abc.etüden: Denkefieber

Sie kannte es schon. Immer fing es mit Appetitlosigkeit an, was unter normalen Umständen völlig untypisch für sie war, denn essen konnte sie eigentlich immer. Umso mehr freute sie sich, wenn das ausnahmsweise nicht so war. Dann verdrängte sie auch das Durstgefühl, das sich nicht einmal durch vermehrtes Trinken besänftigen ließ. Irgendwann fühlte sie sich überhitzt und ihre Haut war trocken und empfindlich. Sie brauchte längst kein Thermometer mehr um zu wissen, wenn das Fieber sie wieder einmal erwischt hatte.

Dann hieß es schnell zu reagieren. Sie musste sich aus dem Trubel des Alltagswahnsinns herausnehmen, sich Ruhe gönnen, den Geist durch Entspannungsrituale besänftigen und mit etwas Glück vielleicht sogar in die erholsame Dunkelheit eines tiefen Schlafes hinabsinken. Doch das musste unbedingt geschehen, bevor sich ihr Denken wie ein wilder Affe aufführte, der die kuriosesten Zusammenhänge herstellte und ihre Welt neu durchmischte. Ihre Empfindungen ließen sich dann nicht mehr blockieren oder gar besänftigen. Und der Schüttelfrost, der sie schließlich ergriff, wirbelte nicht nur ihre Gedankenwelt durcheinander, sondern entband sie auch von jeglicher Sinnhaftigkeit der ihr zur Verfügung stehenden Worte mitsamt der Strukturen, mit denen sie diese üblicherweise miteinander in Verbindung setzte.

In diesem Zustand der Verwirrung beschleunigte sich ihre Atemfrequenz und begleitet von heftiger Übelkeit blieb ihr keine andere Möglichkeit sich Erleichterung zu verschaffen, als dass sie seitenlanges übelstes Kauderwelsch kanalisiert über ihre Schreibhand mittels eines Kugelschreibers in ihr Notizbuch erbrach. Wellenartig verschaffte ihr dies Erleichterung, bis der Schreibfluss nach einer Weile allmählich schwächer wurde, schließlich abklang und sie erschöpft zurück ließ. Übrig blieben von alledem nur etliche vollgeschriebene Seiten und eine sanfte Schweißperle, die ihr beinahe unscheinbar von der Stirn tropfte, ein weiteres Wort ihrem Gedächtnis entriss und es für alle Zeiten unwiederbringlich mit sich nahm.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Affe, neu, blockieren.

abc.etüden: Moderne Kaffeefahrten

Sie klopfte gegen den Lautsprecher, auch wenn sie sich nicht daran erinnern konnte, dass das jemals Tonprobleme gelöst hätte. Doch so leicht ließ sie sich nicht erschüttern. Jetzt wurde das Bild des Videos unscharf. Ein Timer zählte die letzten Minuten bis zum eigentlichen Start herunter. Der dumpfe Ton der Erzählerstimme war trotz des verwaschenen Standbildes immer noch zu hören. Scheinbar musste man das in Kauf nehmen, wenn man darauf wartete, sich diese Online-Veranstaltung kostenlos anzusehen.

Im vergangenen Jahr hatte sie sich einiges von dem angeschaut, das die unterschiedlichsten Veranstalter aufgrund der Corona-Bestimmungen ins Netz verlegt und meist für die Allgemeinheit kostenlos zugänglich gemacht hatten. Sie hatte interessante, sogar wertvolle Impulse erhalten und vieles gelernt, unter anderem auch über Geschäftstaktiken und -praktiken. Jetzt grenzte es fast schon an Slapstik, wie die Speaker des soeben gestarteten Erfolgskongresses geradezu reißerisch und nach dem bewährten Schema ihre Verkaufsshow abspulten.

