abc.etüden: Begehrlichkeiten

Nun wurden auch noch bunte Käsepralinen mit Wildkräutern und Blütentopping zwischendurch als Häppchen gereicht. Dazu gab es ein durch Gold gefiltertes Mineralwasser aus Kanada – wahlweise mit Apfel-, Birne-, Zitrus- oder Himbeer-Aroma. Ein Wunder, dass die Wanderwege nicht mit Juwelen gepflastert waren. Und auch wenn jedem Teilnehmer in Form des Gehstocks aus Edelstahl ein nobler Begleiter an die Seite gestellt wurde, wandern musste man die Strecke noch selbst. Belohnt würde man am Ende des Tages mit einem luxuriösen Zeltcamp, das einen in die Welt von 1000 und einer Nacht entführen würde.

Eigentlich war es eine schöne Überraschung gewesen und sie hatte sich sehr darüber gefreut. Doch nun hing sie nur ihren Erinnerungen nach und sehnte sich nach dem, was sie gerade nicht haben konnte. Ihr fehlte die Verbundenheit mit der Natur. Die Stille und die Fülle, die in der Beschränkung auf das Wesentliche liegen kann. Was war eigentlich aus der Welt geworden, als der größte Luxus die Zeit war, die man auch gerne in gemütlichem Beisammensein am Lagerfeuer teilte und dabei gelegentlich herzhaft in sein Stockbrot biss?

War diese Zeit einfach irgendwann vorbei, weil man erwachsen wurde? Weil auch die Kinder erwachsen wurden? Oder war es einfach der Lauf der Dinge, dass alles immer größer und besser werden musste, bis man den Punkt erreichte, an dem man sich die einfachen Dinge zurück wünschte?


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Praline, herzhaft, wandern.

abc.etüden: Hedera helix!

Himmel, wie eigenartig sich der Nachbar vom Balkon nebenan aufführte. Der Betonsichtschutz ließ eine etwa zehn Zentimeter große Längslücke durch die sie sehen konnte, wie er immer wieder zwischen Balkon und Wohnung hin- und hereilte. Schon oft hatte sie sich gewünscht, dass diese Lücke beim Bauen einfach mit zugemacht worden wäre, aber man hatte sich wohl für das Mehrfamilienhaus doch noch eine gewisse Luftigkeit in der Bauweise gewünscht und darauf verzichtet. Jetzt lenkte sie die Hektik von ihrem Buch ab. Anstatt zu lesen beschwor sie den Efeu, er möge in Windeseile das Gitter komplett begrünen, das sie an ihrer Seite des Balkons angebracht hatte, und das künftig als Sichtschutz dienen sollte. Sie schnippte mit dem Finger – aber nichts passierte. Das wäre ja auch zu schön gewesen.

War es denn wirklich zu verwegen, dass sie es sich bei den warmen Temperaturen in ihrem Sportbadeanzug auf dem Balkon gemütlich machte? Ein wenig Sonne tankte, um ihren Vitamin-D-Spiegel zu pushen und dabei ganz in Ruhe ein Buch zu lesen, nur unterbrochen vom gelegentlichen Blätterrauschen der nahegelegenen Bäume und vom Singen der Vögel? So war zumindest der Plan, den der hektische Nachbar nun auf seine Art vereitelte und von dem sie außerdem hörte, wie er aufgeregt einem weiteren Nachbarn berichtete, dass sie im Badeanzug auf ihrem Balkon saß.

Dabei war ihr Badeanzug nicht mal sexy geschnitten und ihre Figur längst nicht mehr atemberaubend. Es amüsierte sie, dass sie dennoch für Aufregung sorgen konnte. Sicherheitshalber nahm sie jedoch ihr Handy um zu recherchieren, ob sie vielleicht ein öffentliches Ärgernis darstellen konnte. Aber Google verriet, dass grundsätzlich sogar das nackte Sonnenbad im eigenen Garten und auf dem Balkon erlaubt war. Wenn es heiß wurde, durfte man also in der Regel die Hüllen fallen lassen. Ganz eindeutig war die Rechtslage aber nicht, denn Nachbarn müssen das nackte Sonnenbad nicht immer akzeptieren. Also war das Sonnenbad im Badeanzug wohl mehr als okay und besagter Nachbar hatte als einziger in dem Haus die Möglichkeit durch die Lücke einen Blick auf ihren Balkon zu erhaschen. Es bestand also kein Grund eine Picknickdecke anzuziehen. Aber es konnte keinesfalls schaden den Efeu regelmäßig zu gießen und auch das Düngen nicht zu vergessen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Picknickdecke, verwegen, recherchieren.

