik zu überqueren, um Aufmerksamkeit für eine gute Sache zu erregen. Nur ein Bild, das war nicht schlimm, tat niemandem weh und man konnte dabei auch nicht herunterfallen und ertrinken. Im Gegenteil, man landete sanft in einer Menge, brauchte sich keine weiteren Gedanken darüber zu machen wo Rassismus anfing oder aufhörte, ob es da vielleicht etwas gab, wofür man sich schämen konnte und das man lieber totschweigen sollte, weil die Andersartigkeit nur dann spannend und bunt war, wenn sie einem nicht zu nah kam.

Nachdenklich legte sie ihr Handy weg. So einfach, wie sie es sich gedacht hatte, war die Sache mit den schwarzen Bildchen vielleicht doch nicht.


Bei den abc.etüden (Extra) geht es darum, 5 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 500 Wörter umfasst. Dieses Mal: Katamaran, totschweigen, Zeitplan, schlimm, fallen.

abc.etüden: Fraglich

„Und? Wird das wieder?“ hatte er gefragt. Was für eine Frage? Konnte man das wirklich so frei heraus fragen, wenn die Chancen, dass es gut gehen konnte, alles andere als gut standen? Wenn einem jemand eröffnete, dass er an etwas erkrankt war, was von so ernstem Ausmaß war, durfte man darauf tatsächlich locker lässig nach Heilungschancen fragen, als handle es sich dabei um eine harmlose Sportverletzung? Wenn man doch wusste, dass jährlich ein nicht geringer Prozentsatz daran starb?

Seitdem sie die Diagnose bekommen hatte, fühlte sie sich wie betäubt. „Und? Wird das wieder?“ hallte in ihr nach. Woher sollte sie das wissen? Andere würden nun über sie bestimmen. Ihr Leben würde künftig nach einem streng geregelten Zeitplan ablaufen, in dem sie die bis dato bekannten Behandlungsmethoden durchlaufen würde. Es war etwas in ihr, das sie kaum bemerkt hatte, leise und heimtückisch. Das wieder auszumerzen würde schlimm werden. Körperlich und seelisch. Und sie, die immer ein Fels in der Brandung gewesen war, würde nun anderen zur Last fallen, wenn ihre Kräfte dahinschwanden, und das würden sie, zumindest zeitweise.

Aber dann, dann wird das schon wieder. Man musste nur daran glauben, dessen war sie sich sicher und umarmte schweigend ihren ältesten und besten Freund.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Zeitplan, schlimm, fallen.

abc.etüden: Tollheit

Der Job war nicht schlecht und wurde sogar verhältnismäßig anständig bezahlt, aber das eigentlich Besondere daran war ihr Weg zur Arbeit. Es war immer wieder kurios, wenn sie jemand fragte, wie sie täglich dort hin kam. „Mit dem Katamaran.“ antwortete sie dann meist großspurig und ließ ihrem Gegenüber ausreichend Zeit, sie sich im Bikini mit sonnengebräunter Haut und wehendem Haar auf einer kleinen abenteuerlichen Version dieses Wassergefährts in karibischen Gefilden vorzustellen.

Doch die Realität sah anders aus und ihre finanziellen Verhältnisse waren eher etwas zum totschweigen. Erst seit Montag war zwar die Bodenseeschifffahrt mit dem Katamaran zwischen Friedrichshafen und Konstanz wieder möglich, aber das hatte mit Urlaubsidylle recht wenig zu tun. Adrett und korrekt gekleidet würde sie in ihrem Business-Dress zwar die Überfahrt zu ihrem Arbeitsort machen, sich dort jedoch weder mit dem Chef oder ihren Arbeitskollegen treffen und sich den Bikini höchstens als Mund-/Nasenschutz vors Gesicht basteln. Denn ebenso wie in Bus und Bahn herrschte auch dort Maskenpflicht. Sicherlich würde diese Art von Mundschutz ihrem hohen kreativen Potential Rechnung tragen, dabei jedoch eher das Augenmerk auf den Wahnsinn legen, als auf ihre genialen Züge, die ihr dabei geholfen hatten den Impfstoff gegen das Virus zu entwickeln, dem die Wissenschaftler später den Namen COVID-19 gegeben hatten.

Doch jetzt war die Zeit gekommen, statt Kreativität vermeintliche Seriösität zu verkörpern und knallharten Geschäftssinn zu zeigen. Das Virus hatte sich wie geplant verbreitet – die Verhandlungen konnten beginnen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Katamaran, großspurig, totschweigen.