Brav buhlten sie mit sogenannten Geschenken um die Gunst der Zuschauer, beziehungsweise die E-Mailadressen, um ihre Seminare und Coachings oder andere Produkte noch gezielter bewerben zu können. Jetzt blinkte in aggressivem Orange auf der Website gleich rechts neben dem eingebetteten YouTube-Video außerdem ein Werbebanner. Hier hatte man sich wirklich Mühe gegeben und das Ding an ihrem eingeschalteten Werbeblocker vorbeigeschmuggelt. Eigentlich war ihr ein von vornherein verwehrter Zugang lieber, wenn sie nicht bereit war Werbung in ihrem Browser zuzulassen. Wer weiß, was diese Seite im Hintergrund noch alles veranstaltete oder in Erfahrung brachte, von dem sie keine Ahnung hatte.

Aber das war wohl der Preis, den man zu zahlen hatte, wenn man eigentlich keinen zahlen wollte. So großartig hatten sich die Zeiten nicht geändert. Nur nahm man heute nicht mehr an Kaffeefahrten teil und ließ die Verkaufsveranstaltungen für Heizdecken und Teppiche über sich ergehen, sondern es ging um Seminare und Coachings. Außerdem erledigte man alles Online – und den Kaffee kochte man sich selbst.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Lautsprecher, orange, erschüttern.

abc.etüden: Weichmutmacher

Gut ein halbes Jahr hatte sie sich informiert und alles an Wissen begierig in sich aufgesogen, von dem sie meinte, dass es wichtig für sie sein könnte. Vielleicht hatte es auch erst vor drei Monaten begonnen, so ganz genau konnte sie das inzwischen nicht mehr festmachen. Aber es gab einen Auslöser und wenn man ganz genau hinsah und noch weiter zurück blickte, dann gab es sogar Vorkommnisse und Begebenheiten in den vergangenen zwanzig Jahren, die sich nun wie Puzzleteilchen zu einem großen Ganzen zusammenfügten. Plötzlich passte alles und es schien nur eine logische Konsequenz zu sein, dass sie zum jetzigen Zeitpunkt genau das tat, wozu sie sich nach vielen Überlegungen und einer scheinbar endlosen Vorbereitungsphase entschieden hatte.

Dabei hätte sie manches Mal Zetermordio schreien können, bei dem, was ihr in all diesen Jahren geschehen war. Kaum zu glauben, dass dies zu irgendetwas gut gewesen sein soll. Denn all das hatte sie auch für das Leben zu weichmütig gemacht. Ihr fehlte die nötige Härte um den ganz normalen Wahnsinn des Alltags durchzustehen. Und so hatte sie es sich im Laufe der Zeit in ihrem Krankheitskokon gemütlich gemacht. In der geschützten Atmosphäre hatte sie ihr Auskommen gefunden und es ließ sich darin mit den Jahren immer besser leben. Aber in all ihrer Weichmütigkeit hatte sie dennoch immer auch einen Blick nach draußen gewagt um zu schauen und zu lernen, welche Zutaten andere Menschen verwendeten, um sich trotz widriger Umstände ein schmackhaftes wohlbekömmliches Leben daraus zu backen.

Es war fast schon ein Geschenk gewesen, als sie endlich erkannt und verinnerlicht hatte, dass es die in unterschiedlichsten Formen gelebte Kreativität war, die ihrem Dasein Farbe und Würze verlieh. Und nun würde sie damit nach außen dringen. Ganz behutsam und hoffnungsvoll – aber auch mit einer gewissen Entschlossenheit.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Zetermordio, weichmütig, backen.

Adventüden 2020: Verwunschpunschung

 Dichte gelbliche Nebelschwaden krochen aus der Flasche. Dieses Gebräu war sicherlich nicht mehr gut. Vorsichtig fächelte sie sich etwas von dem Nebel zu, um daran zu riechen. Der Geruch erinnerte entfernt an Mango, Katzenklo und Leberwurst. Sie schüttelte sich. Trinken würde sie das Zeug sicherlich nicht, auch wenn der Aufdruck »Wunschpunsch« einfach verlockend klang und sie sich sehr darüber gefreut hatte, als sie die kleine Flasche am Nikolausmorgen überraschend in ihrem Stiefel vor der Wohnungstür gefunden hatte.