abc.etüden: Ideenmangelerscheinung

Der Cursor blinkte auf dem hellen Hintergrund ihres Schreibprogramms, aber ihr wollte einfach nichts einfallen, über das sie schreiben konnte. Vermutlich lag das an dem schönen Wetter, das mit seinem lauen Lüftchen und dem strahlenden Sonnenschein eher dazu einlud draußen aktiv zu sein, anstatt in der Wohnung vor dem Monitor zu hocken. Immer wieder schwirrten ihr die für die Extraetüden vorgegebenen Worte durch den Kopf. Wenn sie sich ein wenig beeilte, konnte sie es sich vielleicht gleich, nach getaner Arbeit, noch auf dem Balkon gemütlich machen um die Seele ein wenig baumeln zu lassen. Sie nahm etwas Schwung und brachte es auf ihrem Drehstuhl zu einer kompletten Umdrehung. Jetzt nochmal in die andere Richtung – vielleicht funktionierte es ja rechtsdrehend besser.

Doch als ihr Blickfeld wieder bei dem Bildschirm auskam, blinkte der Cursor immer noch fordernd und wartete auf eine Eingabe. Wenn sich nicht bald etwas tat, würde er verdampfen und sich in Luft auflösen. Angespannt machte sie Fingerübungen auf dem Schreibtisch. Warum flossen einem an manchen Tagen Worte, Sätze und sogar ganze Texte wie nichts aus dem Kopf über die Finger schnurstracks in die Tastatur und an anderen Tagen nichts? Überhaupt nichts! Sie fühlte sich wie in ein Korsett eingezwängt, das ihr kaum Luft zum Atmen geschweige denn für kreativen sprachlichen Ausdruck ließ. So hatte das alles keinen Zweck!

Sie stand auf, nahm ihre Jacke und verließ das Haus. Ein Spaziergang durch die Natur würde sicherlich befreiend wirken. Und manchmal konnte einem mit etwas Glück dabei sogar eine Geschichte widerfahren, über die es sich zu schreiben lohnte.


Bei den abc.etüden (Extraetüden) geht es darum, 5 von 6 vorgegebenen Wörtern in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 500 Wörter umfasst. Dieses Mal: Korsett, rechtsdrehend, dampfen, Baracke, lau, widerfahren.

abc.etüden: Die zweite Natur

Der Wagen fand einen unauffälligen Parkplatz. Hier standen bereits zwei andere Autos. Vereinzelt waren Spaziergänger unterwegs. Und doch war nicht so viel los, dass sie ihr Vorhaben für gescheitert hätten erklären müssen. Sie schlenderten gelöst und nach außen hin völlig entspannt den Waldweg entlang. Immer wieder ließen sie dabei auch ihren Blick zu dem schweifen, was sich an und hinter dem hohen Maschendrahtzaun befand, der sich über die gesamte linke Seite des Waldweges erstreckte und scheinbar kein Ende nehmen wollte. Sie genossen den Spaziergang und waren voller gespannter Vorfreude auf das, was sich ihnen hinter diesem Zaun bieten würde. Nun musste sich nur noch eine Möglichkeit finden, auf dieses Gelände zu gelangen. Irgendwo musste es einen Zugang geben, den andere vor ihnen bereits genutzt hatten und für den sie nichts beschädigen mussten.

Begeistert machte sie Fotos von einigen Bäumen, die in all den Jahren, die man sie nun bereits in Ruhe ließ, mit dem Zaun verwachsen waren, als Jo sie einige Meter weiter leise zu sich rief. Er hatte die Stelle gefunden, an der der Zaun so weit niedergedrückt war, dass sie problemlos drüberklettern konnten. Ihr kleines Abenteuer konnte beginnen. Gleich mit dem Überwinden des Zauns betraten sie eine andere Welt. Der Wind wehte lau und der Wald rauschte für sie anders. Hier konnte einem alles widerfahren, was die Fantasie zuließ. Je weiter sie sich vom Zaun entfernten, umso mehr ließen sie die Zeit hinter sich. Hier gab es Betonwege, die einst von Militärfahrzeugen befahren worden sein mussten und aus deren Anschlussstellen neben Moos inzwischen auch hohe Pflanzen wuchsen. Es gab grüne Baracken und hohe Hügel, denen Betonhauben aufgesetzt waren und zu denen bemooste Treppen führten. Daneben befanden sich eigenartige verrostete Messwerkzeuge. Beschriftungen zeugten davon, dass hier einst Diesel und Kerosin ein großes Thema gewesen sein mussten. Lange bevor die britischen Streitkräfte abgerückt waren und dieses rund einen Quadratkilometer große Areal sich selbst überlassen hatten. So etwas bekam man als Normalsterblicher kaum zu sehen. Es sei denn, man überwand unerlaubter Weise eine vorhandene Lücke im Zaun um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, was militärischen Anlagen widerfahren konnte, wenn man der Natur wieder das Ruder überließ.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Baracke, lau, widerfahren.