Sie hatte sich vorgestellt, dass der gut aussehende neue Nachbar von gegenüber ihr dieses nette Geschenk gemacht hatte. Abends hatte sie sich allein auf dem Sofa in ihre Kuscheldecke eingemummelt und ein Stück ihres geliebten Käsekuchens genossen, während sie sich endlosen Träumereien eines Kennenlernens, Sichverliebens und Glücklichseins hingab.

Doch was ihr der Wunschpunsch nun offenbarte, war eher ernüchternd und verursachte bei ihr einen leichten Würgereiz. Inzwischen brodelte die Flüssigkeit leicht und der entweichende Dunst verfärbte sich ins Grünliche. Beängstigend, wie viel davon so einer kleinen Flasche entfliehen konnte. Jetzt wurde sie hektisch. Die Brühe musste so schnell wie möglich raus aus ihrer Wohnung. Wer wusste, was sie da einatmete! Sie öffnete die Balkontür, zog sich schnell ein Paar Einweghandschuhe über und trug vorsichtig die Flasche, die sich bereits leicht erwärmt hatte, hinaus auf den Balkon. Dort nahm ganz allmählich das Brodeln ab und auch der Nebel lichtete sich.

Am nächsten Tag kippte sie enttäuscht den Wunschpunsch in den Abfluss und hörte nicht, wie er leise das Lied des mit Füßen getretenen Glücks und der verpassten Gelegenheiten summte.


Verwunschpunschung“ erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2020, einem Projekt von Irgendwas ist immer. Für den Text durfte ich maximal 300 Wörter verwenden und es mussten (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe vorkommen: Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel.

abc.etüden: Übersinnlichkeit

Als sie morgens verschlafen vor dem Badezimmerspiegel ihre Zähne putzte, war noch alles in Ordnung gewesen. Abschließend hatte sie wie gewohnt ihre Zähne gebleckt und danach ihre Haare zu einem Zopf zusammengebunden, bevor sie sich auf den Weg zur Arbeit machte. Auch der Vormittag im Büro war noch ganz normal und ohne große Vorkommnisse abgelaufen – etwas stressig zwar, aber das gehörte zum Arbeitsleben halt manchmal dazu.

Sicherheitshalber hatte sie sich gleich nach der Arbeit auf den Weg in den Wald gemacht um etwas Entspannung bei einem Spaziergang zu finden. Doch als sie allmählich zur Ruhe kam, merkte sie, dass etwas anders war. Sie nahm die Farben um sich herum verändert wahr. Das Grün der Bäume war greller als sonst und die Fliegenpilze am Wegesrand schienen fast schon zu leuchten. Alles um sie herum war kontrastreicher als sonst. Helles erschien heller und Dunkles noch dunkler. Die geliebten Gerüche des Waldes waren intensiver, zwar nicht zu intensiv, aber doch ein wenig zu stark, um wirklich angenehm zu sein. Selbst die Stimmen der Vögel glichen keinem Gesang mehr, sondern hallten leise, aber vehement in ihrem Kopf wider.

Sie wunderte sich über ihre Wahrnehmung, aber sie machte ihr keine Angst mehr. Traurig erinnerte sie sich an ihre Tabletten, die sie pünktlich und wie gewohnt genommen hatte, aber gegen stressige Situationen auf der Arbeit oder gegen die normalen Unplanbarkeiten des Lebens konnten auch sie nicht schützen. Jetzt hieß es einfach die Ruhe zu bewahren, tief durchzuatmen und erstmal alles hinter sich zu lassen. Das Hier und Jetzt würde sie schon bald begrüßen und ihr die gewohnte Sinneswelt zurückgeben. Darauf konnte sie vertrauen, auch wenn die Pfütze vor ihr gerade einen Himmel zeigte, der am Boden war und in dem sie versinken würde, wenn sie nicht auf sich aufpasste.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Pilze, traurig, schlafen.

abc.etüden: Waldbaden

Vergessen war die vergangene Nacht, in der sie sich von einer auf die andere Seite gewälzt hatte und sie auch das langweilige Buch dem schlafen nicht näher gebracht hatte. Als endlich die Morgendämmerung hereingebrochen war, ging sie leise durch den allmählich erwachenden Wald. Nicht dass sie zu den Waldbesuchern gehörte, die sonst herumlärmte, aber heute war sie für die Ruhe besonders empfänglich und lauschte intensiv dem gelegentlichen Zwitschern der Vögel und dem Rauschen der Blätter, das der Wind erzeugte, wenn er in kleinen unregelmäßigen Böen durch die Bäume strich. Erste Blätter rieselten bereits zu Boden und kündeten davon, dass der Herbst nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.

Konzentriert setzte sie einen Schritt nach dem anderen und saugte tief die harzig-erdige Luft in sich ein. Ihre Sinne waren geschärft und empfänglich für alles, was das Hier und Jetzt ihrem übernächtigten Geist zu bieten hatte. Der Wald nahm sie mit offenen Armen auf und schenkte ihr Kraft. Sie wünschte sich, dass sie ähnlich wie die Pilze eine Symbiose mit den Bäumen eingehen könnte. Mit ihnen fast schon verschmelzen zu können um sich mit sich und der Welt als eins zu fühlen. Ein Geben und Nehmen. Ein Gedanke, so schön und traurig zugleich. Denn derzeit konnte sie dem Wald nicht mehr zurückgeben, als dass sie ihn von dem Müll befreite, den andere ihm achtlos aufgebürdet hatten.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Pilze, traurig, schlafen.

abc.etüden: Gedankenwälzer

Es gab da diese Idee, die sie fast schon engelhaft immer wieder von Zeit zu Zeit umgarnte und doch nicht viel mehr war als ein Gedanke, den sie sich nicht traute weiter zu denken. Denn immer dann, wenn er ihr in den Sinn kam und weiter gesponnen werden wollte, blockte sie ihn ab. Zu laut hallten in ihrem Kopf Sätze wider, die von ihrer Unfähigkeit sprachen. Immer ging es um mangelndes Durchhaltevermögen und fehlendes Talent. Unbestätigt zwar, aber dennoch. Wenn man ein wenig genauer hinhörte, schwang darin eigentlich die tiefsitzende Angst vor Ablehnung und Versagen mit. Die Quintessenz ihres Lebens. Niederschmetternd und grausam.

Wohl auch ein Grund, sich zu vergraben und in dem auszuharren, was sie bislang erreicht hatte. Aber durfte man tatsächlich dabei von erreichen sprechen? Hatte sie irgendwelche Anstrengungen dafür unternommen oder waren es nicht vielmehr Dinge, die sich auf die ein oder andere Art ergeben hatten oder in die die Umstände und manchmal auch einfach die Wirren des Lebens sie getrieben hatten? Wie in einem Spiel, in dem jemand Anderes für sie würfelte und setzte. Wann hatte sie die Würfel aus der Hand gegeben? Wann hatte sie aufgehört zu träumen und nach den Sternen zu greifen? Etwas zu wagen, den Unkenrufen in ihrem Kopf zum Trotz? Und wann, wenn nicht jetzt war die Zeit gekommen, so manchen Gedanken einfach weiter zu denken und zu schauen ob er für die Realität taugte?


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Idee, engelhaft, vergraben.

Etüdensommerpausenintermezzo III/2020: Fotografie

Geknipst habe ich seit meiner Kindheit, nämlich immer dann, wenn etwas Besonderes anstand. So hatte ich es gelernt. Zu Feierlichkeiten, bei Ausflügen, im Urlaub. Es musste einfach eine Kamera dabei sein. Ein Blick, ein Klick und schon war der Zeitpunkt im Bild eingefroren und auf die Filmrolle gebannt. Diese musste später noch weggebracht und entwickelt werden, damit auch tatsächlich ein Foto daraus entstehen konnte, das es vielleicht sogar ins Fotoalbum schaffte. Ich habe mir im nachhinein gern diese Bilder angeschaut, die eigentlich wie eine Gedächtnisstütze sind und mich oft gedanklich in die Situation und Zeit zurückversetzen können, in der sie entstanden sind.