abc.etüden: Sollbruchschnittstelle

Die Wunde war gut verheilt und die Funktionstests waren positiv verlaufen. Wenn man es nicht wusste, konnte man den an der rechten Schläfe gleich unter der Haut liegenden Kontakt nicht mal erkennen, geschweige denn hätte man vermutet, was sich dort verbarg. Und das war auch gut so. Sie hatte nicht die Nerven für Diskussionen, die sich damit befassten, ob mit Brainhacking die Grenze zum Ich überschritten wurde und man damit seine Individualität oder sogar die Freiheit aufgab.

Sie führte den flachen Stecker ganz nah an ihre rechte Schläfe, wo ein leichter Magnetismus dafür sorgte, dass er sein Ziel fand und die nötige Verbindung herstellte. Eine sehr sachte kurze Vibration wurde spürbar. Das Signal dafür, dass die Verbindung zu ihrem Smartphone hergestellt wurde, wo jetzt auch die App aufploppte, in der sie zwischen den unterschiedlichen Programmen wählen konnte.

Heute würde sie mit dem rechtsdrehenden Denk-Korsett starten, das maßgeschneiderte Impulse an ihre Gehirnzellen senden würde um dort Fehlstellungen zu finden, auf dem Monitor sichtbar zu machen und schließlich zu korrigieren. Das linksdrehende wäre dann beim nächsten Mal dran und schließlich wäre nur noch das beidseitig drehende für die dauerhafte Nutzung vorgesehen. Schädliche alte Denkmuster würden so nach und nach ausfindig gemacht und einfach durch hilfreiche neue ersetzt. Auch Erinnerungstrümmer der Vergangenheit konnten problemlos durch schöne Erinnerungen ersetzt werden. So versprach zumindest der Werbeflyer, der sich schon kurz nachdem sie den Start-Button betätigt hatte verflüssigte und zu dampfen begann, bevor er sich in Luft auflöste.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Korsett, rechtsdrehend, dampfen.

abc.etüden: Tryptophantasie

Manchmal waren es Kleinigkeiten, die bei ihr Assoziationen auslösten, welche sie aus der Ruhe bringen konnten. Sie war beinahe froh, wenn sie sich dies im nachhinein so erklären konnte, denn das machte alles für sie ein wenig nachvollziehbarer. Aber oft ließ sich das alles nicht so einfach trennen und sie fühlte sich ihren Gefühlen ausgeliefert.

Gerade erst war wie aus dem Nichts bedrohlich der Satz „An manchen Tagen weiß ich nicht wieviel Zeit mir noch bleibt.“ aufgetaucht und hallte in ihr nach, bis er sie ganz ausfüllte, immer intensiver wurde und sich schließlich zu einem bedrückenden schweren Stressklumpen in ihrer Magengegend manifestierte. Sie wusste, dass sie dem Gedanken an die bewusst herbeigeführte Endlichkeit des Lebens keine Energie schenken durfte, weil ihn das mächtig machen und möglicherweise in Bahnen lenken konnte, die ihr mehr als nur die Lebensenergie rauben konnten.

Vielmehr galt es abzuwarten, wann es in ihrem Kopf leise und zunächst kaum wahrnehmbar wieder Raum für Anderes gab. Sie hatte gelernt diesen Zeitpunkt zu erkennen und die Denklücke zu nutzen, anstatt sich dem Gefühl zu überlassen, das sie scheinbar willkürlich überkam und dafür sorgte, dass ein sorgloser glücklicher Tag ins genaue Gegenteil kippen konnte.