Die gestellten Familienfotos sind in meiner Erinnerung allerdings noch gestellter und unnatürlicher, weil mir auch heute noch die harschen Kommandos im Ohr klingen, mit denen die Personen ins Bild gequetscht wurden oder eine Nähe zur Schau gestellt werden sollte, die es so eigentlich nicht gab. Dafür liebe ich die Schnappschüsse umso mehr. Sie zeigen zwar die abgelichteten Menschen nicht unbedingt von ihrer Schokoladenseite, aber sie bleiben lebendig in Erinnerung, nämlich so, wie man sie erlebt und geliebt hat. Mitsamt dem schelmischen Blick zu dem verschmitzten Lächeln, der Grimasse oder bestenfalls in einer Situation, die einen noch heute zum Lächeln bringt, einfach weil man diesen Menschen so sehr mag und sich darüber freut, zur Erinnerung wenigstens noch über das ein oder andere Bild zu verfügen.

Und dann gibt es bei mir noch Zeiten, die ich für mich als die grauen Jahre bezeichne, obwohl es von ihnen Bilder in Farbe gibt, die bezeugen, dass ich sogar in den Urlaub gefahren sein muss. Doch meine Erinnerungen an diese Zeit sind verwaschen und gefühlsneutral, weil eine Krankheit mich sämtlicher Lebensfarben beraubt hatte. Doch genau diese Krankheit sorgte auch dafür, dass ich einige Zeit später über Umwege die Fotografie neu und völlig anders für mich als Hobby entdeckte. Allmählich bekam ich durch sie eine neue Sicht auf die Welt um mich herum. Das manuelle Scharfstellen, beziehungsweise „Schönes Sehen“ oder das „Ungewöhnliche Sehen“ funktionierte anfangs noch nicht, aber glücklicherweise stellte sich der Autofokus als hilfreich heraus. Während ich noch benommen bemüht darum war meine Umwelt wieder bewusster wahrzunehmen, hatte meine Canon EOS 1000D, eine Spiegelreflexkamera für Einsteiger, die ich mir 2011 geleistet hatte, bereits alles klar im Blick.

Von vornherein entschied ich mich gegen das Format JPG um im RAW-Modus zu fotografieren. Deshalb lernte ich parallel zur Handhabung der Kamera auch gleich noch den zur Entwicklung der Fotos nötigen Umgang mit dem Programm Lightroom. Gar nicht so einfach, wenn man unter Konzentrations- und Gedächtnisstörungen leidet. Zuerst fotografierte ich nur mit den Halbautomatiken und entschied mich meist für die Blendenvorwahl, später traute ich mich auch an die Zeitvorwahl heran, überließ jedoch den Weißabgleich der Kameraautomatik,  auch deshalb, weil ich die Einstellung auch später noch beim Entwickeln in Lightroom vornehmen konnte. Mit dem ISO-Wert konnte ich hingegen lange Zeit nichts anfangen, lernte es aber später bei der Nachtfotografie zu schätzen, dass ich mit diesem Wert Einfluss auf die Lichtempfindlichkeit des Sensors (nicht nur bei Dunkelheit) nehmen konnte.

Ich hatte so unglaublich viel Neues zu lernen und ließ mich von allem begeistern, was irgendwie mit Fotografie zu tun hatte. Ich kaufte mir ein Handbuch zur Kamera und sah mir etliche YouTube-Videos an, um auch im Umgang mit Lightroom immer sicherer zu werden. Blende und Verschlusszeit waren irgendwann für mich keine Fremdworte mehr und ich traute mich sogar daran, gelegentlich auf die Kameraautomatiken zu verzichten um alles manuell einzustellen. Das war allerdings auch notwendig, denn ich hatte im Internet schon früh Projekte von Fotobegeisterten entdeckt, die die Teilnehmenden wöchentlich vor neue Themen und Herausforderungen im Umgang mit der Technik und Bildgestaltung stellten. Erst dadurch lernte ich das Fotografieren wirklich. Ich sah, wie unterschiedlich die Themen interpretiert und umgesetzt wurden. Auch Plattformen wie Facebook und Instagram zeigten mir Bilder von denen ich lernen konnte. Das regt einerseits zum Nachahmen dessen an, was man an den Bildern anderer gerne mag und zeigt andererseits auch im Vergleich, welche Techniken oder Gestaltungsmöglichkeiten man noch lernen könnte, welche man bereits beherrscht oder welche man vielleicht sogar besser kann, als der Urheber des betrachteten Fotos. Bei anderem erkenne ich im nachhinein, was ich verbessern könnte und finde Grenzen, die manchmal auch einfach darin begründet liegen, dass meine Finanzen recht überschaubar sind und ich meist in der näheren Umgebung fotografiere. Es gibt einfach Orte auf dieser Welt, wo man nur den Auslöser betätigen muss, um ein traumhaftes Einzelbild zu fotografieren. Der Niederrhein ist zwar schön, aber fotografisch macht er es einem nicht immer so einfach. Doch mit etwas Experimentierfreude, dramatischem Wetter, etwas Glück und dem Mut auch mal dem Gegenlicht ins Auge zu blicken, kommen dennoch ansehnliche Ergebnisse dabei heraus.

Doch die Kamera allein und das Kit-Objektiv machen auf Dauer nicht glücklich. Und so gesellten sich im Laufe der Jahre erst ein Telezoom-Objektiv, danach noch ein Makro-Objektiv und zum Schluss das Ultra-Weitwinkelobjektiv dazu. Denn genau diese Möglichkeiten, die einem die Objektive eröffnen, machen die Fotografie erst so richtig abwechslungsreich, aber auch herausfordernd. Denn gelegentlich nervt es doch ein wenig, zwischen ihnen hin und her wechseln zu müssen. Aber beim späteren Entwickeln sehe ich, dass es sich gelohnt hat und ich das bildlich umsetzen und einfangen konnte, was ich mir im Vorfeld vorgestellt hatte. Dem Smartphone sind da doch gewisse Grenzen gesetzt, obwohl ich manchmal darüber staune, welche Fotos mit meinem Mittelklasse-Smartphone doch möglich sind. Denn wie heißt es so schön: „Die beste Kamera ist die, die man dabei hat.“ Und wenn mich unterwegs ein Motiv anspringt, ich die Kamera jedoch nicht dabei habe, mache ich halt Fotos mit meinem Handy. Aber da macht es eben auch einen Unterschied, ob ich mir über die Bildgestaltung Gedanken mache und statt im JPG- im RAW-Modus fotografiere, den ich in der Lightroom-App auswählen kann um den vollen Umfang an Entwicklungsmöglichkeiten für das Bild zur Verfügung zu haben. Denn auch das die Fotografie unvorhersehbar und spontan sein kann, macht sie zu einem besonderen Erlebnis und die spätere Bildentwicklung am Computer macht mir nochmal beinahe genauso viel Freude, wie das Unterwegs Sein und Fotografieren selbst.