Fast schon mechanisch stellte sie die Pfanne auf den Herd um sich ihr heißgeliebtes Spiegelei zu braten. Ein wenig Tryptophan um die Serotoninproduktion zu unterstützen konnte jetzt sicherlich nicht schaden. Gleich danach würde sie zwar nicht durch die Wohnung tanzen, aber sie konnte es versuchen und mit etwas Glück würde sie sich dabei auch an die Dinge erinnern, die ihrem Leben Farbe gaben und sie feiern.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Pfanne, glücklich, trennen.

abc.etüden: Aprilgedanken 2021

Es war noch zu früh für den Sonnenhut. So oder so. Jetzt im April sah man der Staude noch nicht an, dass sie sich rüstete um Anlauf zu nehmen und irgendwann zwischen Juli und Oktober verschwenderisch zu blühen. Und um einen Sonnenschutz für seinen Kopf brauchte man sich gerade auch nicht zu kümmern. Nachdenklich zupfte sie ein wenig unerwünschtes Grünzeug weg, das sich um die Pflanze herum breitgemacht hatte. Nicht gerade eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, aber ihr tat die Bewegung an der frischen Luft gut.

Gut bekam es ihr auch, wenn es ihr gelang, den Augenblick von Zeit zu befreien. Unbeschwert sie selbst zu sein und sich durch das Ausüben geliebter Tätigkeiten völlig im Hier und Jetzt aufzulösen. Doch das war in den vergangenen Monaten immer schwieriger geworden. Sie fühlte sich gefangen in einer Warteschleife. Immer galt es die nächste Meldung abzuwarten, die schon Einfluss auf den folgenden Tag haben konnte und in der Entscheidungen der Machthaber mitgeteilt wurden, die schon innerhalb weniger Stunden wieder als haltlos entkräftigt werden konnten. Oder sie war wie paralysiert, weil der Stoff, der doch eigentlich Leben retten sollte, plötzlich selbst begann zu töten.

Hier hatten andere die Fäden für ihr Leben in der Hand und spielten das Lied vom Tod nicht unbedingt gekonnt. Wie schön wäre es, wenn sie einfach ihre Hände an die Schläfen legen und diese Gedanken wegmassieren könnte. Einfach mal darauf vertrauen, dass schon alles gut werden würde. Sich mit exzessivem Sport betäuben und in Bücherwelten flüchten. Oder vielleicht ins nächste Gartencenter, um ein wenig farbenfrohe Lebendigkeit für Zuhause nachzuladen.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Sonnenhut, haltlos, massieren.

abc.etüden: Ein besonderes Geschenk

Erschrocken schlug sie die Augen auf und rappelte sich mühsam auf. Sie hörte ein kurzes Fiepsen. Dann knirschte und schmatzte etwas. Was war das nur? Sie schwang sich aus dem Bett und schlüpfte in ihre Hausschuhe. Die Geräusche kamen eindeutig aus dem Wohnzimmer. Vorsichtig schlich sie dorthin und hielt im Türrahmen erschrocken inne. Im Halbdunkel sah sie nur noch letzte Dackelfalten in dem weit geöffneten Schlund der Venusfliegenfalle verschwinden, die sie erst gestern zu ihrem Geburtstag geschenkt bekommen hatte.

Die Pflanze musste über Nacht einen enormen Wachstumsschub bekommen haben und füllte nun fast das ganze Zimmer aus. Sanft wogen ihre Blätter hin und her, während einige ihrer wie Fangeisen ausgelegten Fallen wütend um sich schnappten. Immer wieder forderten sie abwechselnd „Füttere mich!“ und blickten sie dabei grimmig an. Die Luft war erfüllt von dem fruchtigen Duft der Blüten, den nun auch ein Geruch nach Blut durchsetzte. Jetzt rülpste die Pflanze auch noch und gab dabei einen Blick auf ihren Rachen frei, in dem noch ein Dackelbeinchen zu sehen war.

Entsetzt schlug sie die Hände vors Gesicht und schrie.

Und schrie immer noch, als sie schweißgebadet von ihrem eigenen Schrei erwachte. Jetzt hörte sie ein Scheppern. Dann klirrte etwas. Was war das nur? Immer noch von ihrem Traum gefangen, schwang sich aus dem Bett und schlüpfte in ihre Hausschuhe. Die Geräusche kamen eindeutig aus dem Wohnzimmer. Vorsichtig schlich sie dorthin und hielt im Türrahmen erschrocken inne. Im Halbdunkel sah sie nur noch ihre erschreckte Katze um die Ecke flitzen. Die Venusfliegenfalle war entgegen der von ihr geträumten klein geblieben, hatte aber den Kampf gegen ihre Katze verloren, die sie vermutlich in spielerischem Übermut versehentlich von der Fensterbank gestürzt hatte.