In den letzten Jahren wurde jedoch ganz allmählich der Wunsch nach einer neuen Kamera größer und in gefühltem Zeitlupentempo wuchsen schließlich auch meine Ersparnisse dafür heran. Etwa neun Jahre habe ich mit meiner Einsteigerkamera fotografiert. Sie hat mir wertvolle Dienste geleistet und mich niemals im Stich gelassen, auch wenn ich mit den Jahren so manche Funktion an ihr vermisste. Als treue Wegbegleiterin hat sie mir Woche für Woche zur Seite gestanden, wenn ich für diverse Fotoprojekte oder unsere kleinen Fototouren Bilder gemacht habe. Ich habe viel gelernt und bin dankbar für dieses Hobby, das mich immer wieder in die Natur treibt um genau, genauer und manchmal auch ganz genau hinzusehen. Jetzt habe ich seit wenigen Wochen meine neue – die Canon EOS 80D. Sie liegt unglaublich gut in der Hand und ich staune, was sie alles kann. Ein Quantensprung, auch wenn ich immer noch nicht weiß, was die X-Synchronzeit ist. So habe ich auch weiterhin noch viel zu lernen, Neues zu entdecken und Anderes wieder zu finden; kann dabei weiterhin meinen Fotografischen Blick schulen, Gestaltungsregeln anwenden oder bewusst ignorieren und nach Herzenslust experimentieren und ausprobieren. Ich liebe es und freue mich über das neue Kapitel in meinem Foto-Tagebuch.

Foto-Tagebuch


Beim Etüdensommerpausenintermezzo III-2020 geht es darum, zu einem frei wählbaren Oberthema je einen passenden Begriff zu den Buchstaben des Alphabets zu finden und daraus einen Text zu formen. In meinem Fall: „Fotografie“ – Autofokus, Bild, Canon, Dunkelheit, Erinnerung, Fotoalbum, Gestaltungsregeln, Handbuch, ISO-Wert, JPG, Kamera, Lightroom, Makro-Objektiv, Nachtfotografie, Objektiv, Projekt, Quantensprung, RAW-Modus, Spiegelreflexkamera, Telezoom-Objektiv, Ultra-Weitwinkelobjektiv, Verschlusszeit, Weißabgleich, X-Synchronzeit, YouTube-Videos, Zeitvorwahl)

 

Etüdensommerpausenintermezzo II-2020: Geruhsame Verortung

Sie wohnte in einem der Wohngebiete, wie sie jede kleine Stadt kannte. Hier und da gab es eine Reihenhaussiedlung und das ein oder andere Mehrfamilienhaus inmitten schmucker und teils auch in die Jahre gekommener Einfamilienhäuser. Die Bewohner widmeten sich der Pflege ihres Vorgartens entweder so liebevoll, dass es nahezu verschwenderisch grünte und blühte und summte und zwitscherte, oder aber sie vergaßen ihn und überließen ihn sich selbst, vielleicht auch um einen peniblen Nachbarn zu ärgern, der sich nicht zurückhalten und zu allem seinen Kommentar abgeben musste. Manch einer wollte seinen Vorgarten aber auch einfach nur vergessen und versteinerte ihn, damit ihm das irgendwie gelang.

Nur wenige Straßen entfernt begann jedoch die Natur. Immer wieder war das ihr eigentliches Ziel um strammen Schrittes an Stoppelfeldern, Bäumen, Sträuchern und Wiesen entlang zu laufen, um irgendwann ihren Weg entlang eines kleinen Bachs durch den Wald fortzusetzen. Längst absolvierte sie ihre Spaziergänge nicht mehr nur um ein Bewegungspensum zu erfüllen, das infolge eines temporären Diätwahns für ein Kaloriendefizit sorgen sollte. Es war ihr vielmehr zu einem inneren Bedürfnis geworden, sich den frischen Wind um die Nase wehen zu lassen und die vorbeiziehenden Sahnewölkchen am Himmel zu beobachten.  Sie genoss die Zeit, die ganz allein ihr gehörte und in der sie ihren Gedanken freien Lauf lassen konnte. Immer kehrte sie von diesen Spaziergängen erholt und erfrischt zurück und empfand es fast schon als ein Geschenk, dass sie seinerzeit nicht von diesem Ort weggezogen war, als Trennung und Herzschmerz ihr eigentlich den Antrieb zur Flucht gegeben hatten.

Denn dieser Ort verfügte trotz ländlicher Lage über alles, was sie sich wünschte. Es gab neben Ärzten und Einkaufsmöglichkeiten sogar einige kleine Lokale. Vor allem aber fand sie hier die geliebte Ruhe in der Natur zu Land und zu Wasser. Zwar konnte man nicht mit einer Windjammer segeln, doch immerhin bot die Niers gleich zwei Anlegestellen, von denen man ablegen und mit dem Kanu auf dem Wasser unterwegs sein konnte. Aber man konnte diesen Ort natürlich auch mit dem Fahrrad oder dank Bahnverbindung verlassen und der Flughafen brachte einen zumindest in den Sommermonaten zu einigen europäischen Reisezielen. Er war einer dieser kleinen Orte, die selbstbewusst genug waren, ihre Bewohner nicht an sich zu ketten sofern sie kein Auto besaßen und der mit seinen Zwischentönen genug Farbigkeit und Abwechslung zu bieten hatte, dass einem dort nicht langweilig werden musste, wenn man nicht dazu neigte. Es hatte lange gedauert, aber nachdem sie gelernt hatte, in sich selbst ein Zuhause zu finden, wusste sie diesen Ort, der ihr in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren zur Heimat geworden war, zu schätzen. Sie war angekommen. Endlich.


Beim Etüdensommerpausenintermezzo II-2020 geht es darum, 7 von 12 vorgegebenen Worten (Blaupause, Diätwahn, Herzschmerz, Kantine, Kommentar, Ohrenkneifer, Sahnewölkchen, Stoppelfeld, Strandkorb, Vulkan, Windjammer, Zwischentöne) in einer Geschichte beliebiger Länge unterzubringen, die an einem Ort spielt den man gut kennt und den man wiedererkennen kann.

abc.etüden: Konsistenzübergreifend

Wochenlang zermarterte sie sich den Kopf darüber, womit sie ihm eine Freude zum Geburtstag machen könnte. Dieses Mal kein Buch! Und kein Abendessen im Lieblingsrestaurant! Auch ein Gutschein kam nicht in Frage. Kreativ sollte das Geschenk sein, ihn überraschen, ihn mitreißen und zu neuen ungewöhnlichen Aktivitäten verleiten. Es sollte ihn die Zeit vergessen lassen, ihn bestenfalls sogar in einen Flow versetzen. Und es musste etwas mit dem Kochen zu tun haben, seiner größten Leidenschaft.

Als er schließlich sein Geschenk auspackte, sah sie, dass ihr die Überraschung gelungen war. Er freute sich wirklich und erzählte sofort euphorisch von dem, was er bereits zu dem Thema in Erfahrung gebracht, bisher aber noch nicht ausprobiert hatte. Schnell suchte er einige Videos heraus, um ihr zu zeigen, welche Welt sie ihm mit ihrem Geschenk geöffnet hatte. Eine sehr futuristische Welt, in der nichts so heiß gegessen wurde, wie es gekocht wurde, wenn es denn überhaupt gekocht wurde und in der die Nahrungsmittelzubereitung eher an ein Chemielabor erinnerte.

Immerhin war zwar kein Reagenzglas in dem Starterset für die Molekularküche, das sie ihm geschenkt hatte, aber einige Silikonformen, Messlöffel und Substanzen mit Bezeichnungen wie Calcium Lactate, Sodium Alignate, Soy Lecithin und Agar-Agar. Damit sollte laut Anleitung spherifiert, emulgiert und geliert werden. Die Rezepte für Joghurtkugeln, die im Mund explodieren, einen leichten Schaum mit dem Namen Speckwolke und einen weichen Kaviar aus Balsamico-Essig waren ebenfalls beigefügt. Aber der Zauber der Freiheit steckte ja bekanntlich in jeder Kunstform. Das konnte spannend werden, und doch wurde in ihr die Angst vor dem übermächtig,  was er künftig in ihrer Küche anstellen würde. Dass ihr Geschenk ausschlaggebend dafür war, dass er später in die Geschichte der Haute Cuisine eingehen würde, weil es ihm gelungen war Tofu zu einer ausgefeilten kulinarischen Raffinesse weiter zu entwickeln, konnte sie zu dem Zeitpunkt nicht wissen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Worte in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Reagenzglas, übermächtig, vergessen.