Dem Pflänzchen würde sie morgen einen neuen Topf gönnen müssen – und unbedingt einen neuen Namen. Vielleicht Mechthild oder Mathilde, anstatt Audrey, die Zweite.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Dackelfalten, fruchtig, scheppern.

abc.etüden: Ausflug in die Kindheit

Seltsam durch die Straßen zu fahren, durch die man als Kind gegangen oder sogar ausgelassen gerannt war und die die Welt für einen bedeutet hatten. Jetzt war hier alles leer. Sie konnte sich vorstellen, dass hier normalerweise mehr los war, aber seit Corona schienen auch die Bewohner dieser kleinen Stadt den Empfehlungen zu folgen und eher zu Hause zu bleiben.

Jetzt fuhren sie langsam an ihrer alten Grundschule vorbei. Sie sah gar nicht so anders aus, als sie ihr in Erinnerung geblieben war. Nur die Verkehrsberuhigung hatte es damals sicherlich noch nicht gegeben. Sie erinnerte sich schwammig an die Schulhofspiele, die sie dort in den Pausen immer gemacht hatten und daran, dass sie unauffällig durch ihre Schulzeit gerutscht war. Nie war sie besonders gut, nie besonders schlecht, nie besonders beliebt, sondern eher schüchtern und leise gewesen. Das hatte andererseits auch den Vorteil, dass sie unbemerkt genug geblieben war, um nicht das Ziel der allseits gefürchteten Klassenkeile zu werden, die immer die gleichen erwischte. Nämlich die Schüler, die irgendwie anders waren. Die keinen Sitzplatznachbarn in der Bank neben sich hatten, die in den Pausen eher allein blieben oder oft den Unterricht störten, so dass sie in der Nachbarklasse in der Ecke stehen mussten.

Lieber erinnerte sie sich daran, wie sie mit ihrer Freundin endlos auf dem Nachhauseweg trödeln konnte und sie es nicht müde wurden, sich irgendwelche Geschichten zu erzählen. Irgendwann hatte diese Freundschaft im zweiten oder vielleicht auch dritten Schuljahr abrupt geendet, weil ihrer Freundin verboten wurde, mit ihr zu spielen. Sie erinnerte sich an die Enttäuschung, die sie damals empfunden hatte und wie es sie geschmerzt hatte, dass ihre beste Freundin sie plötzlich ignorierte und eingehakt mit einer neuen besten Freundin über den Schulhof stolzierte. Schwammig erinnerte sie sich daran, dass sie über Umwege irgendwann herausgefunden hatte, warum es zu diesem Spielverbot gekommen war. Es waren Gründe, für die sie nichts konnten, weil sie aus der Erwachsenenwelt stammten und eigentlich auch dort hätten bereinigt werden müssen. Gründe, die selbst nach mehr als 40 Jahren noch einen schalen Nachgeschmack bei ihr hinterließen und dafür sorgten, dass sie bei der Weiterfahrt durch den Ort, in dem sie groß geworden war, nicht mehr nur die Nostalgie einer unbeschwerten Kindheit begleitete, sondern auch die Traurigkeit, Einsamkeit und Hilflosigkeit eines Kindes, das nicht gelernt hatte, dass es wertvoll war und es Dinge gab, für die es sich zu kämpfen lohnte.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Klassenkeile, schwammig, trödeln.

abc.etüden: Kleine Lügen

„Wie geht es dir?“
„Danke, mir geht es gut.“
„Und dir?“
„Auch gut.“

Noch immer hallten diese Sätze in ihr nach obwohl das Telefonat längst beendet war.

Kleine Nettigkeiten, die man zu Gesprächsbeginn austauschte und die davon entbanden erzählen zu müssen, dass man damit gekämpft hatte, in der vergangenen Woche irgendwie über die Runden zu kommen.

Sätze, die wie eine alte Strickjacke immer dann hervorgekramt wurden, wenn sie zweckmäßig ihre Aufgabe erfüllen konnten. Sie mussten niemanden umgarnen und es gab auch keine Schönheit in ihnen zu entdecken.

Sätze, die es nicht wert waren, dass man sie in Erinnerung behielt. Und doch war ihre Oberflächlichkeit trügerisch.

Denn alles hatte seine Zeit und es war gerade einfach nicht der richtige Augenblick um zu jammern. Vor allem nicht sein Herz bei jemandem auszuschütten, der es gerade ebenfalls nicht leicht hatte.


Bei den abc.etüden geht es darum, 3 Wörter in einer Geschichte unterzubringen, die maximal 300 Wörter umfasst. Dieses Mal: Strickjacke, trügerisch, entdecken.